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15.05.2002 Israel Shahak and Norton Mezvinsky Aufbauonline
Eine echte Bedrohung
der Demokratie
Jüdischer Fundamentalismus in Israel


Die Ermordung des israelischen Premiers Yitzhak Rabin und das Massaker in der Ibrahim Moschee in Hebron waren keine isolierten Aktionen. Sie sind vielmehr Ausdruck eines stark verbreiteten jüdischen Fundamentalismus. Und dieser stellt für die Demokratie in Israel eine echte Bedrohung dar, weil er die Gleichberechtigung der Menschen in Abrede stellt. Diese These vertreten der renommierte israelische Autor und Menschenrechtsaktivist Israel Shahak und der jüdische US-Historiker Norton Mezvinsky. Sie haben soeben ein Buch über den jüdischen Fundamentalismus in Israel veröffentlicht. Der Aufbau hat Norton Mezvinsky in New York getroffen und ihn zur Problematik befragt. Das Gespräch führte Lorenz Wolffers.

Aufbau: Was ist jüdischer Fundamentalismus?
Norton Mezvinsky:
Kurz gesagt ist jüdischer Fundamentalismus der Glaube, daß die Gesetze der jüdischen Orthodoxie, die auf dem babylonischen Talmud sowie der talmudischen und halachischen Literatur basieren, immer noch uneingeschränkte Gültigkeit haben und auf alle Ewigkeit gültig bleiben werden. Jüdische Fundamentalisten glauben auch, daß die Bibel an sich keine Autorität darstellt, wenn sie nicht anhand der talmudischen Literatur ausgelegt wird. Jüdischen Fundamentalismus gibt es überall dort, wo es sehr große jüdische Gemeinschaften gibt, also insbesondere in Israel und in den USA.
Was ist die Besonderheit des jüdischen Fundamentalismus?
Mezvinsky: Im Gegensatz etwa zum islamischem oder zum christlichen Fundamentalismus geht der jüdische Fundamentalismus davon aus, daß die Juden das auserwählte Volk und daß die anderen Völker nur untergeordnet sind. Die Juden sind nach der Lesart der Fundamentalisten den Nicht-Juden überlegen. Deshalb ist der jüdische Fundamentalismus eine Gefahr für die Demokratie, weil er das Prinzip der Gleichberechtigung in der Gesellschaft ablehnt.
Welches sind die historischen Wurzeln? Seit wann gibt es jüdischen Fundamentalismus?
Mezvinsky: Einer der Hauptpfeiler des Fundamentalismus ist die Kabbala, die jüdische Lehre des Mystizismus, die im wesentlichen aus dem 16. Jahrhundert datiert. Andererseits basiert der Fundamentalismus auch auf dem Talmud, der zwischen dem ersten und dem fünften Jahrhundert geschrieben wurde. Wichtig ist aber auch die Entwicklung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, weil der heutige Fundamentalismus auch als Reaktion auf die Moderne verstanden werden kann. Eine der wesentlichsten Figuren des heutigen Fundamentalismus, Rabbi Kook der Ältere, einer der führenden Köpfe der jüdisch-messianischen Bewegung, hat seine Schriften in den 20er und 30er Jahren unseres Jahrhunderts geschrieben.
Läßt sich quantifizieren, wieviele Personen in Israel dem jüdischen Fundamentalismus zugerechnet werden können?
Mezvinsky: 25 bis 30 Prozent der israelischen Juden sind säkularisiert, weitere 50 bis 55 Prozent können als traditionell und rund 20 Prozent als religiös betrachtet werden. Innerhalb dieser letzten Gruppe muß zwischen den eher moderaten Nationalreligiösen und der extremen Gruppe der Haredim unterschieden werden. Politisch sind die Haredim in zwei verschiedenen Gruppierungen organisiert. Yahudat Ha’Torah ist die Bewegung der aus Osteuropa stammenden aschkenasischen Juden, die Shas-Partei umfaßt die religiösen Juden, die aus Nordafrika und dem Nahen Osten stammen. Aufgrund der Wahlresultate von 1996 kann geschlossen werden, daß die Haredim rund elf Prozent der israelischen Bevölkerung und über 13 Prozent der israelischen Juden ausmachen.
Wie groß ist der Einfluß der Haredim auf die israelische Gesellschaft und auf die Politik?
Mezvinsky: Sehr groß. Der Fundamentalismus ist eine Bedrohung der demokratischen Entwicklung. In Israel selbst ist dies vielen Menschen nach der Ermordung Rabins bewußt geworden, die israelische Presse hat sich der Problematik auch angenommen. Außerhalb Israels ist die Entwicklung bislang aber kaum wahrgenommen worden.
Der Rabin-Mörder Yigal Amir war kein Einzelkämpfer oder Mitglied einer Splittergruppe, er war vielmehr wohl integriert in diese breite Bewegung der jüdischen Orthodoxie. Großen Einfluß auf Gesellschaft und Politik haben auch die religiösen jüdischen Siedler, die das von ihnen bebaute Land unter allen Umständen als „jüdisches Land“ verteidigen wollen.
Diese Leute wollen nicht-jüdische Menschen vertreiben und Kirchen und Moscheen zerstören. Unglücklicherweise gelingt es den Fundamentalisten, diese Idee der „Säuberung“ auch in Kreise hineinzutragen, die nicht eigentlich dem Fundamentalismus zugerechnet werden können.
