Mit seinem Börsengang signalisiert der
Spekulationsfonds Blackstone, daß die Insider den schlechten Zustand des
Finanzsystems kennen und noch schnell abkassieren wollen.
Früher nahmen die Kohlekumpel als
Frühwarnsystem Kanarienvögel mit in die Schächte: Wenn der Vogel
plötzlich an giftigen Gasen einging, zeigte das an, daß sie sich
schleunigst nach oben begeben mußten. Dem Vorstand des riesigen
Beteiligungsfonds Blackstone wäre ein anderer Vergleich sicherlich lieber,
aber mit seinem Börsengang signalisiert er nun einmal der
Öffentlichkeit wie ein solcher Kanarienvogel, daß große
Veränderungen bevorstehen.
Die Blackstone-Gruppe, 1985 von Peter Peterson und Stephen
Schwarzman gegründet, verwaltet etwa 88 Mrd. Dollar und ist Besitzer oder
Mitbesitzer von Unternehmen mit insgesamt 375.000 Beschäftigten. Es ist
zwar in der Hauptsache eine Beteiligungsgesellschaft (Private Equity Fund), die
mit dem Geld ihrer Kunden und geliehenem Geld Unternehmen kauft, aber
Blackstone tätigt auch umfangreiche Immobiliengeschäfte und
Hedgefonds-Spekulationen. Letzten Monat ging Blackstone an die Börse und
nahm damit 4 Mrd. Dollar ein; der Handel der Aktie an der New Yorker Börse
begann am 22. Juni.
Dabei haben Hedgefonds und Private Equity Funds in den
letzten Jahren immer wieder betont, als „private“ Partnerschaften
könnten sie schneller und aggressiver auf Marktentwicklungen reagieren als
öffentlich gehandelte Aktiengesellschaften, die ihren Aktionären
Rechenschaft ablegen müßten - deshalb könnten sie effektiver
„Geld machen“. Insofern erscheint es nach ihrer eigenen Logik
unvernünftig, wenn sie jetzt an die Börse gehen.
Und gerade hier wird es interessant. Die
Börsengänge von Fortress Investment und Blackstone, denen
Gerüchte zufolge andere Fonds wie KKR folgen wollen, zeigen an, daß
sie wissen, daß das Spiel aus ist und noch schnell abkassieren wollen,
bevor der Laden zusammenbricht.
Auch Joseph Rice, Chef des alten Beteiligungsfonds
Clayton, Dubilier & Rice, gab dies kürzlich zu verstehen, als er der
Nachrichtenagentur Bloomberg sagte, das Private-Equity-Geschäft
stehe offenbar „ziemlich nahe an seinem Höchststand“. Die
jüngsten Rekorde im Beteiligungsgeschäft seien ein „zyklisches
Hoch“, schon bald könne irgendein negatives Ereignis die Lage zum
Kippen bringen.
Ein anderes, weitaus bedeutsameres Signal kam aus der
Schweiz von der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), einer
Art Zentralbank der Zentralbanken. In ihrem Jahresbericht, der am 24. Juni
erschien, schreibt sie, die „gegenwärtige rasche Expansion“
von Währungs- und Kreditwachstum müsse beendet werden, um die
Inflation unter Kontrolle zu halten.
Blackstone ist bei diesem Spiel ein Insider. Peterson und
Schwarzman arbeiteten früher für die Investmentbank Lehman Brothers,
Peterson war lange mit dem Bankhaus Lazard verbunden.
Im Jahr 1971 holte George Shultz als Finanzminister der
Regierung Nixon Peterson in die Arbeitsgruppe, die eine Rechtfertigung für
die Abkopplung des Dollars vom Gold verfaßte. Zum Dank wurde er dann
kurze Zeit Handelsminister, und danach wurde er bei Lehman Brothers erst
Vizechef, dann Vorstandschef. Solange Peterson in Washington war, verwaltete
Felix Rohatyn von Lazard sein Vermögen, heute ist Rohatyn selbst bei
Lehman.
Der Blackstone-Fonds ging aus diesen Verbindungen hervor.
