Im Fall einer Eskalation im Iran-Konflikt droht nicht nur
die Unterbrechung des Rohstoffexports aus dem Persischen Golf Von Ralph
Kutza Im Falle einer bewaffneten Eskalation im Konflikt des Westens
inklusive Israels mit dem Iran, droht nicht nur ein sofortiges Unterbrechen des
Ölnachschubs aus dem Iran, sondern auch aus dem gesamten Persischen Golf
und darüber hinaus. Kaum beachtet wird derzeit, daß auch aus
anderen Staaten, die zu den größten Ölexporteuren weltweit
gehören, dramatische Liefereinschränkungen drohen. Während es
seit Wochen scharfe außenpolitische Wortwechsel zwischen westlichen und
iranischen Regierungsmitgliedern gibt, zeichnet sich eine bedeutsame direkte
und indirekte Unterstützung einiger nichtarabischer Staaten für den
Iran ab.
Verträge mit China
Möglicherweise bereits Anfang März wird Ma Kai,
Leiter der Nationalen Entwicklungsreformkommission, an der Spitze einer
hochrangigen chinesischen Wirtschaftsdelegation nach Teheran reisen. Laut dem
chinesisischen Wirtschaftsmagazin Caijing sei geplant, Abkommen auf dem
Energiesektor im Umfang von über 100 Milliarden US-Dollar endgültig
zu unterzeichnen. Unter anderem soll der chinesische Konzern Sinopec 51 Prozent
eines Joint-ventures zur Erschließung der Jadavaran-Ölfelder im
Südiran mit einer potentiellen Fördermenge von 300 000 Barrel pro Tag
übernehmen. Gemäß Sinopec-Topmanager Mu Shuling sollen weitere
29 Prozent an die indische »Oil and Natural Gas Corp« gehen. Die
verbleibenden 20 Prozent könnten von einer iranischen Firma gehalten
werden, doch sei auch »Royal Dutch Shell« sehr an einer Beteiligung
interessiert. Einem weiteren Abkommen zufolge soll China ab Ende des Jahrzehnts
für ein Vierteljahrhundert jährlich zehn Millionen Tonnen iranischen
Flüssiggases erhalten.
Vor diesem Hintergrund ist wenig überraschend,
daß US-Außenministerin Condoleezza Rice jüngst bei einer
Kongreßanhörung äußerte, es werde »schwierig«
werden, im UN-Sicherheitsrat Sanktionen bzw. »robuste
Maßnahmen« gegen den Iran zu erreichen. Vor allem seitens Chinas
und Rußlands sei mit »Schwierigkeiten« zu rechnen. In der Tat
hatte der russischen Außenminister Sergej Lawrow letzte Woche
während eines Wien-Besuchs wiederholt erklärt, er halte Sanktionen
gegen den Iran für nicht hilfreich, sondern nur krisenverschärfend.
Frankreichs Außenminister Philippe Douste-Blazy
erklärte Mitte Februar hingegen, bei den iranischen Aktivitäten
handle es sich ganz klar um ein »verstecktes militärisches
Atomprogramm«. Offenbar sieht IAEA-Chef Mohammed ElBaradei dies deutlich
anders. Er soll Diplomaten zufolge vorgeschlagen haben, Iran die
Urananreicherung in geringem Umfang in einer Pilotanlage zu erlauben. Um zu
einem möglichen Kompromiß zu gelangen, müsse Teheran zugleich
versichern, nicht in industriellem Umfang anzureichern. Der iranische
Außenminister Manuchehr Mottaki begrüßte dies laut der
amtlichen Nachrichtenagentur IRNA als »Schritt nach vorne«. Von
deutscher Seite hört man weiterhin von unterschiedlichen Positionen.
Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul forderte, im Atomstreit
mit dem Iran müsse jegliche militärische Lösung definitiv
ausgeschlossen werden. Der CDU-Europaabgeordnete Christoph Konrad dozierte
hingegen, Sicherheitspolitik bestehe immer aus einem Mix aus Diplomatie und
Drohung, wobei Wirtschaftssanktionen das letzte friedliche Mittel zur
Lösung des Konflikts seien.
Nachdem kurz zuvor Syrien, Kuba und Venezuela vergeblich im
IAEA-Gouverneursrat gegen eine Anrufung des UN-Sicherheitsrats votiert hatten
und Irans Präsident Mahmoud Ahmadinedschad eine Einladung nach Kuba
für kommenden September angenommen hatte, vereinbarten am vergangenen
Mittwoch Venezuela und der Iran die Einrichtung eines Entwicklungsfonds im
Umfang von immerhin 200 Millionen Dollar. Im Fokus steht eine verbesserte
Kooperation beider Länder in den Sektoren Landwirtschaft und Industrie. Am
Donnerstag erläuterte Rice, die US-Regierung wolle Hugo Chávez'
Einfluß in Südamerika einschränken und den Widerstand gegen ihn
schüren. Am Freitag reagierte Präsident Chávez, die
US-Regierung müsse wissen, daß sie kein venezolanisches Öl mehr
bekommen werde, sollte sie »die Linie überschreiten«. Er habe
»bereits entsprechende Maßnahmen« getroffen. Die USA beziehen
etwa 15 Prozent ihrer Ölimporte aus Venezuela.
Anschläge in Nigeria
Nach Berichten der BBC haben nigerianische Rebellen der
»Bewegung für die Emanzipation des Niger-Deltas«
ausländischen Mineralölunternehmen den »totalen Krieg«
erklärt. Wie ein Mitarbeiter des für Shell Pipelines montierenden
amerikanischen Ölunternehmens »Wilbros« darlegte, griffen
mehrere Dutzend Männer am Samstag nahe der Hafenstadt Warri ein Boot an
und nahmen drei Amerikaner, zwei Ägypter, zwei Thailänder, einen
Briten und einen Philippiner als Geiseln. Zudem wurde ein Anschlag auf eine
wichtige Pipeline verübt, mutmaßlich mindestens ein weiterer auf
eine staatliche Pipeline. Nigeria ist weltweit der achtgrößte
Erdölexporteur, etwa ein Viertel der Ölförderung stammt aus dem
Niger-Delta. Weitere Rebellenanschläge wurden angekündigt.
Etwa die Hälfte der nigerianischen Bevölkerung ist
moslemisch. Im Zuge von Protesten gegen die Mohammed-Karikaturen töteten
muslimische Demonstranten am Samstag mindestens 15 Angehörigen der
christlichen Minderheit.
Die weltweiten Spannungen im Zusammenhang mit dem Zugriff
auf Energieressourcen verschären sich. Im Falle von militärischen
»Interventionen« im Iran drohen nicht nur unzählige Opfer,
sondern auch eine bislang kaum denkbare Energiekrise mit katastrophalen
wirtschaftlichen Konsequenzen.
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