Wie erleben junge Kriegsdienstverweigerer Israel
? Militärische Werte gehören zum israelischen Bildungswesen wie
die Multiplikationstabellen. Nichtsdestotrotz ist es einigen
Highschool-Schülern gelungen, andere Gedanken zu entwickeln. Rotem Avgar,
eine Highschool-Schülerin aus Givataim, berichtet, wie ihre Eltern auf die
Nachricht reagierten, daß sie den Wehrdienst aus Gewissensgründen
verweigern werde: »Sie denken, ich würde mich selbst aus der
Gesellschaft herauskatapultieren, in der für meine Freunde und mich ein
fester Weg bereitet ist: Grundschule, Oberschule, Armee, Reisen ins Ausland,
Universität, Beruf. Sie haben Angst, daß die Verweigerung meine
Zukunft zerstört. Und natürlich vergessen sie auch die Forderung des
Zionismus nicht: Es ist eine Pflicht zu dienen, besonders nach allem, was das
Land für mich getan hat.«
Rotem Avgar gehört zu der
großen Gruppe Jugendlicher, die demnächst der Armee
gegenübertreten und den Dienst in den besetzten Gebieten verweigern wird.
Sie ist Mitglied von »The Forum in Support of Conscientious
Objectors«, dem Forum zur Unterstützung der Kriegsdienstverweigerer.
Wir haben sie und zwei ihrer Freunde getroffen: Tal Matalon von der Wizo High
School for Arts, und Hillel Goral, von der Misgav Highschool, beide
Schüler der Abschlußklassen. Alle drei kritisieren die Erziehung,
die ihnen zuteil wurde. »In meiner Schule gab es eine eintägige
Konferenz über die IDF (Israelische Verteidigungsarmee), an der ich nicht
teilnehmen wollte. Meine Freunde waren sehr wütend auf mich. Sie dachten,
ich wolle mich nur drücken, aber ich hatte andere Gründe. Ich halte
es nicht für die Aufgabe des Schulsystems, mich auf die Armee
vorzubereiten. Das Establishment versucht, die Armee in jeden kleinen Aspekt
unseres Lebens zu quetschen, bis sie ein Teil von uns ist«, sagt Tal.
Hillel Goral fügt hinzu: »Sie lehren uns die Geschichte und
Kriege Israels nur aus ihrem eigenen Blickwinkel. Andere Fakten, wie z.B. die
Vertreibung der Araber aus ihren Dörfern oder die Massaker, die
verübt wurden, werden in den Geschichtsbüchern nicht
erwähnt.«
Solche Kritik hören wir nicht zum ersten Mal.
1993 hat Eyal Sivan eine Dokumentation mit dem Titel »Sklaven der
Erinnerung« herausgebracht. Sie wurde nie im israelischen Fernsehen
gezeigt. Der Film begleitet Schüler einer Jerusalemer Highschool durch den
»Monat der Erinnerung«, in diesem liegen Pessach, der
Holocaust-Gedenktag, der Volkstrauertag, an dem der gefallenen israelischen
Soldaten gedacht wird, und der Unabhängigkeitstag. Sivan hat den Film im
April 1990, noch während der ersten Intifada, gedreht. Der Zuschauer
erlebt die Feiern und das Heulen der Sirenen, die das Leben in Israel
stillstehen lassen. Die Kindertagesstätten und Schulen sollen diesen Monat
nutzen, um die jüdische und zionistische Identität ihrer Schüler
zu festigen. Es wird versucht, eine kollektive Erinnerung zu schaffen, ein
»Wir«, das alle israelischen Juden vereint, nach dem Motto:
»Wir alle waren Sklaven in Ägypten, wir alle haben den Holocaust
durchlebt, wir alle haben den Staat Israel aufgebaut - und wir alle müssen
bereit sein, für ihn zu kämpfen.«
Die jungen
Verweigerer sehen das anders. Sie glauben, die eigentliche Aufgabe eines
Bildungssystems sei es, das Tor zu Wissen und universalen Werten
aufzustoßen, das Denken anzuregen, einen Menschen zu lehren, gegen
Rassismus und für Gleichheit zu kämpfen. Das bestehende System
hingegen drängt seinen Schülern das Gefühl auf, zu einem Volk
von Opfern zu gehören, in einer Welt, in der »immer alle gegen uns
sind«. Genau mit diesem Gefühl arbeiten die Feiern. Ihre Botschaft
lautet: »Die Araber sind die letzten in einer langen Reihe von
Verfolgern; wir haben das Recht, sie zu unterwerfen und ihr Land zu besetzen,
sonst werden sie uns weiter verfolgen, wie es die Nichtjuden immer getan
haben.« Das Erinnern könnte eine andere Botschaft transportieren:
»Wir, die wir das Übel des Rassismus kennengelernt haben,
müssen ihm entgegentreten, wo auch immer er auftaucht.« Diese
Botschaft wird nicht mit Sirenengeheul verbreitet.