Im neuen Vorstand sitzt Lord Jacob Rothschild. Im internationalen Beirat sitzen
der frühere Chef von Lazard in London David Verey, Ivan Pictet von der
großen Schweizer Privatbank Pictet & Cie. sowie Jacob Wallenberg, der
Chef der Skandiviska Enskilda Banken und des Investmenthauses der Familie
Wallenberg. Hinzu kommt der frühere Chef des anglo-holländischen
Konzerns Unilever, Niall Fitzgerald, ein Ritter des britischen Empire, der
heute die Nachrichtenagentur Reuters leitet, sowie Maurice Levy vom
PR-Konzern Publicis, zu dessen Vorstand der frühere Lazard-Chef Michel
David-Weill und Gerard Worms von Rothschild & Cie. gehören.
Diese anglo-holländischen imperialen Bankiers meinen,
sie könnten nach und nach Luft aus der Spekulationsblase ablassen,
während sie die politische Ordnung der Welt der Herrschaft ihrer
Märkte und Kartelle unterwerfen. Dieses „Luft ablassen“ geht
nicht ohne Opfer ab - es ist, als würde man allerlei Leuten die Köpfe
abschneiden, weil man nicht genug Hüte für alle Köpfe hat. Die
Finanziers glauben, sie hätten das Finanzsystem dermaßen von der
realen Welt abgekoppelt, daß sie seine Auflösung kontrollieren und
den Schaden anderen zuschieben oder im Hedgefonds-Derivatkasino verstecken
können.
Doch da irren sie sich. Ihr Vertrauen auf mathematische
Formeln und Manipulation der Märkte ist fehl am Platz, denn dieses System
läßt sich nicht von innen reparieren. Die Lösung muß von
außerhalb der Finanzwelt kommen, denn das eigentliche Problem ist,
daß die Realwirtschaft immer mehr abgebaut und der Spekulation und
Papierschieberei unterworfen wurde. Die Lösung muß von Regierungen
kommen, die unsere produktive Realwirtschaft wieder aufbauen.
Angst vor der Kettenreaktion
Von Paul Gallagher
Die hoffnungslose Überschuldung des Finanzsystems
bringt sichtlich auch Zentralbanken und Regierungen ins Schwitzen - und bedroht
inzwischen auch die Rentenkassen.
Die Stimmen, die vor einem Zusammensturz
des Finanzsystems warnen, mehren sich immer mehr. Im Juni waren es u.a. ein
Staatssekretär des amerikanischen Finanzministeriums und die Bank von
England. Als mögliche Auslöser eines solchen Einbruchs gelten die
fremdfinanzierten Übernahmen, die Spekulation der Hedgefonds und das
Platzen der Hypothekenblase in den USA.
Am 11. Juni hielt der Staatssekretär für
Finanzmärkte im US-Finanzministerium, Anthony Ryan, eine aufsehenerregende
Rede auf dem Jahresforum des Anlagenfondsverbands Managed Funds Association in
Chicago. Er sehe durchaus die Möglichkeit von Ereignissen wie dem Bankrott
eines großen Finanzinstituts, die die gesamte Volkswirtschaft schwer
anschlagen könnten, sagte Ryan. Diese Gefahr gehe nicht zuletzt von den
Hedgefonds aus. Seine Äußerungen hinterließen einen so starken
Eindruck, daß sein Chef, Finanzminister Henry Paulson, zehn Tage
später bei einer Anhörung des Kongreßausschusses für
Finanzdienstleistungen vom Vorsitzenden Barney Frank mehrfach gefragt wurde, ob
das Ministerium mit einem Systemschock auf den Finanzmärkten rechnet.
Ryan verwies darauf, daß je nach ihrer Art 30-60%
aller Geldgeschäfte auf Hedgefonds entfallen. Die Kriterien für die
Vergabe von Krediten seien zu sehr gelockert worden, immer mehr Geschäfte
seien fremdfinanziert. Das Risiko erhöhe sich auch dadurch, daß die
Gewinnstrategien der Fonds einander immer ähnlicher würden und ihre
Schulden sich auf wenige große Fonds konzentrierten.
Die Bank von England stellte in ihrem jüngsten
Vierteljahresbericht, der am 17. Juni erschien, ein verwandtes Problem in den
Mittelpunkt: die kreditfinanzierten Firmenübernahmen. Diese
„Leveraged Buyouts“ erreichten im letzten Vierteljahr weltweit und
besonders in den USA ein Ausmaß, welches selbst noch die Rekorde des
vergangenen Jahres in den Schatten stellte. Die Blase der Unternehmensschulden
ist in den OECD-Ländern in den letzten 20 Jahren von 55% des BIP auf 85%
des BIP angewachsen. Wenn nur ein einziges großes Geschäft
schiefgehe, warnt die Bank von England, könne das eine allgemeine
Wirtschaftskrise auslösen.
