Auf dem Sprung:
Und manchmal fallen sie auch vom Himmel, so wie zum
Beispiel der ägyptische "Geschäftsmann" und Waffenhändler Ashraf
Marwan: Der ist gestern vom Balkon seines Apartments in London gesprungen
worden und ist damit, soweit die Öffentlichkeit davon erfuhr, der erste
Tote des britisch-saudischen Bestechungsskandals. Für die Times of London
und die israelische Zeitung Ha'aretz war es Selbstmord. Zuvor war nämlich
aufgeflogen, daß der gute Mann ein Mossad-Agent war, der vor dem
arabisch-israelischen Yom Kippur Krieg von 1973 militärische Geheimnisse
für gutes Geld an Israel verkauft hatte.
Marwan mag damals wohl mit der Mossad zusammengearbeitet
haben; das eigentliche Geschäft der ägyptischen Niederlage im Yom
Kippur Krieg hatte aber der damalige ägyptische Premier Sadat mit
Kissinger persönlich abgeschlossen und damit tausende seiner Landsleute
für die Sache des Westens "geopfert" - und für etwas Anerkennung
seitens der "Großen". Doch das ist lange her und war denen, die es nun
haben durchsickern lassen, längst bekannt. Interessant ist, weshalb sie es
nun mit den absehbaren tödlichen Folgen, haben durchsickern lassen.
Nachdem Marwan in den 1960er Jahren Vorsitzender der Arab Corporation for War
Industries in Ägypten war, lebte er nun seit 35 Jahren in England und
arbeitete für die ganz Großen in New York und London, die sich bei
ihren schmutzigen Waffengeschäften nicht gerne selbst dreckige Hände
holen. Er vermittelte Geschäfte zwischen der internationalen
Waffengroßindustrie und den kleinen Politikbeauftragten in den
"unabhängigen Ländern". Die erste Garnitur dieser politischen
Führer waren bekanntlich vom Westen zuerst durch Militärputsche an
die Macht gebracht worden. Die zweiten Garnitur hatte er danach "demokratisch"
dorthin wählen lassen. Die Waffengeschäfte dienten dazu, damit das
Bevölkerungswachstum möglichst niedrig zu halten und die
Industrialisierung weitgehend und weltmarktgerecht auszuschalten.
Als Waffenhändler arbeitete Marwan eng mit den
Größen des BAE Skandals zusammen, so zum Beispiel mit dem Kollegen
Adnan Khashoggi aber auch mit Tiny Rowland. Er betreute den Waffenmarkt im
Nahen Osten und in Afrika. Hierbei waren zum Beispiel der CIA Mann Ted
Shackley, der Ölhändler John Deus und der Brigadegeneral Tim Landon
seine Kollegen und Wettbewerber. Landon war als Militärberater des Sultan
von Oman, der "Weiße Sultan" ein besonderer Kunde, mit dem sich
Geschäfte mit schnellen Gewinnen in Millionen Pfund Höhe
einfädeln ließen. Für Rowland, der den Ländern der Dritten
Welt ihre Rohstoffvorkommen abzuluchsen hatte, mußte Marwan unter anderem
auch gegen seinen Landsmann Mohammad Fayed verleumderisch vorgehen. Dieser war
bei Konsumartikeln statt mit Waffen erfolgreich gewesen, und hatte über
das Techtelmechtel seines Sohnes Dodi mit Königin in Spe Diana in die
Riege der ganz Großen aufzusteigen gehofft. Nun sind Waffenprinz Dodi und
Prinzessin Diana tot und über Fayeds Versuche, Licht in diese Verunfallung
zu bringen, kräht kein Hahn mehr. Marwan von der anderen Seite hatte also
gesiegt. Warum also flog er vom Balkon? Ist mit dem BAE Skandal jetzt die
andere Seite an der Reihe zu verunfallen? Zu hoffen wäre es.
Die Financial Times berichtet am 28. Juni, daß im Zuge
der versuchten Flurbereinigung der beiden angeschlagenen Hedge Funds von Bear
Stearns in den letzten beiden Wochen der Verkauf von Anleihen ins Stocken
geraten sei. So hatte zum Beispiel "Foodservice", der Amerikanische Ableger der
holländischen Supermarktkette Ahold, den Versuch abbrechen müssen,
für 650 Mio. Dollar Anleihen den Markt zubringen um mit dem Erlös die
Firma KKR kaufen zu können. MISC, der größte Eigner von Tankern
für Flüssiggas, mußte am 27. Juni ein Anleihenangebot über
750 Mio. Dollar zurückziehen. Nach dem Zusammenbruch von Bear Sterns
scheint plötzlich der Geldfluß zu versiegen, und das nicht nur bei
Hypotheken, der Absicherung von Krediten, bei Ramschanleihen, sondern nun auch
bei Industrieanleihen. Ein Analytiker von J.P. Morgan schrieb in dem
hauseigenen Bericht am 27. Juni: "Wir erwarten im Zusammenhang mit dem
Lagerabbau der letzten Woche, daß der Markt für Neuemissionen sich
verlangsamt oder ganz zum Stillstand kommt", vorsichtig und etwas ungenau
ausgedrückt! Ein Beispiel aus der anderen Ecke ist der 670 Mrd. Dollar
umfassende Versicherungskonzern MBIA der Bank of Amerika. Dessen "Rating"
(Kreditwürdigkeit) wurde von Barrons Magazin angezweifelt, weil er sich zu
stark bei "Mortage Based Securities" (Hypothekenderivaten) aus dem Fenster
gelehnt habe. Desgleichen kam Lehman Brothers, der größte
Händler mit Hypothekenderivaten in Verruf, nach dem laut Washington Post
vom 27. Juni fünfzehn Anklagen wegen Manipulationen und Fälschungen
im Geschäft ihrer Hypothekenderivate (zum Teil von ehemaligen Mitarbeitern
wie Coleen Columbo und fünf anderen Hypothekenhändlern für
Lehmann) gegen das Bankhaus erhoben worden sind. Der Artikel war
überschrieben "Wie die Wallstreet das Abschmelzen der Hypotheken
anheizt".
