Das Flüchtlingslager liegt in Trümmern, eine
groß angelegte Suchaktion nach Verschütteten blieb aus. Jenin ist
zur Chiffre für israelische Brutalität geworden und zum
palästinensischen Mythos. So etwas traut man nur der Natur zu. Wie
nach einem Erdbeben sehe es aus, sagte der UN-Sondergesandte Terje
Roed-Larsen, als er Donnerstag vergangener Woche den Ort besichtigte, an dem
sich nur noch teilweise das Flüchtlingslager von Jenin befand. Das Zentrum
des Lagers, einige Häuserzeilen, waren verschwunden, stattdessen klaffte
ein riesiges Loch inmitten von Ruinen. Aber die Erde hatte nicht gebebt. Die
Katastrophe hatte sich angekündigt, sie war von Menschen
herbeigeführt, und deshalb muss eine Frage beantwortet werden: Was ist in
der palästinensischen Stadt geschehen, nachdem sie am 3. April von der
israelischen Armee besetzt und zu einem militärischen Sperrgebiet
erklärt wurde?
Jenin war vorgewarnt. Im März hatte die israelische
Regierung die Operation Schutzwall gestartet und Ramallah,
Bethlehem, Tulkarem und andere Städte und Dörfer eingenommen. Die
Taktik war überall dieselbe: Eine Ausgangssperre wurde verhängt, die
Soldaten besetzten strategische Positionen, wer Widerstand leistete, wurde dank
militärischer Überlegenheit getötet oder gefangen genommen. Dann
zogen die Soldaten von Haus zu Haus und nahmen Männer im Alter von 15
aufwärts mit. Waffenarsenale wurden konfisziert, terroristische
Infrastruktur, etwa Polizeistationen der palästinensischen
Autonomiebehörde, zerstört.
Bald würde Jenin an die Reihe
kommen. Die Stadt im äußersten Norden der besetzten Gebiete des
Westjordanlandes ist kleiner als Nablus, politisch unbedeutender als Ramallah,
weniger symbolträchtig als Bethlehem. Doch Jenin, und vor allem das
Flüchtlingslager am Rande der Stadt, hat sich im Kampf gegen die
Okkupation als Hort der radikalen islamistischen Gruppierungen hervorgetan. Die
Israelis nennen es ein Hornissennest.
Das Lager ist nichts anderes
als ein slum-artiger Stadtteil am Abhang eines Hügels. Ursprünglich
ließen sich hier Palästinenser nieder, die nach der israelischen
Staatsgründung im Jahr 1948 aus der Gegend von Haifa flüchten
mussten. Im Lauf der Jahrzehnte hat sich ein Haus an das nächste
gedrängt, nach Bedarf wurden weiter Etagen draufgebaut, und es entstand
ein Gewirr aus engen, verwinkelten Gassen. Rund 15.000 Menschen drängten
sich auf nicht viel mehr als einem Quadratkilometer.
Extremismus Im Lager
herrschte eine auch für Außenstehende sofort spürbare
aufgeladene Stimmung aus Religiosität und Hass auf den Feind, Todesmut und
Extremismus. Viele der Suizidattentäter, die sich in Israel in die Luft
sprengten, brachen von hier auf. Ich wäre stolz, wenn einer meiner
Söhne bei einem Attentat den Tod findet, sagte Jammal Abu Alhija,
ein Hamas-Führer von Jenin, im vergangenen Jänner gegenüber
profil.
Diese Hochburg der Radikalen sollte die israelische Armee beseitigen.
Es war von vornherein klar, dass die Operation Schutzwall im
Labyrinth des Lagers von Jenin, in dem sich vielleicht hunderte Bewaffnete
verschanzten, besonders schwierig und riskant sein würde. Am 3. April
begann die Aktion, vergangene Woche endete sie. Was dazwischen geschah, ist
umstritten.
Sicher ist, dass die Israelis sich den Weg ins Lager bahnten, indem
sie strategisch entscheidende Gebäude von Hubschraubern und Panzern aus
beschossen. Dann drangen sie mithilfe von Bulldozern in den Hexenkessel vor.
