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Mai 2005 Andreas Tögel Info von:   lernen.liberty
Wie war das damals, wie ist es heute?
   

Eine Binsenweisheit, die man – erschreckend

genug - mit zunehmendem Alter immer

leichter verifizieren kann: man wird zwar immer

vergesslicher, das Langzeitgedächtnis

aber arbeitet wie bei einem Elefanten. Dinge

die 30, 40 Jahre zurückliegen sind so präsent,

als hätten sie sich gestern erst zugetragen.

An meine Schulzeit etwa, (1964 – 1978) kann

ich mich hervorragend erinnern. An die hagere,

altjüngferliche Klassenlehrerin in der

Volksschule (stramme Sozialistin, die beim

damals selbst in öffentlichen Schulen im roten

Wien noch üblichen Morgengebet ostentativ

den Blick zu Boden wandte, die Hände

nicht faltete und nicht mitbetete); an den

verklemmten Religionslehrer, dessen ganze

Zuwendung einem meiner Mitschüler galt,

der von seinem Vater darauf dressiert war,

bereits am ersten Schultag das „Vaterunser“

fehlerfrei in lateinischer Sprache aufzusagen;

an den elenden Sadisten im Deutschunterricht

der ersten Klasse im Gymnasium, der

sich einen Spaß daraus machte, mich wegen

meines grammatikalischen Unvermögens coram

publico zur Schnecke zu machen; an den

Matheprofessor, der pausenlos darüber bramabarsierte,

wie gut es doch „Bankbeamten“

im Vergleich zu Lehrern ginge und daß er –

im nächsten Leben – jedenfalls diese Profession

zu wählen gedenke; und schließlich auch

und vor allem an den Klassenvorstand und

zugleich Lehrer für zwei Schlüsselgegenstände

in der HTL (nämlich „Mechanik“ und „Maschinenelemente“),

der sich in der allerersten

Stunde mit der launigen Bemerkung vorstellte:

„Meine Herren, wer nicht spurt, der fliegt!“

Ein Spruch, dem insofern ein hohes Maß an

Glaubwürdigkeit innewohnte, als die sage

und schreibe 14 Repetenten, die wir in der 2.

Klasse dazubekamen, allesamt auf sein Konto

zu buchen waren. Kein einziger von ihnen

hatte eine Chance. Entweder hatten die Knaben

(damals gab´s in dieser Schule mit beinahe

1.000 Schülern gerade einmal ein Mädchen!)

gleich in beiden seiner Gegenstände

ein „Nicht genügend“ kassiert, oder er hatte

sie bei der Nachprüfung eliminiert. Kein anderer

meiner Lehrer flößte mir soviel Angst rück. Immer hatte ich genügend Zeit für meine

eigentlichen Interessen. Fürs Radfahren,

für den Modellbau oder das Herumhängen

mit Freunden. Meine Eltern waren niemals mit

dem Problem konfrontiert, ihr Leben ausschließlich

nach den Erfordernissen meiner

Schule(n) ausrichten zu müssen. Sie hätten´s

wahrscheinlich auch gar nicht getan. Die

Schule war eben mein Job.

Zeitsprung. Heute. Neun von Mühsal, Ärger,

Frustrationen, Ängsten und Sorgen bestimmte

Jahre liegen hinter der besten Ehefrau von

allen (nämlich meiner – E. Kishon hat in diesem

Punkt immer gelogen!) und mir. Unser

Kind (weiblich, 15 Jahre alt) geht seit heuer in

einen Schultyp, den ruchlose Sexisten ehedem

als „Knödelakademie“ zu diffamieren

pflegten und der heute zeitgeistig geprägt

den hochtrabenden Titel „Höhere Schule für

Wirtschaftliche Berufe“ trägt. Wir zählen

wahrhaft nicht zu jenen Eltern, die ihr Kind

kritiklos in den Himmel heben und alles was

daneben geht, grundsätzlich anderen anlasten.

Uns ist bewußt: sie hat weder das Pulver

erfunden, noch trieft sie von Eifer und Ehrgeiz.

Ein durchaus durchschnittlich veranlagtes

und begabtes Kind, wie wir uns von einschlägigen

Experten mittlerweile haben bestätigen

lassen.

Dennoch – und dieses Los teilen wir mit einer

ganzen Reihe von Eltern im Freundes- und

Bekanntenkreis: das einzige wirklich relevante

Thema in unserem Leben; jener Faktor, der

die Gestaltung von Abenden, Wochenenden

oder Urlauben bestimmt wie kein anderer ist

die Schule. Wir haben Matheschularbeit, wir

müssen ein Referat vorbereiten etc. Verheerend!

