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Unklar ist, ob sie krank
machen
Der Tumor in Christopher Newmans Kopf war so
groß wie ein Golfball. Weil er nahe am Ohr wucherte, argwohnte der
Nervenarzt aus Baltimore, die Funkwellen seines Handys hätten den Krebs
verursacht. Deshalb kündigte er im vergangenen Jahr an, den Hersteller
Motorola sowie einige Netzbetreiber - darunter die Tochterfirma Verizon des
britischen Mobilfunkriesen Vodafone - auf 800 Millionen Dollar Schadenersatz
für die Behinderung zu verklagen, die nach seiner Operation
zurückblieb. Prompt fiel Vodafones Aktienkurs.
Eine soeben vorgestellte
Studie, durchgeführt an der
Universitäts- Augenklinik Essen, scheint den Verdacht zu bestätigen,
dass Handy-Strahlung Krebs auslösen kann. Patienten, die an einem Tumor
der mittleren Augenhaut leiden, hatten signifikant häufiger mobil
telefoniert als Menschen aus einer Kontrollgruppe. Schwedische und
US-Epidemiologen, die im Zuge zweier weiterer neuer Studien die Handy-Nutzung
von Hirntumorpatienten untersucht hatten, fanden indes keinen derartigen
Zusammenhang.
Derlei Widersprüche kennzeichnen die
Diskussion um mögliche Gesundheitsrisiken durch das Mobiltelefon. Jeder
Warnung einer Forschergruppe vor Strahlenwirkungen folgt meist die Entwarnung
durch eine andere. Bis heute wurden über 20 000 Studien und Fachartikel zu
dieser Frage veröffentlicht. Schlüssige Aussagen sind aber nach wie
vor nicht möglich.
Der Grund dafür ist, dass die Forscher
zwar immer detaillierter erkennen, was die von Handys, schnurlosen
DECT-Telefonen und anderen elektrischen Geräten ausgestrahlten
elektromagnetischen Felder (EMF) in biologischen Systemen bewirken - doch
bleibt weitgehend unklar, ob die meist nur schwachen Effekte Menschen krank
machen oder nicht.
Die elektronischen Bimmelgeister strahlen mit
einer Sendeleistung von zwei Watt und einer Mikrowellenfreguenz von 900
Megahertz (E-Netz knapp ein Watt 1800 MHz) unmittelbar in den Kopf.
Zusätzlich tauchen rund 40.000 Basisstationen die Menschen in ein
allgegenwärtiges Strahlenbad.
Doch erst ihre gepulste Strahlung, sagen
kritische Forscher, mache die Handys gefährlich. Sie übertragen
Gespräche nicht kontinuierlich (analog), sondern in 217 Tonhäppchen
pro Sekunde zerstückelt. Mit dieser Frequenz wird die Strahlung,
ähnlich dem Licht einer Stroboskoplampe, an- und ausgeschaltet, was den
Organismus besonders belaste.
In erster Linie bringen Ärzte
Erkrankungen des Zentralnervensystems mit dem Handy in Verbindung. Seine EMF
sollen das Denkorgan stressen, was zu Konzentrations- und Schlafstörungen
sowie Gedächtnisschwäche führt. Zudem könnten sie
Drehschwindel, Migräne, Schlaganfälle und Demenzen wie Alzheimer
auslösen, schlimmstenfalls eben auch Krebs. Bei Herzinfarkt, Bluthochdruck
und Fruchtbarkeitsstörungen stehen Handys ebenfalls unter
Verdacht.
Frühe Hinweise auf eine Beeinflussung
der Hirnfunktion lieferte 1993 ein Experiment des Biophysikers Lebrecht von
Klitzing. Er fand bei Versuchspersonen, deren Kopf er mit gepulsten EMF
bestrahlte, veränderte Hirnströme.
Umgehend attackierten Fachkollegen
den Lübecker Forscher. Sie warfen ihm eine
fehlerhafte Versuchsauswertung vor und mutmaßten, seine Probanden seien
schlicht entschlummert. Neurologen von der Ruhr-Universität Bochum sowie
des Münchner Universitätsklinikums Großhadern versuchten
erfolglos, die Studie zu reproduzieren.
