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Oktober 2007 Thomas Hegenauer Info von:   lebenswert
ÜBER DIE SCHULE
   

Die Schule ist so ein Thema. Mich erstaunt immer wieder, wie

     wenig sie selbst in alternativen Kreisen Beachtung findet.

     Ein typisches Beispiel:

     Letztes unterhielt ich mich ausführlich mit jemandem, der

     gemeinsam mit seiner Frau Landwirtschaft ohne Maschinen

     betreibt, natürlich biologisch.

     Nah an der Natur im Rhytmus, den die Pferde besser hören als

     wir, wird geschaffen und gelebt.

     Hört sich gut an. Richtig alternativ, wenn man so will.

     "Wie macht ihr das denn mit der Schule?" fragte ich.

     Deren Tochter ist 3 Jahre alt.

     "Wie? Ja, halt ganz normal."

     "Echt? Mmmh, ob dem Kind das so gut tut, erst daheim

     kleinbäuerlich in der Natur aufzuwachsen (natürlich

     vollwertig-vegetarisch ernährt) und dann die Regelschule zu

     besuchen?"

     Die folgende Antwort hörte ich nicht zum ersten Mal:

     "Sie hat ja noch uns. Ausserdem leben wir eben in dieser

     Welt und da braucht man nicht davor fliehen."

     Ich verstehe diese Überlegung.

     Was nützt es dem kleinen Kind, in einer künstlichen "heilen

     Welt" aufzuwachsen?

     Wer dieser Gesellschaft nicht rigoros und absolut den Rücken

     zukehrt, sollte seine Kinder wohl schon frühzeitig auf "die

     anderen" vorbereiten... und das geht am besten im

     miteinander einer "normalen" Schule.

     Ja, wir hatten hier auch einige Bedenken.

     Nicht dass es schon eilen würde - unser ältester ist gerade

     erst drei geworden ... aber angeblich gehts schneller als

     man glaubt.

     Anbei also ein paar unserer Gedanken zur Schule für die

     Kinder:

     Zur "normalen" Schule.

     "Normal" ist, was alle machen. Das muss noch lange nicht

     normal sein... Vor 70 Jahren war es normal für junge

     Menschen, in die Hitlerjugend einzutreten. Wer das nicht

     tat, war nicht normal, der Aussenseiter, der Depp.

     Hätte ich meinen Sohn also damals in die Hitlerjugend

     schicken sollen? Damit er "normal" aufwächst?

     "Er hat ja noch uns. Ausserdem leben wir eben in dieser Welt

     und da braucht man nicht davor fliehen."

     War diese Aussage damals richtig?

     Ist sie heute richtig?

     "ABER", höre ich schon Stimmen.

     "Heute ist das ja GANZ ANDERS."

     Ja, ist das so?

     Gedanken zur "normalen" Schule:

     Ich selbst habe sie besucht. Nicht annodazumal, bin erst vor

     9 Jahren abgegangen. Nach 13 Schuljahren mit dem besten

     Abitur meines Jahrgangs.

     Was habe ich gelernt?

     Habe gelernt, dass Karl der Grosse dies und jenes gemacht

     hat. Keiner sagte mir, dass es dazu eine andere Meinung

     gibt. Heute bezweifle ich, ob König Karl überhaupt je

     existierte.

     Habe gelernt, irgendwas zu berechnen. Habe das gut gemacht,

     bekam viele gute Noten darin.

     Heute kann ich das nicht mehr, habe es nie gebraucht.

     Habe gelernt, welche Eiszeiten es gab. Hab ich vergessen.

     Habe gelernt, welche Bestandteile eine menschliche Zelle

     hat. Hab ich vergessen.

     ...

     Mein Englisch kann ich noch ganz gut. Weil ich es oft

     einsetze und daher brauche. Ob ich es nicht auch so gelernt

     hätte, weil es mich interessierte?

     Grundlegende mathematische Funktionen und ein wenig "höhere

     Mathematik" (z.B. den Zinseszins) habe ich auch behalten.

     Wieder stellt sich mir die Frage, ob das Verdienst der

     Schule ist, oder ob ich das Wissen nicht ohnehin bekommen

     hätte, aus purem Interesse?

     Und was das Zwischenmenschliche angeht, das ja sooo wichtig

     ist in der Schule - mal sehen, was ich gelernt habe:

     Habe gelernt, dass 30 Leute gleich sind.

     Müssen sie auch sein, denn immerhin lernen sie alle das

     gleiche, zur gleichen Zeit, im gleichen Tempo, die gleichen

     Inhalte...

     Habe gelernt, dass Montag blöd ist und Freitag toll, weil

     endlich keine Schule am Wochenende.

     (Dieses Wissen hätte ich in der Berufswelt brauchen können,

     denn da reisst man bekanntlich seine Stunden auch nur ab,

     bis endlich Wochenende ist und das Leben anfängt).

     Habe gelernt, an der Realität vorbeigehende Regeln zu

     beachten. Das muss man, wo kommen wir denn sonst hin.

     Als ich 18 wurde, durfte ich mich selbst vom Unterricht

     entschuldigen. Ich tat es einmal mit dem Hinweis, ich hätte

     heute woanders was wichtiges zu lernen. Wollte auf die

     Hauptversammlung der Siemens AG gehen.

     Durfte ich nicht. Nur "krank" darf man sein, sonst nichts.

     "Ja, glauben Sie denn wirklich, die ganzen fehlenden Schüler

     sind alle krank?"