Die Verweigerung der
Jugendlichen stellt das Erziehungssystem vor schwierige Fragen. »Es ist
Konsens, daß Israel immer im Recht ist: das auserwählte Volk, das
Licht unter den Nationen usw. Aber dieser tiefverwurzelte Glaube steht im
Widerspruch zu den Tatsachen. Auf einmal ist das Volk Israel selbst der
Verfolger, stark und schrecklich. Plötzlich wird es mit den Nazis
verglichen. Natürlich ist der Unterschied, wenn man richtig hinschaut,
enorm, aber manchmal scheint er nicht so groß. Der Widerspruch, Verfolger
oder Verfolgter, Unterdrücker oder Unterdrückter zu sein, sprengt den
Konsens. Er bringt die Gesellschaft durcheinander. In der Vergangenheit war die
Richtung immer mehr oder weniger klar - jetzt nicht mehr«, sagt Hillel.
Wir fragten nach der Reaktion an den Schulen. »Ich bin nicht auf
der Highschool«, erzählt Hillel. »Sie haben mich rausgeworfen,
weil ich mich geweigert habe, zu einem Vortrag von irgend so einem General zu
gehen. Ich hatte damit meine Vereinbarung mit dem Direktor gebrochen, >an
allen gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen<.« Auch seine
Klassenkameraden ließen Hillel nicht in Frieden. Drei Mädchen aus
seiner Klasse veröffentlichten in einer Ortszeitung einen Brief, in dem es
hieß: »Wir dürfen nicht erlauben, daß die Verweigerungen
weitergehen!« Wir, drei Schülerinnen der Abschlußklassen der
Misgav Highschool«, schrieben sie, »möchten unseren
Widerspruch zu den sich ausbreitenden Verweigerungen ausdrücken. Sich der
Einberufung zu entziehen, ist ein illegaler und unmoralischer Akt
gegenüber dem jüdischen Volk im Land Israel, welches sich in einem
ständigen Kampf um sein Überleben befindet. Unserer Meinung nach ist
es ein Ausdruck von Schmarotzertum, Feigheit und Egoismus nicht zur Armee zu
gehen ... Nur weil wir kämpfen, können die Verweigerer
weiterleben.«
Hillel erklärt: »Das Trio hat recht,
wenn es behauptet, die älteren Schüler der Misgav High seien von
Kampfeslust erfüllt. Durch diese Stimmung immunisiert, ziehen die Jungs
los und verteidigen die Siedler. Das Establishment hat ganze Generationen so
erzogen. Es hat immer das Bild von >uns wenigen< gegen >die vielen<
präsentiert. Immer sind wir in Gefahr, ausgelöscht zu werden ... Man
kann nichts machen, wir müssen immer weiter kämpfen und kämpfen
und nicht nach dem Warum fragen. Der jüdische Staat muß
überleben, auch wenn das hin und wieder auf Kosten der Demokratie geht.
Auch wenn, hin und wieder, Land enteignet wird, Menschen ohne Gerichtsverfahren
inhaftiert werden und es keine Gewissensfreiheit gibt. Im Moment geht das eben
nicht anders.
Das Erziehungssystem hat auf die Bedrohung durch die
Verweigerungen reagiert. Dem stellvertretenden Direktor der Ancori Schule in
Rishon Le-Tzion zufolge hat der Chef des Bildungsministeriums die Schulen
angewiesen, zu diesem Thema keine Sprecher mehr einzuladen. »Die Schule
hat es schwer mit mir«, berichtet Rotem. »Ich setze den Leuten
andere Ideen in den Kopf, der Ruf der Schule wird beschädigt, und wir
werden immer mehr. Im Bildungsministerium haben sie Angst, daß das nicht
nur jugendliche Rebellion ist. Wenn ich die Einberufung verweigere, weigere ich
mich auch, das Werkzeug der Regierung zu sein. Ich weigere mich, die
Bedürfnisse des Staates zu erfüllen: den Interessen einer
bürgerlichen, imperialistischen Klasse zu dienen. Ich bin nicht bereit,
mich der Auffassung zu unterwerfen, daß es Demokratie nur für Juden
gibt, während die anderen Bürger zweiter Klasse sind. Ich weigere
mich, zur Unterdrückung des palästinensischen Volkes einberufen zu
werden, als sei dessen Leiden bedeutungslos.«
Die Verweigerer von
heute stellen die Werte, mit denen sie aufgewachsen sind, in Frage. Mehr als
andere Jugendliche setzen sie sich in Politik und Gesellschaft ein. Sie haben
die Pflicht der Verweigerung aus Gewissensgründen der Wehrpflicht
vorgezogen, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen und nicht mit dem Mainstream
fortgespült zu werden. Die Verweigerer bieten Israel andere Werte an, die
auch die Solidarität mit dem palästinensischen Volk
einschließen. Sie stellen politische und soziale Gleichberechtigung
über die nationalen Interessen des Staates Israel.
* Aus:
Challenge N. 73, Mai-Juni 2002
(Übersetzung: Endy Hagen) |