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Wissen 10/2002
Die Zahl der
Mobilfunkantennen in Deutschland wird sich in den nächsten Jahren
verdoppeln. Über die Risiken der Strahlung wird heftig gestritten
von Dirk Asendorpf
Bei der Bürgerversammlung im Bremer Stadtteil
Östliche Vorstadt macht sich Ratlosigkeit breit. "Wir können das hier
doch alle überhaupt nicht beurteilen", sagt ein frustrierter Teilnehmer.
So wie ihm geht es den meisten Kommunalpolitikern. Beim Umgang mit dem heiklen
Thema "Elektrosmog" fühlen sie sich vielfach überfordert. Doch
vertagen hilft nichts. Denn in Bremen muss, wie in vielen anderen deutschen
Kommunen, in diesen Wochen über die Standorte der neuen Masten für
das UMTS-Netz entschieden werden. Und das ruft landauf, landab erregte
Diskussionen zwischen Stadtplanern, Technikern und gesundheitsbesorgten
Bürgern hervor.
Auf normalen Stadtplänen ist der Antennenwald schon gar
nicht mehr zu erkennen, der in den vergangenen Jahren in Städten und
Gemeinden gewuchert ist. Neben Radio- und Fernsehsendern, Polizei und
Richtfunkanlagen gibt es heute hierzulande mehr als 50 000 Basisstationen
für den Mobiltelefonverkehr. Für UMTS soll sich diese Zahl noch
einmal verdoppeln. Genaue Zahlen kennt niemand. Denn für Antennenanlagen
von bis zu zehn Meter Höhe wurde bis 2001 keine Baugenehmigung verlangt,
deshalb verfügen die Behörden auch nicht über ein komplettes
Verzeichnis. Seit Dezember 2001 haben sich die Mobilfunkbetreiber verpflichtet,
die Kommunen in künftige Standortentscheidungen einzubeziehen. Nun steht
das Thema plötzlich überall auf der Tagesordnung.
Die Liste der Schrecken ist lang
Aber sind die flächendeckend ausgebreiteten
elektromagnetischen Felder überhaupt eine Gefahr für die Gesundheit?
"Solange das nicht eindeutig ausgeschlossen werden kann, nehmen wir doch alle
unfreiwillig an einem gigantischen Feldversuch teil", empört sich eine
Anwohnerin in der Bremer Bürgerversammlung. Die Stadtteilpolitiker
können ihr die Sorge ebenso wenig nehmen wie der eigens geladene Vertreter
des Stadtplanungsamtes. Der kennt sich zwar mit baurechtlichen Vorschriften
beim Aufrichten von Antennen aus, zuckt in puncto Gesundheit aber mit den
Schultern. "Da tappt man weitgehend im Dunkeln." Auch die Broschüre des
Gesundheitsamtes, die er mitgebracht hat, weist nur allgemein darauf hin, dass
"beim derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand Gesundheitsbelastungen nicht
sicher ausgeschlossen werden können".
Wo es so wenig handfeste Informationen gibt, ist umso mehr
Raum für Spekulationen. Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Allergien,
Depressionen, Tinnitus, Kopftumoren, Leukämie bei Kindern - es gibt fast
nichts, das nicht im Verdacht stünde, vom Elektrosmog erzeugt oder
gefördert zu werden. Eine komplette Horrorliste dieser Art wird von der
"Bürgerwelle" verbreitet. Das ist eine Art Dachverband der deutschen
Bürgerinitiativen gegen den Elektrosmog. Über 11 000 solcher
Initiativen soll es mittlerweile geben, sagt Siegfried Zwerenz, Sprecher der
Bürgerwelle und hauptberuflich Heilpraktiker im bayerischen Tirschenreuth.
Die Schreckensliste der Elektrosmogfolgen fuße auf "alltäglichen
Beobachtungen, Erfahrungsmedizin und aktueller Forschung".
