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April 2006 Von Gerhard Klas Info von:   junge Welt
Die Ware Wasser


Investitionen in privatisierte Wasserverorgungsunternehmen gehören derzeit zu den lukrativsten Anlagen


Trinkwasser wird knapp. Innerhalb von 30 Jahren hat sich die verfügbare Süßwassermenge weltweit um 40 Prozent verringert. Ursachen dafür sind Urbanisierung, Umweltverschmutzung und der ungeheure Wasserverbrauch der industrialisierten Landwirtschaft mit ihren Monokulturen. 400 der 660 chinesischen Städte leiden unter Wasserproblemen. Spanien, Portugal und Frankreich mußten im Jahr 2003 aufgrund von Niederschlagsausfällen die Wasserversorgung rationieren.


Gute Renditechancen

Knappe Waren sind in der Welt des globalisierten Kapitalismus interessante Objekte. Sie versprechen kräftige Profite. »Was rar ist, hat seinen Preis«. Unter diesem Motto präsentierte die französische Großbank Société Génerale Mitte März den neuen World-Water-Index, kurz WOWAX, der die 20 größten globalen Unternehmen im Geschäft mit dem Wasser umfaßt. Die Werbebroschüre für den WOWAX-Wertpapierkauf analysiert nüchtern die weltweiten Probleme der Wasserversorgung und zitiert bei der Bestandsaufnahme ohne Scheu die Kritiker der Profiteure im privaten Wassergeschäft. Motto: Eure Bestandsaufnahme teilen wir, eure Lösungsvorschläge nicht.

Die Kritiker wollen verhindern, daß Wasser zur Ware wird. Seit einigen Jahren fordern sie, die UNO möge Wasserversorgung als Menschenrecht anerkennen und verbindlich als öffentliches Gut deklarieren. Anders als in den Sektoren Energie oder Telekommunikation befinden sich tatsächlich noch 90 Prozent der Wasserversorgung in öffentlicher Hand. Doch, so frohlockt die Société Génerale, »Investionsbedarf auf der einen sowie die angespannte Finanzlage vieler öffentlicher Haushalte auf der anderen Seite, lassen eine deutliche Steigerung des Markanteils privater Unternehmen erwarten.«

Die Frage, ob Wasser eine Ware oder Allgemeingut ist, ist mancherorts schon längst entschieden. In Frankreich, Großbritannien und den USA, aber vor allem in einigen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens haben die global player im Wassergeschäft die Versorgung in den Großstädten übernommen: RWE in Jakarta, Biwater in Dar Es Salaam und Suez-Ondeo in Neu Delhi. Die Preise steigen unvermeidlich, denn nun geht es ja nicht mehr nur darum, die Wasserversorgung zu gewährleisten, sondern auch die nötige Rendite für die aktiennotierten Konzerne abzuwerfen. Oft übernehmen, wie zum Beispiel in Jakarta, die Kommunen sogenannte Ausfallbürgschaften. Das heißt konkret: Sollte der vertraglich angepeilte Gewinn nicht erreicht werden, muß die öffentliche Hand aufkommen. Aber auch im SPD/Linkspartei.PDS-regierten Berlin wird so verfahren.


Widerstand in Soweto

Besonders wichtig ist also die Zahlungsdisziplin der Kunden. Um die zu erhöhen, werden immer mehr sogenannte Prepaid-Systeme installiert, zum Beispiel auf den Philippinen, in Namibia, Ägypten, Tansania oder China. Das System funktioniert wie beim Telefonieren mit einer Karte: Ist das Guthaben aufgebraucht, gibt es kein Wasser mehr. Als wichtigstes Pilotprojekt dafür gilt die südafrikanische Wirtschaftsmetropole Johannesburg und ihr Township Soweto. Das noch staatliche Wasserversorgungsunternehmen Johannesburg Water muß kostendeckend arbeiten – nicht nur in den wohlhabenden Vierteln, in denen es mehr als 100 000 private Swimming-Pools gibt, sondern auch in den Townships, wo die Arbeitslosigkeit hoch und Armut verbreitet ist. So will es die Weltbank, von deren Krediten Südafrika – so wie fast alle Länder des Südens – abhängig ist. Der französische Konzern Suez Ondeo hat einen Managementvertrag mit Johannesburg Water abgeschlossen und unterstützt das Unternehmen bei der Umsetzung der Weltbank-Vorgaben. Die Bank empfiehlt das Prepaid-System, um »Kostendeckung zu erreichen und Privatisierung zu beschleunigen«. Die Leidtragenden sind die privaten Endverbraucher: Für die Bewohner in Soweto sind die Wasserpreise nach Angaben der Gewerkschaften um 400 Prozent gestiegen.

Die Wut der Bewohner von Soweto richtet sich gegen die installierten Zähler. Aktivisten des Soweto Crisis Komitees ziehen deshalb regelmäßig los, um die robusten Meßgeräte herauszureißen und die Rohrenden direkt miteinander zu verbinden. Dann fließt das Wasser wieder – auch ohne Chipkarte.

Das erste große Prepaid-Water-Projekt startete 1992 unter Margaret Thatcher im britischen Birmingham – drei Jahre nach der Privatisierung der gesamten Wasserversorgung in Großbritannien. Innerhalb kurzer Zeit hatten 2 500 Haushalte kein fließendes Wasser mehr. Der Wasserversorger bezeichnete das damals zynisch als »self-disconnect«: Nicht er, sondern die Kunden selbst hätten sich schließlich vom Wasser abgeklemmt. Die Gesundheits- und Hygieneverhältnisse in den betroffenen Haushalten waren dramatisch. Nichts funktionierte mehr: Keine Toilettenspülung, kein Wasserhahn, keine Dusche, keine Waschmaschine. Viele Bewohner verrichteten ihre Notdurft in einem Topf, dessen Inhalt sie dann aus dem Fenster kippten. 1998 schließlich erklärte die britische Regierung das Prepaid-Water-System für illegal.



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