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Weltweit ziehen die Preise
für Lebensmittel kräftig an. Das ist kein kurzfristiger Trend. Im
Gegenteil. Vor allem die steigenden Energiepreise und der Heißhunger
Asiens treibt die Branche auch in Zukunft an
von Peter Gewalt und Carl
Batisweiler
Zentralbankchefs legen bei ihren
Meetings entgegen aller Erwartungen ein ähnliches Verhalten an den Tag wie
Hausfrauen beim Tratsch nach der morgendlichen Einkaufstour. So gab es beim
Treffen der wichtigsten 50 Notenbanker der Welt Ende Juni in der Schweiz ein
Gesprächsthema, das die Gemüter ganz besonders erhitzte. Die obersten
Währungshüter jammerten "einer nach dem anderen über die hohen
Lebensmittelpreise", wie sich der türkische Zentralbankchef Durmus Yilmaz
gut erinnert.
Denn ob Popcorn in den USA, ob
Fish & Chips in England, ob Steaks in Südafrika oder Milchprodukte in
Deutschland, die bald bis zu 15 Prozent mehr kosten dürften - die Preise
für die Gaumenfreuden des Alltags steigen weltweit so rasant wie die Angst
der Währungshüter vor einem Comeback der Inflation. Nicht zu Unrecht.
Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) haben die Kosten für
Lebensmittel in den vergangenen 18 Monaten um 23 Prozent angezogen - der
stärkste Anstieg des vergangenen Jahrzehnts.
Der Startschuss für diese
Rally fiel just in dem Moment, als immer mehr Staaten aufgrund des rasanten
Ölpreisanstiegs auf Biosprit aus Getreide, Sojabohnen oder Zucker setzten.
Seither konkurrieren Milliarden Verbraucher mit milliardenschweren
Biotreibstoffherstellern wie dem US- Unternehmen ADM um ein und dasselbe Gut.
Und je höher die Energiepreise nach oben schießen, umso
populärer wird Biosprit. "Der Preis von Öl bestimmt so immer mehr den
Preis von Nahrungsmitteln", sagt Lester Brown, Chef der nicht-staatlichen
Organisation Earth Policy Institute. "Die Rohstoffmärkte Lebensmittel und
Energie wachsen daher immer enger zusammen."
Mit fatalen Folgen. In Mexiko
demonstrierten die Massen Anfang des Jahres gegen die hohen Kosten für das
aus Mais hergestellte Nationalgericht Tortilla, in England schafften es die
steigenden Brotpreise auf die Titelseiten der Boulevardpresse, in Pakistan und
der Ukraine wurden die Getreideexporte vor wenigen Wochen gestoppt, um
Engpässe zu vermeiden. "Wir haben so etwas in diesem Ausmaß noch nie
zuvor gesehen", staunt Martin von Lampe, Landwirtschaftsökonom bei der
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit OECD. Und ein Ende ist so
schnell nicht abzusehen. Die OECD prophezeit einen Anstieg der
Lebensmittelpreise um bis zu 50 Prozent bis 2017. Ins selbe Horn bläst
Nestlé-Chef Peter Brabeck. Seiner Meinung nach sind die gestiegenen
Lebensmittelpreise kein "temporäres Phänomen, sondern Ausdruck einer
veränderten Struktur von Angebot und Nachfrage. Eugen Weinberg,
Rohstoffexperte bei der Commerzbank, kennt die Gründe: "Der Biosprit-Boom,
das starke globale Bevölkerungswachstum und die Änderung der
Essensgewohnheiten ziehen die Nachfrage langfristig nach oben", meint Weinberg.
"Das zusätzliche Nahrungs-und Futterangebot kann da nicht mithalten."
Vor allem die Situation auf dem
Weizenmarkt ist nach einigen Missernten angespannt wie schon seit langem nicht
mehr. So erwartet das amerikanische Landwirtschaftsministerium USDA wie schon
im Vorjahr für 2007/2008 ein globales Defizit von zehn Millionen Tonnen.
Weder Knappheit noch Preissprünge halten die von Energie-Importen
abhängige Staaten davon ab, die Ökowende zu proben. Dabei geht es
nicht nur darum, das Klima durch nachwachsende Rohstoffen zu schonen.
Gleichzeitig suchen die Industriestaaten mehr Unabhängigkeit von der
Organisation erdölexportierender Länder Opec, die 75 Prozent der
globalen Ölreserven beherbergen.
