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26.10.2001   Junge Welt
Die Wahrheit liegt jenseits von Den Haag
Die Illegitimität des Haager »Tribunals«. junge Welt dokumentiert - leicht gekürzt - die Erklärung von Slobodan Milosevic, die abzugeben ihm das »Tribunal« in Den Haag bei seiner zweiten Anhörung am 30. August 2001 nicht gestattete (Teil II)
Die Idee Jugoslawiens, eine Balkanföderation zu bilden mit dem Ziel, Spaltungen zu heilen und eine bessere Chance für ein Zusammenleben in Frieden und Wohlstand zu bieten, galt in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg als ein wichtiges Mittel zum Frieden. Während die Idee zwischen den beiden schlimmsten Kriegen der Geschichte nur mühsam vorwärts kam, wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg, in welchem sie zu Schanden gemacht, aber nicht besiegt worden war, mit bemerkenswertem Erfolg verwirklicht. Eine unabhängige und vereinigte Bundesrepublik Jugoslawien wurde eine längerfristig erfolgreiche Lösung für die südslawischen Völker. Sie war ein Bollwerk der Blockfreienbewegung. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Ostblockwirtschaft war sie die übriggebliebene sozialistische Regierung, die für die kapitalistische Kontrolle Osteuropas eine Bedrohung darstellte. (...) Nach dem Zusammenbruch der Ostblockwirtschaft galt vielen in der Region eine größere Balkanföderation, eine südöstliche Europäische Union als ein Mittel, um wirtschaftlicher Ausbeutung vorzubeugen, Gewalt zu vermeiden und eine starke und unabhängige politische, soziale und wirtschaftliche Region zu entwickeln. Ausländisches Kapital und geopolitische Interessen der USA betrachteten dies als ein gefährliches Hindernis für ihre Pläne für eine neue Weltordnung, für Globalisierung und neuen Kolonialismus. Nachdem die USA Jugoslawien dämonisiert hatten, griffen sie es straflos an und verfolgten seine Führung. Gnadenlos bombardierten die USA Jugoslawien 79 Tagen lang. Sie versuchten, mich zu ermorden, indem sie meine Wohnung, mein Büro und andere Örtlichkeiten, wo sie mich vermuteten, bombardierten. Sie versuchten, Libyens Staatsoberhaupt Muammar Ghaddafi bei ihrem Luftangriff auf Tripoli 1986 zu töten, ebenso wie den irakischen Präsidenten Saddam Hussein bei mehreren Gelegenheiten seit 1991 (...) Ein vergifteter Pfeil Kann ein Straftribunal für Jugoslawien, das die durchgängige Gewaltanwendung der USA ignoriert und das öffentliche Bewußtsein vom Verhalten der USA ablenkt, das Luft- und Raketenangriffe auf Zivilisten und den Einsatz illegaler Waffen gegen ein Land nach dem anderen durch stillschweigende Hinnahme legitimiert und damit eine Wiederholung zu einem permanent zu erwartenden Ereignis macht, zu der Hoffnung auf Einhaltung des Rechts, auf Gerechtigkeit und Frieden beitragen? Die Vereinigten Staaten selbst sind gegen Kontrolle oder Verfolgung immun, stehen über dem Gesetz und gebrauchen ihre Macht, um Feinde auszuwählen, zu terrorisieren und zu verfolgen. (...) Die USA vereiteln den internationalen Umweltschutz, untergraben die Kontrolle von Atomwaffen durch die Androhung, sich aus dem ABM- und Nichtverbreitungsvertrag zurückzuziehen. Sie weigern sich, Verträge zum Schutz gegen Landminen zu ratifizieren, die sie weiter herstellen, verkaufen und einsetzen. Sie drohen, einen Vertrag über die Kontrolle biologischer und chemischer Waffen zu unterminieren. Ferner betreiben die USA regelmäßig verdeckte Operationen und Militärinterventionen in anderen Ländern in Verletzung ihrer Souveränität und Rechtsordnung. Das ICTY, das sogenannte Internationale Strafrechtstribunal für das ehemalige Jugoslawien, ist somit schlicht ein weiterer Pfeil im Arsenal der Vereinigten Staaten, mit dem sie Feinde verfolgen und dämonisieren und das internationale Recht korrumpieren. Das ICTY macht Ungleichheit in der Rechtsanwendung zum Prinzip, indem es strafrechtliche Maßnahmen zum Einsatz bringt, um ausgewählte führende Politiker und Regierungen zu beseitigen. Es ist ein vergifteter Pfeil, zerstörerisch für die Grundlagen des Friedens zwischen unabhängigen Staaten, die einen gleichen Anspruch auf Recht und Würde haben. 