Von solchen Sammlungen einzelner Verdachtsfälle als
Beleg der Gefahr aus dem Äther hält Wolfram König überhaupt
nichts. Er ist Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) und
damit für die Festlegung und Einhaltung der Grenzwerte für
elektromagnetische Felder zuständig. "Da der Mensch keine eigenen Sensoren
für Strahlungsbelastungen besitzt", sagt er, "entsteht die Verunsicherung
weniger aus den realen Strahlungsrisiken als vielmehr aus der Angst vor dem
Unbekannten." Ende vergangenen Jahres hat König die allgemeine
Verunsicherung sogar in einer repräsentativen Umfrage feststellen lassen.
35 Prozent aller Bundesbürger über 14 Jahren machen sich danach
Sorgen um Gesundheitsgefahren durch den Mobilfunk, die meisten davon haben
Angst vor Handys, gefolgt von Sendeanlagen und schnurlosen Haustelefonen.
König hält dies vor allem für ein Informationsdefizit. Denn nach
Auswertung aller vorliegenden Hinweise sei er zu einem "eindeutigen" Ergebnis
gekommen: "Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis eines Gesundheitsrisikos,
vor dem die Grenzwerte nicht schützen."
Mehr als 20 000 Forschungsarbeiten zu möglichen
Gesundheitseffekten elektromagnetischer Felder liegen inzwischen weltweit vor.
Dass die unsichtbare Strahlung Auswirkungen auf Tier und Mensch hat, ist
unbestritten. Ob diese jedoch schädlich sind, ist weiterhin offen. Auch
der Strahlenschutzexperte Hauke Brüggemeyer, der im Niedersächsischen
Landesamt für Ökologie die Forschung verfolgt, mag auf der Basis der
bisherigen wissenschaftlichen Publikationen kein Urteil fällen. "Man muss
sich durch viel Müll kämpfen, um ab und zu etwas Sinnvolles zu
entdecken", klagt er. Ein Großteil der Elektrosmogforschung sei
methodisch mangelhaft. Und falls eine Forschung methodisch überzeuge,
seien die Ergebnisse in den meisten Fällen nie von einem zweiten
unabhängigen Forschungsinstitut nachgeprüft worden. Auch gebe es
bisher kein überzeugendes Modell für einen Wirkungszusammenhang
zwischen elektromagnetischen Feldern und biologischen Systemen.
Schließlich sei die von Mobilfunkgegnern verlangte
völlige Sicherheit schon aus wissenschaftstheoretischen Gründen
unmöglich. "Das Einzige, was wir erreichen können, ist nicht
Sicherheit, sondern Reduktion der Unsicherheit." Man kann dies allerdings auch
ausdrücken wie Peter Nießen vom mobilfunkkritischen Nova-Institut in
Hürthen: "Alles, was wir bisher haben, ist ein Nachweis des Unwissens,
keineswegs aber ein Nachweis der Unschädlichkeit."
Immerhin hat sich die Mobilfunkindustrie bereit
erklärt, in den nächsten vier Jahren 8,5 Millionen Euro für
Forschungsarbeiten zum Elektrosmog zur Verfügung zu stellen. Über die
Verteilung dieser Mittel haben Wissenschaftler, Industrie, Behörden und
Umweltverbände im vergangenen Jahr gemeinsam beraten. Neben weiteren
Laborexperimenten und epidemiologischen Untersuchungen soll die Aufmerksamkeit
vor allem den "Elektrosensiblen" gelten. Hierzu zählen jene zwei bis
fünf Prozent der Bevölkerung, die sich besonders stark von
elektromagnetischen Feldern beeinflusst fühlen. Ob sie es wirklich sind,
ist umstritten - und auch gar nicht mehr so leicht herauszufinden. "Wir haben
in Deutschland ja keine Kontrollgruppen mehr, die der Mobilfunkstrahlung nicht
ausgesetzt sind", klagt Roland Suchenwirth vom Niedersächsischen
Landesgesundheitsamt. Er schlägt vor, einzelne Sender stunden- oder
tageweise abzuschalten, um zu testen, ob elektrosensible Menschen darauf
reagieren. Allerdings wird inzwischen jeder Punkt in Deutschland von Dutzenden
Sendern erreicht, und auf deren gleichzeitige Abschaltung werden sich die
Netzbetreiber freiwillig nicht einlassen. Und so rechnen viele Forscher nicht
damit, dass es beim Thema Mobilfunk und Gesundheit in den nächsten Jahren
bahnbrechende neue Erkenntnisse geben wird.
