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10.11.06 Leo Müller Info von:   Zeitenwende
"Schweizer Banker jubeln: Danke, Deutschland!"
   

Das tut Angela Merkel weh: Die Kapitalflucht aus Deutschland in die Schweiz nimmt drastisch zu. Dem deutschen Fiskus entgehen Milliarden –und bei UBS, CS und Co. Reibt man sich die Hände.

Plus 41,9 Milliarden Franken (UBS), plus 31 Milliarden (Credit Suisse), plus 6 Prozent (Auslandsbanken) – die jüngsten Berichte der Vermögensverwalterbanken überschlagen sich mit Rekordmeldungen über die Zuwächse an neuen Kundengeldern. Es ist ein offenes Bankiersgeheimnis, dass davon aus keinem Land so viel neues Geld zuströmt wie aus Deutschland – etwa ein Drittel.

Ob Erlöse aus Firmenverkäufen oder Managerboni der «Fat Cats», das neue Geld landet auf Schweizer Bankdepots und vergrössert den teutonischen Geldhaufen. Die symbiotischen Bande zwischen Schweizer Bankiers und deutschen Millionären erleben eine Renaissance. Mit historisch gewachsenen Vermögensbeständen und Neugeldern häufen die Deutschen enorme Beträge an. CASH hat mit Hilfe vorliegender Finanzmarktdaten gerechnet: Die Depots der Deutschen dürften in der Schweiz die stattliche Summe von 800 Milliarden Franken erreicht haben – mehr als ein Viertel der verwalteten Auslandsgelder.

Marktkenner bestätigen diese Einschätzung. Und auch die deutschen Steuerakademiker sprechen von einer neuen «Teufelsspirale»: Auf verschärfte fiskalische Kontrollen folgt die Kapitalflucht, die der Staat wieder mit verstärkter Repression und einer Fluchtsteuer beantwortet, was eine erneute Flucht des Kapitals auslöst. So hat der Steuerexperte Helmut Helsper von der deutschen Bundesfinanzakademie mit dem Mythos des ehrlichen Steuerzahlers aufgeräumt. Er kalkuliert, dass nur 20 Prozent der Bürger verlässlich «steuerehrlich » sind. Weitere 20 Prozent sind notorische Hinterzieher. Der Rest nimmt Gelegenheiten wahr.

Steuermoralforscher wissen, dass die Ehrlichkeit mit zunehmendem Vermögen und Bildungsstand abnimmt, dass die Westdeutschen weniger ehrlich als die Ossis sind, die Freiberufler mehr als die Angestellten und die Jüngeren eher hinterziehen als die Alten. In Deutschland verkommt das Steuernzahlen zur Betätigung für die «Dummen» – wehrlose Angestellte, deren Gehalt an der Quelle besteuert wird.

Der teutonische Kontrollwahn treibt massenhaft deutsches Geld in die Schweiz.

Was wir schon immer über die Deutschen wissen wollten, uns die Bankiers aber noch nie zu erzählen wagten: Wie viel Geld haben sie in der Schweiz gebunkert? Schliesslich ist diese Frage sehr bedeutsam für das freundliche Verhältnis der beiden Länder. Sie ist wichtig, weil die Ökonomen am Schweizer Finanzplatz kalkulieren könnten, wie viel mit den beliebten Kunden aus dem Norden verdient wird. Sie hilft Politikern beider Länder, zu verstehen, worüber sie sich streiten, und sie liefert den Bankiers wertvolle Daten über eine zweifellos wichtige Klientel.

Doch diese Zahl gibt es in der Welt der hochtransparenten Quartalsberichte und der pingeligen Bankenstatistiken nicht. Weder Nationalbank (SNB) noch Bankiersvereinigung, Bankenkommission oder Finanzdepartement mögen die simple Frage beantworten. Und keine Bank gibt preis, woher die Kundenvermögen stammen. Also müssen wir uns mühsam Daten zusammenklauben, um einen plausiblen Annäherungswert zu ermitteln.

