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Am nächsten
Tag wollte ich die anderen beiden Kinder interviewen, die in dem Bulgarischen
Kloster lebten. Ich fragte mich, warum ich keines von ihnen spielen oder auf
dem Anwesen herumlaufen sah, seit ich ankam. Es gab keinen Weg für mich,
herauszufinden, wo sie sich aufhielten oder wo sie ihre eigenen Klassen hatten,
wenn sie denn so benannt wurden. Es schien, als ob der Schleier des Geheimen
auch dort gezogen war, und ich fragte mich, weshalb. Wurden sie in Gemeinschaft
oder getrennt voneinander gehalten? Lernten sie als Gruppe oder hatten sie
Einzelunterricht? Dies waren einige der Fragen, die mir durch den Kopf gingen,
und ich fragte mich, ob ich je die Antwort darauf erhalten
würde.
Sehr früh
am Morgen klopfte es an meiner Tür. Als ich aufmachte, stand dort einer
der Mönchs-'Brüder' und bedeutete mir wortlos, ihm zu folgen. Ich
platschte rasch etwas Wasser auf mein Gesicht, und ohne noch groß meine
Zähne zu putzen, verließ ich den Raum und folgte ihm durch die Halle
und trepp-abwärts. Es war erst 6:30 Uhr und ich erinnerte mich, dass ich
die Mönche ihre Morgenliturgie hatte singen hören, während ich
noch halb schlief. Der Klang drang in meine Träume und ich meinte, ich
wäre wieder in der Kirche meiner Kindheit. Als ich dem Mönch einen
Weg bergab folgte, weg vom Gebäude, fing ich an, mich an Einzelheiten
meines Traums zu erinnern.
Ich
träumte, ich sei Ministrant, Messknabe, und die Messe sollte
beginnen. Ich stand am Altar und blickte mich suchend nach dem Priester um, der
mit der Messe beginnen sollte. Dann sah ich, dass die ganze Kirche voller Leute
war. Die Gemeinde saß da und blickte auf mich, als ob ich zu wissen
hätte, was jetzt zu tun sei. Ich warf einen Blick in die Sakristei: da war
niemand. Ich kam zurück zum Altar, und auch dort war kein Priester.
Schließlich stand ein Mann auf und sagte: "Fang an, mach' es ohne
ihn!" Und das tat ich. Tatsächlich sprach ich selbst nun den gesamten
Messtext, einschließlich der Segnung des Heiligen Sakraments,
während ich da in der Robe eines Messknaben stand. Doch es schien so
selbstverständlich, als ob vorausgesetzt wäre, dass ich das tat. Die
Leute kamen zum Abendmahl und empfingen die Hostie aus meiner Hand. Dann wusch
ich den Kelch und öffnete das Lektionar für mein Schlussgebet. Das
war, als es an der Tür klopfte und der Mönch erschien, und das
nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich losmarschierte und mit
ihm auf ein offenes Feld trat.
"Wohin gehen
wir?", fragte ich. Er schien nicht zu verstehen, was ich sagte und zuckte mit
den Achseln. Minuten später kamen wir an einen wunderschönen
Freilluft-Altar, der von hohen Rosenbüschen umgeben war. Ich erkannte
Bruder Matthias, der dort auf uns wartete, und jemand war bei ihm. Es war ein
kleiner Junge, augenscheinlich das dritte Kind, das ich interviewen wollte. Der
Junge schien im Alter von zehn Jahren zu sein und sah, nach meiner Erinnerung,
dem Jungen Marco sehr ähnlich. Er hatte kurzes dunkles Haar und
tiefgründige Augen, die durch mich hindurchzublicken schienen, als ich
näher kam. Der Mönch führte mich zu dem Altar, wo wir vor Bruder
Matthias stehen blieben.
"Guten Morgen!",
sagte er; dann nickte er dem anderen Bruder zu, der daraufhin kehrt machte und
ging. "Sie fragen sich wahrscheinlich, weshalb ich Sie hierher gebeten habe
anstatt in den Raum, in dem die anderen Interviews stattgefunden haben. Doch
bevor ich solche Fragen beantworte, möchte ich Ihnen Thomas vorstellen. Er
ist einer von unseren Kindern". Er sagte etwas zu Thomas und wartete dessen
Antwort ab. Dann lachte Bruder Matthias: "Thomas sagt, dass er sich so
fühlt, wie Sie aussehen, dass man Ihnen beiden noch etwas mehr
Schlaf hätte gönnen sollen.
"Ja, er hat eine
gute Wahrnehmung", sagte ich. "Sagen Sie Thomas, dass ich sehr glücklich
darüber bin, mit ihm zusammenzutreffen".
