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08.2007 John Hoefle Info von:  
Frühwarnsystem Blackstone

Mit seinem Börsengang signalisiert der Spekulationsfonds Blackstone, daß die Insider den schlechten Zustand des Finanzsystems kennen und noch schnell abkassieren wollen.

Früher nahmen die Kohlekumpel als Frühwarnsystem Kanarienvögel mit in die Schächte: Wenn der Vogel plötzlich an giftigen Gasen einging, zeigte das an, daß sie sich schleunigst nach oben begeben mußten. Dem Vorstand des riesigen Beteiligungsfonds Blackstone wäre ein anderer Vergleich sicherlich lieber, aber mit seinem Börsengang signalisiert er nun einmal der Öffentlichkeit wie ein solcher Kanarienvogel, daß große Veränderungen bevorstehen.

Die Blackstone-Gruppe, 1985 von Peter Peterson und Stephen Schwarzman gegründet, verwaltet etwa 88 Mrd. Dollar und ist Besitzer oder Mitbesitzer von Unternehmen mit insgesamt 375.000 Beschäftigten. Es ist zwar in der Hauptsache eine Beteiligungsgesellschaft (Private Equity Fund), die mit dem Geld ihrer Kunden und geliehenem Geld Unternehmen kauft, aber Blackstone tätigt auch umfangreiche Immobiliengeschäfte und Hedgefonds-Spekulationen. Letzten Monat ging Blackstone an die Börse und nahm damit 4 Mrd. Dollar ein; der Handel der Aktie an der New Yorker Börse begann am 22. Juni.

Dabei haben Hedgefonds und Private Equity Funds in den letzten Jahren immer wieder betont, als „private“ Partnerschaften könnten sie schneller und aggressiver auf Marktentwicklungen reagieren als öffentlich gehandelte Aktiengesellschaften, die ihren Aktionären Rechenschaft ablegen müßten - deshalb könnten sie effektiver „Geld machen“. Insofern erscheint es nach ihrer eigenen Logik unvernünftig, wenn sie jetzt an die Börse gehen.

Und gerade hier wird es interessant. Die Börsengänge von Fortress Investment und Blackstone, denen Gerüchte zufolge andere Fonds wie KKR folgen wollen, zeigen an, daß sie wissen, daß das Spiel aus ist und noch schnell abkassieren wollen, bevor der Laden zusammenbricht.

Auch Joseph Rice, Chef des alten Beteiligungsfonds Clayton, Dubilier & Rice, gab dies kürzlich zu verstehen, als er der Nachrichtenagentur Bloomberg sagte, das Private-Equity-Geschäft stehe offenbar „ziemlich nahe an seinem Höchststand“. Die jüngsten Rekorde im Beteiligungsgeschäft seien ein „zyklisches Hoch“, schon bald könne irgendein negatives Ereignis die Lage zum Kippen bringen.

Ein anderes, weitaus bedeutsameres Signal kam aus der Schweiz von der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), einer Art Zentralbank der Zentralbanken. In ihrem Jahresbericht, der am 24. Juni erschien, schreibt sie, die „gegenwärtige rasche Expansion“ von Währungs- und Kreditwachstum müsse beendet werden, um die Inflation unter Kontrolle zu halten.

Blackstone ist bei diesem Spiel ein Insider. Peterson und Schwarzman arbeiteten früher für die Investmentbank Lehman Brothers, Peterson war lange mit dem Bankhaus Lazard verbunden.

Im Jahr 1971 holte George Shultz als Finanzminister der Regierung Nixon Peterson in die Arbeitsgruppe, die eine Rechtfertigung für die Abkopplung des Dollars vom Gold verfaßte. Zum Dank wurde er dann kurze Zeit Handelsminister, und danach wurde er bei Lehman Brothers erst Vizechef, dann Vorstandschef. Solange Peterson in Washington war, verwaltete Felix Rohatyn von Lazard sein Vermögen, heute ist Rohatyn selbst bei Lehman.

