Bei der israelischen Offensive im Westjordanland
sind nach Armeeangaben im Flüchtlingslager Dschenin Hunderte
Palästinenser getötet worden. Es sei »sehr
wahrscheinlich«, daß bei den Kämpfen in den vergangenen Tagen
»Hunderte Palästinenser« getötet wurden, sagte
Armeesprecher General Ron Kitrey am Freitag morgen im Rundfunk. Er wies
zugleich palästinensische Berichte zurück, nach denen die Armee in
Dschenin ein »Massaker« verübt habe. Es habe vielmehr heftige
Kämpfe gegeben. Dies zeige auch die hohe Opferzahl unter den israelischen
Soldaten.
Wenige Stunden später folgte dem Eingeständnis eine
Relativierung: Eine Mitarbeiterin Kitreys erklärte gegenüber der
Nachrichtenagentur AFP in Jerusalem, es seien Hunderte Palästinenser
getötet oder verletzt worden. Es gebe keine genauen Angaben über die
Zahl der Opfer, hieß es zudem in einer Erklärung der Armee.
Die palästinensische Autonomiebehörde rief die Vereinten
Nationen auf, eine Beobachtermission ins Westjordanland zu entsenden. Diese
solle die »israelischen Massaker« in Dschenin untersuchen, sagte
der palästinensische Chefunterhändler Sajeb Erakat der
Nachrichtenagentur AFP in Gaza. Zugleich forderte er US-Außenminister
Colin Powell auf, sich ein Bild von der Lage in Dschenin zu machen. Powell
beriet am Freitag vormittag in Jerusalem ohne greifbares Ergebnis mit dem
israelischen Regierungschef Ariel Scharon und Außenminister Schimon
Peres. Am heutigen Sonnabend will er sich in Ramallah mit
Palästinenserpräsident Yassir Arafat treffen.
UN-Generalsekretär Kofi Annan sprach sich am Freitag in Genf
für die rasche Entsendung einer internationalen Truppe in die
palästinensischen Gebiete aus. Angesichts der gefährlichen Lage und
der »entsetzlichen humanitären und Menschenrechtssituation«
dort dürfe dieser Schritt nicht länger hinausgezögert werden.
»Eine mutwillige Mißachtung der Menschenrechte ist etwas, das wir
nicht hinnehmen können. Wir müssen die Verantwortlichen wissen
lassen, daß sie mit dem Urteil der Geschichte konfrontiert werden.«
Während Annan seinen Appell an beide Konfliktparteien richtete,
hat Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber in Washington Arafat für das
Scheitern des Nahostfriedensprozesses verantwortlich gemacht. Viele Kritiker
des israelischen Vorgehens verwechselten Ursache und Wirkung, sagte der
bayerische Ministerpräsident in der Nacht zum Freitag vor dem U.S.
European Forum on World Order. Arafat habe vor zwei Jahren das Friedensangebot
des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak und des
US-Präsidenten William Clinton pauschal abgelehnt. »Für mich
ist der entscheidend Verantwortliche eindeutig Arafat«, so der CSU-Chef.
Arafat sei eher Revolutionär als Staatsmann.
Bei einem
Selbstmordanschlag an einer Bushaltestelle im Westen Jerusalems wurden am
Freitag mindestens sechs Menschen getötet. Etwa 30 weitere Menschen seien
verletzt worden, berichtete das israelische Fernsehen. Das Attentat ereignete
sich in der Nähe des größten Marktes in Westjerusalem. Der
Sprengsatz detonierte, als der Attentäter in der Jaffa-Straße gerade
in einen Bus steigen wollte. Die Jaffa-Straße ist die Hauptverkehrsader
in Westjerusalem.
Eine überwältigende Mehrheit der Israelis
unterstützt die derzeitige Militäroffensive im Westjordanland. Eine
am Freitag in der Zeitung Maariv veröffentlichte Umfrage ergab eine
Zustimmungsrate von 75 Prozent. 20 Prozent lehnten das Vorgehen der Armee ab,
fünf Prozent enthielten sich. Rund 57 Prozent sprachen sich für einen
israelischen Truppenabzug aus dem Westjordanland und die Errichtung eines Zauns
um die palästinensischen Gebiete aus - ein Konzept mit der Bezeichnung
»Separation«. 35 Prozent lehnten dies ab. |