Es gibt Alternativen
"Wir hatten seit 1998" meinte US-Schatzamtssekretär
Henry Paulson "keinen weltweiten Finanzschock mehr. Ich denke, das anhaltende
und dramatische Wachstum an privaten Kapitalvermögen und am
Kredit-Derivatemarkt haben seitdem geholfen, die Risiken zu streuen, handhabbar
und die Wirtschaft effektiver zu machen. Wenn es dann zu einem Schock kommt -
und das heißt nur wenn, nicht ob; nicht weil ich negativ eingestellt
wäre, sondern weil wir der wirtschaftlichen Schwerkraft nicht entkommen -
dann werden wir zum ersten Mal sehen, wie die Instrumente unter Streß
arbeiten." (Am 23 Juli 23 in "Fortune", von Rik Kirkland zitiert).
Die Schuldenlast der USA und zwar aller Individuen,
Haushalte Wirtschaft und Regierung zusammengenommen, beläuft sich auf
derzeit auf über 45 Billionen US-Dollar (Hier wurde kein Komma
vergessen!). Der Fehlbetrag zwischen Einkommen und Bruttoinlandprodukt
beläuft sich auf über 3,5 Billionen US$ jährlich. Deshalb
müssen die Amerikaner um zu überleben immer mehr private Schulden
aufnehmen. Das US-Auslandsdefizit bewegt sich in Richtung auf 900 Mrd.
US-Dollar, das sind fast 9% des US-Bruttoinlandprodukts. Dabei steigen noch die
Güterpreise. Der Goldman Sachs Commodity Güterindex hat sich seit
2001 verdoppelt.
Das Weltfinanzsystem fürchtet sich inzwischen vor einer
"risk reverse mentality" (Risikoumkehrmentalität). Das dürfte
für Hedgefonds und Private Equity Fonds zu einem größeren
Problem werden. Bei den Hedgefonds werden sich papierene Vermögenswerte
auflösen, die aber, von der Geldgier abgesehen, niemandem wehtun. Die
fünft größte "Security"-Firma der Welt, Bear Stearns,
mußte letzte Woche den Investoren in ihre zwei Hedgefonds mitteilen,
daß ihre Investitionen ihren Wert verloren hätten. Der Grund
hierfür waren Investitionen des Fonds in "hochertragreiche"
Zweithypothekenabsicherungen. Nun geht ein anderer Hedgefond im
Milliardenbereich über die Wupper, Absolute Capital in Australien; er
hatte in Kreditabsicherungen (CDOs) investiert.
Die Auswirkungen solcher Zusammenbrüche betrifft das
Risikobewußtsein der Geldverleiher. Man wird vorsichtiger beim
Geldverleihen. Ramschanleihen sollen bereits "klemmen", heißt es in
Händlerkreisen. Das betrifft vor allem Privat Equity Firmen, die ihre
Betriebsübernahmen im wesentlichen über Kredite finanzieren, die als
Anleihen an "Investoren" weiterverkauft werden. "Banken bleiben auf 22 Mrd.
Krediten (Schulden) sitzen während sich die Krise verschärft" schrieb
der London "Telegraph" am 26. Die Übernahme von Crysler durch Cerberus
kommt ins Stocken, sechs Internationale Großbanken wollten das
Übernahmegeld - 12 Mrd. US$ - bereitstellen, können dafür aber
die Anleihen nicht verkaufen, obwohl sie schließlich Zinsen von über
9% anboten und damit nahezu ihre gesamte Provision aufs Spiel setzten. Am 26.
Juli gaben weitere acht Großbanken auf. Sie wollten Anleihen für 10
Mrd. Dollar verkaufen, um die Übernahme der englischen Handelskette
Alliance Boots durch KKR zu finanzieren. Sie hatten für 3,5 Mrd Anleihen
verkauft aber zu so hohen Zinsen, daß ihre Gewinne dabei in die Binsen
gingen. Auch der vereinbarte Verkauf von Cadbury Schweppes für 7 Mrd.
stockt weil die Banken für KKR, der zurücktreten will, keine hungrige
Heuschrecke mehr findet.