Der Blackstone-Fonds ging aus diesen Verbindungen hervor. Im neuen Vorstand sitzt Lord Jacob Rothschild. Im internationalen Beirat sitzen der frühere Chef von Lazard in London David Verey, Ivan Pictet von der großen Schweizer Privatbank Pictet & Cie. sowie Jacob Wallenberg, der Chef der Skandiviska Enskilda Banken und des Investmenthauses der Familie Wallenberg. Hinzu kommt der frühere Chef des anglo-holländischen Konzerns Unilever, Niall Fitzgerald, ein Ritter des britischen Empire, der heute die Nachrichtenagentur Reuters leitet, sowie Maurice Levy vom PR-Konzern Publicis, zu dessen Vorstand der frühere Lazard-Chef Michel David-Weill und Gerard Worms von Rothschild & Cie. gehören.

Diese anglo-holländischen imperialen Bankiers meinen, sie könnten nach und nach Luft aus der Spekulationsblase ablassen, während sie die politische Ordnung der Welt der Herrschaft ihrer Märkte und Kartelle unterwerfen. Dieses „Luft ablassen“ geht nicht ohne Opfer ab - es ist, als würde man allerlei Leuten die Köpfe abschneiden, weil man nicht genug Hüte für alle Köpfe hat. Die Finanziers glauben, sie hätten das Finanzsystem dermaßen von der realen Welt abgekoppelt, daß sie seine Auflösung kontrollieren und den Schaden anderen zuschieben oder im Hedgefonds-Derivatkasino verstecken können.

Doch da irren sie sich. Ihr Vertrauen auf mathematische Formeln und Manipulation der Märkte ist fehl am Platz, denn dieses System läßt sich nicht von innen reparieren. Die Lösung muß von außerhalb der Finanzwelt kommen, denn das eigentliche Problem ist, daß die Realwirtschaft immer mehr abgebaut und der Spekulation und Papierschieberei unterworfen wurde. Die Lösung muß von Regierungen kommen, die unsere produktive Realwirtschaft wieder aufbauen.

Angst vor der Kettenreaktion

Von Paul Gallagher

Die hoffnungslose Überschuldung des Finanzsystems bringt sichtlich auch Zentralbanken und Regierungen ins Schwitzen - und bedroht inzwischen auch die Rentenkassen.

Die Stimmen, die vor einem Zusammensturz des Finanzsystems warnen, mehren sich immer mehr. Im Juni waren es u.a. ein Staatssekretär des amerikanischen Finanzministeriums und die Bank von England. Als mögliche Auslöser eines solchen Einbruchs gelten die fremdfinanzierten Übernahmen, die Spekulation der Hedgefonds und das Platzen der Hypothekenblase in den USA.

Am 11. Juni hielt der Staatssekretär für Finanzmärkte im US-Finanzministerium, Anthony Ryan, eine aufsehenerregende Rede auf dem Jahresforum des Anlagenfondsverbands Managed Funds Association in Chicago. Er sehe durchaus die Möglichkeit von Ereignissen wie dem Bankrott eines großen Finanzinstituts, die die gesamte Volkswirtschaft schwer anschlagen könnten, sagte Ryan. Diese Gefahr gehe nicht zuletzt von den Hedgefonds aus. Seine Äußerungen hinterließen einen so starken Eindruck, daß sein Chef, Finanzminister Henry Paulson, zehn Tage später bei einer Anhörung des Kongreßausschusses für Finanzdienstleistungen vom Vorsitzenden Barney Frank mehrfach gefragt wurde, ob das Ministerium mit einem Systemschock auf den Finanzmärkten rechnet.

Ryan verwies darauf, daß je nach ihrer Art 30-60% aller Geldgeschäfte auf Hedgefonds entfallen. Die Kriterien für die Vergabe von Krediten seien zu sehr gelockert worden, immer mehr Geschäfte seien fremdfinanziert. Das Risiko erhöhe sich auch dadurch, daß die Gewinnstrategien der Fonds einander immer ähnlicher würden und ihre Schulden sich auf wenige große Fonds konzentrierten.

