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25.06.2006 Info von:   german-foreign-policy
Innenansichten des Krieges

FRANKFURT AM MAIN/BERLIN
(Eigener Bericht) - Unter dem Vorwand der Absicherung von Großereignissen (Fußball-WM) bereiten deutsche Behörden das Gesundheitswesen auf kriegsbegleitende Maßnahmen vor. Dabei geht es unter anderem um die Selektion von Krankenhauspatienten nach der Schwere ihrer Verletzung. Dies belegen Verwaltungskonzepte aus Frankfurt am Main sowie Einsatzpläne eines dortigen Krankenhauses, die german-foreign-policy.com einsehen konnte. Demnach wird bei einem "Massenanfall" tausender Verletzter deren Versorgung stark eingeschränkt; bei einer eventuellen Evakuierung von Krankenhäusern findet eine Selektion der Kranken je nach ihrer "Überlebenschance" statt. In die Planungen sind sowohl Krankenhäuser, Feuerwehren und Rettungsdienste als auch Dienststellen der Bundeswehr eingebunden. Die vorgesehenen Maßnahmen lassen eine weitere Indienststellung des Gesundheitswesens für die zunehmende deutsche Kriegstätigkeit erwarten.
Tausende Verletzte
Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft, in deren Rahmen auch in Frankfurt Spiele stattfinden, hat der Magistrat der hessischen Stadt ein "Medizinisches Schutzkonzept" erarbeitet. Es enthält Planungen für einen "Massenanfall" von bis zu 1.000 Verletzten und sieht deren Einteilung in so genannte Sichtungskategorien vor. Kategorie I umfasst lebensbedrohlich Verletzte ("akute vitale Bedrohung"), Kategorie II Schwerverletzte, Kategorie III Leichtverletzte, Kategorie IV Menschen "ohne Überlebenschance" und Kategorie V die Toten. Lediglich Patienten der Kategorie I sollen sofort behandelt werden, während Schwer- und Leichtverletzten eine "aufgeschobene Behandlungsdringlichkeit" attestiert wird. Geschädigte ohne Überlebenschance haben lediglich eine "betreuende" oder "abwartende" Behandlung zu gewärtigen.[1] Sollten dennoch Menschen "ultimativ Hilfe suchen oder um die Möglichkeit nach geforderter Hilfe kämpfen", verfügt ein aktueller Einsatzplan des Frankfurter Universitätsklinikums die "Schließung aller Gebäudeeingänge in jedem Gebäude durch Sicherheitsdienste (interne und externe Dienste)".[2]
Evakuierung
Dieser "Krankenhaus-Einsatzplan für interne und externe Gefahrenlagen" ordnet Vorbereitungen für den Fall einer "direkten Bedrohung" an, wie sie im Kriegs- oder im Notstandsfalle getroffen werden. Da bei einem Angriff eine Evakuierung von Bettenstationen nötig werden könnte, ist der dienstälteste Abteilungsarzt angehalten, bereits jetzt eine "Triage der vorhandenen Patienten" vorzunehmen. Hierbei handelt es sich um einen Fachbegriff aus der Kriegsmedizin, der die Selektion von Kranken und Verletzten nach der Schwere ihres Leidens umschreibt: Im Evakuierungsfalle sollen zunächst nur Patienten "mit höchster Überlebenschance" in Sicherheit gebracht werden. Laut dem vertraulichen, "nur für den Dienstgebrauch" bestimmten Dokument ist zwar geplant, "je nach Bedrohungspotential die größtmögliche Patientenzahl zu retten". Dies sei jedoch ebenfalls, heißt es weiter, "triageabhängig".[3]
Abgestufte Standards
Das Medizinische Schutzkonzept des Frankfurter Magistrats beruft sich auf das "Nationale Sicherheitskonzept FIFA-WM 2006" des Bundesinnenministeriums. Darin ist - in Entsprechung zu den Frankfurter Konzepten - vorgesehen, die "Primärversorgung" von Verletzten sei "nach abgestuften Standards" gewährleistet. Dem Papier zufolge haben sich Bund und Länder "auf wesentlich größere Lagen vorbereitet", als es der tägliche Rettungsdienst erfordert.[4]
Zusammenwirken
Auf größere Lagen bereitet auch der Entwurf für das neue Weißbuch der Bundeswehr das Gesundheitswesen vor. Dem Papier zufolge will das Berliner Verteidigungsministerium (BMVg) glauben machen, man stehe einer "wachsenden Bedrohung des deutschen Hoheitsgebietes durch terroristische Angriffe" gegenüber. Die Bundeswehr wird in dem Dokument auf das "Zusammenwirken mit den für die innere Sicherheit zuständigen Stellen des Bundes und der Länder" verpflichtet.[5] Gefordert wird der Ausbau der zivil-militärischen Kooperation, wofür die Bundeswehr bereits "entsprechende Fähigkeiten und Kräfte" vorhält: Für den Einsatz im Inland vorgesehen sind ABC-Abwehrkräfte, Pioniere, Militärpolizei ("Feldjäger"), Aufklärer von Luftwaffe, Heer und Marine, Logistik- und Transporteinheiten, Propagandatruppen ("Operative Information") sowie der militärische Sanitätsdienst.[6]
Verflechtung
Die Verflechtung des Sanitätsdienstes mit Einrichtungen des zivilen Gesundheitswesens wird von der politischen und militärischen Führung weiter forciert. Laut "Weißbuch"-Entwurf ist die permanente "fachliche Aus-, Fort- und Weiterbildung des Klinikpersonals der Streitkräfte" durch die Zusammenarbeit mit zivilen Krankenhäusern sichergestellt; die medizinischen Einrichtungen der Bundeswehr seien mittlerweile "integraler Bestandteil" des angeblich zivilen Rettungsdienstes und beteiligten sich mit Rettungshubschraubern und Notarztwagen an der Versorgung der Bevölkerung.[7] Einen ersten vollständigen "Wirkverbund" mit einem zivilen Krankenhaus, der auch die Abordnung und den Austausch von Personal umfasst, hat das deutsche Militär in Westerstede (Niedersachsen) realisiert.[8]
Notstand
Die fortschreitende zivil-militärische Zusammenarbeit auf medizinischem Gebiet stärkt die Kriegführungsfähigkeit Deutschlands erheblich: Sie ermöglicht die Rückführung einer großen Zahl verwundeter Soldaten aus dem Kampfgebiet und ergänzt dies um den funktionalen Umgang mit einem "Massenanfall" ziviler Opfer bei Ausrufung des inneren Notstands.
 

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