|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Wie war das damals, wie ist es heute?
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Eine Binsenweisheit, die man – erschreckend genug - mit zunehmendem Alter immer leichter verifizieren kann: man wird zwar immer vergesslicher, das Langzeitgedächtnis aber arbeitet wie bei einem Elefanten. Dinge die 30, 40 Jahre zurückliegen sind so präsent, als hätten sie sich gestern erst zugetragen. An meine Schulzeit etwa, (1964 – 1978) kann ich mich hervorragend erinnern. An die hagere, altjüngferliche Klassenlehrerin in der Volksschule (stramme Sozialistin, die beim damals selbst in öffentlichen Schulen im roten Wien noch üblichen Morgengebet ostentativ den Blick zu Boden wandte, die Hände nicht faltete und nicht mitbetete); an den verklemmten Religionslehrer, dessen ganze Zuwendung einem meiner Mitschüler galt, der von seinem Vater darauf dressiert war, bereits am ersten Schultag das „Vaterunser“ fehlerfrei in lateinischer Sprache aufzusagen; an den elenden Sadisten im Deutschunterricht der ersten Klasse im Gymnasium, der sich einen Spaß daraus machte, mich wegen meines grammatikalischen Unvermögens coram publico zur Schnecke zu machen; an den Matheprofessor, der pausenlos darüber bramabarsierte, wie gut es doch „Bankbeamten“ im Vergleich zu Lehrern ginge und daß er – im nächsten Leben – jedenfalls diese Profession zu wählen gedenke; und schließlich auch und vor allem an den Klassenvorstand und zugleich Lehrer für zwei Schlüsselgegenstände in der HTL (nämlich „Mechanik“ und „Maschinenelemente“), der sich in der allerersten Stunde mit der launigen Bemerkung vorstellte: „Meine Herren, wer nicht spurt, der fliegt!“ Ein Spruch, dem insofern ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit innewohnte, als die sage und schreibe 14 Repetenten, die wir in der 2. Klasse dazubekamen, allesamt auf sein Konto zu buchen waren. Kein einziger von ihnen hatte eine Chance. Entweder hatten die Knaben (damals gab´s in dieser Schule mit beinahe 1.000 Schülern gerade einmal ein Mädchen!) gleich in beiden seiner Gegenstände ein „Nicht genügend“ kassiert, oder er hatte sie bei der Nachprüfung eliminiert. Kein anderer meiner Lehrer flößte mir soviel Angst rück. Immer hatte ich genügend Zeit für meine eigentlichen Interessen. Fürs Radfahren, für den Modellbau oder das Herumhängen mit Freunden. Meine Eltern waren niemals mit dem Problem konfrontiert, ihr Leben ausschließlich nach den Erfordernissen meiner Schule(n) ausrichten zu müssen. Sie hätten´s wahrscheinlich auch gar nicht getan. Die Schule war eben mein Job. Zeitsprung. Heute. Neun von Mühsal, Ärger, Frustrationen, Ängsten und Sorgen bestimmte Jahre liegen hinter der besten Ehefrau von allen (nämlich meiner – E. Kishon hat in diesem Punkt immer gelogen!) und mir. Unser Kind (weiblich, 15 Jahre alt) geht seit heuer in einen Schultyp, den ruchlose Sexisten ehedem als „Knödelakademie“ zu diffamieren pflegten und der heute zeitgeistig geprägt den hochtrabenden Titel „Höhere Schule für Wirtschaftliche Berufe“ trägt. Wir zählen wahrhaft nicht zu jenen Eltern, die ihr Kind kritiklos in den Himmel heben und alles was daneben geht, grundsätzlich anderen anlasten. Uns ist bewußt: sie hat weder das Pulver erfunden, noch trieft sie von Eifer und Ehrgeiz. Ein durchaus durchschnittlich veranlagtes und begabtes Kind, wie wir uns von einschlägigen Experten mittlerweile haben bestätigen lassen. Dennoch – und dieses Los teilen wir mit einer ganzen Reihe von Eltern im Freundes- und Bekanntenkreis: das einzige wirklich relevante Thema in unserem Leben; jener Faktor, der die Gestaltung von Abenden, Wochenenden oder