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13.04.2002   Junge Welt
Massaker in Palästinenser-Lager
Israelische Armee spricht von Hunderten Toten in Dschenin
 
Bei der israelischen Offensive im Westjordanland sind nach Armeeangaben im Flüchtlingslager Dschenin Hunderte Palästinenser getötet worden. Es sei »sehr wahrscheinlich«, daß bei den Kämpfen in den vergangenen Tagen »Hunderte Palästinenser« getötet wurden, sagte Armeesprecher General Ron Kitrey am Freitag morgen im Rundfunk. Er wies zugleich palästinensische Berichte zurück, nach denen die Armee in Dschenin ein »Massaker« verübt habe. Es habe vielmehr heftige Kämpfe gegeben. Dies zeige auch die hohe Opferzahl unter den israelischen Soldaten.

Wenige Stunden später folgte dem Eingeständnis eine Relativierung: Eine Mitarbeiterin Kitreys erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP in Jerusalem, es seien Hunderte Palästinenser getötet oder verletzt worden. Es gebe keine genauen Angaben über die Zahl der Opfer, hieß es zudem in einer Erklärung der Armee.

Die palästinensische Autonomiebehörde rief die Vereinten Nationen auf, eine Beobachtermission ins Westjordanland zu entsenden. Diese solle die »israelischen Massaker« in Dschenin untersuchen, sagte der palästinensische Chefunterhändler Sajeb Erakat der Nachrichtenagentur AFP in Gaza. Zugleich forderte er US-Außenminister Colin Powell auf, sich ein Bild von der Lage in Dschenin zu machen. Powell beriet am Freitag vormittag in Jerusalem ohne greifbares Ergebnis mit dem israelischen Regierungschef Ariel Scharon und Außenminister Schimon Peres. Am heutigen Sonnabend will er sich in Ramallah mit Palästinenserpräsident Yassir Arafat treffen.

UN-Generalsekretär Kofi Annan sprach sich am Freitag in Genf für die rasche Entsendung einer internationalen Truppe in die palästinensischen Gebiete aus. Angesichts der gefährlichen Lage und der »entsetzlichen humanitären und Menschenrechtssituation« dort dürfe dieser Schritt nicht länger hinausgezögert werden. »Eine mutwillige Mißachtung der Menschenrechte ist etwas, das wir nicht hinnehmen können. Wir müssen die Verantwortlichen wissen lassen, daß sie mit dem Urteil der Geschichte konfrontiert werden.«

Während Annan seinen Appell an beide Konfliktparteien richtete, hat Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber in Washington Arafat für das Scheitern des Nahostfriedensprozesses verantwortlich gemacht. Viele Kritiker des israelischen Vorgehens verwechselten Ursache und Wirkung, sagte der bayerische Ministerpräsident in der Nacht zum Freitag vor dem U.S. European Forum on World Order. Arafat habe vor zwei Jahren das Friedensangebot des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak und des US-Präsidenten William Clinton pauschal abgelehnt. »Für mich ist der entscheidend Verantwortliche eindeutig Arafat«, so der CSU-Chef. Arafat sei eher Revolutionär als Staatsmann.

Bei einem Selbstmordanschlag an einer Bushaltestelle im Westen Jerusalems wurden am Freitag mindestens sechs Menschen getötet. Etwa 30 weitere Menschen seien verletzt worden, berichtete das israelische Fernsehen. Das Attentat ereignete sich in der Nähe des größten Marktes in Westjerusalem. Der Sprengsatz detonierte, als der Attentäter in der Jaffa-Straße gerade in einen Bus steigen wollte. Die Jaffa-Straße ist die Hauptverkehrsader in Westjerusalem.

Eine überwältigende Mehrheit der Israelis unterstützt die derzeitige Militäroffensive im Westjordanland. Eine am Freitag in der Zeitung Maariv veröffentlichte Umfrage ergab eine Zustimmungsrate von 75 Prozent. 20 Prozent lehnten das Vorgehen der Armee ab, fünf Prozent enthielten sich. Rund 57 Prozent sprachen sich für einen israelischen Truppenabzug aus dem Westjordanland und die Errichtung eines Zauns um die palästinensischen Gebiete aus - ein Konzept mit der Bezeichnung »Separation«. 35 Prozent lehnten dies ab.

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