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01.07.2002 Dago Langhans Junge Welt
PunktCom-Aus
Mit der Bilanzkosmetik bei WorldCom galoppiert die Schwindsucht bei US-Unternehmen
 
Nach der Enron-Rekordpleite, dem Untergang der Andersen-Wirtschaftsprüfer, der Empörung um den Großkonzern Tyco und seinen korrupten Spitzenmanager, dem Insiderhandel der First-Lady des US-Geschmackes, Martha Stewart, beim Biotechnik-Konzern Imclone, den Existenznöten der angeschlagenen US-Eisenbahngesellschaft Amtrak und der Misere des texanischen Energiekonzerns Dynergie setzt der Finanzskandal um den zweitgrößten US-Telefonkonzern WorldCom neue Negativmaßstäbe.

Nachdem das Unternehmen vergangenen Dienstag bekanntgegeben hatte, Falschbuchungen von 3,85 Milliarden US-Dollar in den Büchern entdeckt zu haben, gerieten die internationalen Kapitalmärkte ins Schleudern. Die unmittelbar folgenden weltweiten Kurseinbrüche sind deutliche Kennzeichen einer extrem fragilen Weltkonjunktur.

Wirtschaftsexperten halten die aktuellen Folgen für einschneidender als die ökonomischen Effekte nach den Terroranschlägen in den USA vom 11. September letzten Jahres, und in Anspielung auf die Weltwirtschaftskrise von 1929 ist bereits die Rede vom »schwarzen Mittwoch«.

Erstes Opfer der aufgedeckten Finanzarithmetik sind wie bei Enron und der Bilanzprüfgesellschaft Andersen wieder einmal die Beschäftigten. Der bereits vorher verkündete Plan von Massenentlassungen von 17 000 Angestellten, ein Fünftel des Gesamtpersonals, soll jährlich 900 Millionen US-Dollar einsparen. Der Trick mit der »Minimierung der Lohnkosten« wird WorldCom voraussichtlich nicht das Überleben retten. Der Konzern sitzt auf einem Schuldenberg von 30 Milliarden US-Dollar. Die existentiell wichtigen Verhandlungen mit Geschäftsbanken und Gläubigern um eine weitere Kreditierung von fünf Milliarden Dollar, um dem direkten Konkurs zu entgehen, stehen unter sehr schlechten Sternen. Nachdem die US-Börsenaufsicht SEC am Mittwoch vor einem Bundesgericht in New York den Antrag auf ein Betrugsverfahren gegen WorldCom eingereicht hatte, geraten die früheren Wallstreet-Geldgeber des Dotcom-Unternehmens ebenfalls in Probleme. Nicht nur das Arthur-Andersen in den letzten beiden Geschäftsjahren die WorldCom-Bücher geprüft hat, die selben Großbanken und Finanzhäuser, J.P.Morgan Chase, Citigroup, Credit Suisse First Boston, Merrill Lynch und Barclays, die auch bereits dem Pleiterekordler Enron den Rücken freigehalten hatten, stehen als Gönner bei WorldCom ebenso an erster Stelle. Gegen diese Finanzunternehmen wird nun mittlerweile im Zusammenhang mit der Enron-Pleite juristisch ermittelt, und ausgeschlossen sind zukünftige Gerichtsverfahren wegen WorldCom keineswegs. Allerdings brauchte die US-Justiz einen kräftigen Schub öffentlicher Aufregung, um nach einem halben Jahr gegen diese Wallstreet-Institutionen vorzugehen. Bei dem nunmehr ruinierten Ansehen der US-Großunternehmen brauchen die Ermittler vielleicht nicht mehr so lange, um zu Durchsuchungszwecken in die Konzernzentralen getragen zu werden.

Dabei haben sowohl Enron als auch WorldCom Bilderbuchkarrieren hinter sich. Bernie Ebbers, bis April diesen Jahres WorldCom-Chef, galt als Inkarnation des rauhen, aber authentischen Selfmade-Milliardärs, der im Duett mit seinem gerade entlassenen »Finanzgenie« Scott Sullivan seit Anfang der 90er Jahre an dem weltumspannenden Ausbau der Telekom-Firma WorldCom gebastelt hatte. Tatkräftig unterstützt wurden beide durch den renommierten Kursanalytiker Jack Grubman, der die positive Plazierung des risikofreudigen Unternehmens bei den Wallstreet-Finanziers arrangiert hat. Bislang ist noch nicht heraus, welcher Andersen-Spezialist dem in Mississipi ansässigen Weltkonzern den lizensierten Ober-Buchprüfer gemacht hat. Ebbers hatte Ende der 80er Jahre von der Deregulierung des US-Telefonmarktes profitiert und zunächst, gestützt auf die gute Börsennotierung, in den USA Unternehmen übernommen, um dann seine Aktivitäten auf Europa auszuweiten. Zu den entscheidenden Erwerbungen gehört UUNet, einer der ersten Internet-Carrier, der immer noch eine entscheidende Rolle als wichtigster Provider für AOL spielt. Der damals größte Fisch war die Übernahme der US-Telekomfirma MCI, die Ebbers 1998 der British Telecom für die Rekordsumme von 40 Milliarden US-Dollar vor der Nase weggeschnappt hat. Als Ebbers den Versuch machen wollte, vor zwei Jahren für schlappe 130 Milliarden das in Kansas beheimatete Telefonunternehmen Sprint zu schlucken, schlugen Kartellwächter in Europa und in den USA Alarm und verhinderten den Deal. Aber auch ohne Sprint wickelt WorldCom aktuell 85 Prozent des gesamten Internet-Verkehrs zwischen den USA und Europa über seine Portale in Washington D.C. ab. Als im letzten Jahr der Niedergang der Telekom-Industrie begann, wurde WorldCom von Wallstreet-Analysten immer noch als Anlage-Empfehlung gehandelt. Noch im Februar diesen Jahres tönte Ebbers vor Journalisten: »WorldCom verfügt über eine gesunde Basis rechnungszahlender Kunden, starke Rücklagen, einen soliden Bilanzabschluß, reichliche Durchsetzungskraft und annähernd zehn Milliarden US-Dollar an vorhandener Liquidität.« Die Fakten jedoch waren anders. Bis zum April hatte WorldCom in nur vier Monaten einen Kursverlust von 80 Prozent wegzustecken. Abgesehen davon, daß somit die Anlagen der Investoren verschwunden waren, waren auch Ebbers eigene Anteile von früheren 1,5 Millarden auf einige Millionen geschrumpft. Ende April wurde Ebbers aus seiner Führungsrolle hinauskomplimentiert. Der goldene Handschlag für den Firmengründer jedoch ist konzernwürdig: 1,5 Millionen US-Dollar pro anno, die Übernahme aller Kranken- und Lebensversicherungskosten bis zum Lebensende und im Todesfall eine jährliche Leibrente für seine Ehefrau von 750 000 US-Dollar.

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