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23.3.2002 Ralph Hartmann/Aleksandar Sinowjew JungeWelt
Globalisierung als neuer Weltkrieg
Drei Jahre nach Kriegsbeginn: Warum ein Sieg über den ehemaligen Präsidenten Jugoslawiens für die USA und die NATO so wichtig ist. Vorabdruck aus »Der Fall Milosevic«
Anläßlich des dritten Jahrestages des NATO-Krieges gegen Jugoslawien erscheint am 24. März im Dietz-Verlag das Buch »Der Fall Milosevic«. Herausgeber ist Ralph Hartmann, ehemaliger Botschafter der DDR in Jugoslawien. junge Welt veröffentlicht im folgenden Auszüge aus den Beiträgen von Ralph Hartmann und Aleksandar Sinowjew


Ralph Hartmann:

Es war exakt 9.30 Uhr, als sich am Dienstag, den 12. Februar 2002, im nüchternen, mit hochmoderner Computertechnik ausgestatteten ersten Gerichtssaal des Haager Tribunals am Churchillplatz Nr. 1 der Vorhang hob und das Schauspiel begann: der Prozeß gegen Slobodan Milosevic, langjähriger Präsident Serbiens und Jugoslawiens, angeklagt in 66 Punkten der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwerer Kriegsverbrechen in Kosovo, in Kroatien und in Bosnien-Herzegowina, im letzteren auch des Völkermordes.

Der mittelgroße, in grelles Neonlicht getauchte Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. An seiner Stirnseite hatten der britische Richter Richard May und seine wie er in respekterheischende rote Roben gekleideten Kollegen Patrick Robinson aus Jamaica und O-Gon Kvon aus Südkorea auf blauen Sesseln vor blauem Hintergrund Platz genommen, links von ihnen das im traurig-festlichen Schwarz gewandete halbe Dutzend der Anklagevertreter mit Carla del Ponte an der Spitze und diesen gegenüber, eingerahmt von zwei blau uniformierten Wächtern, der 60jährige Angeklagte im dunklen Anzug mit hellblauem Hemd und passender Krawatte. Der Platz für die Zeugen war noch frei, über dreihundert sollen in den nächsten zwei bis drei Jahren, so lange soll das Verfahren dauern, aufmarschieren.

Im und um das Gerichtsgebäude war die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen, und neben der Polizei hatten zahllose Fernseh-Übertragungswagen einen dichten Schutzwall um das Gerichtsgebäude gelegt. 1200 Medienvertreter aus aller Welt hatten sich zum ersten Gerichtstermin eingefunden, nur einige Dutzend auserwählte hatten unter den Zuschauern Platz nehmen können, der Rest verfolgte den Prozeßauftakt in Nebenräumen auf großen Videoschirmen.

Nach der Eröffnung durch Richter May gab die Chefanklägerin del Ponte, mit beiden Händen das Lesepult umklammernd, ihr einleitendes Statement ab. Sie, die es vehement abgelehnt hatte, in Sachen Kriegsverbrechen der NATO im 78tägigen Bombardement auf jugoslawische Städte und Dörfer, Chemie- und andere Industrieanlagen, auf Elektrizitätswerke, Rundfunk- und Fernsehstationen, Brücken, Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und Klöster auch nur zu ermitteln, erklärte: »Dieses Tribunal und dieser Prozeß demonstrieren machtvoll, daß niemand über den Gesetzen steht und niemand der internationalen Justiz entkommt.« Den Angeklagten beschrieb sie als machtbesessenen Kriegsherrn ohne Ideale, in dessen Verbrechen sie eine »nahezu mittelalterliche Barbarei« zu sehen meinte. Die Details der Schilderung der Karriere des Kriegsherrn und seiner Barbarei überließ sie ihren Vertretern.

