Die Ermordung des israelischen
Premiers Yitzhak Rabin und das Massaker in der Ibrahim Moschee in Hebron waren
keine isolierten Aktionen. Sie sind vielmehr Ausdruck eines stark verbreiteten
jüdischen Fundamentalismus. Und dieser stellt für die Demokratie in
Israel eine echte Bedrohung dar, weil er die Gleichberechtigung der Menschen in
Abrede stellt. Diese These vertreten der renommierte israelische Autor und
Menschenrechtsaktivist Israel Shahak und der jüdische US-Historiker Norton
Mezvinsky. Sie haben soeben ein Buch über den jüdischen
Fundamentalismus in Israel veröffentlicht. Der Aufbau hat Norton Mezvinsky
in New York getroffen und ihn zur Problematik befragt. Das Gespräch
führte Lorenz Wolffers.
Aufbau: Was ist
jüdischer Fundamentalismus?
Norton Mezvinsky: Kurz
gesagt ist jüdischer Fundamentalismus der Glaube, daß die Gesetze
der jüdischen Orthodoxie, die auf dem babylonischen Talmud sowie der
talmudischen und halachischen Literatur basieren, immer noch
uneingeschränkte Gültigkeit haben und auf alle Ewigkeit gültig
bleiben werden. Jüdische Fundamentalisten glauben auch, daß die
Bibel an sich keine Autorität darstellt, wenn sie nicht anhand der
talmudischen Literatur ausgelegt wird. Jüdischen Fundamentalismus gibt es
überall dort, wo es sehr große jüdische Gemeinschaften gibt,
also insbesondere in Israel und in den USA.
Was ist die Besonderheit
des jüdischen Fundamentalismus?
Mezvinsky: Im
Gegensatz etwa zum islamischem oder zum christlichen Fundamentalismus geht der
jüdische Fundamentalismus davon aus, daß die Juden das
auserwählte Volk und daß die anderen Völker nur untergeordnet
sind. Die Juden sind nach der Lesart der Fundamentalisten den Nicht-Juden
überlegen. Deshalb ist der jüdische Fundamentalismus eine Gefahr
für die Demokratie, weil er das Prinzip der Gleichberechtigung in der
Gesellschaft ablehnt.
Welches sind die historischen Wurzeln? Seit wann
gibt es jüdischen Fundamentalismus?
Mezvinsky: Einer der
Hauptpfeiler des Fundamentalismus ist die Kabbala, die jüdische Lehre des
Mystizismus, die im wesentlichen aus dem 16. Jahrhundert datiert. Andererseits
basiert der Fundamentalismus auch auf dem Talmud, der zwischen dem ersten und
dem fünften Jahrhundert geschrieben wurde. Wichtig ist aber auch die
Entwicklung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, weil der heutige
Fundamentalismus auch als Reaktion auf die Moderne verstanden werden kann. Eine
der wesentlichsten Figuren des heutigen Fundamentalismus, Rabbi Kook der
Ältere, einer der führenden Köpfe der jüdisch-messianischen
Bewegung, hat seine Schriften in den 20er und 30er Jahren unseres Jahrhunderts
geschrieben.
Läßt sich quantifizieren, wieviele Personen in
Israel dem jüdischen Fundamentalismus zugerechnet werden
können?
Mezvinsky: 25 bis 30 Prozent der israelischen
Juden sind säkularisiert, weitere 50 bis 55 Prozent können als
traditionell und rund 20 Prozent als religiös betrachtet werden. Innerhalb
dieser letzten Gruppe muß zwischen den eher moderaten
Nationalreligiösen und der extremen Gruppe der Haredim unterschieden
werden. Politisch sind die Haredim in zwei verschiedenen Gruppierungen
organisiert. Yahudat HaTorah ist die Bewegung der aus Osteuropa
stammenden aschkenasischen Juden, die Shas-Partei umfaßt die
religiösen Juden, die aus Nordafrika und dem Nahen Osten stammen. Aufgrund
der Wahlresultate von 1996 kann geschlossen werden, daß die Haredim rund
elf Prozent der israelischen Bevölkerung und über 13 Prozent der
israelischen Juden ausmachen.
Wie groß ist der Einfluß der
Haredim auf die israelische Gesellschaft und auf die
Politik?
Mezvinsky: Sehr groß. Der Fundamentalismus ist
eine Bedrohung der demokratischen Entwicklung. In Israel selbst ist dies vielen
Menschen nach der Ermordung Rabins bewußt geworden, die israelische
Presse hat sich der Problematik auch angenommen. Außerhalb Israels ist
die Entwicklung bislang aber kaum wahrgenommen worden.
Der Rabin-Mörder
Yigal Amir war kein Einzelkämpfer oder Mitglied einer Splittergruppe, er
war vielmehr wohl integriert in diese breite Bewegung der jüdischen
Orthodoxie. Großen Einfluß auf Gesellschaft und Politik haben auch
die religiösen jüdischen Siedler, die das von ihnen bebaute Land
unter allen Umständen als jüdisches Land verteidigen
wollen.
Diese Leute wollen nicht-jüdische Menschen vertreiben und
Kirchen und Moscheen zerstören. Unglücklicherweise gelingt es den
Fundamentalisten, diese Idee der Säuberung auch in Kreise
hineinzutragen, die nicht eigentlich dem Fundamentalismus zugerechnet werden
können.
Wie zeigt sich nun konkret der größer
gewordene politische Einfluß?
