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Legale Korruption
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Pharmavertreter und etliche niedergelassene Ärzte arbeiten Hand in Hand bei der Ausplünderung der Krankenkassen Es sind zunächst nicht viel mehr als die üblichen Verdächtigen aus der pharmakritischen Bewegung, Mediziner wie Arne Schäffler von Transparency International und Christiane Fischer von der BUKO-Pharmakampagne. In der vergangenen Woche hoben sie zusammen mit einem Dutzend anderer Ärzte und Ärztinnen in Frankfurt/Main einen Verein aus der Taufe, der den Arzneimittelherstellern in Zukunft jedoch noch einigen Ärger bereiten könnte: »Mein Essen zahl ich selbst – MEZIS«. Der Name spielt auf die kostenfreien oder verbilligten Fortbildungen an, die die Pharmaindustrie für Ärzte bereitstellt. MEZIS will Ärzte dazu bewegen, auf solche und andere Geschenke zu verzichten und stellt damit das Vertriebsmodell der gesamten Branche in Frage. Lukrative BerichteRund 15000 Pharmareferenten sind in Deutschland von Arzt zu Arzt unterwegs, pro Woche erhält jeder Arzt im Schnitt sieben Besuche. Der Übergang zur Korruption ist fließend. Ein besonderer Dorn im Auge sind MEZIS die sogenannten Anwendungsbeobachtungen (AWBs). Verschreiben Mediziner ein Medikament, das ihnen von Pharmareferenten angeboten wird, erhalten sie pro Patient bis zu 1000 Euro für das Ausfüllen eines Bogens, in dem sie dem Unternehmen über die Behandlungsergebnisse berichten. Nach einer internen Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die die Zeitschrift Stern im Januar veröffentlichte, befanden sich zwischen August 2004 und Dezember 2006 mehr als eine Million Patienten in Anwendungsbeobachtungen. Mehr als 30000 Ärzte und damit jeder vierte niedergelassene Mediziner nahmen etwa an den AWBs des Herstellers Astra Zeneca für das Magenmittel Nexium teil. Dabei sind in einer ganzen Reihe von Fällen Medikamente betroffen, die seit Jahren auf dem Markt sind. Um was es mit den AWBs wirklich geht, machte Novartis in einem firmeninternen Protokoll deutlich: »Marktführerschaft: Mehr Patienten durch AWBs«. Im letzten Jahr betraf dies insbesondere die Bluthochdruck-Mittel Diovan und Codiovan. Pharmavertreter sollten Ärzte für beide Medikamente zu insgesamt 35000 AWBs gewinnen. Den Schaden für die gesetzlichen Kassen durch die AWBs beziffern Kritiker pro Jahr auf 930 Millionen Euro. Viele der so beworbenen Präparate sind teurer als vergleichbare Produkte; einmal vom Arzt darauf eingestellt, nehmen die Patienten sie immer weiter. Mit den AWBs lassen es die Pharmavertreter jedoch nicht bewenden: Der Stern machte im vergangenen September auch eine zeitweilige Werbeaktion von Jenapharm bekannt. Pharmareferenten warben Gynäkologen mit einem »flying doctors«-Programm für die Verschreibung der Antibaby-Pille AIDA. Wer binnen sechs Wochen 50 Frauen auf die neue Pille umstelle, erhalte als Belohnung die Teilnahme an einem Flugsimulator-Test. Ein besonders beliebtes Mittel ist es, Ärzten eine kostenlose Software für ihre Verschreibungen aufzuschwatzen. So praktizierte es etwa der Generikahersteller ratiopharm. Bei der Auswahl eines Wirkstoffs erscheint als erstes ein ratiopharm-Produkt auf dem Computer. Der Umsatz stieg deutlich an; auch hier nicht ohne Folgen für die Krankenkassen: Das Ulmer Unternehmen ist einer der teureren Generikahersteller. Eine KV macht mitAufgrund besonders dreister Methoden geriet ratiopharm schließlich ins Fadenkreuz der Ermittlungen: Im Dezember ließ die Staatsanwaltschaft die Wohnungen von 400 Vertretern durchsuchen. Sie sollen Ärzte durch Geldzahlungen dazu bewogen haben, entsprechende Medikamente zu verordnen. Bruno Müller-Oerlinghausen vom Vorstand der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sprach angesichts dessen von einem »Augias-Stall, den die Ärzteschaft längst hätte ausmisten sollen«. Die Einflußnahme der Pharmaindustrie gehe quer durch Hausärzteverbände und Fachgesellschaften.Immerhin hat MEZIS einen Landesverband der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) als Mitglied gewonnen: den bayerischen. »Milliarden werden in sinnlose Marketingaktivitäten gesteckt; die Forschungsausgaben der Pharmaindustrie haben in den letzten zehn Jahren dagegen abgenommen«, kritisiert der Vorstandsvorsitzende der bayerischen KV, Axel Munte, gegenüber jW. Er verweist auf eine Umfrage unter 1300 bayerischen Kassenärzten: Demnach unterstützen 80 Prozent der Befragten die Linie der bayerischen KV. Die Zahlen widersprechen allerdings einer anderen Umfrage, welche die Brendan-Schmittmann-Stiftung des Ärzteverbandes NAV-Virchow-Bund kürzlich veröffentlichte: Demnach bezeichneten 63 Prozent der befragten Ärzte die Gespräche mit den Pharmareferenten als »wertvoll«, 55 Prozent würden das Fehlen von Pharmareferenten als Verlust empfinden. »Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen«, kommentierte die pharmakritische Webseite »Forum Gesundheitspolitik«, »daß die in den letzten Jahren zunehmend publizierte Kritik an Marketing- und PR-Strategien der Pharmaindustrie bei den Ärzten noch nicht durchschlagend angekommen ist.«
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