Liebe Friedensarbeiterinnen, liebe
Friedensarbeiter, Wir möchten Ihnen den folgenden Text der
Autorin Leila Dregger zur Veröffentlichung anbieten. Er zeigt die
ganzheitlichen Hintergründe der Naturkatastrophen auf: die Verbindungen
zwischen menschlichem Tun und den Selbstheilungsbewegungen der Erde, aber auch
die Handlungsperspektiven der Menschheit, die über ein Frühwarnsystem
hinausgehen. Über eine Rückmeldung würde ich mich
freuen. Viele Grüße: Katja Long - Institut für Globale
Friedensarbeit
Naturkatastrophen sind nicht gottgewollt Oder:
Warum sind wir so dumm geworden? Schnee in der Wüste, Seebeben im
Indischen Ozean, Wirbelstürme, Fluten, Dürre- und Kältewellen,
sommerliche Temperaturen zu Weihnachten in Nordeuropa: Der Planet gerät
aus den Fugen. Im Grunde wussten wir es längst: Wir können die Erde
nicht ununterbrochen verletzen und dabei erwarten, dass sie weiter ruhig ihre
Bahn zieht. Seit wir die Warnungen von Umweltschützern in den Wind
geschlagen haben, leben wir in der Naherwartung einer Katastrophe.
Die gesamte menschliche Zivilisation ist auf Zerstörung
und Missachtung des Lebendigen aufgebaut. Solange wir diese Tatsache nicht
erkennen und verändern, können vereinzelte Umweltreparaturen und
Appelle an die Einsicht des Menschen nicht greifen.
Naturkatastrophen sind ein letzter Aufruf: Verlasst Babylon.
Verlasst diese Lebensweise, die euch und die Erde zerstört. Es gibt eine
Heilungsperspektive für die Erde; und es gibt eine Perspektive, wie der
Mensch diese Katastrophen überleben kann.
Selbstheilungsvorgänge der Erde Gaia Erde ist ein
äußerst belastungsfähiger Organismus. Sie verfügt
über hohe Kräfte der Regeneration und Selbstheilung. Auf alle
Schäden reagiert die Natur mit einem sofortigen Heilungsvorgang. Aber
irgendwann ist eine Grenze erreicht. Wenn die globale Gesamtbelastung zu
groß wird, gerät die Erde in einen kritischen Zustand, wo mit
unvorhersehbaren Reaktionen zu rechnen ist.
Warnungen hat es lange gegeben nicht erst seit den
Grenzen des Wachstums des Club of Rome; aber die Appelle
nützten nichts. Im Gegenteil: Die globale Wachstumsmaschine rast immer
schneller, immer mehr Wälder, Tier- und Pflanzenarten werden in den Rachen
einer sinnlosen Industrie geworfen, die Berge, Meere und Völker frisst und
Asche hinterlässt. Zu den schon bekannten Zerstörungen vom
Äußeren des Planeten kommt die Zerstörung seines Inneren, deren
Auswirkungen noch wenig erforscht sind. Metalle, Kohle, Erdgas, Uran werden der
Erde auch an den heiligen Stätten uralter Kulturen seit
Jahrhunderten in solchen Mengen aus dem Leib gerissen, dass immense
Hohlräume entstanden, die allein schon die Ursache für die Unruhen
des Erdkörpers sein könnten. Seit Jahrzehnten haben die großen
Militärmächte in der Tiefe der Weltmeere und in Wüsten Tausende
von Atomversuchen durchgeführt trotz aller Warnungen von
geologischen Instituten, rücksichtslos gegen das labile Gleichgewicht der
Erdschichten und rücksichtslos gegen alle menschlichen und tierischen
Bewohner der Landschaften.
Kaum ein Einzelner kann sich dem Wahnsinn entziehen. Kaum
ein Fleck auf der Erde, der frei ist von dem Wirken der Megamaschine. Gerade
das Gebiet der jetzigen Tsunami-Katastrophe mit seinen traumhaften Landschaften
und fast unberührten Inseln gehört mit seinem Sextourismus, seinen
gigantischen Shrimps-Farmen, seinen Hinterhofproduktionsstätten der
Globalisierung, den Atomversuchen Indiens, den Bürgerkriegen, der
Ausrottung von Naturvölkern und Tierarten und seinen durch
Börsenspekulation verarmten Menschen zu den tragischsten Opfern der
Globalisierung.
