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10.05.07 Justus Bender und Maren Soehring Info von:   zeitenwende
"Aus dem Bauch"
   

Die Intuition wird gern unterschätzt. Der Psychologe Gerd Gigerenzer möchte das ändern. Er sagt: Wir entscheiden oft besser, wenn wir weniger wissen. Aber können wir unserem Gefühl wirklich vertrauen?

ZEIT Campus: Guten Morgen, Professor Gigerenzer, wie stehen eigentlich Ihre Aktien?

Gerd Gigerenzer : Meine Aktien?

ZEIT Campus: Sie haben doch 50 000 Euro in riskante Internetaktien investiert – um Ihre Theorie über die Intuition zu beweisen.

Gigerenzer : Richtig, das war das lukrativste Experiment meines Lebens. Meine Kollegen und ich hatten eine Liste mit 300 Internetaktien. Damit gingen wir in München auf die Straße und fragten 180 Passanten, von welchen Unternehmen sie schon einmal gehört hätten. Von den zehn bekanntesten Firmen kaufte ich Aktien.

ZEIT Campus: Und?

Gigerenzer : Der Wert meines Portfolios stieg in einem halben Jahr um 47 Prozent. Er lag weit über der Entwicklung des Marktes und der großen Investmentfonds. Dabei sagten die meisten Passanten, dass sie sich mit Aktien überhaupt nicht auskennen.

ZEIT Campus: Ein Glückstreffer also?

Gigerenzer : Keineswegs. Wir haben das Experiment einige Male wiederholt und mehrere Portfolios mit der gleichen Methode zusammengestellt. Sie haben alle ebenso gute Ergebnisse erzielt wie die großen Fondsgesellschaften.

ZEIT Campus: Das Bauchgefühl von Passanten schlägt das Fachwissen der Finanzexperten. Wie kann das sein?

Gigerenzer : Viele Investmentbanker wissen zu viel. Sie schaffen es nicht, aus der Fülle an Informationen die relevanten herauszufiltern. Hat ein Laie die Wahl zwischen zwei Aktien, liegt seine Erfolgsquote bei 50 Prozent: Er entscheidet zufällig und ohne nachzudenken. Finanzberater hingegen kamen in einer schwedischen Studie nur auf 40 Prozent. Das heißt: Sie entschieden im Schnitt schlechter als der Zufall. Unsere Passanten wussten wenig genug, um intuitiv zwischen den starken und schwachen Unternehmen zu unterscheiden. Sie haben unbewusst richtig gelegen.

ZEIT Campus: Aber für eine gute Entscheidung braucht man auch Verstand, oder nicht?

Gigerenzer : Ja, und den Mut, sich selbst zu vertrauen. Bildlich gesprochen geht es um ein Dreieck aus Kopf, Bauch und Herz. Sagen wir, das Dreieck symbolisiert den menschlichen Willen, dann gibt es zwei wichtige Faktoren, die ihn bestimmen können: Ratio oder Intuition. Und der Mut hilft uns, zwischen beiden den richtigen Weg zu wählen.

ZEIT Campus: Es gibt aber Entscheidungen, die wir besser mit dem Bauch als mit dem Kopf treffen?

Gigerenzer : Ich glaube schon. Die beste Entscheidung ist nicht zwangsläufig die, bei der wir das Für und Wider bis zum Ende abwägen. Stattdessen gibt es so etwas wie die Intelligenz des Unbewussten: Wir stehen vor einer Entscheidung und wissen ohne Nachdenken sofort, welches die richtige Vorgehensweise ist. Ein Beispiel: Wir haben professionelle Handballspieler untersucht. Handballspieler müssen sich in der Zeitspanne eines Wimpernschlages für den richtigen Spielzug entscheiden. Und man kann zeigen, dass die Optionen, die erfahrenen Handballern einfallen, schlechter werden, je länger sie nachdenken.

ZEIT Campus: Warum ist das so?

Gigerenzer :Das Unterbewusstsein ordnet unsere Einfälle, je nachdem wie erfolgreich sie in der Vergangenheit waren. Deshalb kommen uns die guten Ideen immer zuerst. Diesen Effekt können Sie übrigens auch im Alltag einsetzen. Spielen Sie Tennis?

ZEIT Campus: Leider nein.

Gigerenzer :Wenn Sie auf dem Platz einen starken Gegner haben, der jeden Ball präzise und unhaltbar über das Netz schlägt, bringen Sie ihn am besten mit einem Kompliment aus dem Konzept. Fragen Sie einfach beim Seitenwechsel: »Wie spielst du nur diese tolle Vorhand?« Sie können ziemlich sicher damit rechnen, dass Ihr Gegner anfängt, über seine Technik nachzudenken – und in der zweiten Spielhälfte viel mehr Fehler macht.

ZEIT Campus: Heißt das, je weniger ich weiß und nachdenke, umso klüger entscheide ich?

Gigerenzer : In bestimmten Situationen schon.

ZEIT Campus: Aber wann? Das Leben ist kein Tennisspiel. Können unüberlegte Entscheidungen nicht gefährlich sein?

Gigerenzer : Wichtig ist, seinem Bauch nur in Bereichen zu vertrauen, in denen man Erfahrung hat und aus Fehlern lernen kann, zum Beispiel beim Schachspielen, Klavierspielen, Sport oder Chicken-Sexing.

ZEIT Campus: Chicken-Sexing? Das müssen Sie uns jetzt aber erklären.