Bruder Matthias
tat es und wandte sich dann wieder mir zu: "Dies ist ein ganz besonderer Ort,
denn hier wurde die erste Messe auf diesem Grundstück gelesen. Hier war
einst eine Kapelle, die aber vor etwa hundert Jahren zerstört wurde. Es
ist ein sehr heiliger Ort für uns und die anderen Mönche, und ich
dachte, es wäre ein guter Ort, um Thomas zu treffen und sich mit ihm zu
unterhalten.
"Warum?", fragte
ich ihn.
"Wir haben
herausgefunden, dass einige der Kinder, besonders Thomas, draußen besser
zurechtkommen. Ich denke, es hat etwas mit Natur zu tun, abseits von
künstlicher Umgebung. Außerdem habe ich Ihnen viel zu viel
Aufenthalt drinnen zugemutet, und es ist so ein wunderschöner Morgen. Ich
dachte, es wäre eine nette Abwechslung".
"Hat Thomas eine
besondere Fähigkeit, so wie die anderen Kinder?", fragte ich
ihn.
"Ja, hat er.
Thomas kann durch Dinge hindurchsehen, manchmal sogar durch Wände. Ich bin
nicht sicher, ob es genau das ist, was er macht, aber so lässt es sich am
besten erklären. Er kann sich auch geistig an bestimmte Orte versetzen,
oder Texte lesen, die auf einem zusammengefalteten Papier in einem Umschlag
geschrieben stehen. Wenn Sie möchten, können wir ihm jetzt eine
Aufgabe stellen, auf die er sich eine Weile konzentrieren kann. Manchmal dauert
es eine Weile, bis er es erkennt. Manchmal wird er mit uns reden und scheint
das Papier dabei zu vergessen, doch dann plötzlich, wie aus blauem
Himmel, weiß er es". Bruder Matthias gab mir einen Bogen Papier, einen
Stift und einen Umschlag, und bat mich, ein Stück abseits zu gehen, wo
niemand von ihnen mich beobachten konnte. Es war nun meine Aufgabe, ein
einfaches Bild auf das Papier zu zeichnen, es zusammenzufalten und in dem
Umschlag zu versiegeln. Normalerweise würde jemand ein Wort für ihn
aufschreiben, sagte er, doch da ich nicht Bulgarisch schreiben konnte und
Thomas nicht Englisch sprach, spürte er, dass dies die bessere Lösung
sei. Ich tat, um was er mich bat, zeichnete ein Bild von einem Haus mit einer
strahlenden Sonne über dem Dach. Die Sonne hatte wellige Strahlen, und das
Haus hatte nur zwei Fenster, beide im zweiten Stockwerk. Ich feuchtete den
Umschlag an und klebte ihn zu.
"Geben sie es
Thomas", sagte Bruder Matthias.
Ich hielt es dem
Jungen hin und er vergrub es augenblicklich in seiner
Achselhöhle.
"Was macht er?",
fragte ich.
"So macht er
das. Er tut es immer dort hin und glaubt, es funktioniert besser auf diese
Weise. Mag sein, dass es so ist, oder er stellt es sich so vor. Ich
weiß es nicht. Doch nun lassen sie uns abwarten und sehen, ob er
irgendwelche deutlichen Eindrücke bekommt".
Thomas sagte
etwas auf Bulgarisch zu Bruder Matthias, der in überraschtem Ton
reagierte. Es schien, als ob Thomas ihn bitten wollte, mich etwas zu fragen,
doch Bruder Matthias schien das abzulehnen.
"Stimmt etwas
nicht?", fragte ich.
"Es ist alles in
Ordnung", antwortete Matthias. "Thomas besteht darauf, dass Sie eine Messe auf
diesem Altar zelebrieren, aber ich sagte ihm, dass Sie kein Priester seien,
doch er beharrt darauf, ich weiß nicht, warum".
"Ich soll eine
Messe zelebrieren?", fragte ich; daraufhin sagte Thomas noch etwas und
Matthias hörte hin.
"Er sagt, dass
das Gewand eines Messknaben lediglich ein Symbol gewesen sei," schilderte mir
Matthias. "Ich verstehe nicht ganz, aber er sagt, es habe etwas mit dem
Kind in Ihnen zu tun, dem Teil, der weiß, wie man diese Gabe nutzt".
Matthias hörte weiter zu. "Und er sagt: dass Sie eine Messe
zelebrieren, ist wegen der Kommunion, der Gemeinschaft, die Sie über diese
Gabe in sich erfahren müssen. Nur dann werden Sie fähig sein, ihnen,
den Kindern , zu helfen, ihre Mission zu
erfüllen".
"Dies ist
erstaunlich", sagte ich.
"Ich sagte
schon, dass ich nicht ganz verstehe, so könnten Sie mir vielleicht
sagen, was Sie denken, was das bedeutet".