3. Das Internationale Straftribunal für das ehemalige Jugoslawien ist unfähig, die Grundrechte zu schützen oder ein ordentliches Gerichtsverfahren zu gewährleisten. Ein solches Ad-hoc-Tribunal hat einen zeitlich befristeten und eingeschränkten Zweck ohne hilfreiche Präzedenzien, ohne eine gemeinsame Tradition oder einschlägige Erfahrung. Ihm fehlt die Macht, Beschlüsse durchzusetzen oder die Offenlegung von Beweismaterial und das Erscheinen von Zeugen, insbesondere für die Verteidigung, zu erzwingen. Es ist zu unparteiischer Darstellung des Sachverhalts oder zu gleichmäßiger Definition und Anwendung von Rechtsprinzipien nicht fähig. Es kann nicht recht und billig judizieren. Sein gesetzliches Mandat macht das ICTY voreingenommen gegenüber den Rechten der vor ihm Angeklagten, weil ihm gesagt wird, daß die inkriminierten Taten stattgefunden haben, und weil die Angeklagten dämonisiert worden sind. Das Recht auf rechtlichen Beistand, fest im internationalen Recht verankert, wurde vom »Tribunal« verweigert und hintertrieben, und zwar in seinen prominentesten Fällen. Die Geschäftsstelle des Gerichts (Registry) verweigerte mir während einiger Wochen nach Eröffnung der Anklage das Recht, mich mit Anwälten meiner Wahl in Rechtsfragen zu beraten. Der Leiter der Gerichtsgeschäftsstelle (Registrar) schrieb, daß es für den einen Anwalt, der mich in dieser Zeit und nur für zwei Stunden aufsuchte, »unzweckmäßig« wäre den Fall zu besprechen, weil das Gespräch überwacht und die Vertraulichkeit verletzt werde. Anwälten aus Jugoslawien, die ich zu konsultieren verlangte, wurden mit der Ausnahme des zweistündigen überwachten Besuchs, sieben Wochen nach Eröffnung der Anklage immer noch die Visa zur Einreise in die Niederlande verweigert. Andererseits wurde ich in Isolationshaft gehalten. Ich konnte meine Frau erst über zwei Wochen nach meiner Inhaftierung sprechen und dann auch nur durch eine schalldichte Glaswand mittels überwachter Telefone. Sie wurde gehindert, mit der Presse zu sprechen, und wurde, solange sie in den Niederlanden war, von allen öffentlichen Kontakten isoliert gehalten, praktisch wie eine Gefangene in ihrem Hotelzimmer, außer wenn sie sich zwischen Flughafen, Gefängnis und Hotel bewegte. Das Ad-hoc-Tribunal ist dazu bestimmt zu dämonisieren und zu vernichten, und nicht in fairer Weise Tatsachen festzustellen, die Rechte der Angeklagten zu wahren und Rechtsprinzipien gleichermaßen anzuwenden. Die Merkmale seiner Befangenheit liegen inhärent im Zweck und in der Natur eines zeitlich befristeten Ad-hoc-Tibunals, eines Gerichts, das über kein Personal mit einer einschlägigen Rechtstradition verfügt, das weit entfernt ist von dem Ort, aus dem die Angeklagten kommen, und von den Ereignissen, die dort vorgefallenen sind; ein Gericht, das von seinem Schöpfer angewiesen ist, nicht von der Unschuldsvermutung auszugehen, sondern davon, daß schreckliche Verbrechen verübt worden sind und die Angeklagten aus der Gruppe kommen, die diese Verbrechen begangen hat. Man tut dies, um die wirklichen Verbrecher, die NATO-Führer, in Schutz zu nehmen, die unschuldige Menschen bei der verbrecherischen Aggression der NATO umbrachten. Die Wahrheit liegt jenseits der Reichweite und des Zwecks des Ad-hoc-Tribunals, das dazu bestimmt ist, zu strafen, zu vernichten und zu spalten. Vor machtlosen Ad-hoc-Tribunalen ist es bisher in allen Fällen für die Angeklagten unmöglich gewesen, notwendige Beweise und Zeugen der Verteidigung in das Verfahren einzuführen. Das ICTY war bei vielen Angeklagten im ehemaligen Jugoslawien nicht in der Lage, sie in Gewahrsam zu nehmen, und es hat auf unzulässige und illegale Mittel zurückgegriffen oder sie geduldet, um ihre Überstellung zu erpressen. Das Ad-hoc-Tribunal terrorisiert und straft jene in Jugoslawien, die es wagten, der