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31.7.2006 PHI Info von:   PHI
Ohne Reformen geht der Euro schweren Zeiten entgegen
   

Podiumsdiskussionen über makroökonomische Fragen sind selten aufregend. Neulich beim Welt Wirtschaftsforum in Davos war das mal ganz anders. Nouriei Roubini, Wirtschaftsprofessor an der renommierten New York University, begründete gerade seine These, warum ihn die aktuelle wirtschaftliche Situation Italiens immer mehr an die Argentiniens erinnert, bevor das Land in die größte Staatsinsolvenz in der Geschichte schlitterte. Der Vergleich war offenbar zu viel für einen anderen Teilnehmer auf dem Podium: den italienischen Wirtschaftsminister Giulio Tremonti. Wütend fiel er Roubini ins Wort und forderte den in Istanbul geborenen Wirtschaftswissenschaftler lauthals auf, doch „zurück in die Türkei" zu gehen. Tremontis Ausraster kündet nicht nur von südländischem Temperament Er zeigt auch, wie sehr die wachsenden Spannungen in der Europäischen Währungsunion an den Nerven der Politiker zerren. Seit die Währungsunion 1999 mit dem Festzurren der Wechselkurse besiegelt wurde, leiden vor allem die südeuropäischen Mitgliedsländer darunter, ökonomische Unterschiede gegenüber anderen Ländern nicht mehr durch Währungsabwertungen ausgleichen zu können. Jetzt zeigt sich allmählich, wie groß die damit verbundenen Probleme sind, Ökonomen wie Roubini haben deshalb allen Grund zu fragen, wie lange das gut gehen kann - und warnen zu Recht davor, dass die Währungsunion eines Tages auseinander brechen könnte, sollten die Spannungen weiter zunehmen. Solange die europäischen Länder noch eigene Währungen hatten, dienten Veränderungen der Wechselkurse als Puffer: Die schwächere wirtschaftliche Entwicklung eines Landes führte tendenziell zu einer Abwertung der nationalen Währung, wodurch sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen verbesserte. Gerade Italien ist ein Beispiel für diese Politik - die italienische Lira gehörte zu den Währungen, die mit am häufigsten gegenüber der Deutschen Mark abwerten musste. Seit der Einführung des Euro gibt es diesen Puffer nicht mehr. Um sich der wachsenden Konkurrenz aus Asien und Osteuropa zu erwehren, müssen die Unternehmen deshalb ihre Kosten in den Griff bekommen. Dies ist aber nicht allen Ländern in Euroland gelungen: Während die Lohnstückkosten in Deutschland und in geringerem Maße auch in Frankreich in den letzten Jahren gesunken sind, legten sie in Spanien und Italien kräftig zu. Ähnlich sieht es in Portugal und Griechenland aus. Getrieben von hohen Lohnsteigerungen haben hier die Verbraucherpreise deutlich stärker zugelegt als im europäischen Durchschnitt. Die Folge: Die südeuropäischen Länder wurden weniger wettbewerbsfähig, ihre Außenhandelspositionen verschlechterten sich. Die Leistungsbilanzdefizite Spaniens und Griechenlands lagen im vergangenen Jahr bei mehr als sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), in Portugal waren es fast zehn Prozen.t Doch kann der Wechselkurs keinen Beitrag zum Abbau dieser Ungleichgewichte leisten, weil die Südeuropäer eine gemeinsame Währung mit den Überschussländern - vor allem Deutschland - haben. Das ist der Unterschied zu den USA, wo eine Dollar-Abwertung eines Tages helfen dürfte, das Leistungsbilanzdefizit von mehr als sechs Prozent des BlPs zu verringern. Die Gefahr ist deshalb groß, dass Südeuropa in eine lang anhaltende Krise hineinschlittert, mit schwachem Wachstum, steigender Arbeitslosigkeit und explodierenden Staatsschulden. Italien und Portugal gehören schon seit Jahren zu den Schlusslichtern beim Wachstum in Euroland. Doch auch Spanien, lange als europäische Erfolgsstory gehandelt, droht abzustürzen. Bisher werden seine Probleme noch vom boomenden Immobilienmarkt übertüncht Wenn aber die Immobilienblase platzt, wird die Exportschwäche voll durchschlagen. Was ist zu tun? Die einzige Chance der südeuropäischen Länder liegt darin, durch Lohnzurückhaltung und geringe Preissteigerungen den realen, um Inflationsunterschiede bereinigten Wechselkurs zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Doch das geht nur über Reformen, die Arbeits- und Gütermärkte flexibler und dynamischer machen. Jetzt rächt es sich, dass diese Voraussetzungen für das Funktionieren der Währungsunion nicht schon vorher geschaffen wurden. Statt dessen ruht der Euro auf der vagen Hoffnung, dass der ökonomische Druck innerhalb der Währungsunion automatisch die notwendigen Reformen auslösen würde. Der Vorfall von Davos zeigt wie naiv diese Hoffnung war. Ein ausrastender Wirtschaftsminister ist jedenfalls kein gutes Zeichen.
(Quelle: „Wirtschaftswoche“, 6. März 2006, Seite 60)

 

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