Gigerenzer : Für kommerzielle Hühnerfarmer ist es wichtig, so schnell es geht, das Geschlecht der Küken zu erkennen, da nur die Hennen Eier legen und wirtschaftlich interessant sind. Chicken-Sexer können die Küken schon nach wenigen Tagen voneinander unterscheiden, obwohl sich die Geschlechtsmerkmale erst nach vier Wochen ausbilden. Fragt man diese Menschen, wie sie das tun, können sie es nicht erklären.

ZEIT Campus: Doch widersprechen intuitive Entscheidungen nicht unserer Vorstellung von Verantwortung? Nehmen Sie an, ein Arzt beruft sich bei der Behandlung seiner Patienten auf sein Bauchgefühl, und einer dieser Patienten stirbt. Was dann?

Gigerenzer : Man braucht natürlich beides. Das rationale, statistische Denken und das intuitive, heuristische Denken. Doch gerade Ärzte verfolgen oft ausschließlich rationale Strategien, die den Patienten mehr schaden als helfen: Untersuchungen haben ergeben, dass Anwälte und ihre Angehörigen seltener operiert werden als Patienten mit anderen Berufen. Die Ärzte haben Angst, dass bei der OP etwas schief gehen könnte, und fürchten sich vor möglichen Klagen. Besser wäre es, sie würden über solche Dinge nicht nachdenken, sich auf ihre Erfahrung und ihr Gefühl verlassen und alle Menschen nur ihrer Krankheit gemäß behandeln.

ZEIT Campus: Sie sagen, die Intuition entscheidet manchmal schneller und besser als die Vernunft. Brauchen wir sie im schnelllebigen Informationszeitalter deshalb umso mehr?

Gigerenzer : Eigentlich brauchten wir sie immer schon. Sie wurde nur lange unterschätzt. In der abendländischen Philosophie standen Emotionen unter der Vernunft. Genauso wie Frauen historisch unter den Männern standen. Also hat man irgendwann das vermeintlich schlechtere Geschlecht und das schlechtere Denken zusammengebracht und gesagt: Frauen haben Intuition, Männer sind rational. Das finden Sie bei Immanuel Kant, und bis vor wenigen Jahrzehnten stand es in den Lehrbüchern.

ZEIT Campus: Heute steht es in den Illustrierten.

Gigerenzer : Ja, das Gerücht hält sich hartnäckig. Viele, Männer wie Frauen, sind der Meinung, Intuition sei eine weibliche Eigenschaft, was nachweislich falsch ist: Auch Männer treffen intuitive Entscheidungen. Viele männliche Manager und Politiker, mit denen ich gesprochen habe, sagen, sie verlassen sich bei wichtigen Entscheidungen auf ihr Bauchgefühl. Sie sammeln erst Daten und Fakten. Doch irgendwann sagen sie intuitiv: So wirds gemacht!

ZEIT Campus: Etwas konkreter: Was raten Sie einem Berufsanfänger, der sich nach einem Arbeitgeber umsieht? Wie kann die Intuition helfen, den richtigen zu wählen?

Gigerenzer : Als Erstes sollten Sie sich natürlich gründlich informieren. Sie erkundigen sich über die potenziellen Arbeitgeber, fragen wahrscheinlich Freunde und Familie um Rat, vielleicht machen Sie eine Pro-und-Contra-Liste. Entweder Sie sind sich dann sicher genug, um entscheiden zu können. Wenn nicht, ist es Zeit für die Intuition: Schmeißen Sie die Zettel weg und folgen Sie Ihrem Bauch!

ZEIT Campus: Wir sollen unsere berufliche Zukunft von einer inneren Ahnung abhängig machen?

Gigerenzer : Ja. Und wahrscheinlich liegen Sie damit besser, als wenn Sie noch drei Wochen recherchiert hätten. Aber fangen Sie einfach bei banalen Entscheidungen an. Experimentieren Sie mit Ihrem Bauchgefühl! Viele Menschen sind Maximierer. Sie sind nie mit einer Entscheidung zufrieden, sie zappen durch die Fernsehprogramme, auf der Suche nach der perfekten Sendung. Andere sind Imitatoren, sie bestellen im Restaurant das Gleiche wie der Herr am Nachbartisch. Ich wähle oft das Erstbeste auf der Speisekarte, das mir gefällt, und schaue nicht, ob meine Lieblingsspeise weiter hinten auf der Karte steht. Wer so entscheidet, ist im Nachhinein meist zufriedener mit seiner Wahl, weil er nicht das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben. Man sollte früh anfangen, verschiedene Methoden auszuprobieren. Aber leider wird intuitives Denken nicht an den Schulen unterrichtet.

ZEIT Campus: Sollte es denn?

Gigerenzer : Unbedingt. Genauso übrigens wie Statistik, die im Mathematikunterricht oft unter den Tisch fällt. Viele Menschen können Verhältnismäßigkeiten nicht abschätzen und neigen zu panischen Überreaktionen. Gestern war es Sars, vorher BSE, heute H5N1. Durch BSE sind in ganz Europa ungefähr 140 Menschen gestorben. Wir haben nachgeforscht und herausgefunden: Im selben Zeitraum sind 140 Kinder gestorben, weil sie Öl aus den Duftlampen ihrer Eltern getrunken haben. BSE war also genauso gefährlich wie Duftlampenöl. Aber solche Zusammenhänge sind schwer zu vermitteln. Ein anderes Beispiel: Nach dem 11. September kamen in den USA 1500 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben, weil sie ihre Flugreisen abgesagt hatten und lieber mit dem Auto fuhren. Ein Terroranschlag erschien ihnen wahrscheinlicher als ein ganz normaler Autounfall.

 

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