Anders als Hedgefonds wirken sich Probleme der Privat Equity
Firmen unmittelbar auf die produktive Wirtschaft und damit auf die Versorgung
der Menschen aus. Denn diese Firmen lösen sich nicht nur in Nichts auf,
sondern führen auch dazu, daß die von ihnen übernommenen
Betriebe schließen müssen. Dabei gehen Arbeitsplätze verloren,
werden Güter und Dienstleistungen knapp. In Großbritannien
gehören 18% aller Arbeitsplätze zu Betrieben von Private Equity
Fonds. Wie viele das in Deutschland oder in den USA sind, ist unbekannt.
Die in London erscheinende Financial Times stellte schon am
24. Juli einen "Domino Effekt" der Kreditverknappung auf den Finanzmärkten
fest. Der Index der Ramschanleihen (der "high-yield bonds") der
Europäischen Firmen finde sich inzwischen dort wieder, wo er während
der Krisen bei Ford und General Motors im Mai 2005 war. Damals hatten sich 300
Mrd. Dollar Anleihenwerte in Nichts aufgelöst. Der Index mißt die
Kosten, um Anleihen im Wert von 10 Millionen Euro gegen Verluste zu versichern.
Diese Kosten waren in der letzten Woche von 250.000 auf 350.000 Euro pro Jahr
angestiegen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, und die 400.000 Euro erreicht,
dürfte er sich, so fürchten die Experten, weiter beschleunigen und
rasch die 500.000 erreichen. Der "Domino Effekt durch erzwungene Abwicklung"
könnte viele Investoren zwingen, ihre Ramschanleihen zu verkaufen. Aus
diesem Grund seien viele der größeren Übernahmen (obige
Beispiele) durch Private Equity Firmen wie Blackstone, Cerberus, KKR etc, die
bereits in warmen Tüchern waren, plötzlich wieder fraglich
geworden.
Der andere Index, der laut Financial Times auf kommende
schwere Zeiten hindeutet ist derjenige, der den Wert der sogenannten
hochverzinslichen "Collaterized Debt Obligations"
(Kreditabsicherungsverträge, CDOs) oder der gemischten Anleihen, die auch
Hypotheken umfassen, bestimmt. Der Index zeigt an, daß die Werte solcher
Papiere von 97% vor einem halben Jahr auf inzwischen 41% gesunken sind. Auf
solche Papiere will sich keiner mehr einlassen, sie müssen "verramscht"
werden.
Auf diese Entwicklung hat sich natürlich nicht positiv
ausgewirkt, daß am 24. Juli bekannt wurde, daß inzwischen in den
USA und England der "Tsunami" der Zweithypotheken auf die erstrangigen
über schwappt. Countrywide, die größte Hypothekenbank der USA
meldete, daß Ende Juni 3,4% ihrer erst-erstrangigen Hypotheken geplatzt
seien, vor einem Jahr waren das nur 2% gewesen. Bei den zweit-erstrangigen
Hypotheken (prime second mortgages) waren es 4,6% gegenüber 1,8% im
Vorjahr. "Countrywide" teilte mit, daß im letzten Quartal nur noch
Zahlungen für 23,7% der Zweithypotheken eingegangen seien, während es
im Vorjahr noch 15,3% waren. Angelo Mozilo der Finanzvorstand von Countrywide
meinte außerdem noch: "Wir erleben eine Entwertung der privaten
Immobilien wie nie zuvor, abgesehen vielleicht von der Großen
Depression". Die Ursache ist aber einfach zu verstehen: Die Überschuldung
läßt die Kreditwürdigkeit verschwinden.
Wie diese Welle aufhalten? Sechs US-Staaten (Maryland,
Massachusetts, New Jersey, New York, Ohio und Pennsylvania) arbeiten inzwischen
an Programmen, um Leuten zu helfen, die Zwangsversteigerung ihrer Wohnung zu
vermeiden. Das geht nach westlicher Vorstellung natürlich nur, wenn man
die notleidende Finanzwirtschaft (wie damals bei der Entwicklungshilfe) durch
Steuergelder zufriedenstellt. Für die Programme wurden ganze 500 Millionen
Dollar bereitgestellt. Es ist abzuwarten, ob und wie die Federal Reserve Bank
die Druckmaschine anwirft, um die Banken durch Papiergeld zu befriedigen.