     "Aber natürlich."

     "Das sind doch alles junge, gesunde Leute. Die sind nicht

     krank!"

     "Hören Sie sofort auf, Ihre Mitschüler herabzusetzen. Wer

     "krank" auf seine Entschuldigung schreibt, der IST krank.

     Alles andere ist ja verboten!"

     Am Tag darauf war ich "krank". Alles war in Ordnung, nur ich

     war nicht zufrieden.

     Was ich leider nicht gelernt habe:

     - Familiengründung

     - Umgang mit Kindern

     - Ernährung

     - Finanzielles Grundwissen

     Macht nichts, habe ich auch so gelernt, ganz ohne Schule.

     Laufen und sprechen habe ich auch so gelernt. Schon VOR der

     Schule. Erstaunlich, nicht wahr?

     Und Autofahren habe ich gelernt, obwohl das nicht einmal

     Wahlfach an der Schule war.

     Wie kann das nur kommen?

     Ich lernte, dass es das tollste überhaupt sei, 13 Jahre auf

     die Schule zu gehen, um danach noch 10 Jahre auf der Uni zu

     sitzen. Und anschliessend darf man sich irgendwo um einen

     Job bewerben, der einen gar nicht so richtig interessiert.

     (Denn ich lernte, dass man halt nicht immer machen kann, was

     man gerade will, ist ja klar.)

     Aber weil man ja studiert hat und vielleicht sogar einen

     Doktortitel, ist man um so vieles besser als diese ganzen

     Handwerker und "einfachen Leute". Wer brav weiterdient,

     bekommt ein Büro mit Aussicht und wer ganz brav ist, einen

     Firmenwagen.

     DARAUF hat mich die Schule vorbereitet und sonst auf nichts.

     Erzogen wurde ich zum Einheitsmenschen, der nach Schema F

     "funktioniert". Denkt, was alle denken, tut, was alle tun,

     keine Fragen stellt und seine Befehle immer brav "von oben"

     annimmt, ohne je nach Sinn und Verstand zu fragen.

     Aber heute FRAGE ich.

     Ich FRAGE all die jungen Eltern mit ihren Kindern, ob sie

     denn wirklich meinen, die "normale" Schule sei auch nur

     ansatzweise zu etwas gut.

     In Reih und Glied im Klassenzimmer sitzen und nacherzählen,

     was die Obrigkeit von sich gibt. Belohnung bei guter

     Führung, Bestrafung beim aus der Reihe tanzen.

     Geistiger Gleichschritt und Abteilung rechts um im

     Laufschritt zum Einheitsmenschen ohne Persönlichkeit.

     "Die Kinder haben ja noch uns," sagen dann die Eltern?

     Sogar wenns stimmt - wie lange braucht ein gutes Elternpaar,

     um täglich 5 Stunden Einheitsdrill wett zu machen?

     Ich schätze mal 5 Stunden ... um wieder auf Null zu kommen.

     Wie verrückt ist das denn?

     Nun das letzte Argument:

     "Jaja, mag alles richtig sein. Aber die Alternative? Die

     Kinder im Montessori-Kuckucksheim die schöne Welt vorgaukeln

     und dann nach dem Schulabgang kommt der grosse Knall??!!"

     So höre ichs öfter und glaubte es auch selbst.

     Glaubte es selbst, weil ich keine Ahnung hatte, was ich da

     eigentlich erzählte.

     Weil ich über etwas redete, das ich nicht kannte und von dem

     ich auch kein Interesse hatte, es je kennenzulernen.

     Wenn dem so ist, ist das in Ordnung. Nur schweigen sollte

     man dann. Das Maul halten - unbedingt.

     Richtig ist.. nein, keine Ahnung, was "richtig ist".

     Richtig scheint mir, dass eine alternative Schule die Kinder

     weitaus besser auf das Leben "da draussen" vorbereitet, als

     dass es die Regelschule je könnte (/wollte?).

     Denn wer den Kindern hilft, sich selbst zu helfen, der

     bringt eigenständige Personen hervor.

     Menschen, die Konflikte kennen und lösen, ohne den anderen

     dabei fertigmachen zu müssen.

     Menschen, die Interessen haben, Lebensfreude, Ideen, Ziele.

     (Nach 13 Jahren Schule wusste in meiner Abschlussklasse kaum

     jemand, was er eigentlich machen wollte. Man fing einfach

     mal an, was zu studieren. Irgendwas, vielleicht mal BWL, das

     kann man ja immer brauchen, oder Jura, schadet nie. Wer gar

     nichts wollte, der schwänzte eben seine Vorlesungen in

     "Kunst" oder "Sozio-Irgendwas".)

     Zum Schluss noch ein letzter Gedanke:

     Meine Frau und ich, wir erwarten von der Schule wenig.

     Sie soll unsere Kinder nur möglichst wenig behindern.

     Den Rest, was es an "Erziehung" zu tun gibt, den sehen wir

     100% in unserem Verantwortungsbereich.

     Die Schule soll uns lediglich nicht gegenarbeiten.

     Oder möglichst wenig. Wir behindern unsere Kinder schon

     genug durch unsere eigene anerzogene Beschränktheit, der wir

     nie ganz entkommen ... da brauchen wir nicht noch einen

     weiteren Pfuscher am Werk.

     "Jetzt geb ich mein Kind auf die Montessori, dann sollen die

     einen Menschen draus machen," wird auch nicht klappen.

     Alles Liebe,

 

     Thomas

 

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