Die Bank von England stellte in ihrem jüngsten Vierteljahresbericht, der am 17. Juni erschien, ein verwandtes Problem in den Mittelpunkt: die kreditfinanzierten Firmenübernahmen. Diese „Leveraged Buyouts“ erreichten im letzten Vierteljahr weltweit und besonders in den USA ein Ausmaß, welches selbst noch die Rekorde des vergangenen Jahres in den Schatten stellte. Die Blase der Unternehmensschulden ist in den OECD-Ländern in den letzten 20 Jahren von 55% des BIP auf 85% des BIP angewachsen. Wenn nur ein einziges großes Geschäft schiefgehe, warnt die Bank von England, könne das eine allgemeine Wirtschaftskrise auslösen.

In dem Bericht wird besonders bemängelt, daß in Amerika die meisten Kredite, die an Beteiligungsfonds (Private Equity Funds) für Firmenübernahmen vergeben werden, keine klaren Bedingungen für einen Ausfall des Kredits haben. Man nennt solche Kredite covenant lite, „lockere Verträge“. Bei diesen Krediten, die nicht selten mehrere Milliarden Dollar ausmachen, fehlen die gewohnten Klauseln über einen Ausfall, wie sie seit mehr als einem Jahrhundert bei ordentlichen Unternehmensanleihen üblich sind. Banken und Fonds haben in den letzten Jahren die Kreditbedingungen immer mehr gelockert, um die hochverzinsten Kredite für die großen Übernahmen zu ermöglichen. Die Banken vergeben die Kredite und verkaufen sie an Anleger, wohl wissend, wie riskant sie sind. Klauseln in den Verträgen erlauben es, die Kredite in Anleihen mit noch höheren Zinsen umzuwandeln, wenn die verschuldeten Unternehmen die Schulden nicht bedienen können.

Die Bank von England warnt in dem Bericht: „Solche Entwicklungen bedeuten, daß zugelassen werden kann, daß der zugrundeliegende Wert eines aufgekauften Unternehmens viel länger zusammenschrumpft, bevor seine Gläubiger eingreifen können.“ Dann könne ein „großer und durchdringender Schock“ eine „ziemlich drastische“ Korrektur der Kapitalmärkte verursachen, wenn die Risikoprämien (Zinsaufschläge) steigen. Als Auslöser käme z.B. „der Ausfall eines großen Übernahmekreditgeschäfts“ in Frage, bei dem die Gläubigerbanken auf „unerwartet hohen Verpflichtungen“ sitzen blieben und der Wert aller Schuldenpapiere im gesamten Bereich der hochverzinsten „Ramschanleihen“ plötzlich stark fiele.

Es folgt der Zusatz: „Der Markt der Subprime-Hypotheken [Hochzinshypotheken an bonitätsschwache Kunden] könnte eine nützliche Fallstudie dafür liefern, wie lasche Kreditvergabe und sich verschlechternde Grundlagen die Struktur eines Marktes auf die Probe stellen.“

Ausfälle von Fonds

Die Kernschmelze auf dem Markt der Subprime-Hypotheken in den USA - wozu nun Immobilienkrisen im Anfangsstadium in England und Spanien hinzukommen - läßt mehrere große Hedgefonds in Schwierigkeiten geraten. Im April mußte ein von der UBS verwalteter Fonds schließen, ein Fonds der Investmentbank Goldman Sachs, Global Alpha, hatte hohe Verluste, und inzwischen sind auch zwei Hedgefonds von Bear Stearns eingebrochen (siehe dazu den Artikel von John Hoefle auf Seite 1).

Andere Hedgefonds, darunter der berüchtigte Fonds JR Paulson, verklagten Bear Stearns und andere Banken, weil sie gewagt hatten, einen Teil der Hypotheken umzuschulden, statt sie zu kündigen. Das zeigt, daß auch diese Fonds Verluste bei hypothekengedeckten Wertpapieren einstecken müssen, weil deren Wert jetzt sinkt. Diese wollen sie nun den Investmentbanken zuschieben. Sie haben darauf gewettet, daß immer mehr Hypotheken gekündigt werden, und berufen sich auf die Vertragsklauseln der Hypotheken und die Vorgaben der Wertpapieraufsicht SEC. Sie sind bereit hinzunehmen, daß die Welle der Zwangsräumungen in den USA bis in die Millionen geht, um ihre Verluste bei den Hypothekenpapieren zu verstecken. Schätzungen zufolge belaufen sich diese Verluste auf mehr als 100 Milliarden Dollar. Inzwischen erwägt der Kongreß in Washington Maßnahmen gegen die Zwangsversteigerungen.

