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12. Juli 2006 Virginia Tilley Info von:   zeit-fragen
Verhungern in der Dunkelheit
   

gf. Der folgende Text ist ein Auszug aus einem längeren Artikel, den die Autorin Anfang Juli in der amerikanischen Internetzeitschrift «Counterpunch» veröffentlicht hat. Die Autorin schildert die verheerenden Folgen der bisherigen Bombardierungen des Gaza-Streifens.


Am 28. Juni haben israelische Kriegsflugzeuge wiederholt Gazas einziges Kraftwerk bombardiert und total zerstört. Etwa 700 000 von den 1,3 Millionen Menschen im Gaza-Streifen sind nun von der Stromversorgung abgeschnitten, und es heisst, dass der Zugang zur Elektrizität erst in 6 Monaten wiederhergestellt werden kann.
Nicht die unmittelbaren Folgen dieses Anschlages für die Menschen sind das wichtigste. Diese Folgen sind natürlich schlimm genug. Nirgends Licht, keine Kühlschränke, keine Ventilatoren während der erstickenden Sommerhitze in Gaza. Kein Hinausgehen, um frische Luft zu schnappen, wegen der anhaltenden Bombardierungen und Israels drohendem militärischen Angriff. In der heissen Dunkelheit der Nächte erschüttern, nah und fern, massive Explosionen die Städte, während wiederholte Überschallknalle zweifelsohne genau die verheerende Verwüstung anrichten, die sie geplant haben: Fensterscheiben werden zertrümmert, schreiende Kinder werden in die Arme der in Angst und Schrecken versetzten Erwachsenen getrieben, alte Menschen kollabieren auf Grund von Herzversagen, schwangere Frauen brechen mit spontanen Fehlgeburten zusammen. Massenterror, Hoffnungslosigkeit, verzweifeltes Horten von Nahrungsmitteln und Wasser. Und keine Radios, keine Fernseher, keine Telefonzellen oder Laptops (für die wenigen, die überhaupt einen haben), und auf diese Weise keine Möglichkeit, Nachrichten zu erlangen darüber, wie lange dieser Alptraum noch andauern wird.
Aber diesmal ist die Situation noch schlimmer. Während das Essen in den Kühlschränken verdirbt, sind die einzig verbleibenden Nahrungsmittel Körner. Die meisten Menschen kochen mit Gas, aber mit dem Schliessen der Grenzen wird es bald kein Gas mehr geben. Wenn die Propangastanks der Familien zu Ende gehen, wird es kein Kochen mehr geben. Keine gekochten Linsen oder Bohnen, kein Kichererbsenpüree, kein Brot, das palästinensische Hauptnahrungsmittel, das einzige Essen der Armen. (Und es gibt kein Feuerholz und keine Kohle in dem trockenen, regenarmen, überbevölkerten Gaza-Streifen.) Und nun wird sogar dieses Elend noch überschattet von einer noch grimmigeren Tatsache: Die öffentliche Wasserversorgung des Gaza-Streifens ist abhängig von Pumpen, die mit Strom angetrieben werden. Die Wasserleitungen sind ebenfalls trocken. Kein Abwassersystem. Und noch einmal: Es heisst, die Elektrizität fällt für mindestens 6 Monate aus.
Gazas Grundwasser ist schon mit Meerwasser und Abwasser kontaminiert, wegen der Überpumpung (zum Teil durch die nun aufgegebenen israelischen Siedlungen) und dem so unzulänglichen Abwassersystem. Um es trinkbar zu machen, wird das Brunnenwasser durch von Strom angetriebene Maschinen gereinigt. Andernfalls muss das leicht salzhaltige Wasser wenigstens gekocht werden, bevor es konsumiert werden kann, aber dies erfordert Strom oder Gas. Und die Menschen werden bald weder das eine noch das andere haben.
Ungereinigtes Wasser zu trinken bedeutet Krankheit, sogar Cholera. Wenn die Cholera ausbricht, wird sie sich in der so dicht zusammengedrängten Bevölkerung, der es an Brennmaterial oder Wasser für die sanitären Einrichtungen fehlt, in Windeseile ausbreiten. Und die Spitäler und Kliniken können – auch wegen der fehlenden Elektrizität – nicht arbeiten.
Und zu guter Letzt: Die Menschen können das Land nicht verlassen. Keines der benachbarten Länder verfügt über die Ressourcen, um 1 Million verzweifelte und verarmte Flüchtlinge aufzunehmen: logistisch und ­politisch würde diese Flut z. B. Ägypten völlig destabilisieren. Aber die Palästinenser in Gaza können bei ihren Verwandten in der Westbank nicht Zuflucht suchen, weil sie gar nicht aus Gaza herauskommen, um dorthin zu gelangen. Sie können nicht einmal über die Grenze nach Ägypten gehen und den Umweg durch Jordanien machen, weil Israel es Menschen mit Personalausweisen aus Gaza nicht länger erlaubt, in die Westbank einzureisen. Sowieso hindert eine Postenkette von palästinensischen Polizisten die Menschen am Versuch, irgendwie über die ägyptische Grenze zu gelangen –  Kriegsflüchtlinge haben es versucht, Gepäck und Kinder fest im Arm, durch eine Lücke, die von Militanten aufgesprengt worden war.
Kurz gesagt, über 1 Million Zivilisten sitzen in der Falle, kauern in ihren Häusern und horchen nach israelischen Granaten, während sie der furchtbaren Perspektive entgegensehen, innerhalb weniger Tage oder Wochen ihren Kindern giftiges Wasser geben zu müssen, das sie einem schnellen, aber qualvollen Tod ausliefern wird.

 

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