Einer von ihnen, Staatsanwalt Geoffrey Nice, rein zufälligerweise wie der neutrale Richter May aus dem Jugoslawien-kriegserfahrenen NATO-Land Großbritannien kommend, hielt ein nicht endenwollendes Eröffnungsplädoyer, in dem er nachzuweisen versuchte, daß den Untaten des Ex-Präsidenten, den drei Anklagen für Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo »das Verbrechen der gewaltsamen Beseitigung der Nichtserben« zugrunde liegt, »damit Milosevic einen zentralistisch-serbischen Staat erhält und kontrolliert«. Da war er, der Mythos »Großserbien«, endlich vor die Schranken des Haager Gerichts gebracht, und der leitende Staatsanwalt Nice, der die Oberaufsicht über das begonnene Verfahren hat, schilderte ihn ausführlich und beredsam, von Zeit zu Zeit auf Tonaufzeichnungen, Fotos und Videos zurückgreifend, so daß sein Plädoyer streckenweise zu einem Lichtbildervortrag geriet. Zur emotionalen Einstimmung des Publikums und als Beweis für die Schuld des Angeklagten wurden die in den vergangenen Jahren auf dem Boden der früheren jugoslawischen Föderation geschehenen und noch heute erschütternden Greuel in Erinnerung gerufen, darunter selbst die umstrittensten Massaker, wie z. B. das von US-Botschafter William Walker in Racak in Szene gesetzte. Fast keines der antiserbischen Klischees der letzten zehn Jahre blieb unerwähnt, uralte Legenden wurden wieder ausgekramt, so, als seien sie in vielen dokumentarischen Materialien, in zahlreichen Büchern und anderen Publikationen nicht längst widerlegt worden, ganz zu schweigen von den während des Internationalen Europäischen Tribunals über den NATO-Krieg gegen Jugoslawien und der ihm vorangegangenen Hearings nachgewiesenen Tatsachen. Selbst in die Fälscher-Fußstapfen des deutschen Verteidigungsministers Rudolf Scharping trat der leitende Staatsanwalt, als er die Rede von Milosevic zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld durch ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat entstellte, ihre Aussagen in ihr Gegenteil verkehrte und zum Beweisstück der Anklage machte.

Weder der getragene Tonfall, die wohlformulierten Sätze, noch die perfekt unterdrückten Tränen der Rührung über die auf Video gezeigten Greueltaten konnten verdecken, daß hier ein Mann seines Amtes waltete, dem die komplizierte, widersprüchliche, tragische Geschichte der Zerschlagung der früheren jugoslawischen Föderation trotz aller Einarbeitungsbemühungen und fremder Hilfestellung ziemlich fremd geblieben ist und der nur eines im Sinne hatte, den Angeklagten in gewählten Worten als »Balkanmonster« hinzustellen. Kein Wort dagegen fand er erwartungsgemäß zur Verurteilung des NATO-Krieges.

Slobodan Milosevic, dem alle Schrecken der jugoslawischen Bürgerkriege und die in ihrem Verlauf begangenen Grausamkeiten, einschließlich selbst der grauenhaften Folgen des NATO-Luftterrors, zur Last gelegt wurden, verfolgte den Prozeßauftakt aufmerksam. Auch im Blitzlichtgewitter und grellen Licht der Scheinwerfer, unter den scharfen Blicken der Richter, Ankläger, Journalisten, die nach jeder Geste der Unsicherheit, nach dem leisesten Anzeichen, das Aufregung oder gar Angst verraten könnte, spähten, zeigte er sich wie gewohnt gelassen und beherrscht.

Von dieser Zurückhaltung war nichts mehr zu spüren, als er am dritten Prozeßtag das Wort zur Gegenrede bekam. Entschieden und wohl begründet kennzeichnete er das Verfahren als politischen Prozeß und die Anklagen der Carla del Ponte und ihrer Kollegen als ein »Meer von Lügen und bewußten Fälschungen, die das Opfer einer kriminellen Aggression als kriminellen Täter darstellen sollen«. Detailliert ging er auf den Angriff der NATO-Länder, »der 19 am höchsten entwickelten Länder, die zusammen 676mal stärker als Jugoslawien sind«, ein und warf ihnen »Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstöße gegen die Genfer Konvention« vor, wobei er, dem Beispiel seiner Ankläger folgend, seine Ausführungen mit Fotodokumenten über die NATO-Verbrechen, allerdings in diesem Fall eindeutig zuzuordnender, untermauerte: zerstörte Häuser, Fabriken, Krankenhäuser, Leichen, Leichenteile, verkohlte Körper, darunter von NATO-Raketen zerfetzte albanische Flüchtlinge. Selbst Korrespondenten von Nachrichtenagenturen aus NATO-Ländern stellten fest, daß Milosevic so vom Angeklagten zum Ankläger wurde.

