Die Chefanklägerin des Haager Tribunals,
Carla del Ponte, verweist bei jeder Gelegenheit darauf, daß allein
Milosevic und nicht das serbische Volk auf der Anklagebank sitze, daß
über dessen individuelle Schuld und nicht über eine serbische
Kollektivschuld verhandelt werde. Doch die von Geoffrey Nice, dem Assistenten
del Pontes, am Dienstag und Mittwoch verlesene Anklageschrift spricht eine
andere Sprache. Aus ihr läßt sich deutlich die Absicht herauslesen,
die serbische Position als Ganzes zu kriminalisieren. Im jugoslawischen
Bürgerkrieg waren unterschiedliche nationale Interessen
aufeinandergeprallt. Doch allein Serbien wird das Eintreten für seine
Interessen als Verbrechen angelastet. Zwar wird den Serben großzügig
zugestanden, arme Verführte eines skrupellosen Demagogen und
Machtpolitikers gewesen zu sein. Doch ist die große Mehrheit der
serbischen Bevölkerung heute noch davon überzeugt, im jugoslawischen
Krieg für die nationale Gerechtigkeit gekämpft zu haben. Deshalb
steht in Den Haag nicht nur Milosevic, sondern die serbische und damit auch die
jugoslawische Sache unter Anklage. Denn einzig Serbien hat Jugoslawien bis
zuletzt verteidigt.
Bezeichnend für die einseitige politische
Schuldzuweisung war die Präsentation der Milosevic-Rede auf dem Amselfeld
1989. Ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz »Wir stehen vor
neuen Kämpfen« sollte ihn als Kriegshetzer bloßstellen.
Die zentralen Passagen dieser Rede, die sich auf die Wiederherstellung
nationaler und sozialer Gerechtigkeit in Jugoslawien bezogen, wurden dem
Publikum vorenthalten. Ohne Verständnis für die komplexen nationalen
Beziehungen im untergegangenen Vielvölkerstaat maßt sich ein
amerikanischer Jurist an, den Schuldigen an der Balkan-Tragödie zu
benennen.
Unter den Zeugen der Anklage befinden sich auch ehemalige
KP-Nomenklaturakader aus dem Kosovo. Sie sollen die These stützen,
daß die von der serbischen Führung betriebene Reintegration des
Kosovo in den Bestand Serbiens den Beginn des Bürgerkrieges markiert habe.
Andere historische Deutungen werden vom Haager Gericht nicht zugelassen. Das
Gros der Zeugen aber sind Opfer von Kriegsverbrechen. Sie werden über
grauenhafte Geschehnisse zu berichten wissen. Sie werden, wie es die Anklage
wünscht, Slobodan Milosevic als den Verursacher ihrer Leiden nennen. Doch
die Beweiskraft solcher Behauptungen ist gleich Null.
Also wird die
Anklage immer wieder die Ereignisse von 1989 Revue passieren lassen, Milosevic
als rücksichtslosen Machtpolitiker und Fanatiker der großserbischen
Idee anprangern. Auch wenn Milosevic nie großserbisch argumentiert hat,
wird Signora del Ponte unbeirrbar an ihrem Rechtsstandpunkt festhalten: Wer
Großserbien im Sinn hat, meuchelt auch kleine Kinder. |