Zu den lustigsten Blödeleien der
DDR-Beseitigungshelden vom Herbst 1989ff gehörte die groteske Idee, mit
Springer, Bertelsmann oder FAZ werde eine »freie Presse« ins Land
einziehen, nach dem Sieg der »Zivilgesellschaft« werde eine
»vierte Gewalt« installiert, die auf »Meinungsvielfalt«
achte.
Das taten Bild, Spiegel oder Frankfurter Rundschau dann auch.
Sie legten allerdings keinen besonderen Wert auf eigene Meinungen von diesem
oder jenem, sondern mehr darauf, daß er die des Verlegers, des
Großaktionärs oder des Anzeigenkunden, der Herrschenden insgesamt
teilte. Das ist ihr Geschäft. Die »vierte Gewalt«
bewährte sich so beim Begrüßungskrieg gegen den Irak 1991
glänzend, sie übernahm die staatspolitische Erziehung der Ossis durch
ein Jahrzehnt anhaltende IM-Jagd, mäkelte am Sozialklimbim und stritt
für deutsche Standortfitneß. Die jüngsten Kriegseinsätze
bis zu den Schlachtereien in Afghanistan waren schon Routine.
Nun
gerät dieser »Qualitätsjournalismus«, so meldet die Zeit
in dieser Woche, in Gefahr: Bei der FAZ würden Stellen gestrichen.
FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher soll erklärt haben, man dürfe die
Zukunft der Zeitung nicht allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten
betrachten. Der Witz wäre noch besser gewesen, wenn er sich den
Forderungen nach »freier Presse« angeschlossen hätte.
Die deutschen Zeitungsverlage, so behaupteten mehrere Blätter am
Donnerstag, steckten in der schwersten Finanzkrise ihrer Geschichte. Gemeint
ist: Die Bürgermedien hängen zu Zweidrittel vom Erlös aus
Anzeigen ab, und von denen gibt es erheblich weniger als vor zwei Jahren. Zudem
wollen vor allem immer weniger Jüngere sich den
»Qualitätsjournalismus«, den »kollektiven
Alzheimer« (Wiglaf Droste) der Nation, zumuten. Sie lesen das Zeug
einfach nicht mehr. Die Nieten in Nadelstreifen reagieren darauf wie
üblich: Die Expansion der letzten Jahre, als noch jedes Blatt aus
Krähwinkel eine Börsenredaktion einrichten mußte und allein die
Handelsblatt-Gruppe ihre Mitarbeiterzahl auf 2100 mehr als verdoppelte (bei der
FAZ arbeiten 750 Redakteure statt 450 vor vier Jahren), wird
zurückgefahren. Es wird »gespart« (der Ende 2001
ausgeschiedene Springerchef erhielt für das Jahr, in dem der Konzern
erstmals rote Zahlen schrieb, 23 Millionen DM Gehalt), es wird geschlossen, es
wird entlassen und verkauft. Letzteres funktioniert nach wie vor wie auf
Viehmärkten, siehe Berliner Zeitung.
Die Forderungen von 1989 sind
jedenfalls erfüllt. So frei, sich ausschließlich dem Kaufen und
Verkaufen zu widmen, war die Presse tatsächlich noch nie, schon gar nicht
im Sozialismus. |