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Im bayerischen Dachau boykottieren Mobilfunkgegner einen
Metzger, weil er einen Sendemast auf seinem Dach installiert hat
Dachau - Wo Kinder mittags von der Schule heimradeln, der
Duft von Suppe die Luft erfüllt, und das Wappen des Freistaates Bayern die
Einfamilienhäuser ziert, müsste die Welt noch in Ordnung sein. Doch
die Idylle ist zerstört. Davon zeugen die Transparente an den
Gartenzäunen. "Wir wollen diesen Mobilfunksender nicht", verkünden
sie. Von "Terror", "Arroganz" und "Profitgier" ist die Rede. Fast jeder in
Dachau-Süd hat ein Protest-Plakat aufgehängt - außer Herbert
Limmer.
Der arme Sünder
Der Metzger sitzt in seiner Küche und mimt den armen
Sünder: "Ich war wohl etwas naiv, zu glauben, es gäbe keinen Streit."
Wenn er gewusst hätte, dass die Nachbarn solche Angst vor der Strahlung
haben, hätte er T-Mobile, der Mobilfunktochter der Deutschen Telekom, sein
Dach nicht vermietet, behauptet er. Nun ist es zu spät. Die Antenne ist
zwar noch nicht angeschlossen. Dafür hat die Bürgerinitiative
gesorgt. Aber seit sie montiert ist, seit fast zwei Jahren, meiden viele Kunden
seine Metzgerei. Gute Kunden, die für Fleisch und Wurst mehr als 50 Euro
in der Woche ausgaben.
"Wenn das so weiter geht, bin ich ruiniert", klagt Limmer.
Seine fünf Angestellten wären dann arbeitslos. Nach diesem
Eingeständnis schweigt der 45 Jahre alte Metzger und führt den Besuch
in seinen Laden, um zu zeigen, was auf dem Spiel steht. Zu sehen gibt es kaum
etwas. Leere Ladentheken und heruntergezogene Rollläden. Montagnachmittag
hat Limmer geschlossen. Normalerweise geht er an einem solchen Tag einkaufen
und gönnt sich anschließend eine Pause. Aber "seit der Antenne"
kommt er nicht mehr zur Ruhe. "Warum nur habe ich diese Anlage aufs Dach
gestellt?", fragt er sich in solchen Momenten.
Vielleicht wären andere auch schwach geworden bei der
Aussicht, fürs Nichtstun einen Batzen Geld zu bekommen. Es heißt,
die Vermieter könnten 3000 bis 6000 Euro im Jahr herausschlagen - je nach
Verhandlungsgeschick. Limmer, sagen die Leute im Stadtteil, habe
Verhandlungsgeschick. So etwas ärgert den gebeutelten Geschäftsmann:
"Der Laden ist vorher gut gelaufen. Was mir jetzt an Umsatz verloren geht,
bringt die Miete für die Antenne nie wieder rein."
Zornig sei er aber nicht auf seine Nachbarn. Eher auf die
Telekom: "Von denen hat mir keiner gesagt, dass es Probleme geben könnte."
Den Zehn- Jahres-Vertrag hat er vor kurzem fristlos gekündigt, die Miete
zurück erstattet und den T-Mobile- Technikern Hausverbot erteilt. Ob er
das darf, darüber streiten derzeit die Anwälte. Vorläufig
entbindet T-Mobile Limmer nicht von seinen Pflichten. Das Unternehmen hat
schließlich einen sechsstelligen Betrag investiert. Außerdem
scheuen die Mobilfunk-Manager die Schlagzeile "Bürgerinitiative zwingt
Telekom zum Rückzug". Andere könnte das erst recht zum Protest
animieren.
Horst Fleischer, der Nachbar von schräg gegenüber
und einer der führenden Köpfe des Bürgerprotests, unternimmt
alles, damit diese Schlagzeile wahr wird. "Wir haben oft beim Limmer
eingekauft. Jetzt gehen wir nicht mehr hin." Allgemeines Kopfnicken in der
Runde. Alle gehen sie nicht mehr hin. Das Rentnerehepaar, der Betriebswirt, die
Hausfrau, der Lehrer und der Maurer. Ein Dutzend Leute hat sich im Garten der
Fleischers versammelt, um neue Pläne auszuhecken. 2500 Euro haben sie
bereits aus eigener Tasche für Flugblätter, Plakate und eine
Internet-Seite ausgegeben. "Wir sind kreativ", erzählt Fleischer
vielsagend. Zeichen dieser Kreativität ist zum Beispiel die Web- Kamera,
die er im Obergeschoss seines Hauses installiert hat. Sie übermittelt ins
Internet, was sich auf Limmers Dach tut: "Damit wir merken, wenn ein Techniker
kommt." Die Nachbarn parken nach einem ausgeklügelten Stundenplan den
Gehweg zu, "damit die Telekom keine Leitungen legen kann".
Besorgte Stadtväter
"Wir fürchten um unsere Gesundheit und die unserer
Kinder", begründet Fleischer seinen Kampf. Den Wissenschaftlern, die
feststellen, dass die Strahlen ungefährlich sind, glaubt der 43 Jahre alte
Maschinenbau- Ingenieur nicht. Schließlich gibt es auch Wissenschaftler,
die das Gegenteil behaupten. Dass er selbst ein Handy "für den Notfall"
besitzt, findet er in Ordnung. Das zeige, dass er nicht technikfeindlich sei.
Deshalb wäre er auch mit Antennen außerhalb von Wohngebieten
einverstanden. Mitleid mit Limmers geschäftlichem Niedergang hat er wenig:
"Wir leiden auch. Die Antenne mindert den Wert unserer Häuser."
Davon kann Werner Jässel ein Lied singen. Der
Kleinunternehmer blickt finster in die Runde auf Fleischers Terrasse. Er hat
eine gehörige Wut: "Meine Wohnungen sind wunderschön. Aber keiner
will sie haben." Von seinen drei Reihenhäusern, die er neben der Metzgerei
gebaut hat, ist nur eins verkauft - an einen, dem der Streit um die Antenne
egal ist. Davon gibt es aber nicht viele. Deswegen steckt Jässel in der
Bredouille. Eine Million Euro hat er investiert, "in bester Wohnlage". Doch was
nutzt das, wenn niemand neben einer Mobilfunkantenne leben will? Den Kredit
hätte Jässel der Bank eigentlich schon zurück zahlen sollen.
"Wenn sie ihn einfordert, bin ich pleite", prophezeit er. "Pleite wegen einer
Antenne!" Dabei lacht er schallend und tröstet sich mit einer Marlboro
Light.
Der Zwist in Dachau hat sogar die Stadtverwaltung alarmiert.
Zunächst wollte sie T-Mobile gerichtlich den Betrieb der Antenne
untersagen lassen, ist aber in erster Instanz gescheitert. Jetzt verhandelt man
mit dem Unternehmen über alternative Standorte außerhalb von
Wohngebieten. "Hier geht es um einen gesellschaftlichen Interessenkonflikt",
meint Bauamtsleiter Ernst Hengstenberg. Da müsse jemand Brücken
schlagen. Doch wer baut diese Brücken? |