NATO-Aggression entgegenzutreten und gegen kriminelle Akte von Terroristen vorzugehen, durch die Serben, Albaner, Muslime und andere umkamen. In Jugoslawien haben die USA in Verletzung internationaler und nationaler Gesetze sowohl Jugoslawiens als auch der USA durch Bombardierungen, wirtschaftlichen Druck, einschließlich Sanktionen, physische Bedrohung, verdeckte Operationen und Verfälschung des Wahlvorgangs eine Regierung ihrer Wahl in der Republik Serbien installiert und den Präsidenten der Bundesrepublik Jugoslawien gestürzt. (...) Die USA setzten über 100000000 US-Dollar ein, um die Regierung der Volkseinheit zu stürzen, die bis Oktober 2001 an der Macht war. (...) Die Schaffung eines internationalen Ad-hoc-Tribunals mit Drohungen und Anklagen gegen die Führung der Regierung, die sie zu beseitigen suchten, war ein zusätzlicher verheerender Angriff auf den demokratischen Prozeß. Furcht, Haß, Spaltung gesät Meine Entführung und Überstellung an das ICTY durch die von den USA installierte serbische Regierung erfolgte in Verletzung der Verfassung der Bundesrepublik Jugoslawien, der Republik Serbien sowie des Statuts des ICTY für eine Bestechungssumme von vermutlich 1,3 Milliarden Dollar. Die von den USA installierte Regierung Serbiens entführte und überstellte mich in Verletzung der Verfassung der Bundesrepublik Jugoslawien und der Republik Serbien und ihrer Gesetze, während der Auslieferungsantrag dem Verfassungsgericht zur Prüfung und Entscheidung vorlag, das jegliches auf die Auslieferung bezogene Handeln bis zur abschließenden Entscheidung des Gerichts untersagt hatte. Darin lag auch eine Verletzung der Entschließung des Sicherheitsrats über die Schaffung des Tribunals, die vorsieht, daß eine Auslieferung in Übereinstimmung mit den nationalstaatlichen Gesetzen des um Auslieferung ersuchten Staates erfolgen soll. Die Vereinigten Staaten drohten mit der Blockierung von 1,3 Milliarden US-Dollar an internationalen Krediten und Hilfe für Jugoslawien, falls die Auslieferung nicht bis zu einem bestimmten Datum durchgeführt sein würde. Eine solche Vorgehensweise, die Beteiligung daran und ihre Hinnahme offenbaren die Geringschätzung von Rechtsregeln seitens des Tribunals, der neuen Regierung in Serbien und der Vereinten Nationen. Die rechtswidrige Ergreifung einer Person, ihre Überstellung und die Isolierung im Gefängnis eines illegalen Straftribunals in einem fernen Staat bedrohen die Freiheit aller. Wo die Vereinten Nationen ein internationales Kidnapping führender Politiker betreiben oder dulden, da heißt dies für die Weltöffentlichkeit, daß die alten Methoden der Gewalt, der Täuschung und des Zwangs ganz die ihrigen sind. Derartige Methoden werden so beantwortet werden, wie sie allein beantwortet werden können, nämlich durch dieselben Methoden. Die neue von den USA installierte Regierung Serbiens setzt ihre Polizeimacht ein, um die politische Opposition in Serbien zu zerschlagen. Die derzeitige Regierung von Serbien betreibt die Zerschlagung und Dämonisierung der inneren politischen Opposition. Das Regime will angeklagte Personen in Verletzung seiner eigenen Gesetze an das ICTY ausliefern, so wie es mich ausgeliefert hat, um zu Hause die politische Opposition zu vernichten und für die amtierenden Politiker Zahlungsleistungen und Unterstützung von außen zu erhalten. Es agiert, um jegliche Unterstützung oder Ermittlung zugunsten meiner Verteidigung zu hintertreiben, indem es sogar Ramsey Clark die Einreise verwehrte und ihn auswies, als er im Juni nach Belgrad flog, um Gespräche über meine politische Verfolgung zu führen. In der Hoffnung, konkurrierende politische Kräfte auszuschalten, nimmt es Hunderte von Menschen aus rein politischen Gründen in Haft. Diese Regierung könnte durchaus Beweismaterial fabrizieren, Beweise vernichten und Kontrolle und Zwang bei Zeugen ausüben, um an Verurteilungen durch das ICTY mitzuwirken, und sie wird versuchen, Bemühungen der Verteidigung zu hintertreiben, Dokumente, weiteres