Der Müll vor dem Haus häuft sich zu
einem Berg an. Die Müllabfuhr war schon seit Tagen nicht mehr da. Vielmehr
seit zum letzten Mal die Ausgangssperre aufgehoben war. In unserer
Nachbarschaft befinden sich ein Metzger und ein Mann der Hühner
schlachtet. Die Hitze dazu macht den Rest. Ein übler Gestank, der sich
ausbreitet, sobald man das Fenster öffnet. Und so beschäftigt mich
die Frage, werde ich an dem beißendem Geruch ersticken oder wegen der
brodelnden Hitze, die im Haus bei geschlossenen Fenstern herrscht? Wer die Wahl
hat, hat die Qual.
Es ist das erste Mal, daß so viele Tage
vergangen sind, ohne daß wir raus durften. Ich muß an Gefangene in
einem Gefängnis denken, die mindestens einmal am Tag auf einen Hof
dürfen, um frische Luft einzuatmen und sich die Beine zu vertreten. Ich
spaziere von einer Wand zur anderen, auf und ab und ab und auf. Mein Haus ist
mein Gefängnis geworden, doch ohne Hof.
Die Tage sind lang
geworden, nicht mehr so wie im April. Der Uhrzeiger geht so langsam
vorwärts, oder kommt es mir nur so vor? Wochentag und Datum gehören
nicht mehr zu meiner Welt.
Wie kann Scharon ein ganzes Volk hinter
Mauern bringen? Vor den Augen der Welt? Ganz Palästina ist wie
ausgestorben, die Straßen menschenleer. Wo sind die Kinderstimmen und das
Kinderlachen? Draußen geblieben. Nur die Panzer, die Herrscher über
Leben und Tod bewegen sich auf unseren Straßen. Seit dem 19. Juni leben
wir unter Ausgangssperre, und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Menschen sind
am Ende ihrer seelischen, körperlichen und wirtschaftlichen Grenzen
angelangt. Gott gib mir Kraft, das alles auszuhalten.
Wir haben einen
Todesfall in der Familie. Der Verwandte ist schon mehrere Tage tot, doch man
konnte ihn nicht beerdigen - wir warten auf die wenigen Stunden, wo man uns
raus läßt. Auch die Hochzeit meiner Cousine wurde schon zweimal
verschoben. Beerdigung und Hochzeit haben kein Datum mehr. Alles heißt
nur noch, bis zur nächsten Aufhebung der Ausgangssperre. Wir bekommen
dadurch westliche Züge. Man fängt an, sich einen Zeitplan
vorzubereiten. Ich fange an auszurechnen, ob ich es schaffe, zur Beerdigung,
zur Hochzeit, zum Zahnarzt - und das Allerwichtigste - zum Einkaufen zu gehen,
bevor die Panzer wiederkehren. |