Der Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes
Mossad, Ephraim Halevy, hat nach einem Bericht der britischen Times am Mittwoch
vergangener Woche vor hohen Repräsentanten der NATO ein Schreckensszenario
über die angebliche Bedrohung durch iranische Atomraketen gemalt. Teheran
verfolge nicht nur mit Hochdruck ein gefährliches Nuklearwaffenprogramm,
sondern sei auch dabei, sich die dazu nötigen Trägerwaffen zu
beschaffen. Fieberhaft würde an einer Weiterentwicklung der
Shibab-3-Rakete gearbeitet, um in Zukunft auch Europa und Nordamerika erreichen
zu können. Daher würde Iran »die bei weitem größte
Gefahr für die Stabilität im Nahen Osten und die Sicherheit des
Westens darstellen. Zugleich beschuldigte der Mossad-Chef Teheran, ein geheimes
Chemie- und Biowaffenprogramm zu verfolgen.
Allerdings liegt der
Verdacht nahe, daß die Israelis mit dieser »Warnung« im
Westen eine PR-Kampagne gegen Iran gestartet haben. Die Tatsache, daß die
»streng geheime« Rede des Mossad-Chefs der israelischen
Tageszeitung Ha´aretz aus »Regierungskreisen« zugespielt
wurde, läßt kaum einen anderen Schluß zu. Anscheinend wollte
Halevy den NATO-Vertretern genügend Angst einjagen, um sie vor den
israelischen Karren spannen zu können. Ermutigend dürfte dabei die
Tatsache gewesen sein, daß dies schon einmal funktioniert hat: Als die
USA und andere NATO-Staaten im Rahmen der Operation
»Wüstensturm« Israels strategisch gefährlichsten Gegner
aus dem Weg räumten und das militärische und wirtschaftliche
Potentials des Iraks weitgehend zerstörten. In den Jahren zuvor hatte
Israel in den USA und Europa die Bedrohung westlicher Ölinteressen durch
die nukleare Schwellenmacht Irak an die Wand gemalt.
Heute sieht Israel
nicht mehr Irak, sondern Iran als größte Gefahr. Denn Teheran
fährt trotz des wütenden amerikanischen Kriegsgeschreis fort, die
Hisbollah im Libanon zu unterstützen. Diese wird von der israelischen und
amerikanischen Regierung als eine der gefährlichsten Terrororganisationen
der Welt eingestuft. Die islamistisch-fundamentalistische Hisbollah hatte den
israelischen Besatzungstruppen hohe Verluste zugefügt und sie
schließlich zum Abzug aus Südlibanon gezwungen. Allerdings kommt es
entlang der israelisch-libanesischen Grenze auch weiterhin zu
Zusammenstößen mit der Hisbollah, die vielen militanten
Palästinensern als Vorbild gilt. Die Bedeutung der Organisation würde
jedoch ohne Unterstützung Irans weitgehend schwinden, so zumindest das
Kalkül Jerusalems und Washingtons.
Zugleich ging aus einem anderen
Bericht der Ha´aretz hervor, daß der Nationale Sicherheitsrat
Israels derzeit die israelische Politik gegenüber Iran überarbeitet.
Dabei ließen israelische Beamte wissen, daß »alles getan
werden muß, um Teheran davon abzuhalten, Nuklearwaffen zu entwickeln,
notfalls unter Einsatz von Gewalt«. Vor diesem Hintergrund kann die Rede
des Mossad-Chefs Halevy auch als Aufforderung an den Westen gesehen werden, auf
Iran verstärkten politischen Druck auszuüben: Entweder gelingt es dem
Westen, Iran zur Aufgabe seines »Nuklearprogramms« zu bewegen, oder
Israel wird militärisch zuschlagen und das iranische Atompotential
zerstören. |