|
Podiumsdiskussionen über
makroökonomische Fragen sind selten aufregend. Neulich beim Welt
Wirtschaftsforum in Davos war das mal ganz anders. Nouriei Roubini,
Wirtschaftsprofessor an der renommierten New York University, begründete
gerade seine These, warum ihn die aktuelle wirtschaftliche Situation Italiens
immer mehr an die Argentiniens erinnert, bevor das Land in die
größte Staatsinsolvenz in der Geschichte schlitterte. Der Vergleich
war offenbar zu viel für einen anderen Teilnehmer auf dem Podium: den
italienischen Wirtschaftsminister Giulio Tremonti. Wütend fiel er Roubini
ins Wort und forderte den in Istanbul geborenen Wirtschaftswissenschaftler
lauthals auf, doch „zurück in die Türkei" zu gehen. Tremontis
Ausraster kündet nicht nur von südländischem Temperament Er
zeigt auch, wie sehr die wachsenden Spannungen in der Europäischen
Währungsunion an den Nerven der Politiker zerren. Seit die
Währungsunion 1999 mit dem Festzurren der Wechselkurse besiegelt wurde,
leiden vor allem die südeuropäischen Mitgliedsländer darunter,
ökonomische Unterschiede gegenüber anderen Ländern nicht mehr
durch Währungsabwertungen ausgleichen zu können. Jetzt zeigt sich
allmählich, wie groß die damit verbundenen Probleme sind,
Ökonomen wie Roubini haben deshalb allen Grund zu fragen, wie lange das
gut gehen kann - und warnen zu Recht davor, dass die Währungsunion eines
Tages auseinander brechen könnte, sollten die Spannungen weiter zunehmen.
Solange die europäischen Länder noch eigene Währungen hatten,
dienten Veränderungen der Wechselkurse als Puffer: Die schwächere
wirtschaftliche Entwicklung eines Landes führte tendenziell zu einer
Abwertung der nationalen Währung, wodurch sich die preisliche
Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen verbesserte. Gerade
Italien ist ein Beispiel für diese Politik - die italienische Lira
gehörte zu den Währungen, die mit am häufigsten gegenüber
der Deutschen Mark abwerten musste. Seit der Einführung des Euro gibt es
diesen Puffer nicht mehr. Um sich der wachsenden Konkurrenz aus Asien und
Osteuropa zu erwehren, müssen die Unternehmen deshalb ihre Kosten in den
Griff bekommen. Dies ist aber nicht allen Ländern in Euroland gelungen:
Während die Lohnstückkosten in Deutschland und in geringerem
Maße auch in Frankreich in den letzten Jahren gesunken sind, legten sie
in Spanien und Italien kräftig zu. Ähnlich sieht es in Portugal und
Griechenland aus. Getrieben von hohen Lohnsteigerungen haben hier die
Verbraucherpreise deutlich stärker zugelegt als im europäischen
Durchschnitt. Die Folge: Die südeuropäischen Länder wurden
weniger wettbewerbsfähig, ihre Außenhandelspositionen
verschlechterten sich. Die Leistungsbilanzdefizite Spaniens und Griechenlands
lagen im vergangenen Jahr bei mehr als sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts
(BIP), in Portugal waren es fast zehn Prozen.t Doch kann der Wechselkurs keinen
Beitrag zum Abbau dieser Ungleichgewichte leisten, weil die
Südeuropäer eine gemeinsame Währung mit den
Überschussländern - vor allem Deutschland - haben. Das ist der
Unterschied zu den USA, wo eine Dollar-Abwertung eines Tages helfen
dürfte, das Leistungsbilanzdefizit von mehr als sechs Prozent des BlPs zu
verringern. Die Gefahr ist deshalb groß, dass Südeuropa in eine lang
anhaltende Krise hineinschlittert, mit schwachem Wachstum, steigender
Arbeitslosigkeit und explodierenden Staatsschulden. Italien und Portugal
gehören schon seit Jahren zu den Schlusslichtern beim Wachstum in
Euroland. Doch auch Spanien, lange als europäische Erfolgsstory gehandelt,
droht abzustürzen. Bisher werden seine Probleme noch vom boomenden
Immobilienmarkt übertüncht Wenn aber die Immobilienblase platzt, wird
die Exportschwäche voll durchschlagen. Was ist zu tun? Die einzige Chance
der südeuropäischen Länder liegt darin, durch
Lohnzurückhaltung und geringe Preissteigerungen den realen, um
Inflationsunterschiede bereinigten Wechselkurs zu ihren Gunsten zu
beeinflussen. Doch das geht nur über Reformen, die Arbeits- und
Gütermärkte flexibler und dynamischer machen. Jetzt rächt es
sich, dass diese Voraussetzungen für das Funktionieren der
Währungsunion nicht schon vorher geschaffen wurden. Statt dessen ruht der
Euro auf der vagen Hoffnung, dass der ökonomische Druck innerhalb der
Währungsunion automatisch die notwendigen Reformen auslösen
würde. Der Vorfall von Davos zeigt wie naiv diese Hoffnung war. Ein
ausrastender Wirtschaftsminister ist jedenfalls kein gutes Zeichen.
(Quelle: „Wirtschaftswoche“, 6. März 2006, Seite 60)
|