Doch, so meinen zumindest Kenner des Haager Gerichtes, seiner Entstehung, seiner Akteure und Auftraggeber, wird ihm dieser Rollentausch im Gerichtssaal vorerst wenig nützen. Milosevic selbst weiß um seine Lage: »Dieser Prozeß«, so stellte er fest, »ist nicht fair: Auf der einen Seite steht ein riesiger Apparat, sind die Medien und (Nachrichten)-Dienste, und ich habe nur eine öffentliche Telefonzelle, um gegen die größten Verleumdungen zu kämpfen. Ihr möchtet, daß ich mit gebundenen Händen und Füßen an einem Schwimmwettkampf über 100 Meter teilnehme. Dies ist ein Wettkampf zwischen Recht und Unrecht.«

Elektronische Kameras trugen den Beginn dieser Auseinandersetzung, die Szenen der Eröffnung des Verfahrens in die Welt hinaus, bis in die letzten Winkel der Erde und lösten gar unterschiedliche Empfindungen aus: Genugtuung und Jubel bei den Verantwortlichen für den NATO-Krieg gegen Jugoslawien und den notorischen Serbenhassern, gedämpfte Freude und Unbehagen bei denen, die ihn der NATO auslieferten, Beklommenheit und selbstrechtfertigende Gedanken bei denen, die wider besseren Wissens den Bruch nationalen und internationalen Rechtes bei der Entführung des Angeklagten nach Den Haag schweigend oder gar billigend hingenommen hatten, Verbitterung und Zorn bei vielen Gegnern der NATO-Aggression und schließlich Nachdenklichkeit und Beunruhigung bei denen, die wie letztere über den Tag hinaus denken und die um das zivilisierte und von den Normen des Völkerrechts geregelte Zusammenleben der Völker und Staaten im Zeitalter der von den USA dominierten Globalisierung zutiefst besorgt sind.

Allein schon die unterschiedlichen Reaktionen machen deutlich, daß es im Haager Gerichtssaal nicht um eine Privatperson geht, zu der jeder stehen kann, wie er will und es für richtig hält, nicht um einen gewöhnlichen Prozeß, wenn auch gegen ein ehemaliges Staatsoberhaupt, sondern um einen Fall von größter politischer Brisanz und Tragweite. Der »Fall Milosevic«, der Prozeß vor dem Haager Tribunal ist die Fortsetzung des NATO-Krieges gegen Jugoslawien mit pseudo-juristischen Mitteln. Und er ist mehr: Mit ihm wollen die Herren der neuen Weltordnung und der Globalisierung einen für alle Zeit geltenden Präzedenzfall für den Umgang mit Politikern schaffen, die es wagen, ihnen die Stirn zu bieten ...



Rede des Schriftstellers und Philosophen Aleksandar Sinowjew, Vorsitzender des Russischen Gesellschaftlichen Komitees zur Verteidigung von Slobodan Milosevic, am 23. August 2001 auf einer Festveranstaltung in Moskau zum 60. Geburtstag des jugoslawischen Ex-Präsidenten.


Über die Globalisierung spricht man gewöhnlich als von irgendeinem objektiven Prozeß der Vereinigung der Menschheit zu einem einheitlichen Ganzen und zum Wohlergehen der gesamten Menschheit. Aber das ist eine ideologische Lüge. Die Globalisierung entwickelt sich nicht von selbst, sie wird von bestimmten Leuten verwirklicht, von Leuten, die aktiv handeln, die sie mit bestimmten Methoden, als Gesamtheit vorher geplanter und dirigierter Operationen im Interesse nur eines bestimmten Teils der Menschheit und zum Schaden des anderen, unvergleichlich größeren Teils durchsetzen. Die Globalisierung stellt nach ihrem sozialen Wesen einen Krieg neuen Typs dar, einen Krieg, der bereits den ganzen Planeten erfaßt hat. Sein aktives Subjekt ist der globale westliche Überbau, dessen Metropole sich in den USA konzentriert hat und der die ganze Macht der westlichen Welt in seinem Interesse mobilisiert. Sein Ziel ist die Unterwerfung der gesamten Menschheit und ihre Organisierung nach dem eigenen westlichen Vorbild und im Interesse der Herstellung der eigenen Welthegemonie. In diesem Krieg gibt es keine Grenzen zwischen »friedlichen« und speziell militärischen Mitteln, es gibt keine Grenzen zwischen der Front und dem Hinterland, es gibt keine Grenzen zwischen Zivilisten und professionellen Militärpersonen. Dieser Krieg ist einzigartig, einheitlich und umfassend. Er differenziert sich in einer großen Zahl von Operationen auf dem gesamten Planeten, einschließlich militärischer im gewöhnlichen Sinne des Wortes (wie zum Beispiel auf dem Balkan), die sich auf diese oder andere Art zu einem einheitlichen Krieg mit dem Stab in den USA, in »Washington«, vereinigen. Wenn dieser fundamentale Faktor des gegenwärtigen Lebens der Menschheit ignoriert wird, kann man objektiv nicht ein einziges mehr oder weniger bedeutendes Ereignis auf dem Planeten begreifen.