In den ersten drei Tagen schafften wir 600 Meter, schildert ein
Soldat das intensive Gefecht.
Die israelische Armee beschreibt ihr Vorgehen so:
Die Soldaten hätten per Lautsprecher die Bewohner der Häuser
aufgefordert herauszukommen. Die Suche habe Terroristen gegolten. Doch diese
hätten gekämpft, anstatt sich zu ergeben. Sie wollten als
Shahids (als Märtyrer, Anm.) sterben, erläuterte Generalmajor
Aharon Zeevi Farkash den Grund für die tagelangen Gefechte und die Opfer
und behauptet: Die Leute, die von unsrer Armee in Jenin getötet
wurden, waren alle Terroristen.
Die Israelis bemühen sich, den
Vorwurf zu entkräften, sie hätten ein Massaker an unbewaffneten
Zivilisten verübt, den die Palästinenser bereits mehrfach erhoben
haben. Laut israelischer Version handelte es sich ganz einfach um eine
Schlacht.
Tatsächlich starben insgesamt 23 israelische Soldaten in dem
Straßengewirr des Lagers, 13 von ihnen vorvergangenen Dienstag bei einem
einzigen Hinterhalt. Palästinenser hatten mehrere Sprengsätze
versteckt, die explodierten, als die Soldaten sich näherten. Zugleich
eröffneten die Palästinenser das Feuer.
War also Jenin Schauplatz
eines mörderischen Gefechts, nicht aber eines Massakers? Es wurden keine
Hinweise dafür gefunden, dass die israelischen Soldaten systematisch
Zivilisten erschossen hätten. Nur vereinzelt lagen in den Straßen
von Jenin Leichen von Frauen und unbewaffneten Männern. Gemäß
israelischer Interpretation waren auch sie an den Kämpfen beteiligt.
Neben den Frauenleichen fand man Kalaschnikows, stützt die
regierungsfreundliche Jerusalem Post die Argumentation der Armee.
Ilan Ben-Dov, Gesandter an der israelischen Botschaft in Wien, sagt, dass 90
Prozent der Zivilisten das Lager verlassen hätten, bevor die Armee
einrückte.
Ganz ausgeräumt ist der Verdacht der Erschießungen
von Zivilisten allerdings noch nicht. Die palästinensische
Menschenrechtsorganisation Law hat Berichte von angeblichen
Augenzeugen veröffentlicht, die beobachtet haben wollen, wie die Armee
Leichen in Säcken aus dem Lager weggeschafft habe. Diese seien auf
Lastwagen verladen und außerhalb von Jenin mithilfe von Bulldozern
vergraben worden. Etwas später seien die rund 30 Leichen wieder
ausgegraben und in Richtung Israel abtransportiert worden. Der israelische
Oberste Gerichtshof hatte die Bestattung von Leichen durch die Armee
zunächst untersagt, das Verbot dann aber aufgehoben.
Wo kaum Leichen von
Zivilisten gefunden werden, gibt es auch keine Beweise für ein Massaker.
Aber noch ist das Lager ein völlig unübersichtliches Trümmerfeld
und an endgültige Schlussfolgerungen nicht zu denken. Es gibt keine
verlässliche Antwort auf die Frage nach der Zahl der Menschenleben, die
die Operation Schutzwall in Jenin gefordert hat.
Die israelische
Armee hatte zunächst von rund 100 getöteten Palästinensern
gesprochen, später jedoch nur noch von ein paar Dutzend.
Palästinenser halten die Zahl von 500 Toten für realistisch. Jamil
Alhamed, Arzt und Gesundheitsbeauftragter des Distrikts von Jenin, möchte
sich auf Spekulationen über die Opferbilanz nicht einlassen. Viele
Männer seien verhaftet und weggebracht worden, manche hätten das
Lager bereits vor dem Eintreffen der Armee verlassen. Allerdings gibt er zu
bedenken, dass Gestank aus den Trümmern aufsteigt.
