Pünktlich zum Beginn der Nahost-Mission von
US-Außenminister Colin Powell haben israelische Kampfhubschrauber am
Montag das Flüchtlingslager in Dschenin im Westjordanland bombardiert. Wie
Einwohner des Lagers Nachrichtenagenturen gegenüber berichteten, feuerte
die Armee 25 Raketen auf das nur zwei Quadratkilometer große Wohngebiet
ab. Angaben über Tote oder Verletzte gab es zunächst nicht. Zuvor
hatte die Armee nach Augenzeugenberichten die Bevölkerung über
Lautsprecher aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen und sich auf dem
zentralen Platz zu versammeln, andernfalls würde sie das
Flüchtlingslager bombardieren. Den Anweisungen, von den Agenturen zynisch
als »Evakuierung« durch die israelische Armee bezeichnet, kamen die
Einwohner den Berichten zufolge nicht nach. In dem bombardierten Lager leben
rund 11000 Menschen.
Die israelische Armee gab zum Vorgehen keinen
Kommentar ab. Die Besatzungstruppen waren am vergangenen Dienstag in Dschenin
eingerückt. Allein am Wochenende wurden dort nach palästinensischen
Angaben mindestens 35 Palästinenser getötet und Hunderte verletzt.
Israelische Scharfschützen erschossen am Morgen einen Palästinenser,
der bei der Geburtskirche in Bethlehem ein Feuer löschen wollte. Der
26jährige gehörte zu einer Gruppe von 200 zum Teil bewaffneten
Palästinensern, die seit Tagen in der Kirche Schutz sucht. Der Londoner
Nahostbeauftragte Ben Bradshaw nannte die Todesschüsse im BBC-Rundfunk am
Montag »die jüngste in einer langen Reihe von vollkommen
unakzeptablen Aktionen der israelischen Armee«. Der Vatikan forderte
Israel auf, heilige Stätten wie die Geburtskirche zu respektieren. Nach
christlichem Glauben wurde das Gotteshaus über der Geburtsgrotte von Jesus
Christus errichtet.
Bei anhaltenden Kämpfen in Nablus im
Westjordanland kamen mindestens fünf Palästinenser, darunter ein
zwölfjähriger Junge, ums Leben. Etwa hundert bewaffnete
Palästinenser ergaben sich der israelischen Armee, wie ein Vertreter des
Militärs mitteilte. Die Palästinenser hätten ihre Waffen in der
Altstadt niedergelegt. Die Armee zwang unterdessen die Journalisten in der
Stadt, in einem Hotel zu bleiben, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur
AFP berichtete. In Ramallah stürmte die israelische Armee ein
Pressegebäude. Die Soldaten hätten sofort scharf geschossen, nachdem
die Tür aufgesprengt worden sei, berichtete CNN. Die israelischen Soldaten
hätten sich in den Büros der arabischen Nachrichtensender MBC, ANN
und YMCA »ausgetobt« und die Einrichtung zerstört.
Seit Beginn der israelischen Militäroffensive im Westjordanland
sind nach Armeeangaben mehr als 200 Palästinenser getötet und rund
1500 verletzt worden. Gleichzeitig seien mindestens 13 Soldaten getötet
und über 140 verletzt worden. Der palästinensische
Chefunterhändler Sajeb Erakat sprach am Montag gegenüber CNN sogar
von 2800 Toten und Verletzten. In einigen Städten des Westjordanlandes wie
Nablus und Dschenin liegen die Leichen in den Straßen oder im Innern der
Häuser.
Israel hat einen Stopp der Militäroffensive gegen die
Palästinenser erneut abgelehnt. Die Armee werde sich erst
zurückziehen, nachdem alle Ziele ihrer Mission erreicht seien, betonte
Ministerpräsident Ariel Scharon am Montag vor der Knesset. Im Falle eines
Rückzugs würde die Armee im Westjordanland
»Sicherheitszonen« einrichten, kündigte der israelische
Regierungschef an.
Noch vor seinem Gespräch mit dem marokkanischen
König Mohammed VI. dämpfte US-Außenminister Powell Hoffnungen
auf einen baldigen Durchbruch im Nahost-Konflikt: »Ich werde nicht mit
einem Friedensvertrag in den Händen zurückkehren.« Er sei nicht
einmal sicher, ob er eine Waffenruhe erreichen werde. Powell wird am kommenden
Freitag in Israel erwartet. Bis dahin hat Scharon weiter freie Hand. |