Davon, von dieser nach meiner Auffassung offensichtlichen und unbestreitbaren Tatsache ausgehend, schätze ich das Phänomen Slobodan Milosevic und sein persönliches Schicksal ein.

Im Verlauf der Globalisierung als neuer Weltkrieg entstand eine solche Situation, daß Jugoslawien den letzten ernsthaften Widerstand gegen das Voranschreiten der Globalisatoren in Europa leistete. Wie das geschah, ist allgemein bekannt, und ich werde über dieses Thema nicht reden. Ich möchte nur das Folgende unterstreichen und die Aufmerksamkeit darauf lenken. Der kürzlich beendete »heiße« Teil des Krieges der USA und der NATO gegen Jugoslawien war ein wichtiger Teil der Globalisierung. Er hatte nicht die Zerschlagung des im »heißen« Sinne militärischen Widerstandes zum Ziel - einen solchen gab es überhaupt nicht -, sondern des psychologischen, moralischen und ideologischen Widerstandes gegen die Globalisierung, nicht nur und nicht einmal so sehr in Jugoslawien selbst als vielmehr des Widerstandes in ganz Europa, einschließlich Westeuropas und Rußlands.

Slobodan Milosevic wurde das Symbol dieses Widerstandes. Mit der Beendigung des »heißen« Teiles ist der Krieg nicht zu Ende. Er wird mit anderen Mitteln fortgesetzt, die Ihnen ebenfalls gut bekannt sind: Spaltung der Bevölkerung Serbiens, Verwandlung eines Teils in eine Opposition gegen die Macht von Slobodan Milosevic und faktisch in die »5. Kolonne« der NATO und der USA, die Beseitigung von Slobodan Milosevic von der Macht als erste Etappe einer groben Abrechnung mit ihm, die diversantenmäßige Operation der Entführung Milosevics und seine Übergabe in die Hände des sogenannten Haager Tribunals, das ein Organ Washingtons und der NATO ist. Übrig geblieben ist die letzte Etappe des Krieges, in der die USA und die NATO das Ziel haben, die Schuld für ihre Verbrechen auf dem Balkan auf die Opfer ihrer Verbrechen zu wälzen, und in erster Linie - auf den Menschen, der zum historischen Symbol des Widerstandes gegen ihren kriminellen Krieg geworden ist.

In keinem Fall darf man die Wichtigkeit dieser letzten Etappe der jugoslawischen Episode der Globalisierung unterschätzen. Man darf sie nicht nur als eine Episode des persönlichen Lebens einer Privatperson betrachten. Im Kontext der gesamten Globalisierung bedeutet sie viel mehr als alle vorangegangenen Etappen und Episoden. Wenn sie für die USA und die NATO nicht erfolgreich endet, dann kann man das, was sie früher machten, in den Augen der öffentlichen Meinung und vor dem Urteil der Geschichte nicht als ihren Erfolg betrachten. Der Krieg bleibt ein unvollendeter Sieg, wenn das Symbol des Widerstandes erhalten bleibt - Slobodan Milosevic. Eines der wichtigsten Merkmale des Krieges neuen Typs - und die Globalisierung, und ich bekräftige und unterstreiche es, ist das - einschließlich des Krieges in Jugoslawien, besteht in der außerordentlichen Wichtigkeit und Wirkung gerade symbolischer Erscheinungen. Ein Sieg über Slobodan Milosevic als einer symbolischen Person für die USA und die NATO ist in der entstandenen Situation in der Welt sogar wichtiger als alles andere, was sie in der ganzen Periode des Krieges auf dem Balkan erreicht haben.

* Ralph Hartmann: Der Fall Milosevic. Dietz Verlag Berlin 2002, 256 Seiten, 12,80 Euro, ISBN: 3-320-02034-X (bei amazon.de nicht gelistet)

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