Denn es
blieb nicht bei Feuergefechten. Bulldozer Die israelische Armee walzte mit
Bulldozern Häuser nieder, um sich Wege durch das Lager zu bahnen.
Über das Ausmaß der Zerstörung, das sie dabei anrichteten, gibt
es gegensätzliche Meinungen. Die Israelis sagen, nach dem Hinterhalt, bei
dem 13 Soldaten getötet und weitere verletzt worden waren, hätten sie
eine sichere Straße gebraucht, um die Verwundeten hinausschaffen zu
können. Deshalb rammten sie die Gebäude nieder, von denen aus
palästinensische Heckenschützen auf sie schossen. Für das enorme
Ausmaß der Zerstörung seien jedoch vor allem die Palästinenser
selbst verantwortlich, behauptete etwa der israelische UN-Botschafter Yaakov
Levy vergangene Woche auf der Menschenrechtskonferenz der Vereinten Nationen in
Genf. Sie hätten, so Levy, ganze Häuser gesprengt und Dynamitfallen
gestellt.
Die palästinensische Version sieht anders aus. Nach den schweren
israelischen Verlusten habe die Armee Häuser niedergerammt, ohne per
Lautsprecher die Bewohner zu warnen, wie sie das anfangs getan hätte.
Insgesamt sei eine Fläche leer geräumt worden, auf der etwa 200
Wohnhäuser gestanden waren. Überlebende berichten von schrecklichen
Szenen. Familien sollen sich in Kellern ihrer Häuser versteckt haben, als
die Bulldozer die Mauern über ihnen zum Einsturz gebracht hätten.
Manche hätten nicht schnell genug auf die Lautsprecherwarnungen der
Soldaten reagiert. Eine Familie sei von einem Hubschrauber aus beschossen
worden, als sie ihr Haus verließ.
Mit bloßen Händen
Möglicherweise liegen unter den Trümmern ja auch noch Lebende. Doktor
Jamil Alhamed sagt, er habe mit anderen versucht, mit bloßen Händen
Verschüttete zu bergen, aber ohne Spezialgeräte würden wir
Monate brauchen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International
klagte, dass Ende vergangener Woche noch keine systematischen Bergungsarbeiten
im Gange gewesen seien. Die Israelis hätten keine internationale Hilfe
angefordert, sondern vielmehr Hilfsorganisationen tagelang den Zutritt zum
Lager verwehrt. Die Sperre galt auch für Rettungsfahrzeuge. Ein
Mitarbeiter einer lokalen Organisation habe laut Amnesty einen Anruf von einer
zehnköpfigen Familie erhalten, die in einem von Trümmern
verschütteten Raum eingeschlossen ist.
Der Eindruck, dass sich Israel
nicht um elementare Nöte der Palästinenser kümmert, verdichtet
sich zur Gewissheit. Erst blieben die Bewohner von Jenin tagelang ohne Strom
und Wasserversorgung, jetzt fehlen Bergungsgeräte. Was würde die
Regierung wohl unternehmen, wenn tatsächlich ein Erdbeben die Häuser
zum Einsturz gebracht hätte und wenn es israelische Häuser
wären? Poul Nielson, der EU-Kommissar für Entwicklung und
humanitäre Hilfe, nannte die israelische Tatenlosigkeit eine
Verhöhnung des humanitären Rechts.
Für viele wird
jegliche Hilfe zu spät kommen. Das weiß auch Doktor Jamil Alhamed.
Er habe kaum Verletzte gefunden, die er versorgen hätte können.
Manche wären vielleicht noch am Leben, wenn wir ein paar Tage
früher ins Lager gehen hätten dürfen, sagt er.
profil
fragte Gideon Ezra, den stellvertretenden israelischen Minister für
Öffentliche Sicherheit, nach der Bereitschaft der Israelis, den
Palästinensern bei der Bergung zu helfen. Ezra behauptete, Bergungen seien
bereits im Gange. Außerdem würde die Armee Jenin bald verlassen,
und dann können die Palästinenser das selber machen.
