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08.2007 Author Info von:  http://www.spatzseite.de
Wenn das Geld faul geworden ist

Es gibt Alternativen

"Wir hatten seit 1998" meinte US-Schatzamtssekretär Henry Paulson "keinen weltweiten Finanzschock mehr. Ich denke, das anhaltende und dramatische Wachstum an privaten Kapitalvermögen und am Kredit-Derivatemarkt haben seitdem geholfen, die Risiken zu streuen, handhabbar und die Wirtschaft effektiver zu machen. Wenn es dann zu einem Schock kommt - und das heißt nur wenn, nicht ob; nicht weil ich negativ eingestellt wäre, sondern weil wir der wirtschaftlichen Schwerkraft nicht entkommen - dann werden wir zum ersten Mal sehen, wie die Instrumente unter Streß arbeiten." (Am 23 Juli 23 in "Fortune", von Rik Kirkland zitiert).

Die Schuldenlast der USA und zwar aller Individuen, Haushalte Wirtschaft und Regierung zusammengenommen, beläuft sich auf derzeit auf über 45 Billionen US-Dollar (Hier wurde kein Komma vergessen!). Der Fehlbetrag zwischen Einkommen und Bruttoinlandprodukt beläuft sich auf über 3,5 Billionen US$ jährlich. Deshalb müssen die Amerikaner um zu überleben immer mehr private Schulden aufnehmen. Das US-Auslandsdefizit bewegt sich in Richtung auf 900 Mrd. US-Dollar, das sind fast 9% des US-Bruttoinlandprodukts. Dabei steigen noch die Güterpreise. Der Goldman Sachs Commodity Güterindex hat sich seit 2001 verdoppelt.

Das Weltfinanzsystem fürchtet sich inzwischen vor einer "risk reverse mentality" (Risikoumkehrmentalität). Das dürfte für Hedgefonds und Private Equity Fonds zu einem größeren Problem werden. Bei den Hedgefonds werden sich papierene Vermögenswerte auflösen, die aber, von der Geldgier abgesehen, niemandem wehtun. Die fünft größte "Security"-Firma der Welt, Bear Stearns, mußte letzte Woche den Investoren in ihre zwei Hedgefonds mitteilen, daß ihre Investitionen ihren Wert verloren hätten. Der Grund hierfür waren Investitionen des Fonds in "hochertragreiche" Zweithypothekenabsicherungen. Nun geht ein anderer Hedgefond im Milliardenbereich über die Wupper, Absolute Capital in Australien; er hatte in Kreditabsicherungen (CDOs) investiert.

Die Auswirkungen solcher Zusammenbrüche betrifft das Risikobewußtsein der Geldverleiher. Man wird vorsichtiger beim Geldverleihen. Ramschanleihen sollen bereits "klemmen", heißt es in Händlerkreisen. Das betrifft vor allem Privat Equity Firmen, die ihre Betriebsübernahmen im wesentlichen über Kredite finanzieren, die als Anleihen an "Investoren" weiterverkauft werden. "Banken bleiben auf 22 Mrd. Krediten (Schulden) sitzen während sich die Krise verschärft" schrieb der London "Telegraph" am 26. Die Übernahme von Crysler durch Cerberus kommt ins Stocken, sechs Internationale Großbanken wollten das Übernahmegeld - 12 Mrd. US$ - bereitstellen, können dafür aber die Anleihen nicht verkaufen, obwohl sie schließlich Zinsen von über 9% anboten und damit nahezu ihre gesamte Provision aufs Spiel setzten. Am 26. Juli gaben weitere acht Großbanken auf. Sie wollten Anleihen für 10 Mrd. Dollar verkaufen, um die Übernahme der englischen Handelskette Alliance Boots durch KKR zu finanzieren. Sie hatten für 3,5 Mrd Anleihen verkauft aber zu so hohen Zinsen, daß ihre Gewinne dabei in die Binsen gingen. Auch der vereinbarte Verkauf von Cadbury Schweppes für 7 Mrd. stockt weil die Banken für KKR, der zurücktreten will, keine hungrige Heuschrecke mehr findet.

