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Im sozialen Bereich boomen Ein-Euro-Jobs
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Billigarbeiter füttern, pflegen und lehren. Fachkräfte werden arbeitslos, die Qualität geht in den Keller. Ein Gespräch mit Hille Gosejacob-Rolf * Hille Gosejacob-Rolf ist Vorsitzende des Deutschen Berufsverbands für soziale Arbeit (DBSH) und Geschäftsführerin der Lebenshilfe ErlangenHöchstadt e. V. im bayerischen Herzogenaurach F: Der Bundesrechnungshof hat gravierende Mängel bei der Handhabung von Ein-Euro-Jobs festgestellt. Ein Viertel der Stellen verstoße gegen gesetzliche Vorgaben, in 75 Prozent der Fälle versage die Kontrolle. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Das Gesetz definiert die Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung als zusätzliche Arbeit, die ohne Ein-Euro-Jobber nicht erledigt würde. In der Praxis gilt eine andere Regel. »Zusätzlich« sind danach jene Tätigkeiten, für die kein Geld mehr da ist, weil es keinen Kostenträger gibt, der diese Arbeit noch anerkennen würde. Es geht also um Arbeit, die sich der Staat früher noch leisten konnte und wollte, heute aber nicht mehr. F: Sie sind selbst Geschäftsführerin einer Einrichtung, die Ein-Euro-Jobber beschäftigt. Wie gehen Sie mit dem Problem um? In meiner Einrichtung sind momentan rund 40 Ein-Euro-Kräfte beschäftigt. Wir legen aber großen Wert darauf, solche »zusätzliche« Arbeit zu finden, die keine regulären Stellen verdrängt. Wir erlauben uns nämlich noch den Luxus, keine Kräfte mit Ausbildung zu nehmen, die den regulär Beschäftigten den Job streitig machen könnten. Ein Beispiel: Die der Lebenshilfe Herzogenaurach angeschlossenen Einrichtungen verfügen alle über Gartenanlagen. Deren Pflege kann man nun entweder auf das Allernötigste beschränken, oder man betreibt Gartengestaltung. Eben das erledigen bei uns Ein-Euro-Jobber. F: Was eigentlich ein professioneller Gärtner machen könnte. Unterlaufen Sie damit nicht selbst die gesetzlichen Kriterien? Strenggenommen ja. Mir sind allerdings viele andere Fälle bekannt, in denen die Folgen schwerwiegender sind. Wenn Ein-Euro-Jobber beispielsweise in Pflegeheimen Arbeit erledigen, die eigentlich nur von Fachkräften geleistet werden darf. Sie verabreichen Medikamente, helfen beim Essen und der Körperpflege und nehmen damit gelernten Kräften die Arbeit weg. Weil diese Menschen in vielen Fällen keine entsprechende Ausbildung haben, hat diese Praxis zu einem massiven Qualitätsverlust in der Sozialarbeit und der Pflege geführt. So weiß ich etwa von einem Projekt zur Vermeidung von Obdachlosigkeit in Duisburg, das von Ein-Euro-Jobbern als »Sozialhelfer« betrieben wird. Desgleichen werden Billigarbeiter flächendeckend in Schulen bei der Hausaufgabenbetreuung, in Kitas und der Altenhilfe eingesetzt. F: Wie wirkt sich das auf den Arbeitsmarkt aus? Die Arbeitslosigkeit bei Sozialarbeitern hat sich nach Einführung der Ein-Euro-Jobs deutlich erhöht und ist mit zehn Prozent doppelt so hoch wie in anderen akademischen Berufen. Bundesweit gibt es heute rund 18 000 arbeitslose pädagogische Kräfte, davon dürfte etwa die Hälfte auf das Konto der Ein-Euro-Job-Praxis gehen. F: Die Politik will von diesem Verdrängungseffekt nichts wissen. Das hieße ja auch, eigene Versäumnisse einzugestehen. Die Zuwendungen für Leistungen in sozialen Einrichtungen befinden sich heute in Bayern auf dem Niveau von 1994. In der Zwischenzeit sind die Personal- und die Sachkosten sowie die Fallzahlen deutlich gestiegen. Da ist es nur natürlich, daß die Ein-Euro-Jobs bei der sozialen Arbeit boomen. Noch ein Beispiel: Bundesweit werden jetzt verstärkt Kleinkinder im Alter zwischen eineinhalb und zwei Jahren in Kindergärten aufgenommen. Wir unterhalten selbst zwei Kindergärten mit gemischten Gruppen. Die Kleinsten müssen gefüttert werden, ihr Essen muß portioniert, ihre Windeln müssen gewechselt werden und vieles mehr. Die Vorschulkinder sollen laut neuestem Bildungsauftrag für die Schule fit gemacht werden. Und was geschieht mit den mittleren Jahrgängen bei gleichbleibendem Personalbestand? Die werden, so hart das klingt, am Rande betreut. F: Warum fliegt die massenhafte illegale Beschäftigung von Ein-Euro-Jobbern nicht häufiger auf? Aus der Not heraus. Der Staat ist ja indirekt sowohl Arbeitgeber als auch Kontrolleur der Ein-Euro-Kräfte. Warum sollte er eine Praxis unterbinden, von der er selbst profitiert. Ich selbst habe versucht, Fälle von eklatantem Mißbrauch mit den Trägern und der Arbeitsverwaltung zu klären. Seitdem habe ich Klagedrohungen am Hals. |
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