Urlauben bestimmt wie kein anderer ist die Schule. Wir haben Matheschularbeit, wir müssen ein Referat vorbereiten etc. Verheerend! Völlig ungeniert teilt uns einer der Lehrer im Gymnasium einst mit, er setze selbstverständlich voraus, daß die Eltern den Schulstoff mit dem Kind rekapitulieren und vertiefen würden. „Ohne aktive Mitarbeit der Eltern wird´s schwer werden…“ Selten mit so viel Chuzpe konfrontiert gewesen. Das Arbeitspensum ist erdrückend. Seitenlange Hausübungen, Vorbereitungsarbeiten und Projekte. Freizeit ist Mangelware. Die Jugend – die wohl schönste Zeit des Lebens, die eigentlich unbeschwert sein sollte, die den jungen Menschen noch keine allzu große Verantwortung aufbürden sollte – zieht vorbei; verschwendet mit nutzlosem Mist; zugebracht über Hausaufgaben oder vor dem (mittlerweile absolut unverzichtbaren) PC. Anstatt mit Freundinnen ins Kino oder Eislaufen zu gehen: eingedeckt mit Arbeit. Dazu kommt ein ständiger Druck auf die Eltern, unentwegt mitzuhelfen und den Schulerfolg des Kindes auf diese Weise zu ermöglichen. Ein guter Freund (Mediziner, Universitätsdozent) hilft zusammen mit seiner Ehefrau (Logopädin) tatkräftig bei einer Projektarbeit des 14jährigen Sprösslings in Naturgeschichte mit. Fazit: „Dös woah leider ‚nicht genügend', setzen!“ Alltagswahnsinn. Jede Menge ähnlich gelagerte Beispiele anderer Eltern könnten an dieser Stelle eingefügt werden. Also was ist los? Steht die Welt auf dem Kopf? Explodiert einfach der zu lehrende (und abzuprüfende) Stoff? Sind wir derart degeneriert, daß unsere Kinder schon als Idioten geboren werden und dann nix mehr dazulernen? Oder sorgt – heute in noch schlimmerem Maße als früher – eine beinharte Negativauslese dafür, daß nur noch für den Lehrberuf absolut ungeeignete Individuen als Lehrer
und Unbehagen ein; kein anderer hat mir je so viel beigebracht wie er (besorgniserregende Selbsterkenntnis: auf nackten Terror reagier( t)e ich offensichtlich mit großem Eifer und gesteigerter Angepasstheit…). Davon, daß ich je ein guter Schüler war, kann keine Rede sein. Dennoch blicke ich auf die 13 Jahre Schulzeit insgesamt nicht mit Widerwillen zurück. Auch wenn mir alles was ich heute weiß und kann nicht wegen, sondern trotz der Schule eignet. Auch wenn die Mehrzahl der von mir erlittenen Lehrkräfte eine bunte Mischung aus Zivilversagern (kaum einer davon hätte wohl auch nur den Probemonat in einem unter Marktbedingungen agierenden Betrieb überstanden), Neurotikern, Dummköpfen oder schlicht begnadeten Minderleistern bildete, die den Traum vom leistungslosen Einkommen bereits damals für sich verwirklicht hatten: ich blicke nicht im Groll auf diesen Abschnitt meines Lebens zu fungieren? Die halt überhaupt nur als Beamte und zu sonst gar nix zu gebrauchen sind? Die es mit heißem Bemühen schaffen, den Kindern jede Freude am Lernen oder an der Beschäftigung mit dem Stoff (welchem auch immer) nachhaltig zu vergällen? Wenn es so ist, was müßte geschehen um diesen Zustand zu ändern? Wie schon gesagt: ich bilde mir nicht ein, ein Wunderkind produziert zu haben. Mir ist klar, daß es g´scheitere und fleißigere Kinder gibt als das unsere. Ich neige auch nicht zu reflexartigen Schuldzuweisungen an Dritte. Allerdings stehe ich mit meinen Problemen beileibe nicht alleine da – und ich kann mich gut an die eigene Schulzeit erinnern, die nicht annähernd soviel Streß verursacht hat. Trotz (oder gerade wegen?) viel Freizeit in der Jugend bin ich zu guter Letzt doch nicht jener Straßenkehrer geworden, den mir weiland mein Vater als Schrecknis an die Wand malte, sollte ich nicht brav zur Schule gehen… |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||