Anders als Hedgefonds wirken sich Probleme der Privat Equity Firmen unmittelbar auf die produktive Wirtschaft und damit auf die Versorgung der Menschen aus. Denn diese Firmen lösen sich nicht nur in Nichts auf, sondern führen auch dazu, daß die von ihnen übernommenen Betriebe schließen müssen. Dabei gehen Arbeitsplätze verloren, werden Güter und Dienstleistungen knapp. In Großbritannien gehören 18% aller Arbeitsplätze zu Betrieben von Private Equity Fonds. Wie viele das in Deutschland oder in den USA sind, ist unbekannt.

Die in London erscheinende Financial Times stellte schon am 24. Juli einen "Domino Effekt" der Kreditverknappung auf den Finanzmärkten fest. Der Index der Ramschanleihen (der "high-yield bonds") der Europäischen Firmen finde sich inzwischen dort wieder, wo er während der Krisen bei Ford und General Motors im Mai 2005 war. Damals hatten sich 300 Mrd. Dollar Anleihenwerte in Nichts aufgelöst. Der Index mißt die Kosten, um Anleihen im Wert von 10 Millionen Euro gegen Verluste zu versichern. Diese Kosten waren in der letzten Woche von 250.000 auf 350.000 Euro pro Jahr angestiegen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, und die 400.000 Euro erreicht, dürfte er sich, so fürchten die Experten, weiter beschleunigen und rasch die 500.000 erreichen. Der "Domino Effekt durch erzwungene Abwicklung" könnte viele Investoren zwingen, ihre Ramschanleihen zu verkaufen. Aus diesem Grund seien viele der größeren Übernahmen (obige Beispiele) durch Private Equity Firmen wie Blackstone, Cerberus, KKR etc, die bereits in warmen Tüchern waren, plötzlich wieder fraglich geworden.

Der andere Index, der laut Financial Times auf kommende schwere Zeiten hindeutet ist derjenige, der den Wert der sogenannten hochverzinslichen "Collaterized Debt Obligations" (Kreditabsicherungsverträge, CDOs) oder der gemischten Anleihen, die auch Hypotheken umfassen, bestimmt. Der Index zeigt an, daß die Werte solcher Papiere von 97% vor einem halben Jahr auf inzwischen 41% gesunken sind. Auf solche Papiere will sich keiner mehr einlassen, sie müssen "verramscht" werden.

Auf diese Entwicklung hat sich natürlich nicht positiv ausgewirkt, daß am 24. Juli bekannt wurde, daß inzwischen in den USA und England der "Tsunami" der Zweithypotheken auf die erstrangigen über schwappt. Countrywide, die größte Hypothekenbank der USA meldete, daß Ende Juni 3,4% ihrer erst-erstrangigen Hypotheken geplatzt seien, vor einem Jahr waren das nur 2% gewesen. Bei den zweit-erstrangigen Hypotheken (prime second mortgages) waren es 4,6% gegenüber 1,8% im Vorjahr. "Countrywide" teilte mit, daß im letzten Quartal nur noch Zahlungen für 23,7% der Zweithypotheken eingegangen seien, während es im Vorjahr noch 15,3% waren. Angelo Mozilo der Finanzvorstand von Countrywide meinte außerdem noch: "Wir erleben eine Entwertung der privaten Immobilien wie nie zuvor, abgesehen vielleicht von der Großen Depression". Die Ursache ist aber einfach zu verstehen: Die Überschuldung läßt die Kreditwürdigkeit verschwinden.

Wie diese Welle aufhalten? Sechs US-Staaten (Maryland, Massachusetts, New Jersey, New York, Ohio und Pennsylvania) arbeiten inzwischen an Programmen, um Leuten zu helfen, die Zwangsversteigerung ihrer Wohnung zu vermeiden. Das geht nach westlicher Vorstellung natürlich nur, wenn man die notleidende Finanzwirtschaft (wie damals bei der Entwicklungshilfe) durch Steuergelder zufriedenstellt. Für die Programme wurden ganze 500 Millionen Dollar bereitgestellt. Es ist abzuwarten, ob und wie die Federal Reserve Bank die Druckmaschine anwirft, um die Banken durch Papiergeld zu befriedigen.

