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17.08.2006 Andrea Bistrich Info von:   kontext-cms
Planspiel Libanon
   

US-Enthüllungsjournalist: Israels Krieg war von langer Hand vorbereitet und von Washington abgesegnet

srael hat seine verheerenden Militärschläge gegen den Libanon bereits lange vor der Entführung der israelischen Soldaten durch die Hizbollah geplant – mit Zustimmung der US-Regierung. Zu diesem Schluß kommte der angesehene US-Enthüllungsjournalist Seymour Hersh in der jüngsten Ausgabe des Magazins New Yorker. In seinem Bericht fügt er anonyme Quellen aus Regierungs- und Geheimdienstkreisen zusammen und skizziert ein klares Bild. Sollte Hersh, der unter anderem auch schon das Vietnamkriegsmassaker von My Lai (1969), den Folterskandal von Abu Ghraib (2004) und die US-Militärpläne gegen den Iran (2006) aufgedeckt hat, erneut recht haben, dann ist die israelische Erklärung für den Krieg eine dreiste Lüge. Ehud Olmert hatte zu Kriegsbeginn im Juli vorgebracht, daß ihm die Hizbollah mit der Entführung der Soldaten keine andere Wahl gelassen habe. Frühere Beamte der US-Regierung sowie Nahostexperten, die Hersh befragte hatte, sagten jedoch, die Entführung sei willkommener Anlaß zu einem Krieg gewesen, den israelische Militärstrategen von langer Hand geplant hatten.

Probe für Iran-Krieg

Bereits »früher in diesem Sommer« seien israelische Diplomaten nach Washington gereist, um »grünes Licht« für die Militärschläge zu erhalten und herauszufinden, wie weit die USA ein solches Vorgehen stützen würden. Hershs Recherchen zufolge sei zunächst US-Vizepräsident Dick Cheney von den Israelis mit ins Boot geholt worden, in dem Wissen, daß ihnen damit zugleich auch die Unterstützung von Bush und Rice sicher war: »Israel fing mit Cheney an«, so Hersh. Daraufhin auch Bush zu überzeugen »stellte nie ein Problem dar«.

Unter anderem zitiert Hersh einen früheren Geheimdienstler, der erklärte: »Wir sagten den Israelis: Also, wenn ihr es tun müßt, dann stehen wir auf ganzer Linie hinter euch. Wir glauben allerdings, daß es eher früher als später stattfinden sollte. Je länger ihr wartet, desto weniger Zeit bleibt uns für die Auswertung und zur Planung für Iran, bevor Bush aus dem Amt scheidet«.

Offiziell dementiert die US-Regierung die jüngsten Enthüllungen des Pulitzer-Preisträgers Seymour Hersh. Auch Israel bestreitet die von Hersh zusammengetragenen Indizien.

Daß Israels Krieg im Libanon nur ein kleines Teilstück in einem viel größerem Plan ist, der möglicherweise auch einen US-Militärschlag gegen den Iran beinhaltet, halten Hershs Informanten für durchaus wahrscheinlich. Die Iran-Pläne der Regierung Bush werden daher auch als der wahre Grund für die auf internationalem Parkett so offen gezeigte Unterstützung des israelischen Bombenterrors angesehen. In Washington gelte der Libanonkrieg in vielerlei Hinsicht als Testlauf für den Iran.

Den Aussagen eines von Hersh zitierten Nahostexperten zufolge habe die US-Regierung viele Gründe, die Bombenkampagne der Israelis zu stützen. Während man die israelische Militäroffensive im Außenministerium offiziell eher als eine Möglichkeit zur Stärkung der libanesischen Regierung sieht, um künftig ihre Autorität in dem von der Hizbollah kontrollierten Süden des Landes geltend zu machen, war es vor allem das Anliegen Washingtons, das Waffenarsenal der Hizbollah zu zerstören, um im Falle eines US-Angriffs auf Irans Nukleareinrichtungen potentielle Vergeltungsschläge der Hizbollah gegen Israel auszuschalten. »Bush wollte beides. Bush war hinter dem Iran her – als Teil der Achse des Bösen – und seinen Nuklearanlagen, und aus der Perspektive seiner Interessen für Demokratisierung hatte er es auf die Hizbollah abgesehen – mit dem Libanon als Kronjuwel der Demokratie in Nahost«, so der Nahostexperte.

Insbesondere hatte man sich auch Aufschlüsse über die Erfolge der israelischen Luftschläge gegen die Tunnel- und Bunkersysteme der Hizbollah erwartet, die US-Militärexperten zufolge vergleichbar mit denen im Iran seien. Israel habe geglaubt, mit gezielten und vernichtenden Luftschlägen auf die Infrastruktur des Libanon, vor allem die christliche und sunnitische Bevölkerung gegen die Hisbollah aufbringen zu können. Hershs Recherchen zufolge war für die US-Militärstrategen die israelische Bombenkampagne »das Spiegelbild dessen, was die USA für den Iran geplant hatten«.

Aggressionsziel verpaßt

Daß die Militärs der beiden Länder seit Jahrzehnten eng kooperieren, sei kein Geheimnis, bekräftigt der mehrmals von Hersh zitierte US-Geheimdienstbeamte. Dochseit diesem Frühjahr hätten hochrangige Planer der US-Luftwaffe auf Drängen des Weißen Hauses erstmals auch ihre israelischen Kollegen über die Kriegspläne für Militärschläge gegen Irans Nu-kleareinrichtungen konsultiert. »Die große Frage für unsere Luftwaffe war, wie eine ganze Reihe von schwierigen Zielen im Iran erfolgreich getroffen werden können«, erklärte der frühere Geheimdienstler. »Jeder weiß, daß iranische Ingenieure die Hizbollah beim Tunnelbau und beim Bau von unterirdischen Waffenarsenalen beraten haben. Und daher ging die [US-]Luftwaffe mit einigen neuen Taktiken zu den Israelis und hat ihnen gesagt: ›Laßt uns auf die Bombardements konzentrieren und miteinander austauschen, was wir über den Iran wissen und ihr über den Libanon.‹« Hersh gegenüber erklärte er, daß die Diskussionen darum bis zu den Generalstabschefs und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld reichten.

Auf lange Sicht, schreibt Hersh, verfolge die Bush-Administration im Nahen Osten das Ziel, den Libanon in eine sunnitische Koalition einzubinden mit Ländern wie Saudi-Arabien, Jordanien und Ägypten, »die die Vereinigten Staaten und Europa in ihrer Druckausübung auf die schiitischen Mullahs im Iran unterstützen«. Dazu hätte Israel den Krieg gegen die Hizbollah im Libanon allerdings gewinnen müssen. Jetzt aber zeige sich ein ganz anderes Blatt: Hisbollahs erfolgreicher Widerstand sei ein »massiver Rückschlag für diejenigen im Weißen Haus, die Waffengewalt gegen den Iran einsetzen wollen«, kommentiert der von Hersh befragte Nahostexperte. Zu hoffen sei jetzt nur, daß Cheney und Rumsfeld die richtigen Schlüsse daraus ziehen werden.
 

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