Beweismaterial und Zeugen in Jugoslawien aufzutreiben, die für die Verteidigung in Den Haag erforderlich sind. (...) Ein Ad-hoc-Straftribunal, geschaffen, um die Führung der Opposition gegen eine US-installierte Regierung zu zerschlagen, kann nicht Frieden, Versöhnung und Schutz der Menschenrechte bringen oder ein Volk befähigen, gemeinsam in Wohlstand zu leben. Es wird Furcht, Haß, Spaltung und Gewalt erzeugen. Fremdherrschaft Nehmen Sie die Völker der ärmsten Länder der Welt, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten gehorsam abmühten, Anleihen für Projekte und Zwecke zurückzuzahlen, für die nicht sie sich entschieden hatten, und die ihnen nie einen Nutzen brachten, während ihre eigenen Staatsbürger an Hunger und vermeidbaren Krankheiten sterben. Nehmen Sie die Volkswirtschaften Osteuropas oder der ehemaligen jugoslawischen Republiken und stellen Sie die Frage, warum das Pro-Kopf-Einkommen oft weniger als die Hälfte, manchmal weniger als 25 Prozent von dem vor zwölf Jahren beträgt. Ad-hoc-Straftribunale werden das Leiden in armen Ländern verlängern, indem sie Regierungen den Rücken stärken, die eine Fremdherrschaft mit Vorrechten aufrechterhalten, welche diese Situation noch verschlechtern. Die Gewalt und Zersplitterung innerhalb Jugoslawiens wurde nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft durch Vorgaben der USA ausgelöst, die dazu bestimmt waren, die Bundesrepublik und ihre Teilrepubliken zu balkanisieren, mit dem ICTY als wesentlicher Waffe.(...) Geschaffen wurde das ICTY auf Betreiben der Vereinigten Staaten, die Gewalt und Sezession in den Republiken Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien förderten und auf Spaltung und Konflikt setzten, sowohl in der serbischen Provinz Kosovo und Metohia wie auch in drei Ortschaften im Süden Serbiens und in allen früheren sechs Teilrepubliken. Die USA verfolgen die Absicht, führende Politiker, die zusammen mit der Bevölkerung durch die Verteidigung der Freiheit und durch Widerstand gegen die NATO-Aggression ihrem Willen trotzten, zu verfolgen und zu dämonisieren und zugleich das ganze Volk als unzivilisiert und primitiv erscheinen zu lassen. Madeleine Albright war in ihrer Zeit als US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen die treibende Kraft bei der Schaffung des ICTY. Der für das Tribunal zuständige US-Botschafter David Scheffer räumt ein, daß das ICTY in erster Linie von den Vereinigten Staaten »unterstützt, finanziert, personell ausgestattet und mit Informationen versorgt« wird. Während inzwischen die Idee und Existenz von Ad-hoc-Tribunalen durch den Vertrag bedroht ist, der den Internationalen Strafgerichtshof schafft, üben die Vereinigten Staaten Druck aus, um Staaten von einer Ratifizierung abzuhalten. Ferner drängen sie auf Schaffung neuer Ad-hoc-Tribunale für die Demokratische Republik Kongo, Sierra Leone, Sudan und anderswo, um diese Regionen zu dominieren und die Bestrebungen für einen Internationalen Strafgerichtshof zu konterkarrieren. Die Vereinigten Staaten möchten lieber Staaten einzeln zur Verfolgung auswählen können, und dabei sich selbst, ihre Verbündeten sowie bevorzugte Klientelstaaten absichern. Ad-hoc-Tribunale, die illegitim und zu gleicher Justiz nach Recht und Gesetz unfähig sind, die durch ihre Natur nicht in der Lage sind, faire Gerichtsverhandlungen durchzuführen oder ordnungsgemäße Verfahren zu gewährleisten, und deren Opfer schon lange zuvor durch die von den Vereinigten Staaten kontrollierten Medien vorverurteilt worden sind, sind eine Waffe der USA zur langfristigen Kontrolle und Ausbeutung von Staaten und Regionen, die sie ins Visier genommen haben. Dies ist ihre Globalisierung, dies ist der neue Kolonialismus. Aus diesen Gründen sollte das sogenannte ICTY für illegal erklärt und seine Gefangenen, gleich ob legal oder illegal ausgeliefert, freigelassen werden.
Den Haag, den 30. August 2001

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