Wie zeigt sich nun konkret der größer gewordene politische Einfluß?
Mezvinsky: Die letzten Wahlen haben einen Großerfolg für die ultrareligiöse Shas-Partei, einen der politischen Arme der Fundamentalisten, gebracht. Die Zahl ihrer Abgeordneten in der Knesseth hat sich fast verdreifacht.
Shas hat dabei nicht nur Stimmen von Ultrareligiösen erhalten, sondern vor allem auch von orientalischen Juden, die sich von den übrigen Parteien zu wenig vertreten fühlen. Es ist überdies zu bedenken, daß es bislang noch nie eine der großen Parteien fertiggebracht hat, alleine die Mehrheit zu erringen, weshalb sie in der Regel auf die Stimmen der ultrareligiösen Parteien angewiesen sind. Diese lassen sich ihre Stimmen mit weitgehenden Zugeständnissen, auch finanzieller Art, abgelten.
Wie groß ist das Gewaltpotential innerhalb der jüdischen Fundamentalisten?
Mezvinsky: Man muß ganz klar festhalten, daß zurzeit nur ein Teil der Fundamentalisten gewaltbereit ist. Allerdings ist auch zu sagen, daß ein Teil der Fundamentalisten nur deshalb auf Gewalt verzichtet, weil sie sich noch nicht stark genug fühlen. Der Gewaltverzicht bei vielen Fundamentalisten ist vor allem taktisch bedingt und nicht durch den Respekt der allgemeinen Menschenrechte. Auch viele derjenigen, die heute auf die Anwendung von Gewalt verzichten, sehen nichts Unrechtes darin, Angehörige anderer Religionen zu vertreiben und Kirchen und Moscheen zu zerstören.
Außerhalb Israels stehen vor allen die Namen von Ygal Amir und Baruch Goldstein für jüdischen Fundamentalismus und jüdische Gewaltbereitschaft. Was ist deren Hintergrund?
Mezvinsky: Amir und Goldstein ist in unserem Buch je ein separates Kapitel gewidmet. Goldstein, der im Februar 1994 in einer Mosche in Hebron 29 Menschen erschossen hat, stammt ursprünglich aus Brooklyn, er hat in den USA Medizin studiert. Seine fundamentalistischen Ansichten hat er sich nicht erst in Israel angeeignet, er hat sie bereits aus den USA mitgenommen. Goldstein hat sich in Israel als Arzt geweigert, Nicht-Juden zu behandeln. Amir ist bereits im Umfeld des israelischen Fundamentalismus aufgewachsen und hat orthodoxe Schulen besucht. Er hat sich auf den Talmud berufen, der besagt, daß Verräter getötet werden sollen. Und Rabin war in den Augen Amirs ein Verräter. Amir hielt diese Tat für eine religiöse Handlung.
Was war für Ihren Kollegen Israel Shahak und für Sie die Motivation, eine Studie über jüdischen Fundamentalismus zu veröffentlichen?
Mezvinsky: Israel Shahak ist Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Er war ursprünglich Chemiker und gehört heute zu den wichtigsten Autoren Israels für politisch-religiöse Fragen. Er ist seit den 60er Jahren ein Verfechter der Menschenrechtsideen und sieht diese durch den jüdischen Fundamentalismus bedroht. Er vertritt die Idee, daß auch die Juden sich selber kritisch mit ihrer eigenen Geschichte und Gegenwart auseinandersetzen sollten. Ich selber bin in Iowa in einer religiös-zionistischen Familie aufgewachsen. Mein Vater stammt aus Kiew. Im Verlaufe meines College-Studiums habe ich mir eines Tages die Frage gestellt, ob es wirklich so sein kann, daß eine Seite – die Israelis – zu 100 Prozent im Recht, die andere Seite – die Araber – dagegen völlig im Unrecht sein kann.
Gibt es Reaktionen auf die Aussagen in Ihrem Buch?
Mezvinsky: Die Zeiten haben sich doch etwas geändert. Als ich vor 25 Jahren mit kritischen Bemerkungen zum Zionismus vor jüdischen Kreisen in den USA aufgetreten bin, habe ich sehr viel Widerspruch ausgelöst. Man hat mir vorgeworfen, ich würde Munition für die Antisemiten bereitstellen. Gerade aus orthodoxen Kreisen wird allerdings heute noch das Gespräch verweigert, man will unsere Argumente gar nicht hören. Nun bin ich aber nach der Veröffentlichung dieses Buches auch von konservativ-jüdischen Radiostationen zu Talkshows eingeladen worden.
Sind Sie wegen Ihrer
Ansichten nie bedroht worden?
Mezvinsky: Seit den 70er Jahren habe ich verschiedlich auch Todesdrohungen erhalten. Es ist ein schreckliches Gefühl, als Jude von Juden bedroht zu werden.Wenn ich den Bogen hier allerdings noch etwas weiter spannen darf: Schlimm finde ich es auch, wenn ein Volk, das gerade erst kürzlich selbst Opfer der Verfolgung geworden ist, nun selber andere Bevölkerungsgruppen unterdrückt. Die israelische Regierung nimmt für sich in Anspruch, für alle Juden auf der Welt zu sprechen. Wenn ich aber mit deren Politik, die von den Fundamentalisten beeinflußt ist, nicht einverstanden bin, muß ich das öffentlich kritisieren.

Israel Shahak and Norton Mezvinsky: „Jewish Fundamentalism in Israel“, Pluto Press, London/Sterling, Virginia, 1999, ISBN 0-7453-1276-4.

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