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22.01.2005 Mumia Abu-Jamal Info von:  junge Welt
Selbstmord oder Exempel ?
Das Handeln der Mächtigen und die Machenschaften von Geheimdiensten zu enthüllen, gilt in den meisten Medien der USA als Todsünde

Gary Webb war ein investigativer Journalist, der für die im kalifornischen San José erscheinende Tageszeitung Mercury News – The Newspaper of Silicon Valley arbeitete. Landesweit bekannt wurde der mit Preisen ausgezeichnete Reporter, weil er die ruchlose Verwicklung der CIA in die sich wie eine Epidemie ausbreitende Kokain- und Crackwelle der 90er Jahre aufdeckte. Webbs lebloser Körper wurde am Freitag, dem 10. Dezember 2004, morgens um 8.20 Uhr entdeckt, als eine Umzugsfirma an seiner Tür klingelte. Die Möbelpacker fanden einen Zettel an der Eingangstür seiner Wohnung in einem Vorort von Sacramento, auf dem geschrieben stand: »Bitte nicht eintreten. Notruf 911 alarmieren und Notarzt verlangen«. Gary Webb, 49 Jahre alt, hatte den Bestseller »Dark Alliance: The CIA, the Contras and the Crack Cocaine Explosion« geschrieben, in dem er belegte, wie die US-Regierung mittels der CIA ihren Handlangern bei den nikaraguanischen Contras erlaubte, Kokain nach Los Angeles zu schmuggeln, um den Krieg der Contras gegen die sandinistische Regierung in Managua zu finanzieren.

Nachdem Webb die Crack-Connection der CIA in einem mehrteiligen Exklusivbericht der Mercury News enthüllt hatte, gab es eine Flut von ablehnenden Reaktionen in den großen Zeitungen der USA, unter anderem in der New York Times, der Los Angeles Times und der Washington Post. Einige Zeit später setzte sich sogar die Chefredaktion der Mercury News vorsichtig von Teilen seines Artikels ab. Aber im Laufe der Zeit wurden die meisten, wenn nicht sogar alle der von Webb in an die Öffentlichkeit gebrachten Fakten entweder von der CIA selbst oder durch andere Quellen bestätigt. Seine Serie in der Mercury News hatte ein politisches Erdbeben ausgelöst.

Später war Webbs Ausscheiden aus der Zeitungsredaktion ein deutliches Anzeichen für den Disziplinierungsdruck, der in der Presse gegen die eigenen Leute ausgeübt wird, wenn sie sich einer unverzeihlichen Todsünde schuldig gemacht haben: Das Handeln der Mächtigen zu enthüllen, in diesem Fall der Geheimdienste des Landes. Einmal mehr drängten die Medien einen ihrer Mitarbeiter aus den eigenen Reihen, um Macht und Privilegien im Staate zu schützen.

Es kann sein, daß Gary Webb Selbstmord beging, aber es ist mehr als seltsam, daß jemand, der sich zum Freitod entschlossen hat, einen Zettel an seiner Wohnungstür aufhängt, um andere zu seiner Rettung zu alarmieren.

Zwei Jahre vor seinem Tod hatte Webb einen Beitrag für ein Buch geschrieben, in dem eine Vielzahl von US-Journalisten sich mit dem »Mythos der freien Presse« auseinandersetzen. In seinem Essay kritisierte Webb äußerst scharf das, was er die »mächtige Wurlitzer« nannte, seine Bezeichnung für die Medienmaschine, die den Reichen und Mächtigen als willfähriges Instrument dient. Seine Worte erlauben einen tiefen Einblick in das, was gern als die »freie Presse« bezeichnet wird: »Verfügen wir heute über eine freie Presse? Aber sicher doch! Sie besitzt die Freiheit, nach Gutdünken über alle Sexskandale zu berichten, alle verfügbaren Börsennachrichten und jede neue Gesundheitsmarotte zu verbreiten und die Öffentlichkeit an den Hochzeiten und Scheidungen von Prominenten teilhaben zu lassen. Wenn es aber um die wirklich angesagten und ›schmutzigen‹ Nachrichten geht, Berichte über das El-Mozote-Massaker, Korruption von Konzernmanagern oder die Verstrickungen der CIA in den Drogenhandel – dann stoßen wir sehr schnell auf die Grenzen unserer Freiheit. Leider ist es in der heutigen Medienlandschaft nicht mehr möglich, solche Themen öffentlich zu diskutieren.

Im Jahr 1938, als Europa vom Faschismus überschwemmt wurde, beschrieb der legendäre investigative Journalist George Seldes in seinem Buch ›The Lords of the Press‹, daß ›es möglich ist, jeden Menschen jederzeit zu täuschen – wenn Regierung und Presse kooperieren‹. Unglücklicherweise sind wir genau an dem Punkt angelangt.« (Gary Webb, »The Mighty Wurlitzer Plays On«)

Es ist völlig unklar, ob Webb durch Suizid oder durch eine Intrige starb. Und es wäre unredlich, etwas anderes zu behaupten. Klar ist aber, daß die Medieneliten in den Großstädten der USA sich auf den unbequemen Kollegen eingeschossen hatten und seine journalistische Karriere zerstörten. Seit vielen Jahren weisen Wissenschaftler darauf hin, wie die Geheimdienste (allen voran die CIA) ihre Leute in die Medien einschleusen, um sich besser gegen Enthüllungen schützen zu können. Nicht wenige dieser »Redakteure« in New York und Washington begannen ihre »journalistische« Karriere in der CIA-Zentrale Langley in Virginia und nicht an einer Journalistenschule.

Heute ist bekannt, daß Webb im wesentlichen recht hatte: Erstens haben die von der CIA aufgebauten Contras tatsächlich Kokain verkauft, um ihren schmutzigen Krieg gegen die sandinistische Revolutionsregierung in Nikaragua zu finanzieren. Zweitens haben die Contras tatsächlich Kokain in den Ghettos von Los Angeles verkauft, und sie belieferten den größten Crack-Dealer in der Gegend. Drittens hat die US-Regierung unter Ronald Reagan damals von diesen Vorgängen gewußt und nichts dagegen unternommen. Viertens wurde durch diese Verkäufe der erste große Crack- und Kokain-Markt in den USA auf- und ausgebaut. Und fünftens hat diese explosionsartige Verbreitung des Crack dafür gesorgt, daß sich Ghettogangs wie die Crips und Bloods auch landesweit ausbreiteten und den Verkauf von Crack weiter ankurbelten. Mit den Worten von Gary Webb: »Was ich beschrieben habe, war nicht so sehr eine Verschwörung, sondern eine Kettenreaktion – ein bösartiger Plan, gepaart mit dummen politischen Entscheidungen, umgesetzt zu einem historisch fatalen Zeitpunkt.«

(Übersetzung: Jürgen Heiser)



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