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09.04.2002 Lev Grinberg Junge Welt
Staatsterrorismus
Scharons Verantwortung für Israels Kriegsverbrechen darf nicht ignoriert werden
 
* Dr. Lev Grinberg ist Soziologe und Direktor des »Humphrey Instituts für Sozialwissenschaften« an der Ben-Gurion-Universität

Worin besteht der Unterschied zwischen Staatsterrorismus und den Terrorakten individueller Attentäter? Wenn wir diesen Unterschied verstehen, verstehen wir gleichzeitig die Bösartigkeit der US-Politik im Nahen Osten bzw. die Katastrophe, die sich derzeit entfaltet. Yassir Arafat wird in seinem eigenen Bürogebäude belagert, von der israelischen Besatzungsarmee als Geisel gehalten, und gleichzeitig wird er weiter gedrängt, »den Terror zu verurteilen«, »den Terror zu bekämpfen«. Der israelische Staatsterrorismus wird von den US-Regierenden als Akt der »Selbstverteidigung« deklariert, während die individuellen Selbstmordattentäter »Terroristen« sein sollen.

Der einzige kleine Unterschied besteht nur darin, daß die israelische Aggression auf das Konto ganz bestimmter Personen geht, nämlich auf das von Ariel Scharon, Benjamin Ben Elieser, Schimon Peres, und Schaul Mofaz, während Selbstmordattentate von verzweifelten Einzelpersonen begangen werden und zwar im allgemeinen ganz gegen Arafats Willen. Nur eine Stunde nachdem Arafat seine Bereitschaft zu einem »Waffenstillstand« erklärt und den Juden (glaubwürdig) ein schönes »Passahfest« gewünscht hatte, jagte sich in einem Netanyaer Hotel ein Selbstmordattentäter in die Luft und tötete dabei 22 unschuldige Juden, die gerade »Passah« feierten. Arafat wurde sofort für die Tat verantwortlich gemacht, und die derzeitige Offensive der israelischen Streitkräfte wird mit dieser angeblichen Schuld Arafats legitimiert.

Gleichzeitig wird Scharons Verantwortung für die israelischen Kriegsverbrechen völlig ignoriert: Wen sollte man verhaften, angesichts der gezielten Ermordung von fast 100 Palästinensern? Wen ins Gefängnis werfen für den Tod von über 120 palästinensischen Sanitätern? Wer wird wohl verurteilt werden für mehr als 1200 tote Palästinenser und für die kollektive Bestrafung von mehr als drei Millionen palästinensischer Zivilisten während der vergangenen 18 Monate? Und wen stellt man dereinst vor ein internationales Tribunal für die illegale Besiedlung von besetztem palästinensischen Land, für das Zuwiderhandeln gegen UN-Beschlüsse - und das über 35 Jahre?

Selbstmordattentate auf unschuldige Zivilisten sind ohne wenn und aber zu verdammen, daran besteht kein Zweifel. Es handelt sich dabei um Akte der Barbarei, und die sie verüben, sollten im Gefängnis landen. Aber man darf sie nicht in einen Topf werfen mit dem Staatsterrorismus der israelischen Regierung. Erstere sind nämlich Akte der Verzweiflung eines Volkes, das für sich selbst keine Zukunft mehr sieht, eines Volkes, das von einer einseitig-verzerrt wahrnehmenden und unfairen Weltöffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen wird; letztere dagegen entspringen der kalten und »rationalen« Berechnung eines Staates bzw. eines militärischen Besatzungsapparats, der (sehr gut) ausgerüstet, finanziert und gestützt wird durch die einzige Supermacht der Welt.

(Übersetzung: Andrea Noll)

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