Im Gegensatz zu den "Warnungen" vor einem kommenden Crash,
die von allen Ecken her "verlautet" werden, scheinen unsere Medien den
Aufschwung nicht laut genug bejubeln zu können. In dem kürzlich
erschienenen neuen Wirtschaftsbericht der "Bank for International Settlements"
(BIS), der Zentralbank der Zentralbanken in Basel, wurde zum Beispiel gewarnt:
"Niemand sah die Große Depression der 1930er Jahre oder die Krise, die
Japan und Südostasien Ende der 1990er Jahre traf, voraus. Tatsächlich
ging jedem Abschwung eine Periode nicht inflationären Wachstums voraus,
die üppig genug war, um die Kommentatoren zu der Annahme zu verleiten,
daß nun eine neue Ära des wirtschaftlichen Aufschwunges eingesetzt
habe". (nach Evans-Pritchard in: Daily Telegraph vom 25.6.). Der Bericht
führt weiter aus, daß die Geldpolitik Greenspans zwar die
unmittelbare Marktbereinigung hinausgezögert und dadurch nicht nur den
Reichtum von den Kreditgebern auf die Schuldner umverlagert habe, sondern auch
"die Saat für ernsthaftere Probleme in naher Zukunft ausgestreut" hat.
Jedenfalls sei "der Dollar offensichtlich verwundbar, wenn plötzlichen das
Vertrauens des privaten Sektors einbricht". Nach Aufzählung der gewaltigen
Ausdehnung des Wertpapiervolumens und der Fusionen im letzten Jahr heißt
es "Früher oder später wird sich der Kredit-Kreislauf umkehren und
werden die Bankrotte zunehmen". Jedenfalls ginge es so nicht lange weiter.
Unser Aufschwung ist dagegen, so jubeln Regierung und
Medien, dem drastischen Lohnabbau und Hartz IV zu danken. Doch ist nach Meinung
der "Wirtschaftsweisen" vom Schlag eines Wolfgang Franz auf dem Gebiet noch
lange nicht genug geschehen. "Wenn die Regierung nichts für die
Problemgruppen tut, werden wir in der nächsten Rezession wieder deutlich
über vier Millionen Arbeitslose kommen", hatte er laut Spiegel online vom
15. April 2007 dem "Tagespiegel" gesagt. Franz, Mitglied im
Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, erläuterte auch, was er "für die
Problemgruppe zu tun" vorschlägt: Statt Mindestlöhne
einzuführen, solle man die unteren Löhne von drei oder vier Euro
"noch einmal senken, damit mehr Stellen entstehen", dazu fordert er "weitere
Reformen" auf dem Arbeitsmarkt. Wahrscheinlich können nur neue Stellen in
der produzierenden Wirtschaft entstehen, wenn man die Löhne der
anerkannten Wirtschaftsweisen und Wirtschaftsberater auf unter drei Euro die
Stunde senkt, denn dann würden diese Raffkes weniger Schaden anrichten und
sich einen anderen Job suchen.
Von Leuten wie Franz angesteckt äußerte sich
(nach Berichten im italienischen Fernsehen vom 28. Juni) Jean-Claude Juncker,
der Primeminister der Steueroase Luxemburg und Vorsitzende der Eurogruppe, in
dem Vertreter der EU-Staaten, die den Euro eingeführt haben,
zusammenkommen. Er sagte: "Italien muß daran denken, daß es
für die gesamte Eurozone Verantwortung trägt und ihm nicht
freigestellt ist, die Früchte seines Wachstums beliebig zu verteilen. Wenn
es Italien nicht gelingt seine Schulden beträchtlich zu senken und seinen
Haushalt wenigstens bis 2010 auszugleichen, wird das ernsthafte Probleme in der
ganzen Eurozone auslösen". Mit dieser für einen Diplomaten plumpen
Bemerkung versuchte Juncker in die Verhandlung der Italienischen Regierung mit
den Gewerkschaften über die Handhabung der Renten und den Anstieg des
Rentenalters einzugreifen. Schließlich ist die Wirtschaft, wie jeder
"Anerkannte" weiß, dazu da, die Zahlungen an die Not leidende
Finanzwirtschaft zu garantieren.