Warum sind wir so dumm geworden? Etwas in der Seele
erstarrt, wenn wir diese Bilder sehen. Pukhet, Aceh, Südindien und Sri
Lanka: Warum werden gerade die Ärmsten der Armen Opfer? Warum haben sogar
die Tiere ein besseres Frühwarnsystem als der Mensch, da viele doch vor
der Welle ins Landesinnere liefen und sich retteten? Gibt es einen Zusammenhang
zwischen menschlichem Tun und dieser scheinbar reinen Naturkatastrophe? Wie
kommt es, dass der heutige Mensch trotz aller Technik und Entwicklung so
hilflos und unwissend ist?
Der moderne Mensch, der Sonden auf den Saturn schickt und
ins Genmaterial eingreift, behauptet immer noch, Naturkatastrophen seien
gottgegeben. Hier offenbart sich trotz aller Kontrolle über
Lebensvorgänge sein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Wildnatur.
Inzwischen sucht er keine Strategien mehr für die Heilung der Erde, kaum
noch für Umweltreparaturen, sondern nur noch für verbesserte
Warnsysteme. Mit anderen Worten: Der sich als Herrscher der Erde wähnte,
denkt nur noch an Flucht.
Der Mensch ist dumm geworden. Indem er seine eigene
Wildnatur bekämpfte und unterdrückte, unterdrückte er auch die
Wildnatur der gesamten Gaia-Erde. So hat er das instinktive Wissen der Tiere
vergessen. Er hat das Weltbild von Ureinwohnern belächelt oder
romantisiert. Was diese aber intuitiv wussten, deutet auf eine Tatsache, die
erst langsam wieder an das Licht des Bewusstseins kommt: Mensch und Erde sind
ein Ganzes.
Gaia war erst der Anfang Die Erde selbst ist lebendig.
Sie ist ein sich selbst regulierendes, lebendiges, unendlich vernetztes System.
Das Wunder zeigt sich auf allen Ebenen, vom Zusammenspiel der Millionen
Moleküle, die sich in einer einzigen Zelle befinden, bis zum Zusammenspiel
der Lebewesen im tropischen Regenwald oder in den Weltmeeren. Mensch, Natur und
Erde sind eine Einheit. Das ist keine religiöse Empfindung, sondern eine
systemtheoretische Tatsache. Vom leichtesten Wimpernschlag bis zum
größten Orkan ist alles aufgehoben im großen Ganzen der Erde,
findet alles seinen Widerhall. Nichts existiert für sich allein, alles
lebt in einem hochentwickelten Gewebe sichtbarer und unsichtbarer
Gemeinschaften. Die Wälder und Ozeane, die Berge und alle Tier- und
Pflanzenarten sind Organe des Organismus Erde; jedes hat seine eigene Aufgabe
im Regelkreis; jedes steht in einem unmittelbaren Kommunikationsfluss aus
ständiger Rückkopplung mit dem großen Ganzen.
Die Gaia-Hypothese von James Lovelock war erst der Anfang;
neuere Erkenntnisse gehen noch weiter: Leben und Bewusstsein wohnen aller
Materie inne. Die gleichen Lebens- und Bewusstseinskräfte, die unseren
Körper bewegen, strömen durch jedes Lebewesen, durch jeden Stein,
durch die Erde als Ganzes; sie verursachen Wirbelstürme und Erdbeben
ebenso wie das Öffnen einer Blüte, sie lenken die Tätigkeit
unseres Verdauungssystems ebenso wie das Glück der großen Liebe. Wir
finden die Bewegungsformen des Lebendigen im Pulsieren der Zellen, in der
Bildung von Wolken, im Ausbruch eines Vulkans, in den Mäandern der
Flüsse und in der Gedankentätigkeit unseren eigenen Geistes. Alles
ist ein Sein.
Der verbundene und der abgekoppelte Mensch Alles
ist ein Sein. Mensch und Erde sind eins. Man stelle sich für einen Moment
vor, tatsächlich in einer solchen Welt zu leben, in der täglichen
Erfahrung, mit allem verbunden zu sein, aufgehoben zu sein, verwandt zu sein
mit allem, was lebt. Menschen, die in diesem Bewusstsein aufgewachsen sind,
stehen in Kontakt mit dem Leben um sie herum und in sich. Sie erhalten eine
ständige, direkte Rückkopplung auf ihr Tun. So ist es kein
religiöses Gebot, sondern eine Erfahrung: Was ich einem Mitgeschöpf
antue, tue ich mir selber an. Was ich der Erde antue, tue ich mir ebenfalls
selber an. Und was ich mir oder einem Wesen antue, tue ich der Erde an. Wer mit
geöffnetem Herzen seine Mitgeschöpfe wahrnimmt, besitzt eine
Richtschnur für sein Handeln und braucht darüber hinaus keine
besondere Moral. Eine solche Kultur besitzt eine Selbstregulation, die sie
stabil und belastungsfähig macht. Sie braucht keine Gesetzbücher und
keine Gefängnisse, denn kein Mensch kommt auf die Idee, zu stehlen oder zu
morden. Sie hat keine Massentierhaltung und keine Konsumindustrie. Ihre
Städte sind keine monotonen Betonwüsten, sondern lichte Abbilder
organischer Formen. Sie leben nicht in Vereinzelung und Anonymität,
sondern bilden Gemeinwesen, in denen die Menschen sich aufeinander freuen und
gerne miteinander in Kommunikation und Ergänzung stehen.
