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29.05.2002 Orit Sudri / Tamar Glezerman Junge Welt
Armee bestimmt das Leben
Wie erleben junge Kriegsdienstverweigerer Israel ?
Militärische Werte gehören zum israelischen Bildungswesen wie die Multiplikationstabellen. Nichtsdestotrotz ist es einigen Highschool-Schülern gelungen, andere Gedanken zu entwickeln. Rotem Avgar, eine Highschool-Schülerin aus Givataim, berichtet, wie ihre Eltern auf die Nachricht reagierten, daß sie den Wehrdienst aus Gewissensgründen verweigern werde: »Sie denken, ich würde mich selbst aus der Gesellschaft herauskatapultieren, in der für meine Freunde und mich ein fester Weg bereitet ist: Grundschule, Oberschule, Armee, Reisen ins Ausland, Universität, Beruf. Sie haben Angst, daß die Verweigerung meine Zukunft zerstört. Und natürlich vergessen sie auch die Forderung des Zionismus nicht: Es ist eine Pflicht zu dienen, besonders nach allem, was das Land für mich getan hat.«

Rotem Avgar gehört zu der großen Gruppe Jugendlicher, die demnächst der Armee gegenübertreten und den Dienst in den besetzten Gebieten verweigern wird. Sie ist Mitglied von »The Forum in Support of Conscientious Objectors«, dem Forum zur Unterstützung der Kriegsdienstverweigerer. Wir haben sie und zwei ihrer Freunde getroffen: Tal Matalon von der Wizo High School for Arts, und Hillel Goral, von der Misgav Highschool, beide Schüler der Abschlußklassen. Alle drei kritisieren die Erziehung, die ihnen zuteil wurde. »In meiner Schule gab es eine eintägige Konferenz über die IDF (Israelische Verteidigungsarmee), an der ich nicht teilnehmen wollte. Meine Freunde waren sehr wütend auf mich. Sie dachten, ich wolle mich nur drücken, aber ich hatte andere Gründe. Ich halte es nicht für die Aufgabe des Schulsystems, mich auf die Armee vorzubereiten. Das Establishment versucht, die Armee in jeden kleinen Aspekt unseres Lebens zu quetschen, bis sie ein Teil von uns ist«, sagt Tal.

Hillel Goral fügt hinzu: »Sie lehren uns die Geschichte und Kriege Israels nur aus ihrem eigenen Blickwinkel. Andere Fakten, wie z.B. die Vertreibung der Araber aus ihren Dörfern oder die Massaker, die verübt wurden, werden in den Geschichtsbüchern nicht erwähnt.«

Solche Kritik hören wir nicht zum ersten Mal. 1993 hat Eyal Sivan eine Dokumentation mit dem Titel »Sklaven der Erinnerung« herausgebracht. Sie wurde nie im israelischen Fernsehen gezeigt. Der Film begleitet Schüler einer Jerusalemer Highschool durch den »Monat der Erinnerung«, in diesem liegen Pessach, der Holocaust-Gedenktag, der Volkstrauertag, an dem der gefallenen israelischen Soldaten gedacht wird, und der Unabhängigkeitstag. Sivan hat den Film im April 1990, noch während der ersten Intifada, gedreht. Der Zuschauer erlebt die Feiern und das Heulen der Sirenen, die das Leben in Israel stillstehen lassen. Die Kindertagesstätten und Schulen sollen diesen Monat nutzen, um die jüdische und zionistische Identität ihrer Schüler zu festigen. Es wird versucht, eine kollektive Erinnerung zu schaffen, ein »Wir«, das alle israelischen Juden vereint, nach dem Motto: »Wir alle waren Sklaven in Ägypten, wir alle haben den Holocaust durchlebt, wir alle haben den Staat Israel aufgebaut - und wir alle müssen bereit sein, für ihn zu kämpfen.«

Die jungen Verweigerer sehen das anders. Sie glauben, die eigentliche Aufgabe eines Bildungssystems sei es, das Tor zu Wissen und universalen Werten aufzustoßen, das Denken anzuregen, einen Menschen zu lehren, gegen Rassismus und für Gleichheit zu kämpfen. Das bestehende System hingegen drängt seinen Schülern das Gefühl auf, zu einem Volk von Opfern zu gehören, in einer Welt, in der »immer alle gegen uns sind«. Genau mit diesem Gefühl arbeiten die Feiern. Ihre Botschaft lautet: »Die Araber sind die letzten in einer langen Reihe von Verfolgern; wir haben das Recht, sie zu unterwerfen und ihr Land zu besetzen, sonst werden sie uns weiter verfolgen, wie es die Nichtjuden immer getan haben.« Das Erinnern könnte eine andere Botschaft transportieren: »Wir, die wir das Übel des Rassismus kennengelernt haben, müssen ihm entgegentreten, wo auch immer er auftaucht.« Diese Botschaft wird nicht mit Sirenengeheul verbreitet.

