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22.05.2002 Uri Avnery
(Übersetzung aus dem Englischen: Ellen Rohlfs)
Junge Welt
Der große Reformer
Als die Einwohner Bethlehems nach langen Wochen, in denen israelische Soldaten auf alles schossen, was sich bewegte, aus ihren Häusern herauskamen, entdeckten sie, daß sich die Landschaft (um sie herum) geändert hat. Während sie in ihren Häusern eingesperrt saßen, arbeitete die Armee Tag und Nacht, um sie von der übrigen Welt durch einen zwei Meter tiefen Graben und einen mörderischen Stacheldrahtzaun zu trennen, der rasiermesserscharf ist und der jeden, der sich darin verstrickt, verbluten läßt. Die Stadt und ihre Vororte, Beit Dschala, Aida und die andern Flüchtlingslager sind zu großen Gefängnissen geworden.

In der vergangenen Woche versuchten Abgeordnete des palästinensischen Parlaments, aus Bethlehem zu einer Sitzung zu kommen, die sich mit der »Reform« befassen soll. Die Fahrt nach Ramallah, die früher etwa eine halbe Stunde dauerte, dauerte vier Stunden und war mit einer Serie von Demütigungen an vielen Armee-Checkpoints verbunden.

Bethlehem ist wie ein Vorort von Jerusalem. Mit Hunderten von Beziehungen sind die Städte untereinander verbunden. Alle diese Verbindungen sind jetzt gekappt. Jerusalem ist nun von Bethlehem weiter weg als die dunkle Seite des Mondes.

Diese Art von Zaun wird nun an vielen Stellen im Land errichtet und schneidet viele palästinensische Enklaven nicht nur von Israel ab, sondern auch voneinander. Das Schlagwort heißt »Trennung« und das klingt in israelischen Ohren gut. »Wir sind hier und sie sind dort«, wie der jämmerliche Ehud Barak zu sagen pflegte. Die wirkliche Situation sieht anders aus: »Wir sind hier - und wir sind dort.« Denn die Trennung ist nicht nur einseitig, sie wirkt nur in eine Richtung. Palästinensern ist es verboten, nach Israel einzureisen, aber Siedler und Soldaten überqueren (wie selbstverständlich) die Grenze in palästinensische Gebiete.

Scharons Krieg gegen das palästinensische Volk ist noch in vollem Gange. Die Errichtung des Zaunes ist nur eine seiner Operationen. Die zweite ist die Siedlungsaktivität, die keinen Moment lang ausgesetzt hat. Alte Siedlungen expandieren, und neue sprießen wie die Pilze überall im besetzten Gebiet hervor, auch der Bau von Umgehungsstraßen geht weiter, die die Enteignung von Land und das Strangulieren palästinensischer Dörfer bewirken.

Der dritte Teil des Krieges trägt den gloriosen Namen »Reform«. Wenn Scharon erklärt, daß die Reform der Palästinenserbehörde eine Vorbedingung für die Wiederaufnahme des Friedensprozesses sei, so ist das ein neuer Trick, um jegliche Verhandlung zu verhindern. Dieser Trick erlaubt es Scharon auch, auf Bushs fahrenden Zug aufzuspringen, der eine demokratische Reform der palästinensischen Behörde verlangt - ohne natürlich dasselbe auch von Ländern wie Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Pakistan und China zu verlangen.
Das Schlagwort von der Reform dient Scharon auch noch für andere Zwecke: Es zieht die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich, drängt das, was in Dschenin passiert ist, in den Hintergrund und hilft, daß die täglichen Angriffe und das tägliche Töten des israelischen Militärs ignoriert werden.

Aber als der große Reformer von Palästina folgt Scharon einer viel wichtigeren Agenda. Als General in der Armee war er berühmt dafür, daß er als Kommandeur »das Schlachtfeld« lesen konnte, das heißt, daß er die Fähigkeit hatte, instinktiv zu begreifen, wo der entscheidende Punkt in der feindlichen Linie war. Ein Beispiel: Lange vor dem Oktoberkrieg 1973 hatte Scharon genau entschieden, wo er zu gegebener Zeit die ägyptische Front durchbrechen und den Suezkanal überqueren würde.

Scharon hat schon seit langem entschieden, daß der entscheidende Punkt in der palästinensischen Front die Führung Yassir Arafats ist. Viele sind davon überzeugt, daß Scharons Bemühungen, den palästinensischen Führer zu beseitigen, von persönlicher Rache bestimmt sind, nachdem Arafat ihm in Beirut entkommen ist. Die Sache ist aber viel ernster.

Scharon weiß, wenn es ihm gelingt, Arafat zu brechen, würde man das Rückgrat des palästinensischen Volkes für die kommenden Jahre brechen - Jahre, in denen er den Job beenden könnte, die Gebiete mit noch mehr Siedlungen zu überziehen und so die (besetzten) Gebiete zu annektieren. Arafat ist ein starker und autoritärer Führer, der all die verschiedenen Kräfte des palästinensischen Volkes zusammenhält, der einen Bürgerkrieg untereinander verhindert, und er ist der einzige, der mutige, historische Entscheidungen treffen kann.

Viele verschiedene Parteien sprechen nun vom Reformieren der palästinensischen Behörde, und jede hat eine andere Agenda. Für Scharon bedeutet die Reform, Arafat zu beseitigen und eine Gruppe von Quislingen einzusetzen, wie er es schon vor 20 Jahren mit der Schaffung von Dorfligen versucht hatte. Für Bush bedeutet »Reform« eine palästinensische Führung zu ernennen, die seinen (und indirekt auch Israels) Befehlen folgt, als Gegenleistung für die Schaffung eines palästinensischen Klientelstaates so wie Puerto Rico oder Andorra (wie Netanjahu es einmal formulierte).

Unter den Palästinensern selbst sehen einige die Reform einfach als ein Mittel, ihre Konkurrenten hinauszustoßen und deren Platz einzunehmen. Ich habe aber den Verdacht, daß einige reformwillige Palästinenser für den Mossad bzw. für die CIA arbeiten. Hamas hofft, daß die Reform den Kollaps der palästinensischen Behörde zur Folge hat und so den Weg für eine Übernahme ebnet. Andere Palästinenser bemühen sich ernsthaft darum, Verfahren durchzusetzen, die zu einem geordneten Staat passen. Sie vergessen dabei, daß sich das palästinensische Volk noch mitten im Kampf allein um die eigene Existenz befindet und mit der realen Gefahr konfrontiert ist, schließlich aus dem Lande vertrieben zu werden.

Viele Palästinenser wünschen noch eine andere Reform: eine, die die parasitären Elemente ausscheidet, die sich selbst der palästinensischen Behörde angebiedert haben. Und sie wünschen sich eine Reform, die das palästinensische Volk für die nächste entscheidende Etappe seines Befreiungskampfes vorbereitet. Nicht Reform anstelle des Kampfes, sondern Reform für den Kampf. Keiner von ihnen beabsichtigt, Scharons und Bushs Traum zu erfüllen, Arafat zu liquidieren oder ihn in einen palästinensischen Abklatsch von Moshe Katzav zu verwandeln, den funktionslosen Präsidenten von Israel.

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Sie sind Schöpfer der Ereignisse die in Ihrem Leben eintreten, also seien Sie sich bewußt
wie Sie denken oder sprechen.