Hans-Peter Neitzke vom Ecolog-Institut in Hannover erstellt
derzeit im Auftrag der T-Mobil eine Übersicht der Ergebnisse aller
weltweit durchgeführten Forschungen zum Elektrosmog. Dabei ist ihm
aufgefallen, dass die Angst vor den Strahlen Trends unterworfen ist. "Vor ein
paar Jahren hatten wir in unserem Institut noch 150 bis 200 Anfragen im Jahr,
die sich auf Gesundheitsauswirkungen von Hochspannungsleitungen, Bahnanlagen
und Ähnlichem bezogen. Heute sind das gerade noch ein Dutzend, alle
anderen machen sich Sorgen um die Mobilfunkmasten."
Die sicherste Lösung ist zu teuer
Immerhin sind sowohl die Industrie als auch das Bundesamt
für Strahlenschutz inzwischen dazu übergegangen, öffentlich
geäußerte Bedenken nicht mehr wie in den ersten Jahren des
Mobilfunk-Booms einfach abzuwiegeln. Und so erwähnt BfS-Präsident
Wolfram König inzwischen auch "Hinweise auf mögliche Risiken und
Fragen, die wissenschaftlich noch nicht beantwortet werden können". Diese
Risiken seien zwar "als klein einzuschätzen", allerdings könnten "von
diesen wahrscheinlich geringen Risiken Millionen Menschen in Deutschland
betroffen sein". Neben den großzügig bemessenen deutschen
Grenzwerten für elektromagnetische Felder will er deshalb nun auch den
"Vorsorgegedanken" in die öffentliche Debatte bringen. Zum Auftakt hat er
im vergangenen Jahr Kinder vor dem Handy gewarnt.
Doch auch andere Nutzer sollten sich im Sinne der
Gesundheitsvorsorge am Mobiltelefon möglichst kurz fassen,
Freisprechzubehör benutzen und nicht bei schlechtem Empfang telefonieren,
da das Handy dann mit voller Leistung sendet - Empfehlungen, die die
Netzbetreiber sicher nicht so gern hören; denn würden sie befolgt,
sänken auch die Mobilfunkrechnungen. Eine Übernahme der strengeren
"Vorsorgewerte", mit denen inzwischen die Schweiz und Italien den
Mindestabstand zwischen Mobilfunkbasisstationen und Wohngebäuden regeln,
lehnt die Bundesregierung dagegen bisher ab.
Wer in Deutschland ein Handy kauft, kann seit vergangenem
Herbst in der Gebrauchsanweisung nachlesen, wie stark es den eigenen Kopf
bestrahlt. Auf eine klar sichtbare Kennzeichnung auf den Kartons und den
Geräten wollte sich die Industrie bisher jedoch nicht festlegen lassen.
Die sowieso schon angeschlagene Branche möchte durch die Angst vor der
Bestrahlung nicht noch stärker in die roten Zahlen geraten.
Die Industrie könnte allerdings auch selbst dazu
beitragen, dass die Strahlenbelastung durch ihre Basisstationen deutlich sinkt.
Sinnvoll wären dafür möglichst viele und möglichst hohe
Antennen, dadurch könnte die abgestrahlte Leistung jeder einzelnen Anlage
erheblich gesenkt werden. Doch das ist nicht nur teuer, sondern birgt auch die
Gefahr zunehmenden Widerstands. "Großer Mast bringt viel Protest", hat
Tom Lecke-Lopatta festgestellt, der als Vertreter des Bremer Stadtplanungsamtes
durch die Bürgerversammlungen zieht.
