|
Später am
selben Nachmittag kam Bruder Matthias in mein Zimmer. "Sind Sie bereit, ein
weiteres unserer Kinder zu treffen?", fragte er mich. Ich legte das Buch, das
ich gerade las, auf mein Bett: "Ja, natürlich!"
Er bedeutete
mir, ihm zu folgen, und wie schon einmal führte er mich in den
großen Raum in der zweiten Etage. Ich setzt mich auf einen Stuhl, und er
sagte, er würde in wenigen Augenblicken zurück sein. Er kam
zurück mit einem kleinen Jungen, dessen Alter ich auf sechs oder sieben
Jahre schätzte. Bruder Matthias hielt seine Hände auf den Schultern
des Jungen und sagte etwas auf Bulgarisch zu ihm. Der kam darauf zu mir,
lächelte und streckte seine Hand aus.
"Ich freue mich,
dich zu treffen", sagte ich und streckte ihm ebenfalls meine Hand
entgegen.
Der Junge kehrte
zu Bruder Matthias zurück und fragte ihn etwas, dann blickte er zu mir
herüber.
"Was hat er gefragt?", sagte ich.
"Er hat gefragt,
ob Sie der seien, auf den sie gewartet hätten". Er schloss die Tür
und kam zu mir, setzt sich mir gegenüber, während der Junge mir
weiter in die Augen blickte.
"Was meint er
damit?", fragte ich. "Haben sie auf jemanden gewartet?"
"Ja, das haben
sie", sagte er. "Sie wussten alle, das jemand hierher kommt, der ihnen helfen
würde, ihre Arbeit zu tun. Soweit ich sagen kann, ist damit gemeint, dass
andere Leute Kenntnis über sie bekommen, und dass sie denen 'ihre Frage'
stellen können".
"Ja, ich kenne
diese Frage. Sie alle wissen davon?"
"Natürlich
... alles scheint sich auf die eine oder andere Weise auf diese Frage zu
beziehen. Es ist merkwürdig, aber es ist eines der Merkmale, an denen wir
die Kinder von Oz erkennen ... sie alle kennen 'die Frage', obwohl sie es auf
unterschiedliche Weise zum Ausdruck bringen. Wenn wir die Kinder testen, frage
wir sie jedes Mal, ob sie eine Frage auf dem Herzen haben, die sie den
Erwachsenen der Welt gerne stellen möchten. Die meisten sehen uns an, als
ob sie nicht verstehen, oder sie sagen etwas recht Naives oder Allgemeines.
Doch immer wieder blicken sie uns dann gelegentlich in die Augen und bringen
die richtigen Worte heraus: 'Wie würdest du handeln, wenn jetzt Liebe
anwesend wäre?' ... oder irgend etwas ähnliches. Bei Ivan hier
waren das seine Worte. Ja, ich glaube, das waren genau seine Worte".
Ivan blickte
noch immer auf mich; dann sagte Bruder Matthias etwas zu ihm, und er ging und
setzte sich auf die Couch. Er hielt seine Hände vor sich gefaltet und
seine Füße reichten kaum bis zur Erde. Er sah nicht anders aus als
andere Sechsjährige dieser Welt.
"Erzählen
Sie mir seine Geschichte", sagte ich. "Wann entdeckten sie die Gabe bei
ihm?"
"Vor etwa einem
Jahr", sagte er. "Es geschah alles sehr schnell. Seine Mutter brachte ihn dann
vor etwa drei Monaten hierher, weil er große Verwirrung stiftete. Seine
Fähigkeit ist vorwiegend kinetischer Art. Er kann Gegenstände durch
Gedankenkraft bewegen oder Metall verbiegen, sogar Dinge zerbrechen, wenn er
zornig ist. Seit er hier ist, konnten wir ihm helfen, die aggressiven Aspekte
unter Kontrolle zu bringen ... das ist eigentlich nichts anderes als jede
normale Anpassungsarbeit während der Kindheit. Seine Kräfte sind
jedoch noch stärker geworden, sodass man nicht sagen kann, wohin es
hinauslaufen wird.".
