| In der Propaganda der Nato spielen Beschuldigungen des
Völkermords dieselbe Rolle wie Cruise Missiles im Luftkrieg. Behauptungen,
daß serbische Truppen und paramilitärische Einheiten Tausende,
Zehntausende oder sogar Hunderttausende Kosovo-Albaner ermorden, Vergleiche von
Milosevic mit Hitler, Erinnerungen an den Holocaust - all das sind Waffen, die
die öffentliche Meinung wenn nicht überzeugen, dann zumindest
einschüchtern sollen. Diese Propaganda, die von höchster
Regierungsebene ausgeht, soll jeden kritischen Gedanken und jedes ernsthafte
Nachdenken über den Konflikt auf dem Balkan ersticken. Der hysterische
Vergleich der Ereignisse im Kosovo mit den Todeslagern der Nazis ist Ausdruck
der enormen Schwäche der kriegsführenden Regierungen. Sie können
für ihre Bombenkampagne keine andere Rechtfertigung anführen, als
diese wilden und unbewiesenen Behauptungen. Die amerikanischen Medien
übernehmen ihre Argumente wie üblich vom Außenministerium, dem
Pentagon und der CIA. Leitartikler, Kolumnisten, Fernsehautoren und
-kommentatoren plappern alle dieselben Phrasen nach - ethnische Säuberung,
Massenmord, Völkermord. Alle dämonisieren als erstes Milosevic und
beschuldigen dann die serbische Bevölkerung pauschal, sie begehe
Verbrechen, die jenen der Waffen-SS ebenbürtig seien. Es ist daher
äußerst bemerkenswert, daß eine Zeitung wie die New York
Times, die zu den eifrigsten Kriegsbefürwortern zählt, in einer
Reportagenserie ein ganz anderes Bild der Verhältnisse im Kosovo zeichnet.
Verfaßt wurde sie in den vergangenen zehn Tagen von Steven Erlanger, dem
Jugoslawien-Korrespondenten der Times, der die Möglichkeit zu ausgedehnten
Reisen in Serbien und dem Kosovo hatte. Aus seinen Berichten geht ein
wesentlich komplexeres und nuancierteres Bild einer Gesellschaft hervor, die
vom Krieg zerstört wird. Vor dem Krieg konzentrierten sich die Spannungen
im Kosovo auf den Konflikt zwischen einer bewaffneten albanischen
Guerillabewegung, der UCK, und den serbischen Streitkräften. Das zog
unvermeidlich auch die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft, im Vergleich
zu heute allerdings nur in geringfügigem Ausmaß. Die Bombenkampagne
der Nato bildete dann den Startschuß für eine Terrorkampagne von
beiden Seiten. Ultrarechte serbische Nationalisten spielten dabei eine wichtige
Rolle, während die jugoslawische Armee eine Offensive gegen die UCK
startete, die der serbischen Seite schnell die Übermacht sicherte.
Während die Nato behauptet, die Bombardierung solle ethnischen
Säuberungen Einhalt gebieten, legen Erlangers Reportagen nahe, daß
die Bombardierung und nicht serbische Grausamkeiten der wichtigste Grund
für die Fluchtbewegung ist. Zwei kombinierte Faktoren ließen die
Flüchtlingszahl auf mehrere Hunderttausend ansteigen: Das wachsende
Ausmaß der Bombardierung und Panik, angeheizt durch die Propaganda der
Nato, daß alle Albaner, die nicht die Flucht ergreifen, von Serben
umgebracht würden. Zustände in Pristina Am 4. Mai besuchte Erlanger
die Kosovo-Hauptstadt Pristina, wobei ihm auffiel, daß sich viele
Albaner, vor allem ältere, "frei in der Stadt bewegen". Ansässige
Albaner beschreiben die beiden Wochen, in denen serbische Ultranationalisten,
einschließlich maskierter paramilitärischer Einheiten, randalierend
durch die Stadt zogen, plünderten, brandschatzten und albanische Familien
zur Flucht zwangen. Ein serbischer Beamter gesteht ein, daß sich
patriotische Serben vieler Dinge schämen müssen, die in ihrem Namen
getan wurden, und gibt an, 350 Zivilisten, Polizisten und Soldaten seien wegen
der Verbrechen verhaftet worden, die in jener Zeit begangen wurden. Einwohner
Pristinas sprechen über drei Flüchtlingswellen aus der Stadt. Die
erste umfaßte jene, die bei Beginn der Luftangriffe angewiesen oder
gezwungen wurden, zu gehen. "Die zweite Welle wurde durch die Bombardierung der
Innenstadt in der Nacht vom 6. April ausgelöst. Alle, die ein Auto
besaßen gingen weg, und bis zu 5000 Menschen aufs Mal von den Bus- und
Bahnstationen. Die dritte Welle entsprang der allgemeinen Panik, daß
scheinbar jeder wegging." Ohne exakte Zahlen angeben zu können, legt der
Reporter der Times den Schluß nahe, daß weit mehr Leute aufgrund
der Nato-Angriffe aus Pristina geflohen sind als aufgrund serbischer
nationalistischer Pogrome. Hinzu kommt, daß in den späteren
Fluchtwellen auch Tausende serbische Einwohner die Stadt verließen oder
ihre Frauen und Kinder in Sicherheit brachten. Am 6. Mai besuchte der Times
-Reporter Prizren, eine große Stadt nahe der Grenze des Kosovo zu
Albanien, aus der erst kürzlich große Teile der albanischen
Bevölkerung geflohen sind. Er beschreibt die Umstände
folgendermaßen: "Vergangene Woche, als die Nato ihre Luftangriffe auf die
Gegend verstärkten, ergriffen nach Angaben von UN-Vertretern bis zu 30.000
Albaner aus Prizren panikartig die Flucht, nachdem eine Bombe in ein armes
Wohngebiet eingeschlagen hatte. Laut serbischen Medien wurden mindestens
fünf Zivilisten getötet und 23 verwundet." Auch hier hat also eine
Nato-Bombe die Massenflucht ausgelöst. In vielen Fällen ergriffen
Albaner die Flucht aus Angst, und nicht weil sie unmittelbar bedroht wurden.