Der Aufstieg Asiens hat die
Macht des Kartells gestärkt. Nicht nur die Wirtschaftsdynamik, sondern
auch der Energieverbrauch zwischen Peking und Delhi nimmt rasant zu. Walter
Stabell, Senior Client Portfolio Manager für Fonds bei Invesco, sagt:
"Etwa die Hälfte der Zunahme des globalen Energieverbrauchs seit 2000
entfällt auf die beiden Länder China und Indien, deren Energiehunger
noch lange nicht gestillt zu sein scheint."
Entlastung ist nicht in Sicht.
Den Prognosen des IMF zufolge wird die Weltwirtschaft in den Jahren 2007 und
2008 um fast fünf Prozent zulegen - und jede Ausweitung des globalen
Bruttoinlandsprodukts um zwei Prozent erfordert eine Million zusätzliche
Fass Öl pro Tag. Die Opec wiederum lässt die Muskeln spielen. Trotz
des Preisanstiegs hat das Kartell den Ausstoß in diesem Jahr schon
zweimal gedrosselt. Gleichzeitig fällt die Ölproduktion in einigen
Nicht- Opec-Förderländern wie Mexiko oder Großbritannien
schneller als bisher erwartet. Mit schweren Konsequenzen: Die Internationale
Energiebehörde (IEA) prophezeit bis 2012 eine weltweite Öl- und
Gasknappheit, die die Energiepreise weiter in die Höhe treibt.
"Mit aller Macht gegensteuern"
heißt daher die Devise der Industriestaaten. Allein die USA wollen die
Produktion von Biokraftstoff aus Futtermais in den kommenden drei Jahren auf 90
Millionen Tonnen verdreifachen. Dieser Zuwachs entspricht der gesamten
Maisproduktion der EU. Bis 2030 soll sich der Ethanolausstoß sogar
verachtfachen. Noch ehrgeiziger sind die Pläne der Europäer, die laut
IEA die Menge an Biosprit bis 2030 um das 18-Fache steigern wollen.
Klar ist: Je stärker die
Energienotierungen in Zukunft nach oben schießen, umso stärker wird
auch der Preis von Mais, Zuckerrohr und Sojabohnen anziehen. Einerseits weil
Biokraftstoffe dadurch konkurrenzfähiger werden, andererseits weil auch
die Energiekosten für den Anbau und die Produktion von Lebensmitteln bis
hin zur Viehzucht zulegen. Spekulanten haben den Zusammenhang erkannt und
wetten schon daher auf den sogenannten Grill-Spread. Soll heißen: Sie
decken sich immer dann mit Fleisch-Futures ein, sobald die Preise für
Energie steigen. Die Politik sorgt zudem dafür, dass es zu deutlichen
Preisverwerfungen auf dem Weltmarkt kommt. "Die massive politische
Förderung von nachwachsenden Energierohstoffen, also die Subventionierung,
beeinflusst die Märkte teilweise sehr stark", erklärt Wolfgang Deml,
Chef des Agrar- und Mineralölhändlers Baywa. So setzt Washington
einseitig stark auf einheimischen Mais zur Produktion von Biosprit. Nach
Untersuchungen der Eidgenössischen Material- und Prüfungsanstalt
(EMPA) in der Schweiz hat die Getreidesorte aber die schlechteste
Ökobilanz aller für die Ethanolproduktion vorgesehenen
Nahrungsmitteln.
Vernichtendes Urteil der
Eidgenossen: Die Herstellung des Bio-Alkohols aus Mais schneidet in der
Ökobilanz noch schlechter ab als konventionelles Benzin. Zuckerrohr
wäre laut EMPA die deutlich bessere Lösung. Bei der Umwandlung zu
Ethanol müssen nicht nur deutlich weniger Pestizide, sondern auch deutlich
weniger Energie eingesetzt werden. Problem für die EU und die USA: Die
energiereichsten Grundsstoffe wie Zuckerrohr oder Palmöl sind vor allem in
der südlichen Hemisphäre und in Asien zu finden.
Um in keine neue
Abhängigkeit zu geraten, belegen die USA günstige Ethanolimporte mit
Strafzöllen. Damit sollen auch die heimischen Produzenten geschützt
werden, die zu sehr viel höheren Kosten Biosprit herstellen. Mit absurden
Folgen: Während derzeit genug Zuckerrüben für die aktuelle
Biospritproduktion vorhanden sind, bringen die US-Maiskäufe den Markt
unter Druck.