Ähnliche Probleme gibt es bei der eigentlich sinnvollen
Maßnahme, Antennen bevorzugt auf Gebäuden mit sensiblen Bewohnern
aufzustellen, also zum Beispiel über den Dächern von
Kindergärten und Schulen. Denn die Hauptabstrahlrichtung ist nahezu
horizontal, direkt nach unten senden die Basisstationen fast gar nicht. Doch
Schulen und Kindergärten sollen nach einer Vereinbarung zwischen
Netzbetreibern und Kommunen möglichst senderfrei bleiben. "Das ist zwar
irrational, aber die Betreiber wollen eben keine schlechte Presse", meint
Lecke-Lopatta.
"Ein 15 Meter hoher Mast auf einem Kindergarten - weniger
Strahlung für die Kinder kriegen Sie einfach nicht hin", sagt auch Peter
Nießen vom Nova-Institut. "Wenn die Antenne 200 Meter weg ist, haben Sie
dagegen gute Chancen, dass der Hauptstrahl genau in den Kindergarten
reinleuchtet." Für noch besser als die Errichtung vieler hoher
Basisstationen hält Nießen eine Trennung von Sendern und
Empfängern. Wäre an jeder Ecke eine Empfangsstation, müssten die
Handys nur noch ganz schwach strahlen. Die Sender sollten dagegen mindestens
100 Meter von jeder Wohnung entfernt sein. "Dann haben Sie locker 10- bis
100-mal weniger Strahlenbelastung als heute - und zwar ohne jeden
Qualitätsverlust beim Mobilfunk." Die Netzbetreiber hören das
allerdings gar nicht gern, denn die Aufteilung ihrer Basisstationen wäre
die mit Abstand teuerste Lösung.
Den Lokalpolitikern nützen solche Gedankenspiele
herzlich wenig. Denn sie können nur über das beraten, was die
Mobilfunkbetreiber beantragen. Und ob deren Antenne besser auf dem einen oder
dem anderen Hausdach stehen sollte, können sie überhaupt nicht
beurteilen. Daher flüchten sich viele lieber ins Grundsätzliche.
"UMTS, das ist doch Quatsch", meldet sich ein SPD-Politiker im Bremer
Stadtteilparlament zu Wort. "So was braucht man doch gar nicht." Damit hat er
tatsächlich einen wunden Punkt der neuen Diskussion um den Elektrosmog
getroffen. Denn bisher ist zwar allerhand Schnickschnack mit bunten Bildchen
propagiert worden, aber noch keine Idee, die das Zeug hat, die 50 Milliarden
Euro teure Investition in die UMTS-Lizenzen wieder hereinzuspielen. Insider
sprechen gern - und ganz ohne Hintergedanken an die Strahlenbelastung - von der
"Killer-Anwendung", die so überzeugend wäre, dass man dafür
einfach ein UMTS-Gerät anschaffen müsste. Doch ein solch
überzeugendes Produkt ist nicht in Sicht - auch eine große aktuelle
Studie des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung
(IZT) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums findet keinen
"Killer-Nutzen".
Eine pauschale Ablehnung der neuen Antennen nützt den
Lokalpolitikern jedoch auch nichts. Wenn sie sich mit den Netzbetreibern nicht
einigen, tun die eben, was sie wollen. "Wir haben keine rechtliche Handhabe,
einen Standort zu verhindern", lautet die Vorgabe aus der Baubehörde. Eine
Mobilfunkantenne auf dem Dach sei rechtlich nichts anderes als einer der grauen
Kästen auf der Straße, in denen die Kabel der Telekom
zusammenlaufen. Und so enden die Bürgerversammlungen um den Elektrosmog
oft im Frust. "Ich hatte eigentlich gehofft, dass die ein paar schlaue Fragen
stellen", wundert sich eine Besucherin des Bremer Stadtteilparlaments, "aber da
kam gar nichts. Die Politiker in allen Ehren, aber die sind doch
überfordert!" |