Ein älterer Albaner berichtete dem Times -Reporter, daß sich die
Leute sowohl vor den Bomben als auch vor den Serben fürchteten. "Sie
sagten einigen Leuten, sie sollen gehen, aber nicht in unserem Wohngebiet. Uns
sagte niemand, wir sollen gehen, aber einige wurden bedroht." Albanische
Einwohner und UN-Vertreter stellten übereinstimmend fest, daß die
albanischen Einwohner Prizrens in den ersten sechs Kriegswochen nicht
weggezogen waren und erst in der ersten Maiwoche gingen, als die Stadt fast
jeden Tag von der Nato bombardiert wurde. Eine serbische Frau sagte Erlanger:
"Wir haben Angst, sie (die Albaner) haben Angst... Mein albanischer Nachbar hat
mich gefragt, wann dieser Wahnsinn endlich aufhört. Wenn sie bombardieren,
stehen wir alle zusammen." Auf der Rückreise nach Pristina bemerkte
Erlanger, daß die beiden ehemaligen UCK-Stützpunkte Dule und Sucva
Reka "praktisch entvölkert und die meisten Geschäfte und Häuser
ausgebrannt sind". Albanische Opfer der Nato-Bomben Ein weiterer Bericht
desselben Reporters, ebenfalls vom 6. Mai, schildert die Familie Llugiqi im
albanischen Dorf Velika Dobranja, etwa 20 km von Pristina entfernt. Aus diesem
Dorf ist die albanische Bevölkerung nicht weggezogen. Das Dorf befindet
sich in der Nähe einer Stadt mit serbischen Einwohnern, "einige Albaner
hier sprechen serbisch und die UCK hatte nie viel Einfluß. Deshalb hat
die jugoslawische Armee und Militärpolizei Velika Dobranja weitgehend sich
selbst überlassen." Die albanische Bevölkerung hier litt nicht unter
ethnischen Säuberungen, wohl aber unter den Bomben der Nato. Die
sechsjährige Tochter von Rahman Llugiqi, der früher für den
albanischsprachigen Dienst von Radio Belgrad gearbeitet hatte, wurde durch eine
Rakete getötet, die auf den nahegelegenen Flugplatz von Pristina zielte.
Außerdem haben die Bombenabwürfe und der Mangel an Treibstoff die
landwirtschaftliche Tätigkeit, die Hauptbeschäftigung der Albaner,
nahezu unmöglich gemacht. Rahman Llugiqi sagte dem Reporter: "Wir haben
aus dem Fernsehen vernommen, das schreckliche Dinge geschehen sind. Selbst
gesehen haben wir sie nicht. Ich werde meine Meinung über die Serben nicht
ändern - wir müssen zusammen leben." Am 9. Mai besuchte Erlanger die
Stadt Podujevo nahe der Grenze des Kosovo zu Serbien. Ihre Bevölkerung
hatte vor dem 24. März zu 95 Prozent aus Albanern bestanden. Sie war
Schauplatz eines Pogroms serbischer Nationalisten, einer Massenflucht der
albanischen Bevölkerung und heftiger Angriffe der Nato. Erlanger
interviewte den serbischen Bürgermeister, der ihm über heftige
Kämpfe zwischen Serben und Albanern nach Beginn der Nato-Angriffe
erzählte. Albaner feierten die Bombenabwürfe auf der Straße,
indem sie ihre Gewehre abfeuerten. Die UCK tötete bei einem Überfall
zehn serbische Polizisten. In der ganzen Stadt entwickelten sich heftige
Kämpfe, und die meisten Serben und Albaner ergriffen die Flucht. Über
die Hälfte der ethnischen Albaner ist inzwischen nach Podujevo und seiner
Umgebung zurückgekehrt. Der Bürgermeister, Offizier der zivilen
Verteidigung, beklagt die ungeheure Zerstörung der Infrastruktur - von
Brücken, Versorgungsleitungen, Warenhäusern usw. - durch die
Bombardierung. Er kommt zum Schluß: "Serben und Albaner hier müssen
entscheiden, wie sie zusammen leben wollen - Tag für Tag, Punkt um Punkt.
