Das Handeln der Mächtigen und die
Machenschaften von Geheimdiensten zu enthüllen, gilt in den meisten Medien
der USA als Todsünde Gary Webb war ein investigativer
Journalist, der für die im kalifornischen San José erscheinende
Tageszeitung Mercury News The Newspaper of Silicon Valley arbeitete.
Landesweit bekannt wurde der mit Preisen ausgezeichnete Reporter, weil er die
ruchlose Verwicklung der CIA in die sich wie eine Epidemie ausbreitende Kokain-
und Crackwelle der 90er Jahre aufdeckte. Webbs lebloser Körper wurde am
Freitag, dem 10. Dezember 2004, morgens um 8.20 Uhr entdeckt, als eine
Umzugsfirma an seiner Tür klingelte. Die Möbelpacker fanden einen
Zettel an der Eingangstür seiner Wohnung in einem Vorort von Sacramento,
auf dem geschrieben stand: »Bitte nicht eintreten. Notruf 911 alarmieren
und Notarzt verlangen«. Gary Webb, 49 Jahre alt, hatte den Bestseller
»Dark Alliance: The CIA, the Contras and the Crack Cocaine
Explosion« geschrieben, in dem er belegte, wie die US-Regierung mittels
der CIA ihren Handlangern bei den nikaraguanischen Contras erlaubte, Kokain
nach Los Angeles zu schmuggeln, um den Krieg der Contras gegen die
sandinistische Regierung in Managua zu finanzieren.
Nachdem Webb die Crack-Connection der CIA in einem
mehrteiligen Exklusivbericht der Mercury News enthüllt hatte, gab es eine
Flut von ablehnenden Reaktionen in den großen Zeitungen der USA, unter
anderem in der New York Times, der Los Angeles Times und der Washington Post.
Einige Zeit später setzte sich sogar die Chefredaktion der Mercury News
vorsichtig von Teilen seines Artikels ab. Aber im Laufe der Zeit wurden die
meisten, wenn nicht sogar alle der von Webb in an die Öffentlichkeit
gebrachten Fakten entweder von der CIA selbst oder durch andere Quellen
bestätigt. Seine Serie in der Mercury News hatte ein politisches Erdbeben
ausgelöst.
Später war Webbs Ausscheiden aus der Zeitungsredaktion
ein deutliches Anzeichen für den Disziplinierungsdruck, der in der Presse
gegen die eigenen Leute ausgeübt wird, wenn sie sich einer unverzeihlichen
Todsünde schuldig gemacht haben: Das Handeln der Mächtigen zu
enthüllen, in diesem Fall der Geheimdienste des Landes. Einmal mehr
drängten die Medien einen ihrer Mitarbeiter aus den eigenen Reihen, um
Macht und Privilegien im Staate zu schützen.
Es kann sein, daß Gary Webb Selbstmord beging, aber es
ist mehr als seltsam, daß jemand, der sich zum Freitod entschlossen hat,
einen Zettel an seiner Wohnungstür aufhängt, um andere zu seiner
Rettung zu alarmieren.
Zwei Jahre vor seinem Tod hatte Webb einen Beitrag für
ein Buch geschrieben, in dem eine Vielzahl von US-Journalisten sich mit dem
»Mythos der freien Presse« auseinandersetzen. In seinem Essay
kritisierte Webb äußerst scharf das, was er die »mächtige
Wurlitzer« nannte, seine Bezeichnung für die Medienmaschine, die den
Reichen und Mächtigen als willfähriges Instrument dient. Seine Worte
erlauben einen tiefen Einblick in das, was gern als die »freie
Presse« bezeichnet wird: »Verfügen wir heute über eine
freie Presse? Aber sicher doch! Sie besitzt die Freiheit, nach Gutdünken
über alle Sexskandale zu berichten, alle verfügbaren
Börsennachrichten und jede neue Gesundheitsmarotte zu verbreiten und die
Öffentlichkeit an den Hochzeiten und Scheidungen von Prominenten teilhaben
zu lassen. Wenn es aber um die wirklich angesagten und schmutzigen
Nachrichten geht, Berichte über das El-Mozote-Massaker, Korruption von
Konzernmanagern oder die Verstrickungen der CIA in den Drogenhandel dann
stoßen wir sehr schnell auf die Grenzen unserer Freiheit. Leider ist es
in der heutigen Medienlandschaft nicht mehr möglich, solche Themen
öffentlich zu diskutieren.
Im Jahr 1938, als Europa vom Faschismus überschwemmt
wurde, beschrieb der legendäre investigative Journalist George Seldes in
seinem Buch The Lords of the Press, daß es möglich
ist, jeden Menschen jederzeit zu täuschen wenn Regierung und Presse
kooperieren. Unglücklicherweise sind wir genau an dem Punkt
angelangt.« (Gary Webb, »The Mighty Wurlitzer Plays On«)
Es ist völlig unklar, ob Webb durch Suizid oder durch
eine Intrige starb. Und es wäre unredlich, etwas anderes zu behaupten.
Klar ist aber, daß die Medieneliten in den Großstädten der USA
sich auf den unbequemen Kollegen eingeschossen hatten und seine journalistische
Karriere zerstörten. Seit vielen Jahren weisen Wissenschaftler darauf hin,
wie die Geheimdienste (allen voran die CIA) ihre Leute in die Medien
einschleusen, um sich besser gegen Enthüllungen schützen zu
können. Nicht wenige dieser »Redakteure« in New York und
Washington begannen ihre »journalistische« Karriere in der
CIA-Zentrale Langley in Virginia und nicht an einer Journalistenschule.
Heute ist bekannt, daß Webb im wesentlichen recht
hatte: Erstens haben die von der CIA aufgebauten Contras tatsächlich
Kokain verkauft, um ihren schmutzigen Krieg gegen die sandinistische
Revolutionsregierung in Nikaragua zu finanzieren. Zweitens haben die Contras
tatsächlich Kokain in den Ghettos von Los Angeles verkauft, und sie
belieferten den größten Crack-Dealer in der Gegend. Drittens hat die
US-Regierung unter Ronald Reagan damals von diesen Vorgängen gewußt
und nichts dagegen unternommen. Viertens wurde durch diese Verkäufe der
erste große Crack- und Kokain-Markt in den USA auf- und ausgebaut. Und
fünftens hat diese explosionsartige Verbreitung des Crack dafür
gesorgt, daß sich Ghettogangs wie die Crips und Bloods auch landesweit
ausbreiteten und den Verkauf von Crack weiter ankurbelten. Mit den Worten von
Gary Webb: »Was ich beschrieben habe, war nicht so sehr eine
Verschwörung, sondern eine Kettenreaktion ein bösartiger Plan,
gepaart mit dummen politischen Entscheidungen, umgesetzt zu einem historisch
fatalen Zeitpunkt.«
(Übersetzung: Jürgen Heiser) |