Die Verweigerung der Jugendlichen stellt das Erziehungssystem vor schwierige Fragen. »Es ist Konsens, daß Israel immer im Recht ist: das auserwählte Volk, das Licht unter den Nationen usw. Aber dieser tiefverwurzelte Glaube steht im Widerspruch zu den Tatsachen. Auf einmal ist das Volk Israel selbst der Verfolger, stark und schrecklich. Plötzlich wird es mit den Nazis verglichen. Natürlich ist der Unterschied, wenn man richtig hinschaut, enorm, aber manchmal scheint er nicht so groß. Der Widerspruch, Verfolger oder Verfolgter, Unterdrücker oder Unterdrückter zu sein, sprengt den Konsens. Er bringt die Gesellschaft durcheinander. In der Vergangenheit war die Richtung immer mehr oder weniger klar - jetzt nicht mehr«, sagt Hillel.

Wir fragten nach der Reaktion an den Schulen. »Ich bin nicht auf der Highschool«, erzählt Hillel. »Sie haben mich rausgeworfen, weil ich mich geweigert habe, zu einem Vortrag von irgend so einem General zu gehen. Ich hatte damit meine Vereinbarung mit dem Direktor gebrochen, >an allen gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen<.« Auch seine Klassenkameraden ließen Hillel nicht in Frieden. Drei Mädchen aus seiner Klasse veröffentlichten in einer Ortszeitung einen Brief, in dem es hieß: »Wir dürfen nicht erlauben, daß die Verweigerungen weitergehen!« Wir, drei Schülerinnen der Abschlußklassen der Misgav Highschool«, schrieben sie, »möchten unseren Widerspruch zu den sich ausbreitenden Verweigerungen ausdrücken. Sich der Einberufung zu entziehen, ist ein illegaler und unmoralischer Akt gegenüber dem jüdischen Volk im Land Israel, welches sich in einem ständigen Kampf um sein Überleben befindet. Unserer Meinung nach ist es ein Ausdruck von Schmarotzertum, Feigheit und Egoismus nicht zur Armee zu gehen ... Nur weil wir kämpfen, können die Verweigerer weiterleben.«

Hillel erklärt: »Das Trio hat recht, wenn es behauptet, die älteren Schüler der Misgav High seien von Kampfeslust erfüllt. Durch diese Stimmung immunisiert, ziehen die Jungs los und verteidigen die Siedler. Das Establishment hat ganze Generationen so erzogen. Es hat immer das Bild von >uns wenigen< gegen >die vielen< präsentiert. Immer sind wir in Gefahr, ausgelöscht zu werden ... Man kann nichts machen, wir müssen immer weiter kämpfen und kämpfen und nicht nach dem Warum fragen. Der jüdische Staat muß überleben, auch wenn das hin und wieder auf Kosten der Demokratie geht. Auch wenn, hin und wieder, Land enteignet wird, Menschen ohne Gerichtsverfahren inhaftiert werden und es keine Gewissensfreiheit gibt. Im Moment geht das eben nicht anders.

Das Erziehungssystem hat auf die Bedrohung durch die Verweigerungen reagiert. Dem stellvertretenden Direktor der Ancori Schule in Rishon Le-Tzion zufolge hat der Chef des Bildungsministeriums die Schulen angewiesen, zu diesem Thema keine Sprecher mehr einzuladen. »Die Schule hat es schwer mit mir«, berichtet Rotem. »Ich setze den Leuten andere Ideen in den Kopf, der Ruf der Schule wird beschädigt, und wir werden immer mehr. Im Bildungsministerium haben sie Angst, daß das nicht nur jugendliche Rebellion ist. Wenn ich die Einberufung verweigere, weigere ich mich auch, das Werkzeug der Regierung zu sein. Ich weigere mich, die Bedürfnisse des Staates zu erfüllen: den Interessen einer bürgerlichen, imperialistischen Klasse zu dienen. Ich bin nicht bereit, mich der Auffassung zu unterwerfen, daß es Demokratie nur für Juden gibt, während die anderen Bürger zweiter Klasse sind. Ich weigere mich, zur Unterdrückung des palästinensischen Volkes einberufen zu werden, als sei dessen Leiden bedeutungslos.«

Die Verweigerer von heute stellen die Werte, mit denen sie aufgewachsen sind, in Frage. Mehr als andere Jugendliche setzen sie sich in Politik und Gesellschaft ein. Sie haben die Pflicht der Verweigerung aus Gewissensgründen der Wehrpflicht vorgezogen, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen und nicht mit dem Mainstream fortgespült zu werden. Die Verweigerer bieten Israel andere Werte an, die auch die Solidarität mit dem palästinensischen Volk einschließen. Sie stellen politische und soziale Gleichberechtigung über die nationalen Interessen des Staates Israel.

* Aus: Challenge N. 73, Mai-Juni 2002

(Übersetzung: Endy Hagen)

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