Worauf gründet die europaweite »Erfolgsstory« des Systems Lidl?
Lidl wächst mit dem Prinzip: »Immer billig« auf Kosten von vielen. Die Geschäftsstrategie der Schwarz-Unternehmensgruppe zeichnet sich durch enormen Preisdruck aus: auf Produzenten, Lieferanten, vor allem aber auf das Personal. Die Rechte der Beschäftigten werden systematisch verletzt, die Strukturen des mittelständischen Einzelhandels mit der betriebenen Dumpingkonkurrenz ruiniert und Zehntausende Arbeitsplätze vernichtet.
Ist das ein europaweit flächendeckendes Phänomen?
In sämtlichen Ländern, in denen Lidl agiert, sind die Filialen chronisch unterbesetzt; die große Mehrheit der Beschäftigten ist lediglich mit Teilzeitverträgen ausgestattet. Dadurch entsteht ein gewaltiger Arbeitsdruck, massenweise unbezahlte oder unzureichend vergütete Überstunden sind die Folge. Daneben bestehen erhebliche Leistungsanforderungen, die erwiesenermaßen krank machen. Wer die Vorgaben nicht erfüllt, wird massiv unter Druck oder direkt vor die Tür gesetzt.
Gibt es auch Ausnahmen von der Regel?
Es gibt leider sogar einige Staaten, in denen die Mißstände noch gravierender sind als hierzulande – insbesondere in Ost- und Südosteuropa. Positive Abweichungen von der Norm lassen sich dagegen vor allem in nordeuropäischen Staaten und in Frankreich erkennen. Dort haben Beschäftigte gemeinsam mit den Gewerkschaften arbeits- und tarifrechtliche Verbesserungen durchsetzen können.
Wovon hängen derlei Erfolge ab?
Es hat sich gezeigt, daß überall dort, wo sich Beschäftigte – manchmal auch nur von einzelnen Filialen – zur Wehr gesetzt haben, am Ende auch Zugeständnisse der Geschäftsführung erstritten werden konnten.
Ver.dis »Schwarz-Buch Lidl« hat in Deutschland einiges Aufsehen erregt. Hat es den Beschäftigten auch Abhilfe verschafft?
Seit dessen Erscheinen vor eineinhalb Jahren sind tatsächlich Verbesserungen festzustellen. Das betrifft die Erfassung und Bezahlung von Überstunden, aber auch die Umgangsformen der Geschäftsleitungen mit dem Personal. Das zeigt: Lidl unter Beobachtung verhält sich anders und besser als unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Aber das genügt natürlich bei weitem nicht. Vor allem in punkto Informationsfreiheit, freie ungehinderte gewerkschaftliche Organisation und Wahl von Betriebsräten lassen grundlegende Veränderungen weiter auf sich warten: Nur in vier deutschen Lidl-Filialen sind funktionierende Betriebsräte installiert. Das ist der nach wie vor größte Skandal.
Gab es in dieser Frage schon einmal Gespräche zwischen ver.di und der Lidl-Chefetage?
Weder Konzernchef Dieter Schwarz noch der zweite Mann im Konzern, Klaus Gehrig, haben auf unsere Aufforderung, Verhandlungen über die Bildung von Betriebsräten aufzunehmen, in irgendeiner Weise reagiert. Das betrifft auch unsere aktuelle Forderung, soziale Grundrechte der Beschäftigten zuzusichern. Statt dessen versucht Lidl derzeit, sein angeschlagenes Image mit durchsichtigen PR-Strategien wie dem Angebot von wenigen Bio- und »TransFair«-Produkten aufzumöbeln. Daß nun bei einem Bruchteil des Sortiments Umwelt- und Sozialstandards in der Produktion beachtet werden, taugt längst nicht als Entschuldigung dafür, europaweit die sozialen Rechte Zehntausender Mitarbeiter mit Füßen zu treten.
Sehen Sie nicht die Gefahr, daß andere ähnlich rabiat verfahrende Handelsriesen im Windschatten Ihrer Anti-Lidl-Kampagne ungebührend aufgewertet werden?
Ohne Frage besteht bei den Arbeits- und Lohnbedingungen auch anderer Discounter und Handelsunternehmen zum Teil großer Verbesserungsbedarf. Unsere Kampagne war entsprechend von Beginn an so angelegt, Lidl quasi exemplarisch für eine ganze Branche an den Pranger zu stellen. So hat ver.di beispielsweise auch Aldi oder die Drogeriekette Schlecker im Visier. Andererseits hat sich der Schwarz-Konzern seine hervorgehobene Stellung aber auch »verdient«. In Sachen gewerkschafts- und betriebsratsfeindlicher Unternehmenspolitik ist Lidl einfach die »Nummer eins« in Deutschland.