Ivan wandte sich
an Bruder Matthias und sagte irgend etwas zu ihm, dann sah er mich wieder an.
"Ivan hörte, dass Sie ebenfalls in der Lage sind, Dinge zu
verbiegen", sagte Bruder Matthias. "Er möchte ihnen ein paar Fragen
darüber stellen".
<<<>>>
Wie bei Thomas
möchte ich jetzt die Unterhaltung einfach so eng wie möglich
zusammenfassen. Um das Lesen zu erleichtern, lasse ich die
Übersetzungswege aus und schreibe, als ob Ivan Englisch könnte,
was ja nicht der Fall war.
"Möchtest
du mir eine Frage stellen?", sagte ich zu Ivan.
"Ja.
Bruder Matthias hat gesagt, du kannst Dinge verbiegen, mit deinen Gedanken. Das
kann ich auch, wie du weißt. Ich habe mich gefragt, wie du dich
fühlst, wenn du das tust. Wenn du etwas dazu bringst, dass es sich biegt
oder bricht, fühlst du dann, dass sich in dir auch 'was
biegt?"
Ich musste einen
Moment innehalten und über seine Frage nachdenken. "Also, darüber
habe ich bisher so nie nachgedacht", sagte ich, "aber ich glaube, du hast
recht. Das Metall verbiegt sich erst, wenn ich mich selbst biegen fühle,
obwohl das Gefühl sehr schwer zu beschreiben ist. Wie fühlt sich das
bei dir an?"
"Ich fühle
das Biegen, dann passiert es. Ich versuche, zu fühlen, wie glücklich
ich dann bin, wenn es passiert, und dann fühle ich das Glück, dass
ich 'größer' werde, bis etwas in mir passiert. Dann gucke ich auf
das Metall, und es ist verbogen. Ich weiß nicht genau, wie es passiert,
aber es passiert. Es ist dasselbe, wenn ich Gegenstände bewege. Wenn eich
nur daran denke, passiert noch nichts, aber ich fühle, wie es sich bewegt,
und in dem Augenblick passiert's. Ich fühle es richtig in meinem Bauch.
Fühlst du es auch da?"
"Ja, ich
fühle es auch in meinem Bauch", sagte ich zu ihm. "Es ist ein sehr starkes
Gefühl. Wie bist du dahinter gekommen, dass du das kannst,
Ivan?"
"Ich hab' 'mal
einen Tag mit meinem Bruder gespielt und der machte mich verrückt,
da brachte ich einen Stein dazu, dass er seinen Kopf traf, aber wusste es nicht
in diesem Moment. Der Stein flog einfach durch die Luft. Aber das tue ich jetzt
nicht mehr". Er wurde sehr traurig, als er dies sagte.
"Warum?" fragte
ich.
"Weil Bruder
Matthias gesagt hat, es ist nicht nett, wenn ich diese Gabe auf diese Art zu
gebrauche. Ich soll sie nur gebrauchen, um Leuten zu helfen, oder um Liebe zu
zeigen. Wenn ich sie gebrauche, wenn ich zornig bin, kommt es, das ich mich
krank fühle".
"Krank,
wie?"
"In meinem Kopf
... ich fühle ein ganz hartes Klopfen."
"Erzähl'
mir mehr darüber", sagte ich.
"Es fühlt
sich an, als ob ich mich selbst haue. Wenn ich die Gabe mit Liebe benutze,
fühlt es sich gut an in mir ", sagte Ivan in der süßen Art
aller Kinder. "Aber wenn ich Leute damit verletze, verletzt es eigentlich mich
selbst. Bruder Matthias hat gesagt, das kommt davon, weil alles, wir tun, zu
uns zurückkommt ... oder so ähnlich."
Er blickte
hinüber und lächelte. Bruder Matthias lächelte zurück.
Ivan's Unschuld war ansteckend, und ich fühlte, wie ich mich in seiner
Gegenwart entspannte. Er schien nicht die Weisheit zu haben, die ich bei Anna
erlebt hatte, aber er befand sich mit Sicherheit in einer ganz anderen Welt als
die meisten anderen Kinder.