Der heutige Mensch hat sich aus der Gemeinschaft des Lebens
losgelöst. Er machte sich die Erde untertan, entheiligte sie und
erklärte sie zur toten Materie, um sich ihrer Rohstoffe zu
bemächtigen und in den Kampf zu ziehen. Er lebt in Trennung. Nur als
getrenntes Wesen war es ihm möglich, das Zeitalter der Eroberungen, der
sogenannten objektiven Wissenschaft, des Kapitalismus bis hin zur
Globalisierung der Gewalt einzuleiten.
Indem der Mensch aber die Erde zu einer Sache machte, verlor
er den Platz unter den Mitgeschöpfen und sein Gegenüber in der Natur.
Er erhält keine Rückkopplung mehr für sein Tun, denn er
empfindet nicht mehr den Schmerz der Kreatur und auch nicht mehr den Schmerz
seiner Mitmenschen. Die größte Verletzung der Erde besteht
vielleicht im gestörten Kontakt der Menschen untereinander, schreibt
Dieter Duhm in seinem Buch Die heilige Matrix. Angst und Gewalt
bilden eine Barriere, die die Kommunikation und den Kontakt zwischen Menschen
sowie zwischen Menschen und Tieren blockiert. Hier liegt der Grund für
seine Dummheit. Und hier liegt auch die Chance und die Notwendigkeit zum
Neuanfang.
Biotope der Heilung Lynn Margulis, die Mit-Verfasserin
der Gaia-Hypothese schreibt: Wenn wir die ökologischen und sozialen
Krisen, die wir selbst herbeigeführt haben, überleben wollten,
wären wir wohl gezwungen, uns auf völlig neue, dramatische
Gemeinschaftsunternehmungen einzulassen.
Um den Selbstheilungsvorgang der Erde zu unterstützen
und zu überleben, muss die Menschheit lernen, in Verbundenheit zu leben.
Sie muss sich an das ursprüngliche Wissen des Schöpfungsganzen
erinnern und es mit Hilfe von Wissenschaft, Ökologie und Technik auf
unsere heutigen, modernen Bedingungen übersetzen. Sie muss wieder
eintreten in die Gemeinschaft des Lebendigen. Das kann sie nur, wenn sie
eintritt in eine Gemeinschaft unter Menschen.
Der Plan der Heilungsbiotope sieht vor, an geomantisch
wichtigen Orten der Erde Forschungsbiotope für Mensch, Tiere und Natur zu
installieren. Es sind Pilotmodelle für eine Friedenskultur zwischen
Menschen und mit der Natur, für ein Öko-Hightech, das mit den
Kräften der Natur kooperiert. Globale Friedenskräfte müssen
jetzt zusammenarbeiten, um die finanziellen, politischen, wissenschaftlichen
Mittel zusammenzubringen.
Naturkatastrophen sind nicht gottgewollt. Wir Menschen sind
Gärtner der Erde, wir sind ihr Steuerungsorgan. Wir sind persönlich
verantwortlich für ihr und unser Schicksal, wie der Astronaut Mitchell
erkannte, als er vom Weltraum aus seinen Heimatplaneten erblickte.
Die Erde ist im Aufruhr. Diesen Aufruhr zu verstehen, in ihm
unseren eigenen Aufruhr zu erkennen und ihn umzuwandeln in entschlossenes
Handeln darin liegt die wachsende Herausforderung der Naturkatastrophen:
Bildet neue Netzwerke, entwickelt neue Konzepte und schafft Orte, an denen die
inneren Zusammenhänge des Friedens verstanden und geschaut werden
können!
Von Leila Dregger
Literaturhinweise:
Dieter Duhm: Die heilige Matrix von der Matrix der
Gewalt zur Matrix des Lebens.
James Lovelock: Die Erde ist ein Lebewesen.
Weitere Informationen:
Institut für Globale Friedensarbeit (IGF)
Sitz: Heilungsbiotop 1 Tamera
Monte do Cerro, 7630 Colos, Portugal
Tel. 00351-283-635484
igf@tamera.org
www.igf-online.org
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