Tausende Verletzte
Anlässlich der
Fußballweltmeisterschaft, in deren Rahmen auch in Frankfurt Spiele
stattfinden, hat der Magistrat der hessischen Stadt ein "Medizinisches
Schutzkonzept" erarbeitet. Es enthält Planungen für einen
"Massenanfall" von bis zu 1.000 Verletzten und sieht deren Einteilung in so
genannte Sichtungskategorien vor. Kategorie I umfasst lebensbedrohlich
Verletzte ("akute vitale Bedrohung"), Kategorie II Schwerverletzte, Kategorie
III Leichtverletzte, Kategorie IV Menschen "ohne Überlebenschance" und
Kategorie V die Toten. Lediglich Patienten der Kategorie I sollen sofort
behandelt werden, während Schwer- und Leichtverletzten eine "aufgeschobene
Behandlungsdringlichkeit" attestiert wird. Geschädigte ohne
Überlebenschance haben lediglich eine "betreuende" oder "abwartende"
Behandlung zu gewärtigen.[1] Sollten dennoch Menschen "ultimativ Hilfe
suchen oder um die Möglichkeit nach geforderter Hilfe kämpfen",
verfügt ein aktueller Einsatzplan des Frankfurter
Universitätsklinikums die "Schließung aller
Gebäudeeingänge in jedem Gebäude durch Sicherheitsdienste
(interne und externe Dienste)".[2]
Evakuierung
Dieser "Krankenhaus-Einsatzplan für
interne und externe Gefahrenlagen" ordnet Vorbereitungen für den Fall
einer "direkten Bedrohung" an, wie sie im Kriegs- oder im Notstandsfalle
getroffen werden. Da bei einem Angriff eine Evakuierung von Bettenstationen
nötig werden könnte, ist der dienstälteste Abteilungsarzt
angehalten, bereits jetzt eine "Triage der vorhandenen Patienten" vorzunehmen.
Hierbei handelt es sich um einen Fachbegriff aus der Kriegsmedizin, der die
Selektion von Kranken und Verletzten nach der Schwere ihres Leidens umschreibt:
Im Evakuierungsfalle sollen zunächst nur Patienten "mit höchster
Überlebenschance" in Sicherheit gebracht werden. Laut dem vertraulichen,
"nur für den Dienstgebrauch" bestimmten Dokument ist zwar geplant, "je
nach Bedrohungspotential die größtmögliche Patientenzahl zu
retten". Dies sei jedoch ebenfalls, heißt es weiter,
"triageabhängig".[3]
Abgestufte Standards
Das Medizinische Schutzkonzept des Frankfurter
Magistrats beruft sich auf das "Nationale Sicherheitskonzept FIFA-WM 2006" des
Bundesinnenministeriums. Darin ist - in Entsprechung zu den Frankfurter
Konzepten - vorgesehen, die "Primärversorgung" von Verletzten sei "nach
abgestuften Standards" gewährleistet. Dem Papier zufolge haben sich Bund
und Länder "auf wesentlich größere Lagen vorbereitet", als es
der tägliche Rettungsdienst erfordert.[4]
Zusammenwirken
Auf größere Lagen bereitet auch der
Entwurf für das neue Weißbuch der Bundeswehr das Gesundheitswesen
vor. Dem Papier zufolge will das Berliner Verteidigungsministerium (BMVg)
glauben machen, man stehe einer "wachsenden Bedrohung des deutschen
Hoheitsgebietes durch terroristische Angriffe" gegenüber. Die Bundeswehr
wird in dem Dokument auf das "Zusammenwirken mit den für die innere
Sicherheit zuständigen Stellen des Bundes und der Länder"
verpflichtet.[5] Gefordert wird der Ausbau der zivil-militärischen
Kooperation, wofür die Bundeswehr bereits "entsprechende Fähigkeiten
und Kräfte" vorhält: Für den Einsatz im Inland vorgesehen sind
ABC-Abwehrkräfte, Pioniere, Militärpolizei ("Feldjäger"),
Aufklärer von Luftwaffe, Heer und Marine, Logistik- und
Transporteinheiten, Propagandatruppen ("Operative Information") sowie der
militärische Sanitätsdienst.[6]
Verflechtung
Die Verflechtung des Sanitätsdienstes mit
Einrichtungen des zivilen Gesundheitswesens wird von der politischen und
militärischen Führung weiter forciert. Laut "Weißbuch"-Entwurf
ist die permanente "fachliche Aus-, Fort- und Weiterbildung des Klinikpersonals
der Streitkräfte" durch die Zusammenarbeit mit zivilen Krankenhäusern
sichergestellt; die medizinischen Einrichtungen der Bundeswehr seien
mittlerweile "integraler Bestandteil" des angeblich zivilen Rettungsdienstes
und beteiligten sich mit Rettungshubschraubern und Notarztwagen an der
Versorgung der Bevölkerung.[7] Einen ersten vollständigen
"Wirkverbund" mit einem zivilen Krankenhaus, der auch die Abordnung und den
Austausch von Personal umfasst, hat das deutsche Militär in Westerstede
(Niedersachsen) realisiert.[8]
Notstand
Die fortschreitende zivil-militärische
Zusammenarbeit auf medizinischem Gebiet stärkt die
Kriegführungsfähigkeit Deutschlands erheblich: Sie ermöglicht
die Rückführung einer großen Zahl verwundeter Soldaten aus dem
Kampfgebiet und ergänzt dies um den funktionalen Umgang mit einem
"Massenanfall" ziviler Opfer bei Ausrufung des inneren Notstands.