"Wie ist es,
wenn du mit den anderen Kindern zusammen bist?", fragte ich ihn.
"Das mag ich
gern, weil sie mich besser verstehen als die andern. Aber meine Mutter fehlt
mir".
"Und dein
Vater?"
"Mein Vater ist
gestorben, bevor ich geboren bin. Da sind nur meine Mutter und mein Bruder,
darum muss ich bald nach Hause, damit ich für sie sorge. Vielleicht kann
ich die Gabe dafür gebrauchen".
"Weißt du
schon, wie du das machen willst?", fragte ich.
"Nein, aber
darüber nach gedacht habe ich schon. Vielleicht kann ich Geld dazu
bringen, dass es von der Bank zu unserm Haus kommt." Er lachte laut und
klatschte in die Hände, aber Bruder Matthias sagte etwas zu ihm, das ich
nicht verstand, und er wurde wieder still.
"Oder ich muss
mir 'was anderes ausdenken", sagte er.
"Fühlst du
all die anderen Kinder in dir", fragte ich, "all die Kinder in der Welt, die
diese Gabe haben?"
"Ja" war alles,
was er sagte.
"Wie fühlt
sich das an?"
"Weiß
nicht".
"Macht es dich
glücklich?", fragte ich und wollte ihm damit ein bisschen schmeicheln,
während ich mich fragte, warum er nicht willens war, darüber zu
reden.
"Ich glaube, ja
... es fühlt sich gut an für mich".
" 'Gut'?
Auf welche Art gut?"
Er warf einen
Blick hinüber zu Bruder Matthias, auf Hilfe hoffend. Doch Bruder Matthias
zeigte keine Regung. "Es macht mich froh, dass es viele andere Kinder
gibt, die sehen können, was ich sehe", sagte er endlich zu mir.
"Und was siehst du?"
"Ich sehe viele
Dinge. Ich sehe, wie die Leute leben und wie sich das ändern würde,
wenn sie alle nach 'der Frage' leben würden".
"Du meinst die
Frage, die die Kinder der Welt stellen möchten?"
"Ja, ...
weißt du , was das für eine Frage ist?", fragte er mich.
"Ich sage dir,
was ich denke, und du kannst mir sagen, ob es richtig ist". Er nickte
mit dem Kopf.
"Also: 'Wie würdest du handeln, wenn
du wüßtest, dass du jetzt ein Abgesandter der Liebe bist?'
Sag', ist das richtig?"
"Ja, das ist
genau richtig ... hat dir das jemand erzählt, oder wußtest du es
einfach?"
"Ich habe einen
Jungen getroffen, der hieß Marco; der hat es mir erzählt. Er war
auch aus Bulgarien und lernte hier in diesem Kloster. Ich kam hierher, um ihn
erneut aufzusuchen. Hast du den Jungen jemals kennengelernt?"
"Nein, aber ich
kann mich an ihn erinnern", sagte Ivan.
"Wie meinst du
das?"
"Also, ich habe
ihn niemals kennengelernt, aber ich konnte ihn in mir fühlen. Aber jetzt
fühle ich ihn nicht. Ich weiß nicht genau, warum".
"Meinst du, er
ist irgendwohin gegangen?", fragte ich.
"Ich weiß
nicht ... im Moment fühle ich ihn nicht."
"Ivan", sagte
Bruder Matthias, "möchtest du James irgend etwas zeigen? Vielleicht ein
Metall verbiegen"
Ivan nickte und
Bruder Matthias holte eine Löffel aus seinem Habit. Ich fragte mich, ob er
wohl ständig irgendwelches Silber bei sich hat, immer bereit für eine
sofortige Demonstration, wenn die Stimmung danach war. Er ging zur anderen
Seite des Raums und legte den Löffel unter eine große
Keramikschüssel. Dann kam er zurück und setzte sich auf die
Couch.