Später fanden Ärzte der
Universität Mainz jedoch heraus, dass eingeschaltete Handys am Bett die
Nachtruhe junger Männer tatsächlich stören. Deren
Traumschlafphase war, wie Hirnstrommessungen zeigten, signifikant
verkürzt. Dies könne das Gedächtnis beeinträchtigen,
argwöhnen die Mainzer, weil im Traumschlaf die Eindrücke des
vergangenen Tages ins Langzeitgedächtnis gespeist werden. Ähnliches
entdeckten Wissenschaftler der Universität Zürch. Bei ihren
Versuchspersonen stieg die Intensität bestimmter Hirnwellen um 15 Prozent,
zugleich verkürzten sich die "Wachepisoden" im normalen
Schlaf.
Umstritten ist auch ein Befund von Neurologen
der Universität Lund in Schweden.
"Handys verursachen
ein Gesundheitsrisiko für eine unbekannte Zahl zunächst nicht Identifizierbarer
Menschen" [ Gerard Hyland
] Physikprofessor, Universität Warwick
Sie hatten bemerkt, dass die
Blut-Hirn-Schranke von Ratten unter dem Einfluss schwacher EMF durchlässig
wird. Diese Zellbarriere verhindert, dass Gifte aus den Blutgefäßen
in das Nervengewebe übertreten. Wird sie löchrig, könnten
Schadstoffe in das Hirn vordringen und Leiden wie Parkinson oder Alzheimer
auslösen.
Neuere Studien,
durchgefühlt am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung in
Köln sowie der Universität Heidelberg, stellen die Ergebnisse der
Schweden wieder in Frage. Die deutschen Forscher sahen den Effekt nur bei
extrem starken Feldern wie sie Handy-Nutzer nicht fürchten
müssen.
EMF aus
Basisstationen beeinflussen geringfügig
selbst das Verhalten beim Vieh, wie die im Herbst 2000 vorgelegte Rinderstudie
des bayerischen Umweltministeriums ergab. Tierärzte nahmen 38 Höfe in
Bayern und Hessen unter die Lupe. Ganze acht der Bauern ließen die Tiere
auf die Weide. Bei ihnen waren Milchleistung, Fruchtbarkeit und
Schlafhormonausschüttung normal. Doch die vier Weideherden, deren
Höfe am stärksten strahlenbelastet waren, kauten deutlich weniger
wieder. Einige der beteiligten Forscher interpretieren dies als "Ausdruck
eingeschränkten Wohlbefindens" infolge des Elektrosmogs.
Besonders heftig streitet
die Fachwelt um die Krebs fördernde Wirkung
der EMF. Im Frühjahr 1997 machte ein Experiment des australischen Biologen
Michael Repacholi Schlagzeilen. Er hatte - pikanterweise im Auftrag der
Telefongesellschaft Telstra - Mäuse mit handytypischer Strahlung
traktiert. Von ihnen erkrankten mehr als doppelt so viele an Lymphknotenkrebs
wie Tiere einer unbestrahlten Kontrollgruppe.
Nur: die Mäuse waren
genmanipuliert - sie trugen ein Gen, das Krebs auslöst. Deshalb
erklärte Repacholi, der heute das International EMF Project der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) leitet, das Versuchsergebnis sei nur mit
Vorbehalt auf den Menschen
übertragbar. Drei andere Gruppen scheiterten danach bei dem Versuch, das
Experiment zu wiederholen, zwei Folgestudien in Italien und Australien laufen
noch bis Ende 2001.
Ohne eindeutiges
Resultat blieb auch eine der größten
Studien über Mobiltelefone und Gesundheit. Vorgelegt hat sie im Mai 2000
die britische Independent Export Group on Mobile Phones, eine Gruppe von Biologen, Ärzten, Physikern und
Elektroingenieuren Die Ergebnisse:
Handy-Strahlung beeinflusst
auch unterhalb der gültigen Grenzwerte kognitive Funktionen und
Hirnwellen
Die bisherigen Erkenntnisse
lassen kein erhöhtes Krebsrisiko erkennen, können es aber auch nicht
ausschließen
Für abschließende
Aussagen seien Handys noch nicht lange genug im Gebrauch.
Jugendliche bis 16 Jahre,
mahnt der Studienleiter William
Stewart, sollten vorsichtshalber gar nicht mobil telefonieren. Auf Grund ihres
dünneren Schädels und des noch in Entwicklung befindlichen
Nervensystems seien sie einem größeren Risiko ausgesetzt als
Erwachsene.
