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WASHINGTON UND DIE WALL STREET
Der US-Kongress hat die Pharmaindustrie von jeglicher Haftung
freigestellt, falls es mit der
Vogelgrippe
Probleme geben sollte. Wie dieser heimliche Freibrief zustande kam, ist ein
Musterbeispiel für die stillen Kungeleien zwischen Washington und der Wall
Street. New York - Der Schatten der Wall Street erreichte Washington
an einem Sonntag. Trotz des Wochenendes hatten sich 38 Abgeordnete in einem
Kongress-Sitzungssaal versammelt. Sie schickten sich an, die endgültige
Version eines Gesetzes zum Verteidigungshaushalt zu formulieren. Das Wichtigste
aber ereignete sich erst, nachdem man sich geeinigt hatte - und unbemerkt von
den meisten Anwesenden. Die Abgeordneten gingen heim. Einer erledigte
aber noch schnell einen heimlichen Botengang: Bill Frist, der Republikanerchef
im Senat. Der wanderte stracks vom Senatsflügel des Kapitols hinüber
zum Repräsentantenhaus, ins Büro seines Parteifreunds Dennis Hastert,
des Sprechers der Kammer. Ohne Absprache mit den Kollegen fügten die beide
mitten in der Nacht eine über 40-seitige Extra-Passage in den Gesetzestext
ein. Mitarbeiter bemerkten den Trick erst am nächsten Morgen. Doch da war
das Gesetz schon längst verabschiedet. Die Passage, einer von
zahlreichen Gesetzeszusätzen (Amendments), hatte mit dem Budget des
Pentagons nichts zu tun. Sie war vielmehr ein stilles Geschenk an die
Industrie. Besser gesagt: an die Pharmabranche. "Einfluss, Hinterhältigkeit, Gerissenheit" Das
Amendment spricht die Pillenbranche nämlich von aller Haftung frei, falls
es bei der Behandlung und Vorbeugung von Pandemien wie der Vogelgrippe zu
medikamentösen Fehlschlägen oder daraus resultierenden
Schadensersatzklagen kommen könnte. Klartext: Alpträume wie die
Vioxx-Prozesswelle gegen Merck soll es für die Industrie in einem solchen
Fall nicht geben. Grundlage dafür ist Bushs nationaler Plan zur
Vogelgrippe-Bekämpfung, der in einer kaum beachteten Nebenklausel auch
"Haftbarkeitsschutz für die Hersteller lebensrettender Impfstoffe"
vorsieht. Der Persilschein erstreckt sich aber nicht allein auf die
Vogelgrippe, sondern auf alle nur denkbaren Seuchen, in denen die Regierung
einen Gesundheitsnotstand erklärt. Er betrifft Medikamente, Impfstoffe und
technische Ausrüstungen und gilt auch im potentiellen Todesfall von
Patienten und bei "schwerer Fahrlässigkeit" des Herstellers. Mit dem
Verteidigungshaushalt - ein Routinevorgang - verabschiedeten die ahnungslosen
Abgeordneten also zugleich einen beispiellosen Freibrief für die
Pharmariesen. Dass dies ohne öffentliche Debatte geschah,
hält selbst Keith Kennedy, der Stabsdirektor des
Senats-Bewilligungsausschusses, für grotesk. Der Fall ist zugleich aber
auch ein Musterbeispiel dafür, wie Washington und die Wirtschaft manchmal
nahtlos Hand in Hand arbeiten - und mit welchen Mitteln. "Die Industrie nutzte
Einfluss, Hinterhältigkeit und Gerissenheit, um den Kongress und die
Öffentlichkeit zu hintergehen", sagt Joan Claybrook, die Präsidentin
der Watchdog-Gruppe Public Citizen, die die Hintergründe jetzt anhand
interner Pharma-Akten enthüllte. Eine Hand
wäscht die andere Demzufolge sollen Verbindungsleute der
Lobbygruppe BIO den Text des Amendments direkt mit Frist ausgetüftelt
haben. In der BIO sind unter anderem die zehn größten Pharmafirmen
vertreten, darunter Pfizer , GlaxoSmithKline , Johnson & Johnson , Merck
und AstraZeneca. Diese sind wiederum auch Top-Parteispender: Frist, Hastert und
der republikanische Senator Richard Burr, der ebenfalls maßgeblich an der
Formulierung des "Schutzschild-Amendments" beteiligt gewesen ist, haben nach
Angaben der US-Wahlkommission FEC seit 2000 über 1,2 Millionen Dollar an
Pharma-Spenden erhalten. Eine Hand wäscht die andere. An den
Verhandlungen zu dem Freibrief-Amendment war nach Angaben von Public Citizen
auch das Weiße Haus direkt über das Büro von Karl Rove
beteiligt, dem engsten Berater von Präsident George W. Bush. Interne
BIO-Unterlagen und E-Mails belegen demnach, dass die BIO dabei eine "nahezu
vollständige Immunität" der Pharmakonzerne bei
Seuchen-Notständen gefordert habe. Dies sei schließlich auch in dem
Text so verankert worden. Im selben Atemzug stellte der Kongress jetzt
3,8 Milliarden Dollar zur Vogelgrippen-Bekämpfung bereit - 2,3 Milliarden
Dollar weniger, als selbst Bush in seinem nationalen Plan gefordert hatte. Das
Erste, was das Heimatschutzministerium mit den zugewiesenen Geldern tat: Es
bewilligte Impfstoff-Aufträge im Wert von über einer Milliarde Dollar
an die Pharmaindustrie. |