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Wieder großer Betrugs- und Korruptionsskandal in Brüssel

Van Buitenens heiße Papiere

Ein Dossier über Missmanagement und Vetternwirtschaft in der EU erschüttert Brüssel. Auf 234 Seiten werden Vorwürfe von Betrug und Mauscheleien aufgelistet. Die Antikorruptionsbehörde ermittelt.

Den vergangenen Sommer verbrachte Paul van Buitenen in einem einbruchsicheren Büro in Luxemburg. Jeden Abend wenn der EU-Beamte den Raum verließ, achtete er darauf, dass die drei Panzerschränke darin sorgfältig verschlossen waren. Denn dort lagerte er brisante Dokumente über Vetternwirtschaft und Missmanagement in der EU-Kommission.

Jeder in der EU-Bürokratie wusste, dass der Niederländer wieder aktiv ist. Und viele zitterten vor ihm. Denn schon einmal hatte der 44-jährige Kontrolleur die EU-Administration erschüttert. Der damalige Kommissionspräsident Jacques Santer musste im März 1999 nach van Buitenens Enthüllungen zurücktreten.

SEINEN NEUEN BERICHT über „mögliche Unregelmäßigkeiten in vielen Kommissionsdienststellen“ hat van Buitenen im August zwei deutschen EU-Generaldirektoren übergeben, Horst Reichenbach (zuständig für Personal und Verwaltung) und Franz-Hermann Brüner (Chef des Betrugsbekämpfungsamts Olaf). Sie hatten ihm acht Wochen Sonderurlaub gewähren lassen, ein ungewöhnlich mutiger Schritt im Brüsseler Apparat.

Brüner reichte das Van-Buitenen-Dossier an acht seiner besten Juristen weiter, und die kamen zu dem Schluss: Was der Niederländer geliefert hat, ist heißer Stoff. Vier neue formelle Ermittlungsverfahren raten die Olaf-Leute auf der Grundlage des Van-Buitenen-Papiers einzuleiten – eingeschlossen eine Untersuchung gegen einige ehemalige Mitarbeiter, die womöglich eher vertuscht als ermittelt haben.

Auf 234 Seiten (plus 5000 Blättern Anhang) dokumentiert van Buitenen, wie weit Betrügereien und Unregelmäßigkeiten in der EU-Administration verbreitet sind. Obwohl Kommissionspräsident Romano Prodi bei Amtsantritt mit „null Toleranz“ für Betrüger gedroht hatte, hat sich offenbar nicht viel geändert. Schlimmer noch: Zwei seiner engsten Mitarbeiter – Generalsekretär David O`Sullivan und Chefsprecher Jonathan Faull – sind eventuell Teil des Verharmloser-Kartells.

BESONDERS BRISANT scheinen die zahlreichen Hinweise auf Affären und Betrügereien bei Eurostat. Aufgabe der Luxemburger EU-Statistikbehörde ist es, verlässliche Zahlen über Wirtschaft und Währung in Europa zu liefern. Jetzt kommt heraus, dass EU-Kommissar Erkki Likanen bereits vor fünf Jahren über massive Vorwürfe gegen das Amt informiert worden ist. Van Buitenen nennt in seinem Bericht Vorwürfe über manipulierte Ausschreibungen, Aufträge für den Mann einer ehemaligen Eurostat-Direktorin und Betrug mit Reisekosten. Jetzt laufen bei Olaf bereits mehrere Ermittlungsverfahren in Sachen Eurostat.

Ebenfalls betroffen ist die europäische Behörde für Atomenergie, Euratom. Bis zu 20 Kontrolleure der Kommissionsdienstelle wohnen offenbar am Ort ihrer Inspektionen – und ließen sich trotzdem die Kosten für die Anreise von Luxemburg zahlen. In seinen Papier zeichnet van Buitenen ein schockierendes Sittengemälde der EU-Verwaltung. Da gibt es Beamte, die angeblich reihenweise ihre Ex-Geliebten bei Subauftragnehmern unterbringen. Andere schanzen Aufträge der Ehefrau oder dem Ehemann zu.

Eines von vielen Beispielen aus dem Dossier: Der französische Beamte Francois Lamoureux organisierte nach  van Buitenens Unterlagen 1995 eine Ausschreibung über Millionenaufträge für die Öffentlichkeitsarbeit von vier großen Kommissionsdienststellen. Van Buitenen spricht jetzt von „deutlichen Hinweisen“ , dass die Ausschreibung „betrügerisch“ war. So durfte sich an der Vorbereitung eine Pariser PR-Expertin beteiligen, die hinterher mit ihrer eigenen Firma selbst einen Vertrag ergatterte. Lamoureux`Karriere hat der Fall nicht geschadet: Er wurde von Prodi zum Generaldirektor und damit auf die höchste Hierarchiestufe befördert.

Verschweigen und verharmlosen – so agierte die Kommission auch nach dem Fiasko um das 600 Millionen Euro schwere EU-Bildungsprogramm Leonardo (stern Nr. 2/1999) . Abwickler war die Brüsseler Firma Agenor, und die war ein echter Selbstbedienungsladen. So beförderte der Chef seine Ehefrau von der Assistentin zur hoch bezahlten Direktorin, obwohl sie keine einzige Fremdsprache beherrscht. Spätestens seit 1996 lagen den zuständigen Beamten detaillierte Hinweise über Misswirtschaft und Betrügereien vor – aber keiner der hochbezahlten Eurokraten reagierte.

Van Buitenen attackiert besonders den Prodi-Schützling O`Sullivan. Als Generaldirektor für Bildung versuchte der Ire noch Anfang 1999, Agenor trotz der massiven Vorwürfe die Kündigung zu ersparen. Nur ein paar personelle Änderungen seien nötig, versicherte er bei einer internen Sitzung laut Protokoll. Abfindungen seien nicht möglich, weil – leider – die Journalisten hinter ihm her seien. „ Die Presse steht vor der Tür“, bedauerte O`Sullivan . „ Unter anderen Umständen hätte man diskutieren können.“

O`Sullivan verteidigt sein Verhalten heute als „völlig korrekt“. Er habe das Programm retten wollen. Prodis heutiger Sprecher Faull wurde im März 1999 mit einer internen Untersuchung zum Fall Leonardo/Agenor betraut. Der Brite kam im Oktober 2000 offenbar zu dem Schluss, dass es keinen Beamten gebe, der persönlich Konsequenzen tragen müsse. „Das Ergebnis könnte man als Vertuschung bezeichnen“, folgert der Niederländer.

Schon vorher hatte Faull an einer ähnlichen Operation teilgenommen: Zusammen mit vier anderen Mitgliedern eines Disziplinarrates empfahl er Freispruch für den hohen spanischen EU-Beamten Santiago Gomez-Reino. Der hatte drei fiktive Verträge über 2,4 Millionen Euro unterschrieben. Mindestens 600 000 Euro verschwanden. Während zuvor andere interne Prüfer Gomez-Reino für verantwortlich befunden hatten, urteilten Faull und Co. Milde: Es gebe keinen Beweis gegen den Spanier. Faull heute: „Ich stehe zu dem, was ich tat.“

Van Buitenen sitzt jetzt in Luxemburg und ist ein bisschen nervös. 1999 brachte er eine Lawine ins Rollen – und wurde von seinen Bossen zur Strafe erst suspendiert, dann ließ er sich versetzen. Nun hofft der hartnäckige Mann, dass er demnächst wieder seinen alten Job zurückbekommt – als interner Prüfer in Brüssel.

Hans-Martin Tillack
 

Quelle: Stern 10/2002

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