Als die Einwohner Bethlehems nach langen Wochen, in denen
israelische Soldaten auf alles schossen, was sich bewegte, aus ihren
Häusern herauskamen, entdeckten sie, daß sich die Landschaft (um sie
herum) geändert hat. Während sie in ihren Häusern eingesperrt
saßen, arbeitete die Armee Tag und Nacht, um sie von der übrigen
Welt durch einen zwei Meter tiefen Graben und einen mörderischen
Stacheldrahtzaun zu trennen, der rasiermesserscharf ist und der jeden, der sich
darin verstrickt, verbluten läßt. Die Stadt und ihre Vororte, Beit
Dschala, Aida und die andern Flüchtlingslager sind zu großen
Gefängnissen geworden.
In der vergangenen Woche versuchten
Abgeordnete des palästinensischen Parlaments, aus Bethlehem zu einer
Sitzung zu kommen, die sich mit der »Reform« befassen soll. Die
Fahrt nach Ramallah, die früher etwa eine halbe Stunde dauerte, dauerte
vier Stunden und war mit einer Serie von Demütigungen an vielen
Armee-Checkpoints verbunden.
Bethlehem ist wie ein Vorort von
Jerusalem. Mit Hunderten von Beziehungen sind die Städte untereinander
verbunden. Alle diese Verbindungen sind jetzt gekappt. Jerusalem ist nun von
Bethlehem weiter weg als die dunkle Seite des Mondes.
Diese Art von
Zaun wird nun an vielen Stellen im Land errichtet und schneidet viele
palästinensische Enklaven nicht nur von Israel ab, sondern auch
voneinander. Das Schlagwort heißt »Trennung« und das klingt
in israelischen Ohren gut. »Wir sind hier und sie sind dort«, wie
der jämmerliche Ehud Barak zu sagen pflegte. Die wirkliche Situation sieht
anders aus: »Wir sind hier - und wir sind dort.« Denn die Trennung
ist nicht nur einseitig, sie wirkt nur in eine Richtung. Palästinensern
ist es verboten, nach Israel einzureisen, aber Siedler und Soldaten
überqueren (wie selbstverständlich) die Grenze in
palästinensische Gebiete.
Scharons Krieg gegen das
palästinensische Volk ist noch in vollem Gange. Die Errichtung des Zaunes
ist nur eine seiner Operationen. Die zweite ist die Siedlungsaktivität,
die keinen Moment lang ausgesetzt hat. Alte Siedlungen expandieren, und neue
sprießen wie die Pilze überall im besetzten Gebiet hervor, auch der
Bau von Umgehungsstraßen geht weiter, die die Enteignung von Land und das
Strangulieren palästinensischer Dörfer bewirken.
Der dritte
Teil des Krieges trägt den gloriosen Namen »Reform«. Wenn
Scharon erklärt, daß die Reform der Palästinenserbehörde
eine Vorbedingung für die Wiederaufnahme des Friedensprozesses sei, so ist
das ein neuer Trick, um jegliche Verhandlung zu verhindern. Dieser Trick
erlaubt es Scharon auch, auf Bushs fahrenden Zug aufzuspringen, der eine
demokratische Reform der palästinensischen Behörde verlangt - ohne
natürlich dasselbe auch von Ländern wie Ägypten, Saudi-Arabien,
Jordanien, Pakistan und China zu verlangen. Das Schlagwort von der Reform
dient Scharon auch noch für andere Zwecke: Es zieht die öffentliche
Aufmerksamkeit auf sich, drängt das, was in Dschenin passiert ist, in den
Hintergrund und hilft, daß die täglichen Angriffe und das
tägliche Töten des israelischen Militärs ignoriert werden.
Aber als der große Reformer von Palästina folgt Scharon
einer viel wichtigeren Agenda. Als General in der Armee war er berühmt
dafür, daß er als Kommandeur »das Schlachtfeld« lesen
konnte, das heißt, daß er die Fähigkeit hatte, instinktiv zu
begreifen, wo der entscheidende Punkt in der feindlichen Linie war. Ein
Beispiel: Lange vor dem Oktoberkrieg 1973 hatte Scharon genau entschieden, wo
er zu gegebener Zeit die ägyptische Front durchbrechen und den Suezkanal
überqueren würde.
Scharon hat schon seit langem entschieden,
daß der entscheidende Punkt in der palästinensischen Front die
Führung Yassir Arafats ist. Viele sind davon überzeugt, daß
Scharons Bemühungen, den palästinensischen Führer zu beseitigen,
von persönlicher Rache bestimmt sind, nachdem Arafat ihm in Beirut
entkommen ist. Die Sache ist aber viel ernster.
Scharon weiß,
wenn es ihm gelingt, Arafat zu brechen, würde man das Rückgrat des
palästinensischen Volkes für die kommenden Jahre brechen - Jahre, in
denen er den Job beenden könnte, die Gebiete mit noch mehr Siedlungen zu
überziehen und so die (besetzten) Gebiete zu annektieren. Arafat ist ein
starker und autoritärer Führer, der all die verschiedenen Kräfte
des palästinensischen Volkes zusammenhält, der einen Bürgerkrieg
untereinander verhindert, und er ist der einzige, der mutige, historische
Entscheidungen treffen kann.
Viele verschiedene Parteien sprechen nun
vom Reformieren der palästinensischen Behörde, und jede hat eine
andere Agenda. Für Scharon bedeutet die Reform, Arafat zu beseitigen und
eine Gruppe von Quislingen einzusetzen, wie er es schon vor 20 Jahren mit der
Schaffung von Dorfligen versucht hatte. Für Bush bedeutet
»Reform« eine palästinensische Führung zu ernennen, die
seinen (und indirekt auch Israels) Befehlen folgt, als Gegenleistung für
die Schaffung eines palästinensischen Klientelstaates so wie Puerto Rico
oder Andorra (wie Netanjahu es einmal formulierte).
Unter den
Palästinensern selbst sehen einige die Reform einfach als ein Mittel, ihre
Konkurrenten hinauszustoßen und deren Platz einzunehmen. Ich habe aber
den Verdacht, daß einige reformwillige Palästinenser für den
Mossad bzw. für die CIA arbeiten. Hamas hofft, daß die Reform den
Kollaps der palästinensischen Behörde zur Folge hat und so den Weg
für eine Übernahme ebnet. Andere Palästinenser bemühen sich
ernsthaft darum, Verfahren durchzusetzen, die zu einem geordneten Staat passen.
Sie vergessen dabei, daß sich das palästinensische Volk noch mitten
im Kampf allein um die eigene Existenz befindet und mit der realen Gefahr
konfrontiert ist, schließlich aus dem Lande vertrieben zu werden.
Viele Palästinenser wünschen noch eine andere Reform: eine,
die die parasitären Elemente ausscheidet, die sich selbst der
palästinensischen Behörde angebiedert haben. Und sie wünschen
sich eine Reform, die das palästinensische Volk für die nächste
entscheidende Etappe seines Befreiungskampfes vorbereitet. Nicht Reform
anstelle des Kampfes, sondern Reform für den Kampf. Keiner von ihnen
beabsichtigt, Scharons und Bushs Traum zu erfüllen, Arafat zu liquidieren
oder ihn in einen palästinensischen Abklatsch von Moshe Katzav zu
verwandeln, den funktionslosen Präsidenten von Israel.
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