Ob die Finanzwirtschaft sich, wie der BIS Bericht andeutet,
in Richtung auf eine Stunde der Wahrheit und Entscheidung hin bewegt und ob die
sich zuspitzende Situation etwas mit dem Krieg zwischen den Großen zu tun
hat, so daß im Zuge dessen schon mal einer vom Balkon springen muß?
Darüber kann man nur spekulieren.
Nicht zu spekulieren braucht man darüber, daß
einige Länder, deren Politiker noch das Wohlergehen ihrer Bevölkerung
irgendwie im Kopf haben, ihrer Wirtschaft - trotz des warnenden
Säbelrasselns in den USA - eine andere Ausrichtung geben wollen.
So will nun auch Uruguay's President Tabare Vasquez, nach
einer Regierungserklärung vom 27. Juni, an der Gründung der Bank des
Südens teilnehmen, mit der sich Lateinamerika vom Diktat der Weltbank und
des Internationalen Währungsfonds (IWF) befreien und seine wirtschaftliche
Entwicklung durch größere Projekte vorantreiben will. Damit konnte
sich Außenminister Reinaldo Gargano gegen den IWF hörigen
Finanzminister Danilo Astori durchsetzen. Garango betonte aber, daß nun
die gesamte Regierung hinter der Entscheidung stünde. Denn da ganz
Lateinamerika an der Integration durch Wirtschaftsentwicklung teilnehme "Macht
es keinen Sinn, daß sich Uruguay heraushält".
Die Isvestia vom 27 Juni berichtet über die Erkundung
des Arktischen Meeres durch den russischen nukleargetriebenen Eisbrecher
Rossiya. Dabei habe man, sagte Dr. Valeri Kaminsky, der Direktor des
Gesamtrussischen Wissenschaftlichen Forschungsinstituts für Meeresgeologie
und natürliche Ressourcen, entlang des Lomonossow und Mendelejew Riffs
große Erdöl- und Erdgas-Lager entdeckt sowie Zinn, Mangan, Gold
Nickel Blei und Platin Lagerstätten, die man in den nächsten 10
Jahren abzubauen gedenkt. Dabei wird man sich mit Dänemark, Norwegen,
Kanada und den USA, die auf das Gebiet Anspruch erheben können, einigen
müssen. Neuer Konfliktstoff oder fruchtbare Zusammenarbeit?
Am 26. Juni tagte das Präsidium der Russischen Akademie
der Wissenschaft, um, wie am 24. April über das Projekt
Beringstraßentunnel, nun ein Programm der Industrialisierung des
nördlichen Bereichs hinter dem Ural zu erörtern. Im südlichen
Ural-Gebiet befinden sich die Millionenstädte Yekaterinburg and
Chelyabinsk. Nach NewsProm.ru liefert das südliche Uralgebiet 92% des
Russischen Erdgas, 67% des Erdöl 45% des Stahls und 42% der
Nichteisenmetalle and 34% der in Rußland hergestellten Maschinen.
Ähnliche Potentiale entdeckte man nun auch im nördlichen Bereich,
obwohl er bisher nur zu 10% erkundet ist. Das soll sich ändern. Vor 18
Monaten wurden die ersten Konzepte entwickelt, inzwischen hat das
Entwicklungsprojekt schon Gestalt angenommen, sagte Pjotr Latjschew, der
Vertreter des Präsidenten des russischen Bundesdistrikts Ural in seiner
Rede auf der Tagung.
Auch andere Staaten beginnen ihren Kopf aus dem Westlichen
Gedankensumpf der Wertpapierökonomie zu erheben. In Südkorea denkt
man - nach ähnlichen Überlegungen im Iran, die Merkel sofort entsetzt
zurück gewiesen hatte - über den Bau einer Magnetschwebebahn nach.
Anders als Iran ist Korea nicht auf eine Zustimmung der Deutschen angewiesen,
da das Land inzwischen über eine eigener Entwicklung verfügt, in die
allerdings zu 80% Erfahrungen aus Deutschland eingeflossen waren. In Indien hat
Finanzminister des Teilstaates Maharashtra, Jayant Patil den Bau einer
Magnetbahn mit einem Netz von sechs Linien im Großraum Mumbai
vorgeschlagen, dem das Kabinett zugestimmt hat. Natürlich erhob sich auch
dagegen sogleich die einschlägige Kritik, z.B. in der Economic Times vom
25. Juni: "Nur weil das in Shanghai funktioniere, brauche man so etwas nicht in
Indien, nachdem Deutschland und Japan davon Abstand genommen habe". Die
Landesregierung hat sich dadurch bisher nicht von ihrem Plan abbringen lassen
und die Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.
Nicht alles Wirtschaften spielt sich im Bereich der
Papiergeldgier ab. Andere Länder verabschieden sich von der Spinnerei, mit
der wir unsere Wirtschaft Schritt für Schritt kaputt machen. Auch das mag
den einen oder anderen der Großen im Westen bald vom Balkon springen
lassen - an der Zeit wäre es.
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