Unterdessen bricht der „Subprime-Markt“ weiter ein. Mitte Juni fiel der Index für Kreditderivate von Subprime-Hypotheken auf 61 Cent je Dollar (im Mai waren es noch 72 Cent gewesen), und die Ratingagentur Moody’s stufte solche Wertpapiere herunter.

Ein immer größerer Teil dieser Subprime-Hypotheken mit variablen Zinsen kann nämlich nicht bedient werden. Der Hypothekenbankenverband meldete für das erste Vierteljahr einen Rekord: 15,75% dieser Hypotheken wurden seit mehr als 30 Tagen nicht bedient. Im letzten Quartal 2006 waren es 14,44% gewesen, und auch das war schon ein Rekord. Der Anteil der gekündigten Hypotheken (wenn die Zahlungen mehr als 90 Tage im Rückstand sind) stieg von 2,70% im vorangegangenen Quartal auf 3,23%, auch das ist ein Rekord. Die Zahlen haben sich in den letzten Monaten mit Sicherheit noch weiter verschlechtert.

Insgesamt handelt es sich um 5-6 Millionen Hypotheken in einer Gesamthöhe von 1,5 Billionen Dollar.

Angst vor steigenden Zinsen

Der Vizepräsident des größten Anleihenfonds der Welt PIMCO, Mark Kiesel, bezeichnete die Hypothekenkrise in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg am 20. Juni als „Blutbad“ für die Wirtschaft. Er erwarte „einen Abschwung über zwei bis drei Jahre, der eine ganze Heerschar von Elementen mitreißen wird, von der Schaffung von Arbeitsplätzen bis zum Verbrauchervertrauen. Letztendlich wird er auch die Aktienmärkte und Unternehmensgewinne erfassen.“

Besonders gefährdet sind die Rentenfonds. Nach einem neuen Bericht von Greenwich Associates stammt heutzutage ein Viertel aller Anlagen, die international von Hedgefonds verwaltet werden, von staatlichen und privaten Rentenkassen und Stiftungen. Bei den Neuanlagen sind es sogar 40%. Dabei hat der Zustrom von Kapital in die Spekulationsfonds insgesamt stark nachgelassen: Von Januar-September 2006 waren es noch 40 Mrd.$ im Quartal, im vierten Quartal nur ganze 12 Mrd.$, im ersten Vierteljahr 2007 dann 20,7 Mrd.$. Mit anderen Worten, die Rentengelder sorgen dafür, daß reiche Privatpersonen und Banken ihre Gelder abziehen können.

Eine der Ursachen der Krise sind die steigenden Zinsen, die bei den massiv überschuldeten Finanzinstituten und Märkten für Kreditknappheit sorgen. Fast die Hälfte, 49% aller Werte im amerikanischen Bankenwesen, stützen sich auf Immobilien. Daher treffen die Verluste bei Hypothekenpapieren das ganze Bankensystem und treiben die Zinsen nach oben. Das verursacht wiederum mehr Hypothekenkündigungen und Zwangsräumungen, was die Immobilienpreise weiter sinken läßt - ein Teufelskreis.

Gegen die steigenden Zinsen konnten auch die Federal Reserve und die Europäische Zentralbank nichts ausrichten, obwohl sie Unmengen von Geld pumpen. Nicht ohne Grund hält die Federal Reserve die Geldmenge M3 seit März 2006 geheim. Nach Berechnungen des Nachrichtenbriefs Global Money Trends drucken beide Zentralbanken jetzt eine Geldmenge M3 von jährlich 12%. Die Firma Shadow Government Statistics schätzt für die Federal Reserve sogar 14%, das ist die höchste Zahl seit dem Börsenkrach von 1987.

Wenn die Zinsen der Staatsanleihen trotz dieser Bemühungen weiter steigen, wird die Federal Reserve wohl die kurzfristigen Zinsen senken, um gegen das Platzen der Immobilienblase anzukämpfen. Wenn dann Japan gleichzeitig die Zinsen weiter erhöht, fällt der „Carry Trade“ mit billigen Yen flach, und das würde zu einem Absturz des Dollars führen.



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