In dem Bericht wird besonders bemängelt, daß in
Amerika die meisten Kredite, die an Beteiligungsfonds (Private Equity Funds)
für Firmenübernahmen vergeben werden, keine klaren Bedingungen
für einen Ausfall des Kredits haben. Man nennt solche Kredite covenant
lite, „lockere Verträge“. Bei diesen Krediten, die nicht
selten mehrere Milliarden Dollar ausmachen, fehlen die gewohnten Klauseln
über einen Ausfall, wie sie seit mehr als einem Jahrhundert bei
ordentlichen Unternehmensanleihen üblich sind. Banken und Fonds haben in
den letzten Jahren die Kreditbedingungen immer mehr gelockert, um die
hochverzinsten Kredite für die großen Übernahmen zu
ermöglichen. Die Banken vergeben die Kredite und verkaufen sie an Anleger,
wohl wissend, wie riskant sie sind. Klauseln in den Verträgen erlauben es,
die Kredite in Anleihen mit noch höheren Zinsen umzuwandeln, wenn die
verschuldeten Unternehmen die Schulden nicht bedienen können.
Die Bank von England warnt in dem Bericht: „Solche
Entwicklungen bedeuten, daß zugelassen werden kann, daß der
zugrundeliegende Wert eines aufgekauften Unternehmens viel länger
zusammenschrumpft, bevor seine Gläubiger eingreifen können.“
Dann könne ein „großer und durchdringender Schock“ eine
„ziemlich drastische“ Korrektur der Kapitalmärkte verursachen,
wenn die Risikoprämien (Zinsaufschläge) steigen. Als Auslöser
käme z.B. „der Ausfall eines großen
Übernahmekreditgeschäfts“ in Frage, bei dem die
Gläubigerbanken auf „unerwartet hohen Verpflichtungen“ sitzen
blieben und der Wert aller Schuldenpapiere im gesamten Bereich der
hochverzinsten „Ramschanleihen“ plötzlich stark fiele.
Es folgt der Zusatz: „Der Markt der
Subprime-Hypotheken [Hochzinshypotheken an bonitätsschwache Kunden]
könnte eine nützliche Fallstudie dafür liefern, wie lasche
Kreditvergabe und sich verschlechternde Grundlagen die Struktur eines Marktes
auf die Probe stellen.“
Ausfälle von Fonds
Die Kernschmelze auf dem Markt der
Subprime-Hypotheken in den USA - wozu nun Immobilienkrisen im Anfangsstadium in
England und Spanien hinzukommen - läßt mehrere große
Hedgefonds in Schwierigkeiten geraten. Im April mußte ein von der UBS
verwalteter Fonds schließen, ein Fonds der Investmentbank Goldman Sachs,
Global Alpha, hatte hohe Verluste, und inzwischen sind auch zwei Hedgefonds von
Bear Stearns eingebrochen (siehe dazu den Artikel von John Hoefle auf Seite 1).
Andere Hedgefonds, darunter der berüchtigte Fonds
JR Paulson, verklagten Bear Stearns und andere Banken, weil sie gewagt hatten,
einen Teil der Hypotheken umzuschulden, statt sie zu kündigen. Das zeigt,
daß auch diese Fonds Verluste bei hypothekengedeckten Wertpapieren
einstecken müssen, weil deren Wert jetzt sinkt. Diese wollen sie nun den
Investmentbanken zuschieben. Sie haben darauf gewettet, daß immer mehr
Hypotheken gekündigt werden, und berufen sich auf die Vertragsklauseln der
Hypotheken und die Vorgaben der Wertpapieraufsicht SEC. Sie sind bereit
hinzunehmen, daß die Welle der Zwangsräumungen in den USA bis in die
Millionen geht, um ihre Verluste bei den Hypothekenpapieren zu verstecken.
Schätzungen zufolge belaufen sich diese Verluste auf mehr als 100
Milliarden Dollar. Inzwischen erwägt der Kongreß in Washington
Maßnahmen gegen die Zwangsversteigerungen.