Schließlich habe es sich um keine großen Gebäude gehandelt, da
seien nicht die Twin Towers eingestürzt, urteilt Ezra mit
großer Gelassenheit.
Das UN-Hilfswerk für
Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) geht davon aus, dass die Zahl der
getöteten und festgenommenen Palästinenser schließlich genau
ermittelt werden könne, denn alle Lagerbewohner seien registriert gewesen.
Doch die Zahl der Toten wird wenig an dem Bild ändern, das die
Öffentlichkeit nach und nach von den Ereignissen in Jenin gewinnt. Jenin
ist zur Chiffre für Brutalität geworden. Brutalität, die aus
israelischer Sicht unvermeidlich ist, um den Terror zu bekämpfen. Die
Armee veröffentlicht ihre vorläufige Erfolgsbilanz der
Operation Schutzwall: 4258 Verhaftungen, 1949 sichergestellte
Kalaschnikows, 2175 Gewehre, 30 Kilo Sprengstoff und so weiter. Aber bereits
vergangene Woche räumte Generalmajor Farkash ein, der Terrorismus zeige
bereits Anzeichen des Wiederauflebens und er werde ansteigen,
sobald wir abgezogen sind.
Das kann man als Eingeständnis eines
Misserfolges deuten, der unvermeidlich war. Unter den über 4000
Verhafteten befinden sich laut Armee 387 Gesuchte, und niemand nimmt ernsthaft
an, dass Hamas, Islamischer Dschihad oder die Al-Aksa-Brigaden Schwierigkeiten
haben werden, in naher Zukunft Selbstmordattentäter zu rekrutieren. Auch
die paar tausend erbeuteten Schusswaffen nehmen sich mickrig aus, denn die
Armee schätzt, dass die Palästinenser insgesamt 40.000 davon
besitzen.
Sicherheitsminister Ezra bedauert, dass die Operation wohl zu
früh abgebrochen werde, um die USA zu besänftigen. Seiner Ansicht
nach könnten die Befragungen der Verhafteten Informationen bringen, die zu
weiteren Festnahmen führen könnten. Dazu allerdings müsse die
Armee in Jenin und den anderen Städten bleiben.
Heldenmythos Freitag
vergangener Woche jedoch zog die Armee ab und hielt nur noch einen Ring um die
Stadt besetzt. Die Palästinenser waren mit Jenin wieder allein, und
für sie hat diese Stadt eine größere Bdeutung bekommen, als man
zunächst vermuten könnte. Der israelische Friedensaktivist Uri Avneri
sagt voraus, dass sich Jenin zu einem Heldenmythos der Palästinenser
entwickeln werde. Hier hätten sie den Israelis getrotzt und der
übermächtigen Armee Verluste zugefügt. Der Wille zum gewaltsamen
Kampf gegen die Besatzer sei nicht gebrochen worden, sondern gestärkt. Es
ist ein kollektiver Wille zum Kampf bis in den Tod.
Der ergebnislose Besuch des
US-Außenministers Colin Powell wird im Vergleich zum Mythos von Jenin
schnell vergessen sein. Vermittler und Verhandler stehen nicht im Zentrum der
Aufmerksamkeit. Die Palästinenser haben weniger zu verlieren denn je. Die
Israelis ahnen bereits, wie es weitergehen wird, und drohen: Die
Palästinenser wissen, dass neuerlicher Terror eine noch härtere
israelische Antwort zur Folge haben wird, sagte Generalmajor Farkash
vergangene Woche.
Die Israelis haben jegliche Scheu abgelegt, Kritik des
Auslands in den Wind zu schlagen. Moralisch haben sie in den Augen der
internationalen Öffentlichkeit in Jenin das Gesicht verloren. Das begann
sich Ende vergangener Woche in vielen Kommentaren abzuzeichnen. Die Folgen von
Jenin treten langsam zutage. Autor: Robert Treichler |