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28.06.2002 Arnold Schölzel Junge Welt
Kaufpresse
Die Zeitungsverlage stecken in einer Krise
 
Zu den lustigsten Blödeleien der DDR-Beseitigungshelden vom Herbst 1989ff gehörte die groteske Idee, mit Springer, Bertelsmann oder FAZ werde eine »freie Presse« ins Land einziehen, nach dem Sieg der »Zivilgesellschaft« werde eine »vierte Gewalt« installiert, die auf »Meinungsvielfalt« achte.

Das taten Bild, Spiegel oder Frankfurter Rundschau dann auch. Sie legten allerdings keinen besonderen Wert auf eigene Meinungen von diesem oder jenem, sondern mehr darauf, daß er die des Verlegers, des Großaktionärs oder des Anzeigenkunden, der Herrschenden insgesamt teilte. Das ist ihr Geschäft. Die »vierte Gewalt« bewährte sich so beim Begrüßungskrieg gegen den Irak 1991 glänzend, sie übernahm die staatspolitische Erziehung der Ossis durch ein Jahrzehnt anhaltende IM-Jagd, mäkelte am Sozialklimbim und stritt für deutsche Standortfitneß. Die jüngsten Kriegseinsätze bis zu den Schlachtereien in Afghanistan waren schon Routine.

Nun gerät dieser »Qualitätsjournalismus«, so meldet die Zeit in dieser Woche, in Gefahr: Bei der FAZ würden Stellen gestrichen. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher soll erklärt haben, man dürfe die Zukunft der Zeitung nicht allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten. Der Witz wäre noch besser gewesen, wenn er sich den Forderungen nach »freier Presse« angeschlossen hätte.

Die deutschen Zeitungsverlage, so behaupteten mehrere Blätter am Donnerstag, steckten in der schwersten Finanzkrise ihrer Geschichte. Gemeint ist: Die Bürgermedien hängen zu Zweidrittel vom Erlös aus Anzeigen ab, und von denen gibt es erheblich weniger als vor zwei Jahren. Zudem wollen vor allem immer weniger Jüngere sich den »Qualitätsjournalismus«, den »kollektiven Alzheimer« (Wiglaf Droste) der Nation, zumuten. Sie lesen das Zeug einfach nicht mehr. Die Nieten in Nadelstreifen reagieren darauf wie üblich: Die Expansion der letzten Jahre, als noch jedes Blatt aus Krähwinkel eine Börsenredaktion einrichten mußte und allein die Handelsblatt-Gruppe ihre Mitarbeiterzahl auf 2100 mehr als verdoppelte (bei der FAZ arbeiten 750 Redakteure statt 450 vor vier Jahren), wird zurückgefahren. Es wird »gespart« (der Ende 2001 ausgeschiedene Springerchef erhielt für das Jahr, in dem der Konzern erstmals rote Zahlen schrieb, 23 Millionen DM Gehalt), es wird geschlossen, es wird entlassen und verkauft. Letzteres funktioniert nach wie vor wie auf Viehmärkten, siehe Berliner Zeitung.

Die Forderungen von 1989 sind jedenfalls erfüllt. So frei, sich ausschließlich dem Kaufen und Verkaufen zu widmen, war die Presse tatsächlich noch nie, schon gar nicht im Sozialismus.

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