Nicht nur der Heißhunger
der Ethanolindustrie, sondern auch der wachsende Appetit der Menschheit treibt
den globalen Bedarf an Getreide an. Jährlich legt die Weltbevölkerung
um 70 Millionen Menschen zu. Noch wichtiger: Das Essverhalten mehrer hundert
Millionen von Konsumenten in den Entwicklungsländern ändert sich
gerade dramatisch (siehe Investor Info). "Durch das steigende Einkommen wird
proteinhaltigeres Essen immer populärer", erklärt Eckart Keil,
Fondsmanager des Stabilitas Soft Commodities.
Zwischen Peking und São
Paulo kommt statt Reis immer mehr Geflügel, statt Gemüse immer mehr
Fleisch auf den Tisch. Dadurch steigt der Einsatz von Mais, Weizen und
Futtergetreide überproportional an. Rinder müssen erst einmal acht
Kilo Getreide fressen, bis am Ende ein Kilo saftigen Hüftsteak beim
Konsumenten auf dem Teller landet.
Eine massive Ausdehnung der
Produktionsflächen im Gegenzug scheint schwierig. "Die weltweiten
Anbaufläche von Getreide stagnieren bereits seit 1980 bei rund 750
Millionen Hektar", stellen die Rohstoffexperten der HVB fest. "Zuwächsen
in Südamerika steht ein Verlust von Agrarfläche in China durch die
Industrialisierung gegenüber."
Zusätzlich bedroht der Klimawandel die
Ernten weltweit. Untersuchungen zu Folge wird eine Erwärmung um zwei Grad
aufgrund zunehmender Trockenphasen zu 20 Prozent niedrigeren Ernteergebnissen
führen. Einen Vorgeschmack auf künftige Ereignisse gab es vergangenes
Jahr, als Australiens Getreideernte aufgrund einer lang anhaltenden Dürre
schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Angesichts der drohenden Engpässe und
Preissteigerungen warnt die UN-Organisation für Landwirtschaft und
Ernährung FAO vor weltweiten Hungersnöten, die vor allem den
afrikanischen Kontinent treffen könnte.
Zu den Gewinnern gehören
dagegen Flächenstaaten wie Brasilien und Argentinien, die ihre
landwirtschaftlichen Produktionsflächen noch stark ausweiten können.
Gute Aussichten gibt es auch für die Branchen, die die Produktivität
des Ackerbaus vorantreiben. "Profitieren werden bei dieser Entwicklung
grundsätzlich die Ackerbauern, Saatgutproduzenten, die Forstwirtschaft und
die Landmaschinenhersteller", so Deml. Die Aktien von Firmen aus dem
Agrar-Business konnten daher im vergangenen Jahr parallel zum Anstieg der
Lebensmittelpreise teils über 100 Prozent zulegen.
Von einem Anleger-Boom zu
sprechen ist aber verfrüht, meint Fondsmanager Keil. "Der Markt steckt
noch in den Kinderschuhen." Abschreckend auf Privatanleger wirkten zuletzt aber
vor allem die Ergebnisse von Direktinvestments in Weizen, Soja oder Kakao.
Aufgrund von Rollverlusten (siehe Investor Info) schlitterten viele Papiere in
die Miesen, obwohl die zu Grunde liegenden Preise gestiegen waren.
Immerhin: Die Deutsche
Börse hat nun auf den Aufschwung der Lebensmittelbranche reagiert. Sie
bildet seit vergangener Woche mit dem neuen DAX-global-Agribusiness-Index die
Großen der Branche ab. Dazu gehören Saatgut- und
Düngemittelproduzenten wie Monsanto, die Sparte Nutztierhaltung und
-verarbeitung, die Lebensmittelindustrie sowie Herstellung und Vermarktung von
Ethanol und Biodiesel wie Archer-Daniels-Midland und natürlich die
großen Landmaschinenhersteller. Noch gibt es keine investierbaren
Produkte auf den Index. Zertifikate- und ExchangeTraded-Funds-Anbieter
dürften aber schon bald reagieren.
Vorsichtig sollten Anleger bei
reinen Lebensmittelherstellern wie Nestlé, Danone oder Cadbury Schweppes
sein. Die Brot-, Snack- und Getränkehersteller werden von den gestiegenen
Rohstoffpreisen hart getroffen. Den Firmen dürfte es nicht immer gelingen
die Preissteigerungen 1?:?1 auf die Kunden umzuschlagen. Daher versuchen einige
Unternehmen nun die Zusammensetzung ihrer Produkte so zu verändern, dass
kostenintensive Ingredienzien durch günstigere ersetzt werden. Wie das
funktioniert, haben einige chinesische Fastfood-Buden vorgemacht. Diese haben
ihre Hamburger statt mit teurem Fleisch mit billiger Pappe
hergestellt.
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