Ich
erzählte Matthias von meinem Traum, in dem ich unterbrochen wurde durch
den Mönch, der an meine Tür geklopft hatte. Thomas hatte jedes
Detail interpretiert !
"Könnten
Sie ihn fragen, weshalb der Priester da nicht anwesend war?", fragte ich
Matthias. "Ich spüre irgendwie, dass dies ein wichtiges Element
ist.
Matthias gab
diese Frage auf Bulgarisch weiter und hörte sich die Antwort an.
Während Thomas sprach, schossen seine Augen vor und zurück, als ob er
in seinem Gehirn nach der Antwort suchte. Auch wiegte er seinen Köper hin
und her, was er normalerweise nicht tat, nur, wenn er irgendwelche Daten
bekam, die er brauchte.
"Er sagt, dass
es an der Zeit für Sie sei, die Kirche ihrer Kindheit loszulassen", sagte
Matthias. "Sie kann Ihnen dort, wo sie jetzt sind, nicht mehr dienlich sein,
nur auf neue Art und Weise. Er sagte, dass Sie versuchen, sich an alten
Mustern festzuhalten und diese benutzen, um neue Dinge damit zu tun. Das
würde nicht funktionieren. Warten Sie nicht auf irgend Jemanden, stehen
sie einfach auf und sagen Sie, was Sie zu sagen haben, und die Menschen werden
im Bilde sein.
"Wie weiß
er das?", fragte ich.
"Wie weiß
irgend einer von ihnen diese Dinge? Deshalb sind sie ja hier, damit sie lernen,
diese Gaben verantwortlich einzusetzen. Wenn Thomas wirklich Zugang zu Ihrem
Traum hatte, dann ist es das erste Mal. Ich habe ihn vorher so noch nie erlebt,
aber es überrascht mich eigentlich nicht. Sie entdecken ständig neue
Fähigkeiten, zum Teil dadurch, dass sie ständig Umgang miteinander
haben. Ihre Kraft scheint sich zu steigern, wenn sie mit anderen gleichartigen
Kindern zusammen sind, wie bei einer Osmose".
Ich will nun noch den Rest der Unterhaltung
mit Thomas wiedergeben, als ob wir keinen Interpreten dabei gehabt hätten.
Wir setzten uns auf eine Bank neben dem Altar und die Unterhaltung begann:
"Thomas: hast du
jemals vorher gesehen, was eine Person geträumt hat?", fragte ich
ihn.
"Kann sein,
ein- oder zweimal, aber ich hab' es nicht erzählt".
"Warum hast du
es dann mir erzählt?"
"Weil du mich
gefragt hast. Als du uns entgegenkamst, konnte ich spüren, dass du
mich etwas über den Traum fragst, und ich war neugierig, was das bedeutet.
Ich sah es, und dann wollte ich es dir erzählen. Es waren die
Gedanken hinter deinen Gedanken. Es kann sein, dass du nicht wusstest, was du
fragst, aber du hast gefragt. Ich hab' es wie so ein Echo gehört, und ich
wusste, was es bedeutet. Und solche Echos hab' ich jetzt eine ganze Weile
gehört. Das Erste, was ich gehört hab', war der Hauptgedanke. Doch
dann hörte ich die nächste Ebene, und manchmal sogar eine dritte
Ebene: die Gedanken hinter den Gedanken hinter den Gedanken. Kaum einer
weiß 'was davon, aber sie sind da".
"Versuchst du,
Gedanken zu lesen, oder passiert es von ganz allein?", fragte ich
ihn.
Thomas dachte
einen Augenblick nach, dann sagte er: "Ich glaube, beides. Manchmal höre
ich 'was, und dann kann ich nichts machen: ich höre noch tiefer
'rein. Es ist fast, als wenn ich nichts dagegen machen kann, und wahrscheinlich
ist das gar nicht so gut. Bruder Matthias sagt, dass wir immer um Erlaubnis
bitten sollen, damit wir uns nicht einmischen".
"Thomas: vor ein
paar Minuten hast du gesagt, ich sollte eine 'Kommunion' mit der Gabe erleben,
wenn ich den Kindern helfen wolle, ihre Mission zu erfüllen.
Zunächst: was meinst du, was die 'Mission' der Kinder ist?"
"Ich weiß
nicht, wie ich das sagen soll: aber es hat mit unserer Frage zu tun, die wir
stellen müssen. Jeder muss diese Frage hören, und deshalb kommen
immer mehr Kinder, die diese Gabe haben. Doch, mag sein, dass du den Menschen
erklären musst, warum wir hier sind; das wird es ihnen leichter machen, zu
verstehen. Darum hat Marco dich gefunden, damit du jetzt hier bist".
