* Dr. Lev Grinberg ist Soziologe und Direktor des
»Humphrey Instituts für Sozialwissenschaften« an der
Ben-Gurion-Universität
Worin besteht der Unterschied zwischen
Staatsterrorismus und den Terrorakten individueller Attentäter? Wenn wir
diesen Unterschied verstehen, verstehen wir gleichzeitig die Bösartigkeit
der US-Politik im Nahen Osten bzw. die Katastrophe, die sich derzeit entfaltet.
Yassir Arafat wird in seinem eigenen Bürogebäude belagert, von der
israelischen Besatzungsarmee als Geisel gehalten, und gleichzeitig wird er
weiter gedrängt, »den Terror zu verurteilen«, »den
Terror zu bekämpfen«. Der israelische Staatsterrorismus wird von den
US-Regierenden als Akt der »Selbstverteidigung« deklariert,
während die individuellen Selbstmordattentäter
»Terroristen« sein sollen.
Der einzige kleine Unterschied
besteht nur darin, daß die israelische Aggression auf das Konto ganz
bestimmter Personen geht, nämlich auf das von Ariel Scharon, Benjamin Ben
Elieser, Schimon Peres, und Schaul Mofaz, während Selbstmordattentate von
verzweifelten Einzelpersonen begangen werden und zwar im allgemeinen ganz gegen
Arafats Willen. Nur eine Stunde nachdem Arafat seine Bereitschaft zu einem
»Waffenstillstand« erklärt und den Juden (glaubwürdig)
ein schönes »Passahfest« gewünscht hatte, jagte sich in
einem Netanyaer Hotel ein Selbstmordattentäter in die Luft und tötete
dabei 22 unschuldige Juden, die gerade »Passah« feierten. Arafat
wurde sofort für die Tat verantwortlich gemacht, und die derzeitige
Offensive der israelischen Streitkräfte wird mit dieser angeblichen Schuld
Arafats legitimiert.
Gleichzeitig wird Scharons Verantwortung für
die israelischen Kriegsverbrechen völlig ignoriert: Wen sollte man
verhaften, angesichts der gezielten Ermordung von fast 100 Palästinensern?
Wen ins Gefängnis werfen für den Tod von über 120
palästinensischen Sanitätern? Wer wird wohl verurteilt werden
für mehr als 1200 tote Palästinenser und für die kollektive
Bestrafung von mehr als drei Millionen palästinensischer Zivilisten
während der vergangenen 18 Monate? Und wen stellt man dereinst vor ein
internationales Tribunal für die illegale Besiedlung von besetztem
palästinensischen Land, für das Zuwiderhandeln gegen
UN-Beschlüsse - und das über 35 Jahre?
Selbstmordattentate
auf unschuldige Zivilisten sind ohne wenn und aber zu verdammen, daran besteht
kein Zweifel. Es handelt sich dabei um Akte der Barbarei, und die sie
verüben, sollten im Gefängnis landen. Aber man darf sie nicht in
einen Topf werfen mit dem Staatsterrorismus der israelischen Regierung. Erstere
sind nämlich Akte der Verzweiflung eines Volkes, das für sich selbst
keine Zukunft mehr sieht, eines Volkes, das von einer einseitig-verzerrt
wahrnehmenden und unfairen Weltöffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen
wird; letztere dagegen entspringen der kalten und »rationalen«
Berechnung eines Staates bzw. eines militärischen Besatzungsapparats, der
(sehr gut) ausgerüstet, finanziert und gestützt wird durch die
einzige Supermacht der Welt.
(Übersetzung: Andrea Noll) |