Mezvinsky: Die letzten
Wahlen haben einen Großerfolg für die ultrareligiöse
Shas-Partei, einen der politischen Arme der Fundamentalisten, gebracht. Die
Zahl ihrer Abgeordneten in der Knesseth hat sich fast verdreifacht.
Shas hat
dabei nicht nur Stimmen von Ultrareligiösen erhalten, sondern vor allem
auch von orientalischen Juden, die sich von den übrigen Parteien zu wenig
vertreten fühlen. Es ist überdies zu bedenken, daß es bislang
noch nie eine der großen Parteien fertiggebracht hat, alleine die
Mehrheit zu erringen, weshalb sie in der Regel auf die Stimmen der
ultrareligiösen Parteien angewiesen sind. Diese lassen sich ihre Stimmen
mit weitgehenden Zugeständnissen, auch finanzieller Art,
abgelten.
Wie groß ist das Gewaltpotential innerhalb der
jüdischen Fundamentalisten?
Mezvinsky: Man muß
ganz klar festhalten, daß zurzeit nur ein Teil der Fundamentalisten
gewaltbereit ist. Allerdings ist auch zu sagen, daß ein Teil der
Fundamentalisten nur deshalb auf Gewalt verzichtet, weil sie sich noch nicht
stark genug fühlen. Der Gewaltverzicht bei vielen Fundamentalisten ist vor
allem taktisch bedingt und nicht durch den Respekt der allgemeinen
Menschenrechte. Auch viele derjenigen, die heute auf die Anwendung von Gewalt
verzichten, sehen nichts Unrechtes darin, Angehörige anderer Religionen zu
vertreiben und Kirchen und Moscheen zu zerstören.
Außerhalb
Israels stehen vor allen die Namen von Ygal Amir und Baruch Goldstein für
jüdischen Fundamentalismus und jüdische Gewaltbereitschaft. Was
ist deren Hintergrund?
Mezvinsky: Amir und Goldstein ist in
unserem Buch je ein separates Kapitel gewidmet. Goldstein, der im Februar 1994
in einer Mosche in Hebron 29 Menschen erschossen hat, stammt ursprünglich
aus Brooklyn, er hat in den USA Medizin studiert. Seine fundamentalistischen
Ansichten hat er sich nicht erst in Israel angeeignet, er hat sie bereits aus
den USA mitgenommen. Goldstein hat sich in Israel als Arzt geweigert,
Nicht-Juden zu behandeln. Amir ist bereits im Umfeld des israelischen
Fundamentalismus aufgewachsen und hat orthodoxe Schulen besucht. Er hat sich
auf den Talmud berufen, der besagt, daß Verräter getötet werden
sollen. Und Rabin war in den Augen Amirs ein Verräter. Amir hielt diese
Tat für eine religiöse Handlung.
Was war für Ihren Kollegen
Israel Shahak und für Sie die Motivation, eine Studie über
jüdischen Fundamentalismus zu
veröffentlichen?
Mezvinsky: Israel Shahak ist
Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Er war
ursprünglich Chemiker und gehört heute zu den wichtigsten Autoren
Israels für politisch-religiöse Fragen. Er ist seit den 60er Jahren
ein Verfechter der Menschenrechtsideen und sieht diese durch den jüdischen
Fundamentalismus bedroht. Er vertritt die Idee, daß auch die Juden sich
selber kritisch mit ihrer eigenen Geschichte und Gegenwart auseinandersetzen
sollten. Ich selber bin in Iowa in einer religiös-zionistischen Familie
aufgewachsen. Mein Vater stammt aus Kiew. Im Verlaufe meines College-Studiums
habe ich mir eines Tages die Frage gestellt, ob es wirklich so sein kann,
daß eine Seite die Israelis zu 100 Prozent im Recht, die
andere Seite die Araber dagegen völlig im Unrecht sein
kann.
Gibt es Reaktionen auf die Aussagen in Ihrem
Buch?
Mezvinsky: Die Zeiten haben sich doch etwas
geändert. Als ich vor 25 Jahren mit kritischen Bemerkungen zum Zionismus
vor jüdischen Kreisen in den USA aufgetreten bin, habe ich sehr viel
Widerspruch ausgelöst. Man hat mir vorgeworfen, ich würde Munition
für die Antisemiten bereitstellen. Gerade aus orthodoxen Kreisen wird
allerdings heute noch das Gespräch verweigert, man will unsere Argumente
gar nicht hören. Nun bin ich aber nach der Veröffentlichung dieses
Buches auch von konservativ-jüdischen Radiostationen zu Talkshows
eingeladen worden.
Sind Sie wegen Ihrer
Ansichten nie bedroht
worden?
Mezvinsky: Seit den 70er Jahren habe ich verschiedlich auch Todesdrohungen
erhalten. Es ist ein schreckliches Gefühl, als Jude von Juden bedroht zu
werden.Wenn ich den Bogen hier allerdings noch etwas weiter spannen darf:
Schlimm finde ich es auch, wenn ein Volk, das gerade erst kürzlich selbst
Opfer der Verfolgung geworden ist, nun selber andere Bevölkerungsgruppen
unterdrückt. Die israelische Regierung nimmt für sich in Anspruch,
für alle Juden auf der Welt zu sprechen. Wenn ich aber mit deren Politik,
die von den Fundamentalisten beeinflußt ist, nicht einverstanden bin,
muß ich das öffentlich kritisieren.
Israel Shahak and
Norton Mezvinsky: Jewish Fundamentalism in Israel, Pluto Press,
London/Sterling, Virginia, 1999, ISBN 0-7453-1276-4.