Die «steuerehrlichen» Milliönchen der Deutschen

Immerhin erfahren wir inzwischen, wie viele Deutsche zu den absolut steuerehrlichen Kontoinhabern in der Schweiz gehören. Es sind exakt 31463 Kunden mit Wohnsitz in Deutschland, die seit der Einführung des EU-Zinsbesteuerungsabkommens ihre Zinserträge brav an das heimische Finanzamt melden. 66 Millionen Franken Zinsvolumen meldeten sie für das zweite Halbjahr 2005 – im Schnitt 2099 Franken pro Konto. Auf das ganze Jahr gerechnet ergibt dies – eine gewöhnliche Verzinsung von vier Prozent unterstellt – ein durchschnittliches Vermögen von 105000 Franken pro Kunde oder insgesamt 3,3 Milliarden. Nicht eben viel, sollte man meinen.

Wie kommt dieser bescheidene Betrag zustande? Und wie kommt es, dass ausgerechnet die Zahl deutscher Kontoinhaber an der Spitze der steuerehrlichen Meldewilligen steht, während zum Beispiel aus Italien gerade einmal 247 Bürger freiwillig meldeten? Die Kundenbetreuer am Teutonen-Schalter haben eine Erklärung – hinter vorgehaltener Hand, versteht sich: Es sind überwiegend deutsche Kleinanleger, die ihre Minivermögen anlässlich des Steueramnestie-Angebots der Regierung Schröder gebeichtet haben. Sie müssen nun weiterhin ihre Zinserträge melden.

Das kann nicht alles gewesen sein. Wir wissen auch, dass beim Verfahren über den Steuerrückbehalt von den Deutschen in diesem Halbjahr rund 32 Millionen Franken als 15-Prozent-Anteil vom Zinsertrag zusammenkamen. (Davon werden 75 Prozent nach Deutschland überwiesen.) Das ergibt auf das ganze Jahr bezogen rund 426 Millionen Zinsertrag – oder geschätzte 11 Milliarden Franken Vermögen. Auch das kann nicht alles sein. Denn wir wissen, dass das Abkommen den Kunden so viele Lücken bietet, dass sich die meisten dem Verfahren entziehen können. Zum Beispiel werden Stiftungen und Trusts nicht erfasst.

Die deutsche Zielkundschaft: 767000 Vermögensmillionäre

Einerseits wissen wir von der Nationalbank, dass sich 2,684 Billionen Franken in den ausländischen Depots befinden. Hier werden aber institutionelle Investments mitgezählt. Andererseits erfasst die SNB die privaten Vermögensverwaltungsvehikel wie Stiftungen seit Beginn des Abkommens als «kommerzielle Kunden», sodass nicht mehr erkennbar ist, was privat und was geschäftlich ist. Und weil viele dieser Vehikel ein inländisches oder liechtensteinisches Domizil haben, werden sie den inländischen Vermögen zugerechnet, die insgesamt 1,9 Billionen Franken Wert haben.

Beratungsfirmen wie Cap Gemini oder Boston Consulting Group berechnen denn auch das Offshore-Vermögen, also grenzüberschreitend angelegtes Geld, in der Schweiz auf 2,8 Billionen Franken. Sie beziffern die Zahl der deutschen Vermögensmillionäre mit einer Million US-Dollar flüssiger Mittel auf 767000, und sie gehen davon aus, dass davon 37 Prozent ihr Geld offshore investieren – mit einem durchschnittlichen Vermögen von 4,3 Millionen Franken. Somit dürften rund 1,2 Billionen Franken aus Deutschland offshore angelegt sein – in Luxemburg, Österreich, der Schweiz oder anderswo.

Wie gross ist nun der Kuchen der Schweizer Banken? Die deutschen Steuerfahnder gehen davon aus, dass Anleger mit kleineren Depots Luxemburg und Österreich bevorzugen, während die Superreichen die Schweiz und Liechtenstein präferieren. Reichtumsforscher rechnen ähnlich. Demnach dürften zwei Drittel der deutschen Gelder in der Schweiz angelegt worden sein – etwa 800 Milliarden Franken. Und wenn Deutsche nur die Hälfte ihrer Barschaft in der Schweiz anlegen, dann sind es immer noch 400 Milliarden.

Von diesem erklecklichen Betrag können wir nun die Milliönchen der steuerehrlichen Kontoinhaber abziehen – gesamthaft 3,3 Milliarden. Der Rest ist «steuerneutral». Praktiker aus der Bankenwelt meinen, dass der deutsche Anteil zwischen 25 und 30 Prozent liegt. Damit kommen sie auf ähnlich hohe Beträge. Sie verweisen vor allem darauf, dass die Depots der Deutschen – anders als jene der arabischen Ölbarone oder asiatischen Neureichen – vielfach bereits in der vierten Generation geführt werden.

 

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