Völlig ungeniert teilt uns einer der Lehrer im

Gymnasium einst mit, er setze selbstverständlich

voraus, daß die Eltern den Schulstoff

mit dem Kind rekapitulieren und vertiefen

würden. „Ohne aktive Mitarbeit der Eltern

wird´s schwer werden…“ Selten mit so viel

Chuzpe konfrontiert gewesen. Das Arbeitspensum

ist erdrückend. Seitenlange Hausübungen,

Vorbereitungsarbeiten und Projekte.

Freizeit ist Mangelware. Die Jugend – die

wohl schönste Zeit des Lebens, die eigentlich

unbeschwert sein sollte, die den jungen Menschen

noch keine allzu große Verantwortung

aufbürden sollte – zieht vorbei; verschwendet

mit nutzlosem Mist; zugebracht über

Hausaufgaben oder vor dem (mittlerweile absolut

unverzichtbaren) PC. Anstatt mit Freundinnen

ins Kino oder Eislaufen zu gehen: eingedeckt

mit Arbeit.

Dazu kommt ein ständiger Druck auf die Eltern,

unentwegt mitzuhelfen und den Schulerfolg

des Kindes auf diese Weise zu ermöglichen.

Ein guter Freund (Mediziner, Universitätsdozent)

hilft zusammen mit seiner Ehefrau

(Logopädin) tatkräftig bei einer Projektarbeit

des 14jährigen Sprösslings in Naturgeschichte

mit. Fazit: „Dös woah leider ‚nicht

genügend', setzen!“ Alltagswahnsinn. Jede

Menge ähnlich gelagerte Beispiele anderer

Eltern könnten an dieser Stelle eingefügt werden.

Also was ist los? Steht die Welt auf dem Kopf?

Explodiert einfach der zu lehrende (und abzuprüfende)

Stoff? Sind wir derart degeneriert,

daß unsere Kinder schon als Idioten geboren

werden und dann nix mehr dazulernen?

Oder sorgt – heute in noch schlimmerem

Maße als früher – eine beinharte Negativauslese

dafür, daß nur noch für den Lehrberuf

absolut ungeeignete Individuen als Lehrer

 

und Unbehagen ein; kein anderer hat mir je

so viel beigebracht wie er (besorgniserregende

Selbsterkenntnis: auf nackten Terror reagier(

t)e ich offensichtlich mit großem Eifer

und gesteigerter Angepasstheit…).

Davon, daß ich je ein guter Schüler war, kann

keine Rede sein. Dennoch blicke ich auf die

13 Jahre Schulzeit insgesamt nicht mit Widerwillen

zurück. Auch wenn mir alles was ich

heute weiß und kann nicht wegen, sondern

trotz der Schule eignet. Auch wenn die Mehrzahl

der von mir erlittenen Lehrkräfte eine

bunte Mischung aus Zivilversagern (kaum einer

davon hätte wohl auch nur den Probemonat

in einem unter Marktbedingungen agierenden

Betrieb überstanden), Neurotikern,

Dummköpfen oder schlicht begnadeten Minderleistern

bildete, die den Traum vom leistungslosen

Einkommen bereits damals für

sich verwirklicht hatten: ich blicke nicht im

Groll auf diesen Abschnitt meines Lebens zu fungieren? Die halt überhaupt nur als Beamte

und zu sonst gar nix zu gebrauchen sind? Die

es mit heißem Bemühen schaffen, den Kindern

jede Freude am Lernen oder an der Beschäftigung

mit dem Stoff (welchem auch

immer) nachhaltig zu vergällen? Wenn es so

ist, was müßte geschehen um diesen Zustand

zu ändern?

Wie schon gesagt: ich bilde mir nicht ein, ein

Wunderkind produziert zu haben. Mir ist klar,

daß es g´scheitere und fleißigere Kinder gibt

als das unsere. Ich neige auch nicht zu reflexartigen

Schuldzuweisungen an Dritte. Allerdings

stehe ich mit meinen Problemen

beileibe nicht alleine da – und ich kann mich

gut an die eigene Schulzeit erinnern, die

nicht annähernd soviel Streß verursacht hat.

Trotz (oder gerade wegen?) viel Freizeit in der

Jugend bin ich zu guter Letzt doch nicht jener

Straßenkehrer geworden, den mir weiland

mein Vater als Schrecknis an die Wand malte,

sollte ich nicht brav zur Schule gehen…

 

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