Themen-Dienst 03/2004 Chemtrails Gefährliche
Experimente mit der Atmosphäre oder Fiktion?
Seitdem in der Zeitschrift Raum & Zeit 127/2004 der
Artikel Die Zerstörung des Himmels erschienen ist, hat das
Umweltbundesamt (UBA) eine Vielzahl von Anfragen besorgter Bürgerinnen und
Bürger zum Thema der so genannten Chemtrails angeblich durch
Flugzeuge in der Atmosphäre versprühte Chemikalien erhalten.
In dem Artikel wird unter anderem behauptet, dass im Rahmen geheimer Projekte
der USA militärische und zivile Flugzeuge Aluminium- und
Bariumverbindungen in die Atmosphäre ausstoßen, aus denen sich diese
Chemtrails, ähnlich der Bildung von Kondensstreifen, entwickeln
würden. Damit soll der durch den anthropogenen Treibhauseffekt
hervorgerufenen Erwärmung entgegengewirkt werden.
Dazu nimmt das UBA wie folgt Stellung:
Für das in dem genannten Artikel erwähnte
Einbringen von Aluminiumverbindungen in die Atmosphäre und die Bildung so
genannter Chemtrails gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege.
Auch im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
sind die beschriebenen Phänomene nicht bekannt. Im Institut für
Physik der Atmosphäre des DLR werden seit vielen Jahren Untersuchungen zur
Wirkung der Emissionen des Luftverkehrs auf die Atmosphäre
einschließlich der Messung gas- und partikelförmiger Emissionen von
Verkehrsflugzeugen in einer Vielzahl von Fällen durchgeführt.
Falls es die so genannten Chemtrails gäbe, müssten beim DLR
darüber Informationen vorliegen; die Messungen enthalten jedoch keinerlei
Hinweise darauf.
Die Deutsche Flugsicherung GmbH hat bestätigt, dass im
Rahmen der Luftraumüberwachung keine auffälligen Flugbewegungen
beobachtet wurden, die etwas mit dem beschriebenen Sachverhalt zu tun haben
könnten. Darüber hinaus hat der Deutsche Wetterdienst mitgeteilt,
dass in den Beobachtungsdaten keine Besonderheiten auffindbar sind, die auf
abweichende Formen von Kondensstreifen hindeuten könnten. Auch das
Bundesministerium der Verteidigung hat keine weitergehenden Erkenntnisse. Das
Hauptquartier der US-Luftwaffe Europa hat mitgeteilt, dass es die beschriebenen
Projekte bei der US-Luftwaffe weder gibt noch gegeben hat.
Das UBA ist auch der in Zuschriften vorgetragenen Behauptung
nachgegangen, wonach die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen
(WHO) angeblich eine Risikoanalyse über mögliche Folgen der
Chemtrails unternommen hätte. Auf Nachfrage des UBA versicherte die WHO,
weder über so genannte Chemtrails Kenntnis, noch eine Studie zum Thema
unternommen zu haben.
In der Tat gab und gibt es im wissenschaftlichen Bereich
verschiedene theoretische Vorstellungen, zum Schutz des Klimas unterschiedliche
Stoffe (zum Beispiel Aluminiumoxid, Aluminium, Ruß, Eisenverbindungen) in
die Atmosphäre einzubringen. Jedoch konnten sich diese Ansätze aus
dem Bereich des Geo-engineering das sind
großmaßstäbliche Eingriffe in natürliche Vorgänge
nicht durchsetzen (auch nicht im experimentellen Maßstab). Denn:
Abgesehen von der Frage der Wirksamkeit gibt es große Bedenken und
Unsicherheiten, welche unvorhergesehenen weiteren Wirkungen mit solchen
Eingriffen verbunden sein könnten. Darüber hinaus wären die
Kosten für derartige Maßnahmen erheblich, denn das Einbringen der
Verbindungen in die Atmosphäre müsste, um eine globale Wirkung zu
gewährleisten, fortlaufend und in globalem Umfang vorgenommen werden.
Über das Internet wird eine Fülle von Material zum
Stichwort Chemtrails verbreitet. Dabei wirkt aber keine Quelle wirklich
glaubhaft, da keine überzeugenden Belege angeführt werden. Vielmehr
sind Quellen mit Namen wie spirithelp,
conspiracyplanet, aliendave und ufoseek zu
finden. Die in diesen Quellen zum Teil gezeigten Photos von etwaigen Chemtrails
geben keinen Anlass, dahinter etwas anderes als gewöhnliche
Kondensstreifen oder Wolken (zumeist die unterschiedlichen Formen von
Zirruswolken, die aus Eiskristallen bestehen) zu vermuten. Auch auf den
verschiedenen Fotos, die Bürgerinnen und Bürger dem UBA gesandt
haben, sind nach unserer Erkenntnis langlebige Kondensstreifen und Zirruswolken
zu sehen. Offenbar werden meist als Kondensstreifen nur jene wahrgenommen, die
sich kurzzeitig bilden und die sich wegen zu geringer relativer Feuchte
rasch wieder auflösen.
