Nach der Enron-Rekordpleite, dem Untergang der
Andersen-Wirtschaftsprüfer, der Empörung um den Großkonzern
Tyco und seinen korrupten Spitzenmanager, dem Insiderhandel der First-Lady des
US-Geschmackes, Martha Stewart, beim Biotechnik-Konzern Imclone, den
Existenznöten der angeschlagenen US-Eisenbahngesellschaft Amtrak und der
Misere des texanischen Energiekonzerns Dynergie setzt der Finanzskandal um den
zweitgrößten US-Telefonkonzern WorldCom neue
Negativmaßstäbe.
Nachdem das Unternehmen vergangenen
Dienstag bekanntgegeben hatte, Falschbuchungen von 3,85 Milliarden US-Dollar in
den Büchern entdeckt zu haben, gerieten die internationalen
Kapitalmärkte ins Schleudern. Die unmittelbar folgenden weltweiten
Kurseinbrüche sind deutliche Kennzeichen einer extrem fragilen
Weltkonjunktur.
Wirtschaftsexperten halten die aktuellen Folgen
für einschneidender als die ökonomischen Effekte nach den
Terroranschlägen in den USA vom 11. September letzten Jahres, und in
Anspielung auf die Weltwirtschaftskrise von 1929 ist bereits die Rede vom
»schwarzen Mittwoch«.
Erstes Opfer der aufgedeckten
Finanzarithmetik sind wie bei Enron und der Bilanzprüfgesellschaft
Andersen wieder einmal die Beschäftigten. Der bereits vorher
verkündete Plan von Massenentlassungen von 17 000 Angestellten, ein
Fünftel des Gesamtpersonals, soll jährlich 900 Millionen US-Dollar
einsparen. Der Trick mit der »Minimierung der Lohnkosten« wird
WorldCom voraussichtlich nicht das Überleben retten. Der Konzern sitzt auf
einem Schuldenberg von 30 Milliarden US-Dollar. Die existentiell wichtigen
Verhandlungen mit Geschäftsbanken und Gläubigern um eine weitere
Kreditierung von fünf Milliarden Dollar, um dem direkten Konkurs zu
entgehen, stehen unter sehr schlechten Sternen. Nachdem die
US-Börsenaufsicht SEC am Mittwoch vor einem Bundesgericht in New York den
Antrag auf ein Betrugsverfahren gegen WorldCom eingereicht hatte, geraten die
früheren Wallstreet-Geldgeber des Dotcom-Unternehmens ebenfalls in
Probleme. Nicht nur das Arthur-Andersen in den letzten beiden
Geschäftsjahren die WorldCom-Bücher geprüft hat, die selben
Großbanken und Finanzhäuser, J.P.Morgan Chase, Citigroup, Credit
Suisse First Boston, Merrill Lynch und Barclays, die auch bereits dem
Pleiterekordler Enron den Rücken freigehalten hatten, stehen als
Gönner bei WorldCom ebenso an erster Stelle. Gegen diese Finanzunternehmen
wird nun mittlerweile im Zusammenhang mit der Enron-Pleite juristisch
ermittelt, und ausgeschlossen sind zukünftige Gerichtsverfahren wegen
WorldCom keineswegs. Allerdings brauchte die US-Justiz einen kräftigen
Schub öffentlicher Aufregung, um nach einem halben Jahr gegen diese
Wallstreet-Institutionen vorzugehen. Bei dem nunmehr ruinierten Ansehen der
US-Großunternehmen brauchen die Ermittler vielleicht nicht mehr so lange,
um zu Durchsuchungszwecken in die Konzernzentralen getragen zu werden.
Dabei haben sowohl Enron als auch WorldCom Bilderbuchkarrieren hinter
sich. Bernie Ebbers, bis April diesen Jahres WorldCom-Chef, galt als
Inkarnation des rauhen, aber authentischen Selfmade-Milliardärs, der im
Duett mit seinem gerade entlassenen »Finanzgenie« Scott Sullivan
seit Anfang der 90er Jahre an dem weltumspannenden Ausbau der Telekom-Firma
WorldCom gebastelt hatte. Tatkräftig unterstützt wurden beide durch
den renommierten Kursanalytiker Jack Grubman, der die positive Plazierung des
risikofreudigen Unternehmens bei den Wallstreet-Finanziers arrangiert hat.
Bislang ist noch nicht heraus, welcher Andersen-Spezialist dem in Mississipi
ansässigen Weltkonzern den lizensierten Ober-Buchprüfer gemacht hat.
Ebbers hatte Ende der 80er Jahre von der Deregulierung des US-Telefonmarktes
profitiert und zunächst, gestützt auf die gute Börsennotierung,
in den USA Unternehmen übernommen, um dann seine Aktivitäten auf
Europa auszuweiten. Zu den entscheidenden Erwerbungen gehört UUNet, einer
der ersten Internet-Carrier, der immer noch eine entscheidende Rolle als
wichtigster Provider für AOL spielt. Der damals größte Fisch
war die Übernahme der US-Telekomfirma MCI, die Ebbers 1998 der British
Telecom für die Rekordsumme von 40 Milliarden US-Dollar vor der Nase
weggeschnappt hat. Als Ebbers den Versuch machen wollte, vor zwei Jahren
für schlappe 130 Milliarden das in Kansas beheimatete Telefonunternehmen
Sprint zu schlucken, schlugen Kartellwächter in Europa und in den USA
Alarm und verhinderten den Deal. Aber auch ohne Sprint wickelt WorldCom aktuell
85 Prozent des gesamten Internet-Verkehrs zwischen den USA und Europa über
seine Portale in Washington D.C. ab. Als im letzten Jahr der Niedergang der
Telekom-Industrie begann, wurde WorldCom von Wallstreet-Analysten immer noch
als Anlage-Empfehlung gehandelt. Noch im Februar diesen Jahres tönte
Ebbers vor Journalisten: »WorldCom verfügt über eine gesunde
Basis rechnungszahlender Kunden, starke Rücklagen, einen soliden
Bilanzabschluß, reichliche Durchsetzungskraft und annähernd zehn
Milliarden US-Dollar an vorhandener Liquidität.« Die Fakten jedoch
waren anders. Bis zum April hatte WorldCom in nur vier Monaten einen
Kursverlust von 80 Prozent wegzustecken. Abgesehen davon, daß somit die
Anlagen der Investoren verschwunden waren, waren auch Ebbers eigene Anteile von
früheren 1,5 Millarden auf einige Millionen geschrumpft. Ende April wurde
Ebbers aus seiner Führungsrolle hinauskomplimentiert. Der goldene
Handschlag für den Firmengründer jedoch ist konzernwürdig: 1,5
Millionen US-Dollar pro anno, die Übernahme aller Kranken- und
Lebensversicherungskosten bis zum Lebensende und im Todesfall eine
jährliche Leibrente für seine Ehefrau von 750 000 US-Dollar. |