Die Federal Reserve Bank of Chicago hat das Problem erkannt
und für den 28. August in Indianapolis zu einer Konferenz mit dem Thema
"The Nation's Foreclosure Epidemic: Causes, Consequences and Remedies" (Die
Nationale Zwangsversteigerungs-Epedemie, Ursachen, Folgen und Gegenmittel)
eingeladen. Bei einem Eintrittspreis von 25 Dollar pro Person wird man laut
Einladung erfahren können "Warum die Zwangsversteigerungen von Wohnungen
in Indiana den nationalen Höchststand erreicht haben, und wie viel
schlimmer es noch werden kann". Ob sich dafür Einrittskarten besser
verkaufen lassen als Ramschanleihen? Zumal die Einladung übertreibt. Der
Staat Indiana belegte nach "IndyTimes" im letzten Jahr (2006) bei
Zwangsversteigerungen nur den 3. Platz in den USA, während er 2005 noch
ganz oben stand.
Seit den 1970er Jahren gehorcht die FED dem Monetarismus und
ersetzte die an der Produktion orientierte Wirtschaft durch eine spekulative
Schuldenwirtschaft. Das brachte der US-Finanzwirtschaft satte Gewinne, allein
500 Mrd. US-Dollar im Jahre 2006. Seit Anfang der achtziger Jahre wurde jede
Wachstumsperiode durch einen Schub der Neuverschuldung bei den Banken erreicht.
Dies hatte 1987 zum Aktieneinbruch und zur Rezession während der Ersten
Bush-Regierung geführt. Ihr folgte die Technologieblase in den 90ern mit
einer Rezession unter Clinton 2000-2002. Unter Bush II folgte die
Immobilienblase, die zurzeit platzt, was durch die Privat Equity Blase
aufgefangen werden sollte. Jede Blase entstand an dem Kanal, durch den die FED
neues Schuldgeld ins System pumpte. Es wird Zeit, daß man den
Monetarismus als Übel entsorgt, meint Richard C. Cook in Global Research
vom 23. Juli. Cook ist kein Außenseiter, der pensionierte hohe Beamte
hatte in vielen Regierungskommissionen und unter Carter für das
Weiße Haus gearbeitet.
Er schlägt nun eine Art "New Deal" vor, der an die
gegenwärtigen Probleme angepaßt wird. Er fordert eine Geldreform,
die entsprechend der Produktivität, welche die moderne Wissenschaft und
Technologie ermöglicht, neue Kaufkraft für Kunden, Wirtschaft und
Regierung schafft. Geld darf nicht länger auf Bankschulden basieren,
sondern muß wieder Regierungsgeld sein. Damit kommt er zu ähnlichen
Überlegungen wie vor einiger Zeit schon der Spatz. Cook bezieht sich
hierbei auf Vordenker, in den USA auf so bekannte Leute wie Thomas Edison. Im
einzelnen fordert er: 1. einen Großteil der Schulden zu erlassen; 2. die
Ausgabe eines garantierten Einkommens von rund 12.500,- pro Person und Jahr
(Bürgergeld!) als "Nationaldividende"; 3. Regierungsausgaben für
Verbesserungen der Infrastruktur; 4. ein neues System niedrig verzinster
Kredite an Konsumenten und Kleingewerbetreibende; 5. die Beseitigung der FED
und Ersatz durch ein Clearingstelle für Finanztransaktionen, 6. die
Unterbindung aller Kredite für Spekulationszwecke und 7. die Rückkehr
zur Zahlungsweise per Wechsel.
Die Geldschöpfung läge damit wieder beim Staat,
wie das die US Verfassung einmal vorgesehen hatte. Dergleichen wurde von der
Geldreformbewegung weltweit seit Jahren gefordert. Es spricht sich herum - nur
nicht bei Politikern -, daß die private Geldschöpfung durch
Geschäftsbanken (im Zusammenspiel mit einer Zentralbank für das
Bargeld) unter der Regie des Monetarismus ein Desaster ist. Statt mehr
Geld-Demokratie haben wir eine allgemeine Verschuldung bei Feudal-Banken im
Zusammenhang mit einer wirtschaftlichen Katastrophe. Voraussetzung einer
Politik, wie sie Cook andeutet, wäre allerdings, daß der Wähler
vernünftige und gewissenhafte Politiker wählt und sich entsprechende
Leute zur Wahl stellen. Sie zucken mit den Achseln? Die Alternative ist ein
Krieg wie der Dreißigjährige - nur eben weltweit.
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