"Wir haben mit
Ivan dahingearbeitet, dass er nicht lokalisiertes Metall verbiegt. Mit anderen
Worten: wir möchten erreichen, dass er in der Lage ist, einen Löffel
zu biegen, ohne ihn zu berühren. Wir fingen mit kleinen Zweigen an, die er
zerbrechen sollte, während sie in einem anderen Raum lagen. Zuerst war das
sehr schwierig, Ivan schaffte das nicht. Doch als er herausfand, dass die
Größe des Zwischenraums zwischen dem Objekt und ihm keine Rolle
spielt, war er fähig, den Zweig mit relativer Leichtigkeit zu zerbrechen.
Erst kürzlich haben wir wieder mit der Arbeit hinsichtlich Metall
begonnen, aber die Ergebnisse bisher sind bereits wunderbar". Dann
wandte er sich Ivan zu: "Bist du bereit, einen Versuch zu wagen?"
"Ich hab's schon
gemacht", sagte Ivan.
"So schnell
kannst du das doch nicht gemacht haben", sagte Bruder Matthias, doch ich
wusste, dass er die Wahrheit sagt, denn ich spürte den Moment, als er es
tat. Der Blick seiner Augen veränderte sich dabei nicht, aber ich konnte
die Energie fühlen, die von ihm ausging, und ich konnte sie fast sehen,
wie sie sich in die Richtung bewegte, wo die Keramikschüssel den
Löffel verdeckte. Und ich bemerkte auch etwas, das ich vorher noch nie
erlebt hatte; ich bin mir nicht sicher, ob es Einbildung war, aber ich
hatte das Gefühl, als ob ich durch die Schüssel sehen konnte. Es war
fast, als ob ich beobachten konnte, wie sich der Löffel verbiegt, so
als hätte ich Röntgenaugen. Bruder Matthias ging hinüber
zum Tisch und hob die Schüssel hoch.
"Tatsächlich", sagte er und hielt den
Löffel hoch, der nicht nur verbogen war, sondern mindestens dreimal zur
Spirale gedreht war, etwas, was ich nicht 'mal mit den Händen geschafft
hätte. "Ich habe noch nie erlebt, dass du es so schnell geschafft hast,
Ivan. Du wirst jeden Tag stärker".
"Er hat mir
geholfen", sagte Ivan und zeigte mit dem Finger in meine Richtung.
"Wie hat er dir
geholfen?", fragte Bruder Matthias.
"Ich habe auch
ein bisschen von seiner Energie benutzt, weil sich gesehen hab', wie er auf den
Löffel guckt. Er konnte durch die Schüssel sehen, und das hat mir
geholfen beim Biegen".
Bruder Matthias
sah mich an und sagte: "Ist das wahr?"
"Ich denke ja",
sagte ich, "obwohl ich nicht weiß, wie ich das gemacht habe oder sogar,
dass ich es überhaupt gemacht habe. Es ist einfach irgendwie
passiert".
"Das ist ganz
faszinierend", sagte er. "Ich habe so etwas noch nie vorher gesehen, aber ich
denke, die Tatsache, dass Sie und Ivan die gleichen Aspekte der 'Gabe' teilen,
bedeutet, dass sie voneinander profitieren. Das kann starke Auswirkungen haben.
Wenn wir Kinder zusammenbringen können, die dieselbe Art Kraft miteinander
teilen, dann arbeiten sie zusammen. Das ist etwas, worüber ich nachdenken
muss".
Ich konnte
berichten, dass Ivan müde wird, dass die Anstrengung des
Löffelverbiegens möglicherweise ihren Preis forderte. "Vielleicht ist
es für jetzt genug", sagte ich. "Aber das Zusammentreffen mit Ivan hat mir
viel bedeutet". Ich nahm seine Hand: "Vielleicht können wir ein andermal
wieder zusammenarbeiten und etwas besseres machen als Löffel
verbiegen".
Er lächelte
breit und nickte mit dem Kopf. Bruder Matthias nahm ihn and der Hand und
entließ ihn durch die Tür. |