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09.02.2002 Werner Pirker Junge Welt
Nicht cool, nicht sexy und nicht legal
Der schwarze Kanal: »Der Spiegel« und die Gutmenschen vom Haager Tribunal
 
Als »Planet der guten Menschen« beschreibt der Spiegel-Reporter Klaus Brinkbäumer das UNO-Tribunal in Den Haag. Ohne Spur von Ironie: »Alle hinter dem Panzerglas sehen erschöpft aus, und das Neonlicht macht sie noch blasser. Das Ganze wirkt wie ein Labor – wie das Experiment, aus dem eine schönere, neue Welt hervorgehen soll.« Schöner läßt sich die neue Welt kaum denken. Gäbe es noch Gerechtigkeit auf der Welt, müßte man nach so einem Satz hinter Panzerglas Platz nehmen. Unzurechnungsfähigkeit wäre ein gnädiges Urteil.

In Den Haag urteilen die Unzurechnungsfähigen: Zum Beispiel Richter Claude Jorda, Präsident des Internationalen Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien. Der empfindet sich als Bahnbrecher für die schönere, neue Welt: »Es gab in der Welt ein Tabu. Tyrannen wären nicht zu greifen. Dieses Tabu haben wir gebrochen.« Oder die Oberstaatsanwältin Uertz-Retzlaff: »Zusammen leisten wir, das darf man so nennen, etwas Historisches«. Sie habe das leise gesagt, vermerkt der Spiegel-Chronist. »Als wäre ihr ein so großes Wort peinlich«.

Dem Mann vom Spiegel ist nichts peinlich. Er hat sein Urteil über den Tyrannen längst gefällt. So einfach ihm selbst das fiel, so schwer empfindet er die Bürde, die die Helden von Den Haag auf sich genommen haben: »Wer für das Tribunal arbeitet, der sieht Leichen, spricht mit Schlächtern, nimmt Gebrochene in den Arm«. Den Haag – das aufwendigste Sozialprojekt der Welt.

Der Tyrann ist gegriffen worden. Der Tyrann. Milliarden Erdenbewohner haben erleichtert aufgeatmet. Slobodan Milosevic wird den Serben, den Albanern, den Afghanen, den Palästinensern, den Indios Lateinamerikas nie wieder etwas antun können. Im Neonlicht hinter dem Panzerglas erscheint die schönere, neue Welt. »Wer für das Tribunal arbeitet, denkt groß. Mindestens an die ganze Welt und ihre Rettung. Die Menschen auf diesem Planeten haben so gar nichts Cooles, und sie sind auch nicht besonders sexy; sie sind überzeugt und wirken mit einem besonderen Ernst.«

Sie sind überzeugt, politisch überzeugt. Daß die Aggression der NATO gegen Jugoslawien keine Aggression und daß Slobadan Milosevic der Aggressor war. Der konterte in einer Anhörung durchaus cool mit den Worten: »Erstens hörten wir sie (Chefanklägerin Carla del Ponte) gestern laut und deutlich die Anklage zu Kosovo verlesen, die allein von Ereignissen zwischen dem 24. März und dem Ende der ersten Woche im Juni handelt, wobei zweitens alle Welt weiß, daß die NATO genau in dieser Zeit ihre verbrecherische Aggression gegen Jugoslawien begangen hat. Die Anklage und was wir gehört haben, besagt unausgesprochen, daß nicht die NATO eine Aggression gegen Jugoslawien, sondern vielmehr Jugoslawien eine Aggression gegen sich selbst beging.«

»Die Augen schmal, die Finger trommelnd.« So beschreibt uns Brinkbäumer Carla del Ponte. Nicht besonders sexy? »Von den Offizieren auf den Anklagebänken wird sie ›Hure‹ genannt, weil sie es nicht ertragen können, von dieser kleinen, zarten Frau mit der niedlichen, lustigen Stimme seziert zu werden.« Bevor sie mit niedlicher, lustiger Stimme Anklage gegen den unzivilisierten Balkan erhob, war der Dame aus dem Tessin der Kampf gegen das organisierte Verbrechen aufgetragen. Große Erfolge hatte sie nicht vorzuweisen. In dieser Zeit wuchs die albanische Mafia zu einer Großmacht in der Welt des organisierten Verbrechens. Die Jagd auf Drogenhändler, Geldwäscher und Waffenschieber schien der Schweizerin keinen besonderen Spaß zu bereiten. Mit der NATO auf Treibjagd zu gehen, schon mehr.

Milosevic ist zu Carla del Pontes Schicksal geworden. Denn er verteidigt sich nicht, er greift an. Der Serbe hat das Tribunal der Selbstgerechten als illegale Vereinigung bloßgestellt. »This court is illegal«. Damit hätten die guten Menschen rechnen müssen, doch zeigt sich, daß sie intellektuell überfordert sind. Die Frage über die Legitimität dieses Gerichtshofes wird vom Spiegel-Reporter ungewollt zynisch auf den Punkt gebracht: »Die hier arbeiten, brauchen diesen Schuldspruch«. Ein Urteil ist gefordert, der dem Gericht gerecht wird. So äußert sich der neue Totalitarismus – als totale Verpflichtung des Gerichtswesens auf das Opportunitätsprinzip. Den Haag ist das Exerzierfeld einer Justiz, die den Rechtsnihilismus zur Voraussetzung hat.

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