Das Institut für Physik der Atmosphäre des DLR
gibt folgende detaillierte Auskunft über die Bildung von Kondensstreifen:
Kondensstreifen entstehen in hinreichend kalter Atmosphäre als Folge der
Wasserdampfemissionen aus Flugzeugtriebwerken. Bei niedriger Feuchte lösen
sich Kondensstreifen rasch wieder auf. Ist die Atmosphäre jedoch
hinreichend feucht, können Kondensstreifen länger existieren und
weiter wachsen. Unter geeigneten Bedingungen können sie sich zu
großflächigen Zirruswolken (die im Falle einer solchen
Entstehungsgeschichte Contrail-Cirrus genannt werden) entwickeln. Letztere sind
dann nicht mehr von natürlichen Zirren unterscheidbar, sofern nicht ihre
gesamte Entstehungsgeschichte beobachtet wurde. Nehmen Zirruswolken, die
optisch sehr dünn sein können, eine große Fläche ein,
erscheint dem Beobachter der Himmel milchig weiß.
Im Mittel sind rund 0,06 Prozent der Erde mit
(linienförmigen) Kondensstreifen bedeckt. In Gegenden mit hohem
Flugverkehrsaufkommen werden deutlich höhere Bedeckungsgrade erreicht; so
lag Mitte der neunziger Jahre der Wert für Europa bei 0,5 Prozent. Den
Bedeckungsgrad durch Contrail-Cirrus kennt man noch nicht. Erste
Schätzungen liefern Werte, die etwa zehnmal so groß sind wie der
Bedeckungsgrad mit linienförmigen Kondensstreifen.
Altern Kondensstreifen, bleiben sie nicht glatt, sondern
bilden Formen, wie das auf vielen Fotos zu sehen ist. Dieser Vorgang ist ein
lange bekanntes Phänomen und eine Folge der Turbulenz, die in der
Atmosphäre allgegenwärtig ist. Diese Formen können auch durch
numerische Simulationen reproduziert werden.
Mehrere Kondensstreifen nebeneinander entstehen zum Beispiel
dadurch, dass Flugzeuge festen Routen folgen und die Windrichtung in der
Höhe von der Flugroute abweicht. Dann werden die Kondensstreifen seitlich
verschoben. An Knotenpunkten der Flugrouten können sich Kondensstreifen
unterschiedlicher Orientierung bilden. Als Folge der Verschiebung der
Kondensstreifen entstehen dann die auf Fotos festgehaltenen rautenförmigen
Muster. Da Windrichtung und -geschwindigkeit praktisch nie gleich sind,
entstehen aus vormals geraden Mustern gekrümmte Formen. Außerdem
fliegen Flugzeuge nicht immer nur geradeaus, sondern auch Kurven, insbesondere
während Warteschleifen in Flughafennähe. Das sieht man dann auch den
Kondensstreifen an.
Bisher hat die Chemtrail-Thematik in den Medien
hauptsächlich über die Zeitschrift Raum & Zeit Verbreitung
gefunden. Schaut man die Inhaltsverzeichnisse der letzten Jahre genauer an,
finden sich in dieser Zeitschrift fortlaufend Beiträge, die vom
gegenwärtigen naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnisstand
abweichen (zum Beispiel Gegenthesen zu Relativitätstheorie, den Ursachen
von AIDS und BSE). Auch mehrere Artikel, die den anthropogenen Treibhauseffekt
und die damit verbundene Klimaänderung bestreiten, sind enthalten. Dies
erscheint besonders widersprüchlich, angesichts der Behauptung an gleicher
Stelle, Chemtrails seien der Versuch, die Wirkungen des menschengemachten
Klimawandels zu mildern.
Abschließend ist festzuhalten, dass die Bildung von
Zirrusbewölkung aus Kondensstreifen nach neueren Erkenntnissen in
besonderem Maße zur Klimawirksamkeit des Flugverkehrs beiträgt.
Kondensstreifen und Zirren erwärmen das Klima. Es wäre also
kontraproduktiv, mit Hilfe zusätzlicher Zirren oder zirrenähnlicher
Wolken der Klimaerwärmung aufgrund der anthropogenen Emissionen von
Treibhausgasen entgegenwirken zu wollen.
Auf der Basis unseres gegenwärtigen Kenntnisstandes und
der Zusammenschau aller oben erläuterten Aspekte schlussfolgern wir, dass
die im Artikel Die Zerstörung des Himmels aufgestellten
Behauptungen nicht glaubwürdig sind.
Weitere Informationen zu den Auswirkungen des Luftverkehrs
auf die Zusammensetzung der Atmosphäre und das Klima sind im Internet zu
finden:
IPCC-Bericht zum Luftverkehr:
http://www.ipcc.ch/pub/av(E).pdf Tagungsband der AAC-Konfererenz:
http://www.pa.op.dlr.de/aac/
Berlin, den 15.09.2004
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