Erst
allmählich kristallisieren sich mögliche
Krebs fördernde Mechanismen heraus. So fand Wolfgang Löscher,
Pharmakologe an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, beschleunigtes
Brustkrebswachstum bei Mäusen, die einem Niederfrequenzfeld ausgesetzt
waren. Die Tiere wiesen einen signifikant geringeren Spiegel des Hormons
Melatonin auf als die einer Vergleichsgruppe.
Den Verdacht, dass EMF dessen
Bildung in der Zirbeldruse verringern, hegen Mediziner schon länger. Es
steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus,
bremst aber auch das Wachstum von Tumoren. "Fehlt Melatonin, reichern sich
freie Radikaie in den Zellen an - das Risiko von Schäden, die zu einer
Krebserkrankung führen, steigt", erklärt der Pathologe Eduard David
von der Universität Witten/Herdecke.
Eine Studie von
1998, initiiert vom US-Industrieverband Wireless
Technology Research Group (WRT) erbrachte Hinweise auf Erbgutveränderungen
in weißen Blutkörperchen durch EMF, was frühere Experimente
anderer Forscher bestätigt. Sie hatten berichtet, handy-ähnliche
Strahlung habe unter anderem in Hirn und Hoden von Versuchstieren Brüche
der Erbsubstanz DNS bewirkt.
Letztlich aber meint der
Physiker Gerard Hyland von der Universität Warwick seien die typischen
Pulse Hauptursache des Übels. Sie liegen im gleichen Frequenzbereich wie
die Hirnwellen und geraten so mit diesen in Resonanz' sagt er "Wie leicht dabei
etwas schief geht, zeigen die Epileptiker bei denen Stroboskoplicht Anfalle
auslost " Es sei falsch, nur die biochemischen Funktionen des Körpers zu
betrachten, schließlich würden viele neuronale Prozesse
elektrochemisch kontrolliert. Störungen der elektrischen Aktivität
könnten etwa die Hormonausschüttung verändern.
Dem Briten mit der
markanten Mähne gilt der Mensch als
"elektromagnetischer Apparat" par excellence. Hyland: "Die EMF- Empfindlichkeit
hängt vom physiologischen Status ab, der sich etwa durch Stress, aber auch
tages- und jahreszeitlich ändert. Darum gibt es keine klar definierten
Gesundheitsschäden, sondern ein Risiko für eine unbekannte Zahl
zunächst nicht identifizierbarer Menschen " Dies erkläre auch die
Nichtwiederholbarkeit vieler Versuche. Die Biofrequenzen lebender Systeme
können sich verschieben. Wird die gleiche technische Frequenz wieder
eingestrahlt, bleibt die Resonanz aus .
James Lin, Elektroingenieur an
der University of lllinois in Chicago, sekundiert. Er beobachtete, dass schon
sehr
schwache Felder die
Kommunikation zwischen Zellen beeinträchtigen können. Wie viele
seiner Fachkollegen fordert er deshalb, die Grenzwerte schrittweise zu senken.
Lin: "Keine Frage, dass die Handy-Strahlung die Gesundheit gefährdet.
Offen ist nur, wie sehr"
Endgültige
Antworten soll eine Vielzahl neuer Studien geben,
die derzeit in etlichen Ländern laufen. Die größte ist das
International EMF Project, durchgeführt von acht internationalen
Instituten, 40 nationalen Behörden sowie acht "kooperierenden Zentren".
Ihre Forscher wollen bis 2005 vorwiegend in den USA und Europa 12 000 Probanden
zu ihren Kommunikationsgewohnheiten befragen. Dann soll sich zeigen, ob eine
Generation hirngeschädigter Zombies heranwächst oder ob die schone
neue Mobilfunkwelt wirklich so heil ist, wie es Handy-Hersteller und
Netzbetreiber versichern.
MICHAEL ODENWALD
INFORMATIONEN ZUM
STRAHLENRISIKO
Internet-Adressen mit
Forschungsergebnissen und Tipps zum Schutz vor der
Handy-Strahlung
Elektrosmog-Report: www strahlentelex
de
Bürgerinitiative
Burgerwelle: www buergerwelle de
Forschungsgemeinschaft
Funk: www fgf de
Beratungs- und Messstelle
Elektrosmog. Wissen schaftsladen Bonn e V www
wilabonn de/esmog htm
Belastungsdaten
gängiger Handys (SAß Werte) Stiftung
Better Electromagnetic Environment wwwbemi se/founder/clips/cellularSAR
htm]
Infodienst SAR
Data: www.sardata.com/sardata htm
Focus
5/2001 |