* Keren Assaf und Lotahn Raz sind israelische
Kriegsdienstverweigerer und aktiv in der antimilitaristischen Organisation New
Profile. Sie sind derzeit zu einer Vortragsreihe in Zusammenarbeit mit der
deutschen Organisation Connection e.V. in Europa unterwegs
F: Sie
nennen Israel einen »Soldatenstaat« - rechtfertigt die Stellung des
Militärs in der Gesellschaft eine derartig negativ besetzte Vokabel?
Assaf: Nun, die Armee in Israel unterhält nicht nur starke
Streitmächte, sondern das Militär besetzt auch
Schlüsselpositionen im Staat, in der Politik und in der Wirtschaft. Die
Politik wird vom Militärischen bestimmt - und der gegenwärtige Krieg
ist deshalb letztlich ein extremer Ausdruck dieses Faktums.
Diejenigen,
die diesen Krieg führen und maßgeblich befürworten, sind
ausnahmslos Generäle, der Regierungschef eingeschlossen.
Viele der
heute im Krieg zum Einsatz kommenden jungen Leute wachsen auf in dem Glauben,
daß es absolut notwendig, ja sogar eine Tugend ist, Opfer in diesem Krieg
zu bringen und als Soldat zum Helden zu werden.
F: Was halten Sie dem
Argument entgegen, nur militärische Stärke kann die Existenz des
Staates Israel in einem feindlichen Umfeld sichern?
Raz: Daß
unsere Existenz nicht in Gefahr ist. Juden und Araber sind nicht von Natur aus
Feinde. Wir wurden immer wieder gegeneinander aufgehetzt, und wir können
das stoppen, wenn wir es wollen. Der einzige Weg zu einem normalen Leben ist
die Koexistenz.
F: Nach der jüngst erfolgten Ernennung des rechten
Ex-Generals Effi Eitam von der nationalreligiösen Fraktion zum Minister
erklärte Oppositionsführer Jossi Sarid von der Meretz-Partei, er
schäme sich dafür, in einem Land zu leben, in dem Menschen mit
rassistischen Ansichten ins Kabinett berufen werden. Fällt vor diesem
Hintergrund außerparlamentarischen Gruppen die Aufgabe zu, eine
politische Alternative zu formulieren?
F: Raz: Ja, die
Friedensaktivisten müssen daran arbeiten, eine Alternative zu Scharon und
seiner Regierung aufzuzeigen. Während dieses Krieges haben sich viele
Gruppen gegründet, die das zum Ziel haben. Hadash, die
arabisch-jüdische Partei, ist ein Teil in diesem Prozeß. Die
Friedensbewegung in Israel wird heute jedoch nicht von Politikern und Parteien
getragen, sondern von den Menschen an der Basis.
Assaf: Eine wirklich
proisraelische Position ist in unseren Augen eine, die keine
Übereinstimmung mit Unterdrückung und Besetzung beinhaltet. Vielmehr
sollte der Idee zum Durchbruch verholfen werden, daß Israelis und
Palästinenser eine Zusammenarbeit anstreben und aufbauen müssen und
dieses Land nur auf Grundlage von Gleichberechtigung und Frieden teilen
können. Wir brauchen dabei Verbündete und Hilfe von außen, um
das umsetzen zu können.
F: Erwarten Sie in nächster Zeit
einen Stimmungsumschwung in Israel?
Assaf: Die Mehrheit der Israelis
befürwortet einen palästinensischen Staat neben Israel. Die
notwendige Lösung des Konflikts wird an sich verstanden und akzeptiert.
Das Problem ist, daß Angst und Hoffnungslosigkeit immer wieder unsere
Gefühle dominieren. Auf der anderen Seite ist eine neue Friedensbewegung
entstanden, die von Frauenorganisationen getragen wird, von
jüdisch-arabischen Gruppen und von Kriegsdienstverweigerern.
Augenblicklich sind über 40 Kriegsdienstverweigerer in israelischen
Gefängnissen, wegen Widerstand gegen die israelische Aggressionspolitik.
Täglich kommen neue hinzu. Diese schnell anwachsende Bewegung steht
für eine Alternative und eine Hoffnung machende Vision, steht für ein
Ende des Krieges und für Frieden und Versöhnung zwischen den beiden
Völkern.
* Informationen zu New Profile und der Vortragsreihe:
www.Connection-eV.de |