Meiner Meinung nach war es ein fürchterlicher Fehler, daß die
Albaner auf einige im Westen gehört und vor einem Jahr mit westlicher
Hilfe versucht haben, ihre Probleme mit Waffen zu lösen." Später am
selben Tag interviewte Erlanger ein junge albanische Frau in Pristina. Sie
sagte, sie habe "stets befürchtet, daß so etwas geschehen kann, wenn
der Westen gewaltsam interveniert. Dies habe den Serben die Lizenz gegeben,
sich an der albanischen Bevölkerungsmehrheit zu rächen." Sie
beschreibt, wie serbische Nationalisten im wohlhabenderen albanischen
Wohngebiet Pristinas wüteten, wo die albanische politische und kulturelle
Elite wohnt, das Arbeiterwohngebiet, in dem ihre Familie lebt, dagegen
weitgehend unberührt ließ. Der Reporter der New York Times sprach
auch mit Albanern und Serben in zwei Bars in Pristina. "Angesichts ihrer Leiden
mag das überraschen, aber es scheint, daß die Albaner
zuversichtlicher und eher bereit sind, wieder mit den Serben zusammenzuleben."
Er merkt auch an, daß ein kanadischer Journalist im Kosovo arbeitet, der
für die Los Angeles Times schreibt, viele griechische Reporter, ein
türkischer Journalist und mehrere Serben, die für westliche
Nachrichtenagenturen tätig sind. Die Reportagen Erlangers enthalten viele
Anhaltspunkte für Grausamkeiten und für eine weitverbreitete
Einschüchterung der albanischen Bevölkerung des Kosovo. Besonders
während der ersten beiden Wochen scheinen paramilitärische serbische
Einheiten gewaltsam vorgegangen zu sein. Aber so fürchterlich und tragisch
diese Ereignisse sind, sie erfüllen bei weitem nicht das Kriterium eines
Völkermords, mit dem die Bombardierung durch die Nato gerechtfertigt wird.
Die Reportagen bestätigen, daß die Angriffe der Nato großen
Schaden und viele Opfer unter der Zivilbevölkerung verursacht haben. In
den Nachrichten des Fernsehsenders NBC schilderte Erlanger am vergangenen
Donnerstag das Ausmaß der Zerstörung im Kosovo - unpassierbare
Straßen, zerstörte Brücken, kaputte Transportmittel,
unbrauchbare Elektrizitäts- und Wasserversorgung. Er ließ keinen
Zweifel aufkommen, daß der größte Teil des Schadens von der
Nato und nicht von den serbischen Streitkräfte verursacht worden war.
Nachrichtenmoderator Tom Brokaw, ein entschiedener Befürworter des
Krieges, mußte zugeben: "Es ist ein Rätsel, was im Kosovo passiert."
Niemand kann behaupten, daß Erlanger, der für eine hysterisch
kriegsfreundliche Zeitung arbeitet, ein Werkzeug der serbischen Propaganda sei.
Viele seiner Interviewpartner waren gebildete Albaner, die etwas Englisch
sprachen und mit denen er sich unter vier Augen unterhalten konnte.
Außerdem stimmen seine Berichte mit denen anderer objektiver Reporter
überein, die den Kosovo besucht haben. Seine Berichte in der Times weisen
eindeutig nach, daß viele, wenn nicht die meisten Flüchtlinge aus
dem Kosovo vor den Luftangriffen der Nato geflohen sind. Das trifft auch auf
einen großen Teil der serbischen Bevölkerung zu, deren Schicksal in
den westlichen Medien kaum Erwähnung findet. Was noch wichtiger ist: Wie
Erlangers albanische Quellen selbst berichten, fielen die meisten Opfer unter
den Kosovo-Albanern in den ersten zwei Wochen als Folge eines
fürchterlichen Bürgerkriegs zwischen der UCK und der jugoslawischen
Armee und Polizei. Die Gewalttätigkeiten eskalierten mit den
Nato-Luftangriffen und nationalistische, paramilitärische serbische
Verbände benutzten die Gelegenheit, um prominente Albaner anzugreifen und
Massaker in Städten und Dörfern durchzuführen, denen Sympathien
für die UCK unterstellt wurden. Selbst dafür trägt die
amerikanische Regierung eine gewisse Verantwortung, da sie die UCK benutzt hat,
um das jugoslawische Regime zu destabilisieren und Milosevic unter Druck zu
setzen. Nun versucht die Clinton-Regierung diese Tragödie, ein Ergebnis
jahrzehntelanger imperialistischer Manöver und Interventionen im
früheren Jugoslawien, als Vorwand für noch barbarischere Angriffe auf
die Völker des Balkans zu benutzen. |