Ich bemerkte
wieder den Blick in Matthias' Augen, der Thomas bedeutete, nicht über
Marco zu reden. Wenn ich nicht durch die Kinder selbst ausreichend eingeweiht
gewesen wäre, wäre ich jetzt misstrauisch geworden, doch ich
entschied, den rechten Zeitpunkt abzuwarten, um ihn zu fragen.
"Ich bedaure",
sagte Matthias, "aber ich möchte, dass die Kinder lediglich über ihre
eigenen Erfahrungen sprechen, nicht über die von anderen. Ich sagte Ihnen,
dass ich Ihnen alle Fragen über Marco beantworten würde, und das
werde ich auch tun. Bitte, machen Sie weiter mit ihrer
Unterhaltung".
"Thomas: warum
möchtest du, dass ich dir dabei helfe, 'deine Frage zu stellen'?", sagte
ich.
"Ich weiß
nicht ... ich bin nicht der, der dich gestupst hat ... das war ein
Anderer".
"Marco?"
"Ich weiß
nicht, aber kann sein".
Ich sah, dass
ich nicht weiterkam, wenn ich ihn noch mehr über Marco befragen
würde; so wechselte ich das Thema.
"Würdest du
es gut finden, wenn ich ein Buch über die Kinder von Oz schreiben
würde?", fragte ich. "Wenn es das ist, was du möchtest, könnte
ich das leicht tun. Ich denke, dass es Leute gibt, die diese Botschaft
hören wollen, und sie werden auch über dich etwas wissen
wollen".
"Ein Buch?",
sagte er, und seine Augen weiteten sich. "Du könntest ein Buch über
uns schreiben? Das wäre großartig. Was würdest du da
erzählen?"
"Ich würde
über meine Erlebnisse mit dir und den anderen Kinder schreiben, und ich
würde über die 'Frage' schreiben, deretwegen du hier bist, um sie der
Welt zu stellen. Ich denke, dass viel Menschen an einem solchen Buch
interessiert wären".
Er sprang von
der Bank auf und der Umschlag viel aus seiner Achselhöhle. Er hob ihn auf
und gab in mir wieder.
"Es ist ein Haus
mit einer Sonne darüber", sagte er in sachlichem Ton.
Dann wurde er
wieder aufgeregt und sagte: "Würde ich in dem Buch vorkommen ...
würdest du erzählen, wie ich deinen Traum sah?"
"Ja, wenn du
möchtest".
"Ja, das
möchte ich ... das wäre fantastisch".
"Thomas: seit
wann wusstest du, was auf dem Papier war?", fragte ich. Er blickte zu Seite,
dann zu Bruder Matthias, als ob das, was er zu sagen hatte, ihm
Ärger bereiten könnte.
"Ich wusste es,
bevor du es mir gegeben hast", sagte er. "Ich wollte es dir nicht zu schnell
sagen. Ich kann es nicht immer so gut, aber mit dir war es leicht".
"Warum ist das
so?"
"Weil du die
Gabe wie die anderen Kinder hast".
"Kannst du die
Gedanken der anderen Kinder lesen, so wie du meine gelesen hast?"
"Es ist nicht
ganz das selbe", sagte er. "Wenn du und ich uns mit dem Mund unterhalten,
machen wir daraus keine großen Umstände, und wenn wir uns in
Gedanken unterhalten, denken wir nicht, dass es einen großen Unterschied
macht. Es ist leicht für uns ... es passiert einfach, wenn wir zusammen
sind.
"Wie oft bist du
mit den anderen Kindern zusammen?", fragte ich.
"Meinst du
physisch?", sagte er.
"Ja".
"Ich weiß
nicht ... ziemlich wenig, glaube ich. Aber jeden Tag. Aber wenn wir nicht
physisch zusammen sind, heißt das nicht, dass wir nicht zusammen sind.
Ich kann sie allezeit spüren. Ich kann all die Kinder in der ganzen Welt
spüren, die so sind wie ich".
"Das wurde mir
schon einmal berichtet", sagte ich zu ihm. "Wie fühlt sich das
an?"
"Wie meinst du
das?"
"Fühlt es
sich seltsam an für dich, alle möglichen Kinder im Geist zu
spüren?"
Er lachte laut
heraus: "Nein, es fühlt sich überhaupt nicht seltsam an. Du solltest
es eigentlich auch können, wenn du die Gabe hast. Kannst du nicht ihre
Gedanken in deinem Kopf fühlen? Bist du dir nicht jedes Anderen
bewusst?"
"Nein, das kann
ich nicht", sagte ich.
"Also, auch du
wirst es können. Recht bald wird es jeder können. Wir kommen alle
dahin. Es steht dicht bevor". |