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15.07.2006 Uta Lichter Info von:   choices
Bildung und Erziehung in der Familie - eine Alternative für die künftige Bildungslandschaft
   
Vor vier Jahren nahmen wir unseren ältesten Sohn, er war damals 10 Jahre alt, wegen vorhandener ADHS-Problematik nach der 3. Klasse aus der Schule. Er konnte sich gegen die ihm aufgedrückte Außenseiterrolle und die ständigen Hänseleien der Klassenkameraden nicht wehren und litt an der Schule, was ihm zusätzlich das Lernen erschwerte. Leider sind unsere Schulen strukturbedingt kaum in der Lage, solche Situationen gar nicht erst aufkommen zu lassen, selbst wenn sich einzelne Lehrer vorbildlich engagieren.

Mit unserem Sohn blieb auch gleich seine jüngere Schwester zum Lernen zuhause. Da wir des weiteren noch drei kleinere Kinder haben, war eine Vereinsamung der Kinder für uns nie ein ernstzunehmendes Thema, zumal es am Ort vielfältige Kontaktmöglichkeiten für Kinder gibt, z.B. im Turnverein. Auch sind unsere Schulkinder in Jugendgruppen (Pfadfinder) integriert.

Im ersten Homeschooljahr zogen wir konsequent alle Schulfächer mit Stundenplan durch, bis uns nach einem Jahr unsere Kinder durch ihr Verhalten zeigten, daß sie unzufrieden über unsere Kopie der öffentlichen Schule waren. Ohne uns im Voraus genauer zu informieren, hatten wir kritiklos pädagogische Fehler des Schulsystems übernommen, die da wären:
- übergenaues Einhalten des Lehrplanes (auch zeitlich), deshalb kann wenig Rücksicht auf individuelle Probleme der einzelnen Kinder genommen werden
- räumliche Festlegung des Lernens auf das Schulgebäude (in diesem Fall jetzt natürlich unsere Wohnung)
- das theoretische Lernen der Schule kommt selten mit der Praxis in Kontakt

Nachdem wir diese Probleme erkannt hatten, informierten wir uns über reformpädagogische Ansätze im Schul- und Vorschulbereich, besonders die Montessori Methode und das Freie Lernen. Vieles davon verwirklichten wir zu Hause. Unsere Kinder wurden wieder ausgeglichener und zufriedener. Unser Ältester kam dadurch auch von seiner jahrelangen Ritalin-Medikation ab, bis heute kann er gut darauf verzichten. Vom schulischen Lernen hatte er sich zwar ziemlich weit entfernt, aber Gedächtnis und Wissensspiele nach den Anregungen Vera F. Birkenbihls haben er und die anderen Kinder immer wieder gerne gemacht.


Wir unternahmen verstärkt Exkursionen, z.B. ans Wasser, in ein Hochmoor, in ein Römerkastell, in Museumsdörfer, machten Urlaub an der Nordsee, um das Watt zu erkunden. Immer wieder trafen wir uns mit Freunden in Parks und Museen, um gemeinsam zu spielen und zu lernen. Allen Kindern ist auch ein großes Interesse an Büchern zu eigen.

In der Zwischenzeit lernte auch unsere nächste Tochter völlig problemlos lesen und schreiben und ist jetzt in der 2. Klasse unserer Heimschule. Für alle jüngeren Kinder in unserer Familie ist das Lernen die natürlichste Sache der Welt geworden. Keines besuchte bzw. besucht den Kindergarten. Keines kennt den Rummel um den "Ernst des Lebens", die Einschulung, wie sie nahezu unausweichlich allen Kindern in Deutschland blüht: Bis 6 Jahre dürfen sie spielen, was sie möchten, aber mit Eintritt in die Schule müssen sie ihren Willen, ihr Eigeninteresse, ihren individuellen Lerneifer an der Schultür abgeben und sind keine Individuen mehr, sondern in Schulklassen einsortierte Schüler. Nicht so bei uns. Für unsere Kleineren gehört Lernen zum alltäglichen Leben. Sie bekommen auch mit, daß Lernen nicht nur mit Mühen verbunden ist, sondern auch viel Freude macht.

Nachdem vor einem halben Jahr das Schulamt wieder mit uns in Kontakt trat und von allen Schulkindern Prüfungen verlangte, setzten wir wieder für jeden Tag "schulisches Lernen" an. Inzwischen haben wir alle aber besser gelernt, die Grenzen des Anderen zu erkennen und zu respektieren, sodaß auch genügend Freiraum für individuelles Lernen bleibt. Auf diesem Hintergrund haben wir nun auch mit Englisch begonnen (sehr zum Nutzen von Mama, der jetzt manches klar wird, was in der eigenen Schulzeit oft ein Rätsel war). Unterstützend dazu würden wir uns über ein englisches Austauschkind freuen, das unsere Aussprache und den Wortschatz bestimmt sehr verbessern könnte.

Zum Thema Schulamt gehört noch gesagt, daß wir leider noch zu keiner passablen Einigung gekommen sind. Die Gesprächsbereitschaft der Behörden ist leider sehr gering. Trotzdem gehen wir mit Freude unseren "Familienweg". Schön wäre es, wenn sich in der näheren Zukunft noch einige andere Familien mit uns auf den Weg machen würden.


Und was sagen unsere Kinder dazu, daß sie nicht in einer Schule sondern zuhause lernen?

Andrea (5 Jahre):
Mir gefällt an der Schule zuhause mein schönes Zahlenbuch, in dem ich rechnen und Zahlen nachmalen kann. Ich lerne auch schon lesen und schreiben. Bald kann ich dann alleine Briefe schreiben. Ich kann auch oft draußen spielen. Ich finde die Schule schön.

Dorothea (7 Jahre):
An der Heimschule gefällt mir, dass ich keinen langen Schulweg habe und daheim gut rechnen und schreiben lernen kann. Und dass wir keinen strengen Lehrer haben.

Angelika (10 Jahre):
Mir gefällt an der Heimschule, dass wir schneller mit Lernen fertig sind und ich so viel mehr Zeit zum Malen, Lesen und Spielen habe.

 

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