Die Federal Reserve Bank of Chicago hat das Problem erkannt und für den 28. August in Indianapolis zu einer Konferenz mit dem Thema "The Nation's Foreclosure Epidemic: Causes, Consequences and Remedies" (Die Nationale Zwangsversteigerungs-Epedemie, Ursachen, Folgen und Gegenmittel) eingeladen. Bei einem Eintrittspreis von 25 Dollar pro Person wird man laut Einladung erfahren können "Warum die Zwangsversteigerungen von Wohnungen in Indiana den nationalen Höchststand erreicht haben, und wie viel schlimmer es noch werden kann". Ob sich dafür Einrittskarten besser verkaufen lassen als Ramschanleihen? Zumal die Einladung übertreibt. Der Staat Indiana belegte nach "IndyTimes" im letzten Jahr (2006) bei Zwangsversteigerungen nur den 3. Platz in den USA, während er 2005 noch ganz oben stand.

Seit den 1970er Jahren gehorcht die FED dem Monetarismus und ersetzte die an der Produktion orientierte Wirtschaft durch eine spekulative Schuldenwirtschaft. Das brachte der US-Finanzwirtschaft satte Gewinne, allein 500 Mrd. US-Dollar im Jahre 2006. Seit Anfang der achtziger Jahre wurde jede Wachstumsperiode durch einen Schub der Neuverschuldung bei den Banken erreicht. Dies hatte 1987 zum Aktieneinbruch und zur Rezession während der Ersten Bush-Regierung geführt. Ihr folgte die Technologieblase in den 90ern mit einer Rezession unter Clinton 2000-2002. Unter Bush II folgte die Immobilienblase, die zurzeit platzt, was durch die Privat Equity Blase aufgefangen werden sollte. Jede Blase entstand an dem Kanal, durch den die FED neues Schuldgeld ins System pumpte. Es wird Zeit, daß man den Monetarismus als Übel entsorgt, meint Richard C. Cook in Global Research vom 23. Juli. Cook ist kein Außenseiter, der pensionierte hohe Beamte hatte in vielen Regierungskommissionen und unter Carter für das Weiße Haus gearbeitet.

Er schlägt nun eine Art "New Deal" vor, der an die gegenwärtigen Probleme angepaßt wird. Er fordert eine Geldreform, die entsprechend der Produktivität, welche die moderne Wissenschaft und Technologie ermöglicht, neue Kaufkraft für Kunden, Wirtschaft und Regierung schafft. Geld darf nicht länger auf Bankschulden basieren, sondern muß wieder Regierungsgeld sein. Damit kommt er zu ähnlichen Überlegungen wie vor einiger Zeit schon der Spatz. Cook bezieht sich hierbei auf Vordenker, in den USA auf so bekannte Leute wie Thomas Edison. Im einzelnen fordert er: 1. einen Großteil der Schulden zu erlassen; 2. die Ausgabe eines garantierten Einkommens von rund 12.500,- pro Person und Jahr (Bürgergeld!) als "Nationaldividende"; 3. Regierungsausgaben für Verbesserungen der Infrastruktur; 4. ein neues System niedrig verzinster Kredite an Konsumenten und Kleingewerbetreibende; 5. die Beseitigung der FED und Ersatz durch ein Clearingstelle für Finanztransaktionen, 6. die Unterbindung aller Kredite für Spekulationszwecke und 7. die Rückkehr zur Zahlungsweise per Wechsel.

Die Geldschöpfung läge damit wieder beim Staat, wie das die US Verfassung einmal vorgesehen hatte. Dergleichen wurde von der Geldreformbewegung weltweit seit Jahren gefordert. Es spricht sich herum - nur nicht bei Politikern -, daß die private Geldschöpfung durch Geschäftsbanken (im Zusammenspiel mit einer Zentralbank für das Bargeld) unter der Regie des Monetarismus ein Desaster ist. Statt mehr Geld-Demokratie haben wir eine allgemeine Verschuldung bei Feudal-Banken im Zusammenhang mit einer wirtschaftlichen Katastrophe. Voraussetzung einer Politik, wie sie Cook andeutet, wäre allerdings, daß der Wähler vernünftige und gewissenhafte Politiker wählt und sich entsprechende Leute zur Wahl stellen. Sie zucken mit den Achseln? Die Alternative ist ein Krieg wie der Dreißigjährige - nur eben weltweit.



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