Unterdessen bricht der „Subprime-Markt“
weiter ein. Mitte Juni fiel der Index für Kreditderivate von
Subprime-Hypotheken auf 61 Cent je Dollar (im Mai waren es noch 72 Cent
gewesen), und die Ratingagentur Moody’s stufte solche Wertpapiere
herunter.
Ein immer größerer Teil dieser
Subprime-Hypotheken mit variablen Zinsen kann nämlich nicht bedient
werden. Der Hypothekenbankenverband meldete für das erste Vierteljahr
einen Rekord: 15,75% dieser Hypotheken wurden seit mehr als 30 Tagen nicht
bedient. Im letzten Quartal 2006 waren es 14,44% gewesen, und auch das war
schon ein Rekord. Der Anteil der gekündigten Hypotheken (wenn die
Zahlungen mehr als 90 Tage im Rückstand sind) stieg von 2,70% im
vorangegangenen Quartal auf 3,23%, auch das ist ein Rekord. Die Zahlen haben
sich in den letzten Monaten mit Sicherheit noch weiter verschlechtert.
Insgesamt handelt es sich um 5-6 Millionen Hypotheken in
einer Gesamthöhe von 1,5 Billionen Dollar.
Angst vor steigenden Zinsen
Der Vizepräsident des
größten Anleihenfonds der Welt PIMCO, Mark Kiesel, bezeichnete die
Hypothekenkrise in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg
am 20. Juni als „Blutbad“ für die Wirtschaft. Er erwarte
„einen Abschwung über zwei bis drei Jahre, der eine ganze Heerschar
von Elementen mitreißen wird, von der Schaffung von Arbeitsplätzen
bis zum Verbrauchervertrauen. Letztendlich wird er auch die Aktienmärkte
und Unternehmensgewinne erfassen.“
Besonders gefährdet sind die Rentenfonds. Nach
einem neuen Bericht von Greenwich Associates stammt heutzutage ein Viertel
aller Anlagen, die international von Hedgefonds verwaltet werden, von
staatlichen und privaten Rentenkassen und Stiftungen. Bei den Neuanlagen sind
es sogar 40%. Dabei hat der Zustrom von Kapital in die Spekulationsfonds
insgesamt stark nachgelassen: Von Januar-September 2006 waren es noch 40 Mrd.$
im Quartal, im vierten Quartal nur ganze 12 Mrd.$, im ersten Vierteljahr 2007
dann 20,7 Mrd.$. Mit anderen Worten, die Rentengelder sorgen dafür,
daß reiche Privatpersonen und Banken ihre Gelder abziehen können.
Eine der Ursachen der Krise sind die steigenden Zinsen,
die bei den massiv überschuldeten Finanzinstituten und Märkten
für Kreditknappheit sorgen. Fast die Hälfte, 49% aller Werte im
amerikanischen Bankenwesen, stützen sich auf Immobilien. Daher treffen die
Verluste bei Hypothekenpapieren das ganze Bankensystem und treiben die Zinsen
nach oben. Das verursacht wiederum mehr Hypothekenkündigungen und
Zwangsräumungen, was die Immobilienpreise weiter sinken läßt -
ein Teufelskreis.
Gegen die steigenden Zinsen konnten auch die Federal
Reserve und die Europäische Zentralbank nichts ausrichten, obwohl sie
Unmengen von Geld pumpen. Nicht ohne Grund hält die Federal Reserve die
Geldmenge M3 seit März 2006 geheim. Nach Berechnungen des
Nachrichtenbriefs Global Money Trends drucken beide Zentralbanken jetzt
eine Geldmenge M3 von jährlich 12%. Die Firma Shadow Government Statistics
schätzt für die Federal Reserve sogar 14%, das ist die höchste
Zahl seit dem Börsenkrach von 1987.
Wenn die Zinsen der Staatsanleihen trotz dieser
Bemühungen weiter steigen, wird die Federal Reserve wohl die kurzfristigen
Zinsen senken, um gegen das Platzen der Immobilienblase anzukämpfen. Wenn
dann Japan gleichzeitig die Zinsen weiter erhöht, fällt der
„Carry Trade“ mit billigen Yen flach, und das würde zu einem
Absturz des Dollars führen.
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